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Der Israelit · 1915-12-09 · Heft 51 (9.12.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 51 (9.12.1915)
Date
1915-12-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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9. Dezember 1915__ siebziger Jahren ereilte beinahe die Gemeinde Regensburg, die bis dahin verschont blieb, das gleiche Geschick. Der Anbruch des 16. Jahrhunderts schuf gar keinen Wandel in diesem für die Juden so grausigen Einerlei. Noch im Jahre 1510 erfolgte in Berlin die Verbrennung von 36 Juden, die in der damals üblichen Weise angeklagt waren, die Hostie geschändet und christliche Kinder ermordet zu haben. (Kohut, S. 485.) (Schluß folgt). Aeue Sucher. Ein eigenartiges Buch, das, in Sprache uuö %im anscheinend in die Breite gefyenb, bodj in tic letzten Tiefen menschlichen Denkens und Fühleus hmabführen will, ist „Guillivers nette Reis e"J). Guillivers heiße Sehnsucht, Hindernisse zu überwinden, wird durch eine Aeraplau reife, nach dem Lande Risolia gestillt. Dort lernt er Land und Leute kennen und — neue Begriffe von Moral, Religion, Heiligkeit, Wissenschaft usw. Sehr interessant ist es, wie mau in Risolia über die sogenannte Kulturwelt denkt, die noch d-en Alkohol als Genußmittel und den Krieg als Begeiftcrungsmittel kennt. Das Buch ist voll süßer Zukunftsträume, die aber, bei Lichte besehen, für uns gar keine Träume sind, dieweil ft? letzten Endes die festgefügte jüdische Hoffnung auf die goldene Sonne von morgen ausmachen. Mehr aus der grauen Gegenwart spricht Binjamin Sege?). Er legt dar, was die Inden der ganzen Welt, nicht nur Rußlands, von einem Sieg der Entente zu erwarten hätten. Das ist wichtig angesichts der unermüdlichen Agitation Englands, die Juden der neutralen Welt für ihre Sache zu gewinnen, eine Agitation, in deren Dienst sich unlängst sogar als Bevollmäch^ tigte des Zentralkonsistoriums der französischen Inden die Alliance Jsraelite Universelle gestellt hat. Die Tatsache) daß das Buch in so kurzer Zeit bereits die vierte Auslage Erlebt hat, beweist, daß es die verdiente weite Verbreitung unter allen Jreunden der deutschen Sache gefunden hat. Der Freunde einer beschaulichen, zu Gemüt sprechenden Lektüre gibt es in diesen ernsten Tagen leidvollen Erwartens mehr denn früher. Sie werden alle Mit Freuden die neueste Gabe eines Poeten begrüßen, der sich früher schon mit seinen in knnstschöne /Aphorismen gekleideten schlichten Wahrheiten und Weisheiten aller Herzen erobert 0 „Guillivers neue Reife", von Dr. M. A»cb e r, Concordia, Deutsche Verlagsanstalt Berlin S.W., Preis 1,50 Mark. L<) „Der Weltkrieg und das Schicksal der Juten", von Binjamin Segel. Verlag von Georg Stilke, Berlin. Vergessen wir über dem Wunder der Hilfe und Befreiung, nicht dem Weltenschvpser auch für die rncr^c, die Kämpfe zu danken ... Und das war es, was das Chanukkahgeschehen so wesentlich vom Purimerehnis schied. Haman ging darauf aus, anm bs nt ipsb);nn^ vdbvi^, Amiochus dagegen -pim pro -mn crro^n1?. Jener wollte die Juden vertilgen, dieser, sie vom lebt ndtgen Quell der Gotteslehre abbringen und ihnen damit das Lebenslicht ausblasen. Dort war dieIudenheit, hier das Judentum in Gefahr, noip