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Der Israelit · 1915-06-17 · Heft 26 (17.6.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 26 (17.6.1915)
Date
1915-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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17. Juni ISIS Der JSratttt. £to. 26 Sette 3 Es wurden von der Kommission zur Ausführung des Hilfswerks in Polen lokale Komitees eingesetztzur Hilfeleistung über die Grenze hinaus, auch ein deutsches Komitee in Schlesien, daS für seine Tätigkeit den größten Dank verdient. Die deutschen Zivil- und Militärbehörden in den besetzten Gebieten haben der Kommission bei ihren Arbeiten, die nach verschiedenen Richtungen hin auch im Interesse des deutschen Reiches liegen, jedes Entgegenkommen bewiesen und ihren Vorschlägen Berücksichtigung zugesagt. Lorrespondenzen und Aachrichten. Kl Oesterdeich. Slürtitlingsfrfiulen. Wen, i-'r. Juni. Vor kurzem fand im Hotel „Continental", aus Anlaß der Anwesenheit des Vertreters der orthodox-jüdischen Weltorganisation „Agudas Jisroel", des Herrn Grünbaum-Nürnberg, eine Sitzung der Vertreter der Flüchtlinge aus Galizien' und der Bukowina statt, in welcher die Mittel und die Wege erörtert wurden, um den vielen Kindern der Flüchtlinge auch in den provisorischen Aufenthaltsorten eine frommreligiöse Erziehung zuteil werden zu lassen. Die Präsenzliste zeigte u. a. die Anwesenheit der Großrabbiner aus Bojan, Czortkow, Husiatyn und Sadagora/ der Rabbiner aus Lemberg, Krakau, Brody, Buezc^z/ der Herren Thumim- Przemysl, Bankier Schönblum-Lemberg- Schriftsteller Dr. Rapaport-Stryi, sowie vieler anderer Persönlichkeiten aus Galizien und der Bukowina. Die Versammelten übersandten ein H uld i g u n gslelegramm an die Kabinettskanzlei Seiner Majestät des Kaisers, ebenso ein solches an die Kammerkanzlei Sr. k. und k. Hoheit des Herrn Erzherzog-Thronfolgers Karl Franz Josef, worauf folgendes Schreiben anlangte: „Pr.-Z. 5462/15. Wien, am 24. Mai 1915. An das geehrte Präsidium des Komitees zur Einrichtung von Talmud-Thora-Schulen für Kinder der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, zu Händen Seiner Hochwohlgeboren Herrn Bankier Jsaac Jacob Thumim, Wien. Seine Exzellenz der Herr k. k. Statthalter für Oesterreich unter der Enns hat im Allerhöchsten Aufträge für die vom Komitee zur Errichtung von Talmnd-Thora-Schulen für Kinder der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina am 29. April I. I telegraphisch zum Ausdrucke gebrachte alleruntertänigste Loyalitätskundgebung den Beteiligten den Allerhöchsten Dank bekanntgegeben. Ich beehre mich, dem geehrten Präsidium zufolge Erlasses der k. k. n.-ö. Statthalterei vom 17. Mai 1915 Pr.