Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-12-31 · Heft 105 (31.12.1896) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 105 (31.12.1896)
Date
1896-12-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448704--43114-2492147
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

22 L7 Erde waren. Es ist nicht denkbar, daß es je eine Zeit gegeben habe, seit der Verbannung, in der die jüd. Kinder nicht lesen und schreiben lernten. Man verwendete die hebräischen Schriftzttge für die Landessprache. So erklärt sich, daß das jüd. Recht zum Unterschiede von römischem und deutschem Recht schon im frühen Mittelalter ein auf Schriftlichkeit beruhendes Obligationsrecht, ein ausgebildetes Recht über Schuldurkunde entwickelt. Bis zu welcher Jntensivität sich die Geisteskräfte dabei ausbildeten, ergibt sich aus der bekannten Thatsache, daß zahlreiche russische und polnische Juden, die bis ins Jünglingsalter hinein sich ausschließlich mit dem Talmud beschäftigt haben, spielend das Ziel erreichten, das wir Andern erst nach mühevollen Kämpfen und jahrelangen Studien erreicht haben, pan sv (Ungelehrter) galt als größte Beleidigung, als das schönste Lob. — Betrachten wir die ästhetisch-künstlerische Seite des Klassizismus, so nrüssen beim Vergleich alsbald die bildenden Künste ausscheiden, desto reicher ist die Ausbeute bei Gegenüberstellung der hebräischen und der klassischen Poesie. Für die Griechen war die natürlichste Dichtungsform das Epos, bei den Römern war cs nur Nachahmung. In der Bibel ist das Epos nicht stark vertreten (Lied am Schilfmeer, Lied der Deborah n. s. w.), denn sie hat einen rein historischen Boden. Von der griechischen Lyrik besitzen wir nicht mehr viel, bedeutend zahlreicher sind die uns bekannten römischen Lyriker. In Bezug auf Lvrik steht aber allen die Bibel voran. Es gibt kaum etwas zur Komposition Geeigneteres, als die Psalnlen. Redner ging auf die Bedeutung derselben, ihren Inhalt und ihre Stellung zu anderen Gedichten näher ein und trug einige Psalmen in Uebersetzung vor. Die „Klagelieder" bilden den erschütterndsten Ausdruck des Schmerzes aller Zeiten, das „Hohelied Salomos" athmet höchst sinnliche Gluth. In trefflicher, metrischer, gereimter Uebersetzung führte der Redner verschiedene Theile des Hohenliedes den Anwesenden zu Gehör. Diesen gegenüber erscheinen die Lieder Anakreons und Horaz als harmlose Spielereien. Das Buch Hiob ist das erste bekannte philosophische und theologische Drama, welches die höchste Frage der Menschheit in erschütternder großartiger Sprache aufwirft, während die Griechen und Römer für derartige Fragen nur Lehrbücher schrieben. Hiob bildet die Brücke zur didaktischen Poesie, hierin stehen die Griechen weit hinter den Römern zurück. In der Bibel finden wir nur die erste Form der Didaktik, und zwar im Buche Kohelet. Mehr ethischer Natur sind die Sprüche Salomos. Noch ist zu betrachten eine der Bibel eigentümliche Stilart: die Prophetie. Sie hat Aehnlichkeit mit der griechischen und römischen Rhetorik und ist der Ursprung und die Quelle der modernen Predigt. Zu bewundern ist der ungeheure Muth, mit dem sich die Propheten gegen die Fürsten wenden. Die Dramatik dient in der Bibel nur zur Belebung der Didaktik. In der Bibel weist Alles auf den Monotheismus hin. Um ihre Schönheit voll zu würdigen, ist die Kenntniß der hebräischen Sprache durchaus nöthig. Gerade in der heutigen Zeit des Rassenkampfes, der Verfolgung des Judenthums auch in seinen literarischen Denkmalen, ist es nothwendig, daß die heranreifende Jugend durch den Religionsunterricht befähigt werde, mit den Waffen des Wissens und der dadurch erworbenen Begeisterung für die Ideen des Judenthums den übermüthig gewordenen Feind zu bekämpfen. Möge daher die Zeit nicht allzu fern sein, wo jüdische Väter darauf bedacht sind, daß ihre Söhne außer mit griechischen und römischen Studien auch mit der hebräischen Sprache, mit der Geschichte und Literatur des jüdischen Volkes sich beschäftigen; wo der Satz, daß Wissen allein berechtigten Stolz verleiht und wahrhafte Begeisterung einflößt, sich bewahrheiten möge, im Kampf für eine große Sache, für die Jahrtausende hindurch angefochtene, Jahrtausende hindurch unterdrückte und durch Jahrtausende als Siegerin hervorgegangene Idee des Judenthums. Dem tiefdurchdachten Vortrag folgte reicher Beifall. Posen, 25. Dez. Auf eine sünfundzwanzigjährige Thätigkeit als Rabbiner in hiesiger Stadt blickt in diesen Tagen der auch als namhafter Historiker geschätzte Dr. Philipp Bloch zurück. Geboren in Oberschlesien war Dr. Bloch nach Absolvirung seiner Studien in Breslau zuerst Schuldirektor in München, bis er Ende iö71 nach Posen berufen wurde. Von seinen historischen Arbeiten, welche zumeist in der „Zeitschrift für die Geschichte der Provinz Posen" erschienen, ist besonders zu nennen: Das Jahr 1793, Urkunden und Aktenstücke zur Organisation Südpreußens". Auch über die durch Bernstein's „Mendel Gibbor" weiteren Kreisen bekannt gewordene Erzählung von dem jüdischen Polenkönige Saul Wahl hat Dr. Bloch eine interessante Abhandlung geschrieben. In die Kämpfe des Tages griff er durch eine Streitschrift gegen Professor Rohling ein. Freiburg i. B., 29. Dez. Im Jahre 1886 wurde hier ein Verein gegründet, der es sich zur Aufgabe machte, unbemittelte isr. Knaben als Handwerker ausbilden zu lassen, denselben unentgeltlich Kost zu beschaffen und dafür zu sorgen, daß diese Lehrlinge rav von der Arbeit befreit sind. Letzten Sonntag Abend feierte dieser Verein sein I>»jähriges Stiftungsfest im isr. Hotel Lamm, wozu sich ca. 4" Vereinsmitglieder eingefunden hatten. Der Ve sitzende Des Vereinsvorstands, Herr Rechtsanwalt Dr. C. Maier sprach in humoristischer Weise über die seitherige Thätigkeit des Vereins, sowie über die bis jetzt gewonnenen Resultate, mit welchen man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.