nro tppa LN12, Die „Höhe des Baumes" wollte Haman fällen. Was macht's? Der alte Stamm treibt neue Aeste, die bald in frischem Griin und neuem Vlütenschmucke prangen, und neue Früchte reisen am Lebensbaume Israels heran, so er in seinen tiefen Wurzeln unberührt blieb. Antiochus legte aber die Axt an die Wurzel an, es ging aufs Ganze. Da zeigte sich aber, daß daS Thoralicht des GottoslichteS ein Teil ist. das nicht ausgelöscht werden kann. Einen Dreibund bilden xnniNi bx-iB” rrspn, Gott, Israel und Thora. Deren zwei waren bedroht, und da sollte der dritte, mächtigste Verbündete nicht in unverbrüchlicher Bundestreue mit in den Kampf eingreifen? „Und du mit deinem großen Erbarmen standest ihnen bei zur Zeit ihrer Not! . ." Und so treten wir Chanukka 1M5 an das Licht heran. Und viele Lichter flammen dieses Jahr in den jüdischen Häusern nicht auf, dieweil die männlichen Glieder weit weg von der lichten, warmen Heimstätte in Not und Gefahr die Makkabäergefchrchte an sich selbst erleben. Und auf manchem Familientifch blinkt gar an der Stelle des Chanukkalichtteins des Sohnes h «umj-ii , | | . . .. Der JSraelit. hot. Der lvarme Toll und die vornehin künstlerische Form, die Lchmanns „lebenbigcn 23 a mit"3) auszeichnen, stellen ihn würdig an die Seite seiner bekairnlen Vorgängers: „A k a b j a" und „Akabjas Ruf". So manchen beachtenswerten Wink gibt das Buch fast unmerklich Ellern und Erziehern, und manch schönes Wort wi.d da. ins Stammbuch des Jünglings gesetzt. Hier nur einiges aus dem Kapitel „Werden u u b W a ch s e n": „Jetzt aber hast du losgetasscu die gütigen uns segnenden Hände deiner Eltern, jetzt stehst du ans deinen Füßen, allein, für dich. Jetzt fei selber dein Richter an jedem Tage: denn du verantwortest all dein Tun und trägst die Folgen deiner Taten auf eigenen Schultern. Jetzt rufe dich an jeglichem Tage vor die Schranken deines Gewissens und prüfe dich und deine Gedanken und deine Taten und halte dir den Weg rein Ultd heilig, der in deine Zukunft führt. Um deiner selbst willen, mein Sohn, und um deines Paters willen, der dich gezeugt, um deiner Mutter willen, die dich geboren hat. Denke an deine Vergangenheit, an das Heiligtum deines Vaterhauses, daß du es nicht entweihest bis in dein Greisenalter. Ehre deinen Vater und ehre deine Mutter, wenn sie auch längst schon zur Ruhe gegangen, ehre sie, solange du lebst, ehre sie nocb in deinen Kindern. Und denke an deine Zukunft. Wehe, wenn deine Söhne sich einst, falsche Freiheiten wühlen, wenn sie sagen dürfen: Unser Vater hat auch solche Wege gesucht in feinen früheren Jahren. Du sollst dich wahrlich nicht verkriechen, sollst den Freuden des Lebens nicht aus dem Wege stehen. Aber du sollst dir selber ein Freund sein und kern Fciud, sollst mit Bewußtsein so lange suchen und streben und prüfen, bis du erkennen lernst, wahre und falsche Freunde, wirkliche Freiheit und trugvolle, Schlacke und Edelmetall. Dann wirst du empfinden, wie jeder Arbeitstag und jeder Feiertag dich emporhebt, dann wirst du fühlen, daß dein Leben seinen Wert trägt und seinen Segen. Sei auf der Hut vor deinen Mußestunden und vertraue dich nicht blindlings ihnen an, sie verderben dir leicht, was du dir gestern erarbeitet hast uuo stören dir