Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 26 (17.6.1915)
- Date
- 1915-06-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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feeite * Ro. SS ln Prjemufl. Der JSraeltt. Wie«, 14. Junt. ' Wie es sich jetzt herausstellt, hat die jüdische Bevölkerung in Przemysl unter der Russenherrschaft nicht in dem Maße aelitten, wie in anderen Teilen Galiziens. Kurz vor Wiedereroberung Ier Stadt durch die Oesterreicher wur den freilich mehrere Juden ausgewiesen, von denen die meisten nach Lemberg oder nach der Umgegend von Jaroslau abtransportiert wurden. Rühmlichst hervorgehoben zu werden, verdient das Verhalten des Oberrabbiners G e d a l j a Schmelkes, der allen Gefahren trotzend und alle Rücksichten auf seine Person außeracht lassend, die Schicksalswende der Stadt miterlebte und bis zuletzt als wahrer Vater und Berater seiner Gemeinde ausharrte. Mehr als einmal wurde er unter Gefährdung seiner eigenen Person beim russischen Kommandanten im Interesse der Juden vorstellig, und nicht zuletzt seinen Bemühungen ist es zu verdanken, daß die Juden Przemysls noch verhältnißmäßig glimpflich davon kamen. Auch auf charitativem Gebiete sorgte er vortrefflich durch Einrichtung von Lethanstalten, Volksküchen und Teehäusern. Als die Russen den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten, mußte der pflichttreue Rabbi das Schicksal vieler seiner Brüder teilen und mit ihnen nach Lemberg wandern, wo er jetzt, im großen Ansehen bei den russischen Behörden stehend, wiederum für seine Glaubensgenossen tätig ist. Kundgebung der DJiener ifraelififchen Kultusgemeinde. Wie«, 10. Juni. Anläßlich der Wtedereroberung Przemysls hat der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemetnde an den Armeeoberkommandanten Feldmarschall Erzherzog Friedrich nachstehendes Telegramm gerichtet: „An Seine k. u. k. Hoheit den durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Friedrich, Oberkommandant und Feldmarschall, Hauptquartier. Unter dem überwältigenden Eindruck der herrlichen,. an die bisherigen, großen Erfolge sich würdig anreihenden. Waffentat, durch welche die siegreichen verbündeten Truppen wieder in den Besitz der Stadt und Festung Przemysl gelangten, erlaubt iich der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Euer k. u. k. Hoheit zu bitten,. die ergebensten Glückwünsche gnädigst entgegennehmen zu wollen. Die Judensckmft Oesterreichs ist stolz darauf, daß ihre Söhne, erfüllt von glühender Liebe für Kaiser und Vaterland, durchdrungen von der Gerechtigkeit unsrer Sache, mit Hinebung und Todesverachtung unter Euer k. u. k. Ho- Ctt Oberbefehl in der Reihe ihrer Mitbürger für die Verteidigung des Vaterlandes kämpfen. Gottes Schutz geleite auch fernerhin unser glorreiches Heer zum entgültigen Sieg. Der Vorstand der Wiener israelitischen -Kultusgemeinde: Dr. Alfred Stern, Präsident." Aus die Depesche ist an den Vorstand der israelitische« Kultusgemeinde eine sehr warme Antwort etngelangt. Es heißt darin u. a.: „Im selbstlosen, treuen Zusammenarbeiten aller, im unerschütterlichen Gottvertrauen und in der heißesten Liebe zu Kaiser unw Reich liegt unsrer Waffen Stärke, die uns den endgültigen Steg und den segenbringenden Frieden erkämpfen werden." Ungarn. Aus den 6emeinden. MrSkolez. Die Miskolczer Ehewra-Kadischa entfaltet seit Beginn des Weltkrieges eine großzügige Wohltätigkeit. Auf Anregung ihres Präsidenten, Bankdirektor Adolt. N e u m a n n ... errichtete sie ein Kriegsspital mit 20 Betten, welches allmählich auf 35 Betten vergrößert wurde und unter der Leitung der Gattin dZs Präsidenten steht. Das Spital nimmt zufolge seiner modernen Einrichtung und der ausgezeichneten Pflege und Versorgung der Kranken zwischen den Kriegsspitälern der Stadt einen der ersten Plätze ein. Der Verein getvährt sowohl den durch Einberufung ihrer Ernährer betroffenen hiesigen wie auch hrergebliebenen auswärtigen Familien ausgiÄige Unterstützung. Drei minderjährige geflüchtete Kinder, die