Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 51 (9.12.1915)
- Date
- 1915-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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- Kaunas 1× ep/1000678
- Plungė 1× ep/1045452
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Lorrespondenzen und Aachrichten Deutsches Reich. l&u Deuffdie Verwaltung für LitauengitfU, 26. Nov. Die „Deutsche Verwaltung für Litmien" — wie sie jetzt heißt — umfaßt zurzeit 14 Kreis? des früheren Go uv ernements Kown. o, die. soweit die Städte in Betracht kommen, zum größten Teile von Juden bevölkert sind: Crottingen, Vezaicre, Plungiany, Siady, Teltzte, Szvieksna, Szylele, Retovo, Borny, Kelmy, Kopiany, Szawkiany, Tauroggen und Rossienie. In kurzer Zeit soll die deutsche Verwaltung aus den größten Teil des früheren Gouvernements Kowno ausgedehnt werden. Chef ist jetzt an Stelle des nach Kurland versetzten Landtagsabgeordneten Landrats a. D. von Goßler, Franz Joseph Fürst von Jsenburg-Birstetn. Amtssitz ist bis auf weiteres Tilsit. Die wichtigsten örtlichen Behörden sind die Kreisamtsmänner. Sie stehen in persönlicher Fühlung mit der ihrer Aussicht unterstellten Bevölkerung, für die Sprechstunden angefetzt sind, die recht stark in Anspruch genommen werden. Den Amtmännern stehen zur Seite die Gendarme, die außer dem gewöhnlichen Gendarmeriedtenst auch Gemeindevorsteherdienste verrichten und zwar da, wo der alte Gemeindevorsteher geflüchtet ist oder aus anderen Gründen nicht in Tätigkeit tritt. Die Verbreitung der Verordnungen und Bekanntmachungen der Behörden erfolgt größtenteils durch Plakate in deutscher und litauischer Sprache. Außerdem gibt die deutsche Verwaltung für Litauen seit kurzem ein Verordnungsblatt in deutscher und litauischer Sprache heraus. Von allgemeinerem Interesse dürften die Verordnungen sein, daß an Stelle des russischen Kalenders und der russischen Zeit jetzt der gregorianische Kalender und die mitteleuropäische Zeit eingeführt sind - ferner, daß ein Branntweinmonopol eingeführt ist, daß die Uebertragung von Eigentum und ähnlichen Rechten an Grundstücken nur mit Zustimmung des Chefs der deutschen Verwaltung zulässig ist. Sonstige Verordnungen befassen sich mit dem Vereins- und Berfammlungs- Her ftgyttcTO. recht, mit der Bekämpfung ansteckender Krank« heiten, mit der Gerichtsverfassung und sonstigen Rechtsinsiitutionen, mit der Ordnung des Grenzverkehrs, mit der Verlängerung der Wechsel- und Scheckrechtsfristen usw.' . Das Gouvernement Suwalki ist der Deutschen Verwaltung für Litauen nicht angegliedert, obwohl es größtenteils von Litauern — in den nördlichen Kreisen sogar fast ausschließlich — bewohnt ist. Als Teil Kongreßpolens hat es eine eigene Verwaltung bekommen, die „Zivilverwaltung Suwalki." An der Spitze dieser Verwaltung steht Oberpräsidtalrat Rüdiger von Haugwitz. Amtssitz ist Suwalkt. Die übrige Verwaltung ist analog der im eigentlichen Litauen gegliedert. Auch dte Zivilverwaltung Suwalki gibt ein Verordnungsblatt heraus, und zwar in drei Sprachen: deutsch, litauisch, polnisch. Da die Juden in Litauen der deutschen Sprache mehr oder weniger mächtig sind, erübrigt sich eine Abfassung der Verordnungen in jüdischer Sprache. Aus den okkupierten Gebieten. Warschau, 4. Dezember. Der Kreischef für Sochatschew hat die Genehmigung zur Neubildung einer jüdischen Gemeinde an diesem bekanntlich ganz zerstörten Orte erteilt, die den Wiederaufbau der Stadt in die Wege leiten und zu diesem Zwecke durch private Sammlung Geldmittel aufbringen soll. Warschau, 3. Dezember. Die „Deutsche Warschauer Zeitung" äußert sich in einem Artikel über die Sprachenfrage in den Volksschulen in Polen u. a. wie folgt: „Wenn für die Juden als Unterrichtssprache die deutsche Sprache eingeführt wurde, so liegt das wohl in der großen sprachlichen Verwandtschaft des Jiddischen mit dem Deutschen. Es erscheint wie das Plattdeutsch, das schwäbische und altbayerische Joiom als ein Dialekt, eine Umgangssprache im Vergleich