deine morgige Tat. Laß dich beraten, mein Sohn, und jiilfc deine Mußestunden nidft mit falscher Liebe, sie näh.t sich vor: sprossender Kraft und zehrt an ihr und beträgt sie um ihr Erblühen und um ihre Frucht. Die wahre Liebe ist ein Heiligtum^ Reinig! bin; und deine Gedanken und ziehe die Schuhe vor. deinen Füßen, ehe du dieses Heiligtum betrittst, un) .vl-w, daß die Liebe ewig ist, daß sie nicht heute geboren werden und morgen sterben kann." Zwei kürzlich, verstorbene jüdische Dichter bringt der rührige Wiener Verlag R. Löwit, mit "zwei Neuerscheinungen zu wohlverdienten Ehren. In der ersterenH lernen wir I. L. 3) „Der lebendige Baum", von Paul L e h - m a n n. Verlag Otto Hendel, Halle. Preis geb. 3 Mark. 4) „Die Nacht auf dem alten Markte". Ein Spiel in vier Akten, von I. L. Pcrez. Nach dem Jüdischen von Hugo Zuckermann. ein anderes Oelflämmchen, das Seelenlicht. . . Und stumm ruht der fragende Blick auf dem Wunderlichte der Geschichie: „Wo, wie, wann wird uns Hilfe werden?" Die Lichtlein sprechen: „Wie und wann, wir wissen es nicht. Aber fest und sicher bleibe auch das Bewußtsein, daß „der den Vätern Wunder in jenen Tagen getan, sie auch in dieser Zeit vollführen wird." ,>p inm?", so lautet die bange Schicksalsfrage an das Lichtlein. Undnachall dem? Wird der Siegespreis all der Ströme von Blut und Tränen wert sein? Wird nach dem Sturm, der durch die Welt gefegt, die Luft reiner, das Dasein besser, das Leben sich schöner und lebcnswerter gestalten. Wird unter der milderen Sonne von morgen auch der jüdischen Gemeinschaft in Ost und West das ihr so lange vorenthaltene Recht erblühen und aus der so reich gestreuten Tränensaat die goldene Frucht höheren Menschentums uns und allen erwachsen? Ja, saget es ihr Lichllein, p was nachher, nachdem alle Opfer gebracht und der Kämpfe letzter ausgekämpst und der Siege höchster errungen, was dann?" „Wir wissen es nicht. Aber es entzünde unser Licht in eurer Brust das Licht der Hoffnung, daß ■pra i'2-xb *S3 p “ins: sich dann brüderlich sammeln werden die Kinder einer in allen Feuern geläuterten Menschheit in den Lichthallen Gottes, -p^2'n fl# *J*6* und gründlich ausräumen werden mit allem, was faul und schal und kleüt und gemein in unserem Leben ist und jenseits von recht und gut und wahr und schön liegt, np*»pB nt itpei und reinigen werden dgs durch Menschenverirrung entweihte Heiligtum, nru lp'^nni, sodaß über die schwarzen Ruinen und rauchenden Trümmer neues Licht erstrahlt und neues Leben erblüht, p •nnm dann, dann wird alles Weh der Tage tn eine erhebende Hymne ausklingen, in einem Lobesang de» aus tiefem No. 51 Seite S 4 P e r e z als Dramatiker, und Hugo Zu ck e r-! in o u it, der unlängst als österreichischer Offizier! gesellen ist, als nachbildenden Uebersctzer kennen. j Die zweite ist eine S ci m in lung von G e d i ch- I tsu Hugo Zuckermanns^). Beide Bücher i werden es nicht verfehlen, in ihrer hüb- : scheu Ausstattung Aussehen aus dem ' jüdij scheu Büchermärkte zu erregen. Mit ihnen will! der Verlag, ivie er mitteilt, eine Reihe von Pub- | likationen eröffnen, die, in einer jüdischen Lieb-; lwber-Bibliothek vereinigt, die wertvollsten Er-- j zcngnisse der neueren jüdischen Literatur als j bibliophile Auswahldrncke