während der Flucht ihre Eltern verloren, finden durch den Verein elterliche Fürsorge und Erziehung. Besonders hervorzuheben ist, daß Herr Präsident Neumann seinen Einfluß bei den Behörden stets zugunsten der Flüchtlinge einzusetzen verstand. Der Verein versah ferner die rituelle Verköstigung sämtlicher jüdischer Soldaten in den Beobachtungs- Baracken und in allen Militärspitälern während der Pefsach-Feiertage mit 2900 Kr. Spesen. Den in Miskolc) verstorbenen jüdischen Verwundeten wurde auf dem jüdischen Friedhofe eine besondere Ehren-Abteilurra bestimmt, auf der bis jetzt 18 verstorbene Soldaten beerdigt wurden. Während der Trauerwache läßt die Ehewra in der Synagoge das Neschomv- Licht brennen. Ans die erste Kriegsanleihe wurden vom Vereine 100.000 K r o neu, auf die zweite 50,000 Kronen gezeichnet. Z. B. A. Budapest. Ber der letzten Session des ungarischen Parlaments versuchte der früher der antisemitischer» Volksparter arrgehdrige Stephan R a k o w s k y durch eine Hetzr-de Stimmung gegen die Juden des Landes zu machen und sie in ihrem Patriotismus zu verdächtigen. Demgegenüber spricht die Statistik beredt für den beispiellosen Opsermut unserer Brüder. Ein Ausweis der im Banksäch beschäftigten Beamten, die fast durchwegs Juden sind, zeugt von dem unverhältnismäßigen Prozentsatz, den wir an Blut fürs Vaterland opfern. Von 3700 Beamten der zwölf ersten Budapester Banken sind 2050, also 56 Prozent kriegsdienstpslichtig. Davon sind 80 Prozent tatsächlich an der Front; gefallen sind 4 Prozent, verwundet und krank 18 Prozent; gefangen 4 V? Prozent. Ausgezeichnet wurden 3 Prozent. 430 sind als unentbehrlich intermistisch befreit. also kaum 20 Prozent. Z. B. A. Gr. Tapolesany. Joses Fürst ist nicht mehr. Vor wenigen Wochen zog er hinaus in den heiligen Kampf fürs Vaterland mit den begeisterten Worten: r&öS?3 ncn^ö, siegesfroh und zuversichtlichen Herzens, um in der ersten rwi2L>-Nacht auf dem Felde der Ehre den Tod eines Helden zu sterben. Bei einem Sturmangriff bei Stry erhielt er eine Halswunde, der er bald im Lazarett in Ungvar erlag. Am 27. Mai wurde er von der dortigen Chemra Kadischa mit großer Ehre zur map gebracht. Er war der würdige Sohn des allbekannten Neb Chain, Fürst. Schwer ist der Verlust des so früh Entrissenen, der im Alter von 30 Jahren feine irdische Laufbahn, wo er so segensreich wirkte, verlassen mutzte. Er war ein hervorragendes Gemeindemitglied der Schiffschulgemeinde in Wien, von frommer Gesinnung und ti.fer Thorakenntnis. Möge ''v>n seiner tiefgebeugten Gattin samt seinen Kindern Trost spenden. rrssüri. Krhrneden. Die Sabbatfrage in der fchroedifchen Schule- Malmö, 13. Juni. Noch kurz vor Schluß des Schuljahres kam eine religiöse Rechtsfrage, die eine Zeitlang die Gemüter in Spannung hielt und auch die politische Presse beschäftigte, zur endgültigen günstigen Entscheidung. Herr Rabbiner Dr. Wohlstetn weigerte sich beharrlich, unter Anrufung aller Instanzen, seinen Sohn, der vor dem Abtturienlen-Examen stand, die wissenschaftliche Reife mit einem roiP Slbri sich erkaufen zu lassen. Da die Examina hier eine volle Woche dauern, glaubten die Schulbehörden, dem Wunsche des Rabbiners, umsomehr als ein derartiger Wunsch seitens jüdischer Abiturienten noch nie vorkam, nicht stattgeben zu können. Als alle Mittel versagten, wandte sich Herc Dr. Wohlstein unter Hinweis auf den ihm und seinem Sohne zugemuteten Gewissenszwang an den König. Dieser Weg führte zum Ziele. Auf allerhöchste Verordnung wurde dem Abiturienten gestattet, die auf Sabbat fallenden schriftlichen Arbeiten an den kommenden Tagen nachzuholen.. Dadurch wurde ein Präzedenzfall geschaffen, der gesetzestrcuen Familien auch in Zukunft zugute kommen kann. Rußland. Die Tragödie in Rußland Zürich, 10. Juni. „L'Echo be Ruffte" teilt ausführlich und mit großen Buchstaben die Neuigkeit mit, daß der Gendarmerteoberst Miassojedorf, der Dolmetscher des Generalstabes der 10. Armee, als derjenige überführt worden ist, der rrähend des Krieges mit seinen Helfeshelfern