zum Hochdeutsch, das aber für alle als allgemeines Verständigungsmtttel, als Weltsprache unbedingt notwendig ist. Und wie die deutschen Dialekte neben dem Hochdeutsch auch in der Literatur die schönsten Blüten treiben, ja sogar befruchtend, neubildend auf das Hochdeutsch wirken, wir erinnern an Reuter, Hebel, Kobell, Holtet u. a. m., so wird auch das Jiddische neben dem Hochdentschen seine berechtigte Entwickelung finden." du den Neuwahlen der warschauer jüdischen Oemeindeuermahung. Warschau, 2. Dezember. Zu den von uns bereits besprochenen Neu- ' '__v, Dezeucher 1915 wählen der Warschauer jüdischen Gemeindeverwaltung finden wir im Warschauer „Moment" vonl 19. November folgende Mitteilungen: In den letzten Tagen hielten die leitenden Persönlichkeiten der Warschauer orthodoxen Kreise zwei Beratungen ab, in denen sie zu den bevorstehenden Neuwahlen Stellung nahmem. In der ersten Sitzung wurde die Tatsache festgestellt, daß dte Gemeindeverwaltung tatsächlich beschlossen hat, Neuwahlen vorzunehmen, und daß bereits dte nötigen Vorbereitungen getroffen werden. Einer der Teilnehmer an der Beratung machte aus zuverlässiger Quelle die Mitteilung, daß die Ansicht, daß die Abschaffung des Wahlzensus von 15 Rubeln gegenwärtig undurchführbar wäre, durchaus irrig sei, im Gegenteil, die maßgebenden Kreise, die hier zuständig, betrachten diesen Zensus nicht als Gesetz, sondern als willkürliche Verordnung, die von vornherein dazu bestimmt war, den breiten Volksmassen das Wahlrecht zu nehmen. Es be« steht deshalb gar kein Zweifel, daß die Bestimmung bezüglich des Zensus in den kommenden Wahlen nicht zur Anwendung gelangen wird, vorausgesetzt natürlich, daß eine richtige Verwendung in dieser Richtung erfolge. Dazu ist es durchaus notwendig, daß sich die breiten Volksmaffen deutlich und energisch gegen den bestehenden Wahlzensus erklären sollen und nicht erst auf derartige „Verwendungen" verschiedener Instanzen warten, weil dte jüdische Bevölkerung nun einmal bis heute keine legitime Repräsentanz besitze. Es wurde hierauf ein Wahlkomitee geschaffen, das mit den Vorberettungsarbeiten zu den bevorstehenden Wahlen beauftragt wurde und dem in dieser Richtung wichtige Direktiven erteilt wurden, um die bet den vorigen Wahlen begangenen Fehler zu vermeiden und die Arbeit mit Erfolg durchzuführen. In der zweiten Sitzung wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Ungeachtet der großen Schäden, die infolge der gegenwärtig bestehenden Unordnung in der Gemeindeverwaltung für die gesamte jüdische Bevölkerung Warschaus entstehen, — erachtet es dte Beratung nicht als erwünscht, im gegenwärtigen Moment die Eintracht und das Zusammenwirken zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb der jüdischen Bevölkerung durch die Veranstaltung von Neuwahlen, die eine Verschärfung der Gegensätze und einen gesteigerten Parteikampf herbeiführen müssen, zu gefährden. Man müsse deshalb mit aller Kraft dahin wirken, daß dte Wahlen für eine ruhigere Zeit aufgeschoben würden. 2. Man dürfe nicht eher an die Wahlarbeit he- Es hieße, diesem Ausbruch blinden Hasses geg-m die religiös gesinnten Juden zu viel Ehre antnn, wkllte man einen Kommentar dazu schreiben. S ch äntc n muß man sich nur, daß derartige unwürdige Auseinandersetzungen, deren Wahrheit auf gleicher Höbe mtt ihrer sprachlichen Richtigkeit steht — besonders schön macht sich die unter den Trümmern triumphierende Orthodoxie — zur Kenntnis der Behörden und der nichtjüdischen Oessentlichkeit gelangen — und dies im Zeitalter des Burgfriedens. Sine neue Zeitschrift. Aus New Aork werden uns die ersten Nummern einer englischen Wochenschrift „Jeschurun" übersandt, die dem Interesse des orthodoxen Judentums dienen will, und dieser Ausgabe, soweit die vorliegenden Hefte ein Urteil gestatten, auch mit Erfolg gerecht zu werden bestrebt ist.. Neben Ucberfetznngen von Aussätzen S. R. Hirschs und Lehmanns und einmr Nachrtchtenteil, der allerdings etwas reichhaltiger sein dürfte, bringt