einem engeren Kreise; von Bücherfreunden vermitteln sollen. Jeder z dieser Bände wird in einer numerierten Ausgabe i v)w nur 300 Exemplaren erscheinen und nur \ gegen vorherige Subskription (20 . H> per Exem- \ plar) abgegeben werden. j Ob zn diesem Zwecke gerade dieses mystische j Brichbrama Perez's glücklich gewählt ist, mag j dahingestellt bleiben. Zuckermanns Lieder ' jind, besonders in den letzteren Nummern, von j wuchtiger Schönheit und verdienen auch eine wer- \ tere Verbreitung in einer volkstümlichen . j Ausgabe. Sie sind nur zur Hälfte jüdischen, beziehungsweise biblischen Inhalts; der zweite Teil besingt die Liebe, die Natur und Kren ■ Krieg, den Zuckermann wie ein Held und Poet j äußerlich und innerlich erlebte. Sein letztes < Lied galt'am Chanuckah 1914 den Makkabäern: . „Heute darf ich den Genosse» j Makkabäerlieder sagen. Weit ich selbst ein Schwert getragen Und mein rotes Blut vergossen." < Und den Genossen im Kamps für die Befrei- \ ung der galizischen H'eimat gilt zuletzt die Mahj mmg: ‘ | „Euer Leben, daß nicht sterbe! Vätrrart nnd Vätererbe,? Macht den Tempel wieder rein, Laßt uns Makkabäer fein." - i (Fortsetzung folgt.) ] Vermißte jüdische Familien. XXXVIII. Es sucht: Es werden gesucht: Kriegsgefangener Brie Seine Frau Jrte Nause, Tänzer a. Czenstochau, geb. Schuftak und drei z. Z». Arbeiter auf dem Kinder. Gute Eloszallas (Ung.) Mitteilungen können auch an folgende Adresie gerichtet werden: Herczl Mor, Dunaföldvar (Ungarn.) Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. I „Hugo Zuckermanns Gedichte". Verlag R- Löwit, Wien. Leid und tiefer Erniedrigung sich erhebenden Menschen -ck*5? nmn1?. Ganz der Alte! In der grünen Zeitung „für alles jüdische In-; terejse" lertartikelt Herr Professor Dr. Marlin : Philippfon über die Zukunft der Ostjuden. Ter Historiker Philippfon will zunächst feftstellen, in welcher Weise die Parteien im deutschen Judentum ■ die Ostjudensrage beurteilen und schwingt frch dabei > zu folgender mustergültiger Würdigung des Stand- ) Punktes der Orthodoxie aus: „Die Orthodoxie nimmt keinerlei Rücksicht aus die geistigen und materiellen Interessen der drc: Millionen, um die es sich hier handelt. Sre will. ' daß das polnische Judentum bleibe, wie es ist. mit Wahrung der Ehederim, des Jargons, des ganzen Aberglaubens und Schmutzes. Sie will gar keine , .Gleichstellung der Juden, wie sie es ja auch in Dkutfchland lange Zeit nicht gewollt hat. uxn um - .die Absonderung der Juden von den Andersgläubigen j zu bewahren. In der „Jüdischen Presse" sagt Herr }<g. Gerson: „Seien wir voll Ehrfurcht und Zurück- \ «Haltung, wo eine andere Wesensart nach seinen (sic!)? sscettfchen Gesetzen zu wirken sucht." Diese „Wesens-; (avt" ist natürlich die polnische. Man wünscht also .'aus dieser Seite völlige Trenrmng von den Wirts- . :> -Völkern, gänzlichen Ausschluß von ihrem WJen und ihren Bestrebungen. Ob darüber die polnischen Js- 'racliten immer tiefer in den Abgrund sinken, ob -j sie ihrem Untergang entgegengehen, ist ganz gleichgültig. Mögen sie zu Grunde gerichtet werden, 1 wenn nur die mittelalterlichen Grundsätze einer exl tremen Orthodoxie unter den Trümmem trimfetttt."

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