-Z. 768, hiervon Kenntnis zu geben. Der Bürgermeister: Dr. Weiskirchner." „Herrn Jsaac I. Thumim. Baden bei Wien. Seine k. und k. Hoheit Herrn Erzherzog Karl Franz Josef haben die mit Depesche vom 3S. April dargebrachte Huldigung bestens dankend zur Kenntnis zu nehmen geruht. Im Allerhöchsten Anstrage: Kammervorftehung." Men, 11. Juni. In Wiener jüdischen Zeitungen ist ein Ausruf veröffentlicht, der schon allein durch die Namen, die ihn unterzeichnen, höchste Beachtung verdient. Er lautet: Wien, im Silvan 1915/3675. „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge ha st Du die Stärke begründet!" Neun Monate sind vorüber, seitdem wir Flücht? linge aus Galizien und der Bukowina infolge des drohenden Schlachtenschwertes unser Heim verlassen mußten. Arm und verlassen, verängstigt und gehetzt, griff das so oft schwergeprüfte Juda wieder zun'. Wanoerstabe, um sich irgendwo provisorisch niederzulassen, bis der Allerhöchste wieder Erbarmen mit seinem Volke haben wird, um es wieder in seine Heimstätten zurückzuführen. Aber von allen Schicksalsschlägen, die uns getroffen hatten, ist es der eine, der besonders unser .Htrn bedrängt, unser Herz belastet und unser Gewesen ausrüttelt. Es ist dies die Frage der Kindererziehung, die doch immer und überall, bei allen. Völkern und Zungen, bei allen Religionsgenossenschasten und Verbänden we Basis und Grundlage gebildet hatte: denn den Musern gehört die Zukunft des Volkes. Diese Kinder aber bitten um Unterricht und bekommen ihn nicht. Sie bitten um Unterweisung in den religiösen - Lehren und niemand ist da, der diese ihnen künden soll. Mehr als 2000 jüdische Kinder lausen in den Straßen Wiens herum, die als Flüchtlinge keine religiöse Erziehung, keinen.Thora- Unterricht bekommen können. Auch das Wenige, das sie noch von zu hause mitgebracht haben, geht in dem Taumel der Großstadt leider verloren, verloren auf Nimmerwiederkehr! Wir wußten dies, »vir kannten unser Leid, wir fühlte»! unser Unglück, aber wir wußten uns auch hilflos zu einer jeden Aktton — benn uns fehlte das Wichtigste in einer solchen Sache: die pekuniären Mittel. An wen sollte, an wen konnte man sich in diesen so schweren, so ernsten Zer len itm Hilfe wenden, wir schauten nach rechts, wir blickten nach links. Helfer in solchen Dingen schienen kaum vorhanden. Da leuchtete vom Westen her ein Strahl der Hoffnung: die große orthodoxe Vereinigung „Agudas Jisvoel" mit dem Hcruptsitze in Frankfurt a. M., erklärte sich in echt jüdischer Liebe bereit, uns und unsere Kinder vor dem rcuaiöscn Verderben zu retten. Als wahre fürsorgcnde Mutter war sie bestrebt, religiöse Schulen in allen Barackenlagern in Böhmen und Mähren zu gründen und anzulegen, Und ste ist auch bereit, hier in Wien mls 'ihre hilfreiche Hand zu reichen, daß toi~ hier solche Schulen gründen sotten. Sie verspritz uns den großen, den größten Teil der Ausgaben - die sich auf mehrere Taufende Kronen monatlich belaufen — aus Eigenem zu bestreiten, was ihr der Allerhöchste lohnen möchte und wir immer »urd rwig mit Dank gedenken »verden. Aber de!» einen, wenn auch geringen Teil der Ausgaben müsien tott doch selbst bestatten: wir müssen unsere Pflicht nicht nur mit schönen Worten, sondern auch mit Taten erfüllen können und erfüllen, jeder selbstverständlich', nach feinem Können und Vermögen. Deshalb wenden wrr Unterferttgten uns an Euch, Juden, aller Länder und Gegenden des großen Oesterreichs: helfet mit in dieser großen, erhabenen edlen, heiligen Sache! Tut es um der fukunft Witten: Handelt im Interesse des höchsten deals der Mndererziehuna.! Jeder, dem