die Zeitschrift Originalartikel des Herausgebers, sowie eine ständige Rubrik „Dinim", die offenbar dazu bestimmt ist, der jungen Generation in elementarer Werse einiges über die wichtigsten relif ionsgesetzlichen Vorschriften bcizubringen. Eine kleine hebrätsche Abteilung ist jedem Hefte angefüar. Wir wünschen dem Blatte von Herzen guten Erfolg. (Alexander der Große nnd seine Flug- Maschine.) Vom Fluge des Menschen hoch in die Lüste träumten schon die Alten der Geschichte. Es be- -'s 7 iririiri■ schlich sie eine Ahnung von der Möglichkeit des menschlichen Fluges,- dem Ikarus wäre es ja gelungen, das Problem zu lösen, wenn er nichl so dumm gewesen wäre, als Material für seine Flügel das schmelzbare Wachs zu nehmen. Dem menschlichen Geiste müsse es gelingen, die Kraft zu entdecken, die ihn von der niedern Erde hinweg hoch in die Lüfte trage. Und es ist gelungen, so erzählt uns gutgläubig eine alte Quelle. Aus dem 11. Jahrhundert stammt eine Wahrheit nnd Dichtung wischende Geschichtsdarstellung, das aus älteren Quellen schöpfende samaritanische Buch Josua (Karme Schomron, ed. Kirchheim, Frankfurt a. M. 1851), das über diesen jüdischen Kricgsheldcn und noch vieles andere berichtet. In diesem lesen wir eine Darstellung des Fluges Alexanders des Großen und der Flugmaschine, deren er sich bediente. Dieser mythenumsponnene Fürst, dieser Weltherrscher, der den Orient und den Occident sich unterworfen, er hat auch hoch über dem niedern Treiben der Erde das Weltall zu seinen Füßen gesehen, denn ihm durfte das Letzte, was ihm noch am Uebermenschlichen fehlte, nicht versagt sein. Nach seinem Siegeszuge durch Indien, Persien und andere Länder, so erzählt die Chronik, wollte er noch die übrigen Länder der Welt besuchen und er kam dann in das Land der „Berge der Finsternis" .... Nachdem er dort gewesen, sagte er zu seinen Freunden und Weisen: „Wann könnte ich auf leichte Weise die Oberfläche der ganzen Erde sehen?" Daraus erwiderte man ihm: „Latz die geschickten Zimmerleute kommen, die einen auf Rädern stehenden Kasten anfcrtigen, den man durch eine mechanische Vorrichtung hinauf und herablassen kann. Dann nimm aus deinen Adlergehegen vier Adler, die du an die vier Ecken des Kastens anbindest. Ueber dem Kasten läßt du so hoch, daß die Adler nicht daran reichen können, ein Stück Fleisch befestigen, die dann in ihrer Begier nach der Lockspeise hinauffliegen wollen und so den Kasten mit in dte Höhe nehmen und zwar zur höchsten Höhe im freien Weltenraume, von wo aus du die Oberfläche beAganzen Erde schauen kannst. Willst du dann wieder Minute», so läßt du durch den Mechanismus die Rßber «och unten sich wenden, so daß auch das Fleisch nach «Hken hin, den Adlern nicht erreichbar, gerät, die aver Vach ihm strebend den Kasten zur Erde zurückgleiten kaffen." So tat nun Alexander, er stieg hoch hinan in den Himmelsraum und überblickte die ganze Erde. Dann ließ er sich von den Adlern wieder hinunterführen und an der Stelle, wo er landete, gründete er die Stadt Alexandrien. — So die Legende, an der uns besonders die phantasievoll erdachte Konstruktion des angeblichen Jlugwerkes interessiert. Man könnte ja über die Naivität, die sich hier kundgibt, lächeln, und doch liegt ein gutes Stück kühner menschlicher Geistesarbeit und Denkerkraft in dieser Vorstellung, es offenbart sich hier ein heißes Bemühen ein Problem zu lösen, das, wenn es gelöst, einen gewaltigen Sieg menschlichen Geistes manifestieren würde. Eine jüdische Quelle erzählt auch vom Fluge Alexanders, aber nur ganz kurz, ohne von einem Flugmittel zu sprechen, setzt aber Worte hinzu, die ein Licht auf die Entstehungszeit dieser Legende werfen könnten. Alexander habe da die Wett wie einerr Ball unter sich liegen gesehen und das Meer wie eine Schüffel, darum stelle man ihn auch eine Kugei in der Hand haltend dar. Dies weift atü die römische Kaiserzeit hin, die die Kaiser mit einer Kugel in der Hand, die Weltherrschaft andeutend, darstellte. Profeffor Dr. A. Sulzbach.