die Spionage betrieben und dem Feinde alle Geheimnisse des Heeres hinterbracht hat. Er und die Mitschuldigen sind gehenkt worden. D,r Oberbefehlshaberdes Heeres gibt feine Freude darüber kund, daß der Schuldige entdeckt worden ist, und teilt mit, daß er es ist, der die Gerüchte von dem Verrat und i)cr Spionage der Bevölkerung verbreitete und )ie jüdische Bevölkerung in Polen des Spionage- Üenstes im deutschen Solde anklagte. Das Blatt schreibt: „Durch den Verrat aufgeregt, den 1?. Jrmi 1V15 sie überall um sich schleichen fühlten und dessen Urheber sie nicht entdecken konnten, haben die russischen Generäle bisweilen bedauernswerte Maßregeln' angewandt: sie ließen in einigen Stunden Städte und Dörfer von jüdischen Familien zu Tausendenden räumen. Keinem wurde es gestattet zu bleiben, weder angesehenen Männern, noch Frauen int Kindbett, noch hundertjährigen Greisen. In einigen Tagen wurden in der Gegend von Warschau ungefähr 30,000 Israeliten evakutrt. . . . Der Verrat durch Mtassojedoff und seine Mitschuldigen enthält olso eine Ehrenrettung für die jüdische Bevölkerung von Polen." - Werden nach dieser Ehrenrettung die Ausgetriebenen aus Kowno und Kurland wieder in Ehren heimgeführt werden? In den ersten Tagen der Ausweisungen sind in Wilna etwa 4000 neue Flüchtlinge angelangt. Inzwischen wurde den Ausgewiesenen aus Kowno von der Polizei eröffnet, daß sie sich in Wilna und Umgegend nicht niederlaffen dürfen. In Windau (Kurland) ist nur der Arzt Dr. Feitelberg mit einigen Kranken zurückgeblieben, alle jüdischen Familien sind ausgkwandert. — Die Sammlungen, die in allen Synagogen Rußlands für die Flüchtlinge veranstaltet werden, nehmen rasch zu und ergeben ziemlich hohe Summen. — Wie aus Petersburg berichtet wird, empfing der Minister des Innern eine Deputation von Juden aus Kurland die sich über die Ausweisungen beschwerten. Der Minister versprach, die Angelegenheit im Ministerrate zu behandeln. Durch den Wegzug von 7000 Juden aus Mi tau hat die Gerberei und die Leöerfabrikation vollständig aufgehört. Den russischen Zeitungen wurde von den Militärbehörden verboten, Einzelheiten über die Judenausweisungen zu berichten. Auch dürfen die Arsweisungsorte in Kurland und Kowno nicht mehr erwähnt werden. Um über die herzzerreißenden Szenen unter den massenweise ausgewiesenen Juden berichten zu können, sind die russischen Zeitungen durch die Zensurbehörde gezwungen, stets von „Flüchtlingen aus Galizien" zu sprechen, die angeblich von de.n Deutschen und Oesterreichern aus Galizien nach dem Innern Rußlands gejagt werden. Die amtliche russische Mitteilung von der Einstellung der Judenausweisungen aus den von dem Krieg berührten Gebieten ist bewußt falsch. In Odessa wurde das Weitererscheinen der von Dr. Klausner redigierten hebräischen Monatschrtft „Haschiloach" von der Behörde untersagt. Fn Bialystok starb dieser Tage Dr. Josef Cjh a s a n o w t t s ch im Alter von 70 Jahren. Der Verstorbene war einer der populärsten Männer des öffentlichen jüdischen Lebens in Rußland und gehörte noch zu denen, die aus der alten Schule der „Chomawe Zton" später zu dem Herzlichen Zionismus übergingen. Besonders bekannt wurde er durch seine enorme Büchersammlung, die er nach Jerusalem überführen ließ, um dort eine Nationalbtbltothek zu gründen. Dieselbe zählt bis jetzt 40000 Bände, worunter sich auch seltene Manuskripte befinden. Der Ausbau der Bibliothek lag ihm sehr am Herzen, und der Umftuitö, daß dieser infolge mangelhafter Verwaltung nicht in seinem Sinne vor sich ging, war der größte Schmerz seines Lebens. England, Die Rufjiffyieruno Englands. London, 8. Junt. Die in London erscheinende jüdische Zeitung „World" behauptet, daß die Entfernung der bisherigen jüdischen Minister aus dem neuen Kabinett auf direkte Beeinflussung Rußlands zurückzuführen sei. Da die Entfernung Herbert Samuels als Generalpostmeister nicht leicht durchführbar war, beschloß die Regierung das Verbleiben Samuels auf seinem Posten, aber ohne Sitz im Kabinett. Die Veranlassung zu