die heilige ewige Thora noch einen Wert repräsentiert; jeder, dem dieMengiorr eine Saite des Herzens zum Tönen erweckt; jeder, dem ein frommes Judentum als größter Schatz erscheint, möge seine Gabe hinreichen möge mittun, möge' helfen. „Wer viel gibt, oder wer wenig gibt, jedem wird der Ewige nach seinem Tun vergelten!" Und gbr werdet. Juden, dann auch mit Seiner Hilfe erlöst werden, daß die gute, alte Zeit wiederkehre und jeder in seinem Heime weiter io leben werde wie vorher, und auch die Generattonen in Frömmigkeit und Religion weiter, ewig fortleben werden. Amen! Jfak Frrecmann, Großrabbiner aus Bojan. Israel Friedmanu, Großrabhiner aus CzortkÄv. Israel Friedmann, Grotzrabbiner aus Husiathn. Ehaim Hager, Großraöbiner aus Otttnia. Abraham Jakob Friedmann, Großrabbmer aus Sadogora. Für den „Rabbmer-Rat der „Agudas-Jisroel": Ahraham Mendel Steinberg, Rabbiner, Brodh. Meier Arak, Rabbiner, Buczacz. Josef Engel, Rabbiner. Krakau. Pinkas Horowitz, Rabbiner, Bohorodczany. Nachum Weidenfeld, Rabbiner, Dombrowo. Kaisers. Rat Aron Lewrn, Rabbiner, Sambor. Chaim Hirsch Thumim, Rabbiner, Kvlvmea. Benzion Katz, Rabbi- Viner, Borszczow. Araten Israel, Krakau. Beidaff Jakob, Kolonie«. Baron Ellas, Tarnow. Eckstein Markus. Rz'eszow. Fast Dawid, Tarnow. Hirschfeld Jakob. Przemhsl. Heuig Gerson, Ustrzyki. Kaufmann Wolf, Lemberg. Lau Josef, Kolvmea. Lamm.Salomo«, Tarnow. Mehersohn Ehajim, Strhj. Pappenheim. Woks, Wien. Rappaport Aball, Lemberg Rappaport Moses. Tarnow. Schwadron Jsirk, Zlvczow. Schönbtum. Josef, Lemberg. Statter Meschulim, Neu- Sandez. Stcinberg, Berisch, Rzeszow, Schmelkes, Moses, Krakau. Türkei Lippmann, Tarnvpol. Weinstock GeHon, Tarnow. Wechsler Israel, Tarnow. Wald Chaim Schulim, Tarnow. Zins Moses, Krystynopol. Für die Kassa: Dr. Atvrdche W. Rapaport, Strhj. Für das Präsidium: Jsak I. Thumim, Przemhsl.. Die Gaben können jedem der Unterzeichneten übergeben oder auch direkt übermittelt werden an: Wiener Lombardu. Eskompte-Bank, Wien I., Wipplingerstraße für Rechnung bes Komitees zur Wahrung -der Interessen der. durch den Krieg geschädigten Juden aus Galizien und der Bukowina. tragen. Unsere Regierung hat alles daran gesetzt, um jenem Land die Schrecknisse eines Krieges zu ersparen. Auch nachdem Deutschlands tapferes Heer autzerordem» liche Siege davongetragen und gewaltige Eroberungen gemacht hatte, wurde Belgien erneut unter den mildesten Bedingungen der Frieden angeboren. Hochmütig verblieb es aber in seiner Gegnerschaft, und so wird die Geschichte dereinst von der Tücke und Hinterlist dieses Landes zu melden haben, zugleich aber auch erneut die Mahnung verzeichnen: „Wer Wind sät, mutz Sturm ernten". Auf uns aber, die wir so gerne in der Bibel lesen, mutz es erhebend wirken, datz sooiele ihrer Erzählungen in dem Spiegel der Gegenwart neues Licht empfangen und weiterverbreiten. Ja, wir singen mit der Sidra von der Thora, diesem Ewigkeitsbrunnen Israels: nnwvm ppinöa Dyn -an: nna an» mir n mo, „Bist ja der Brunnen, den Fürsten gegraben, den Edle des Volkes gehöhlt mit deni Gesetzesgriffel, mit ihren Stäben". Kleines Zeuillelon. Der Vaterfegen aus dem Schützengraben. (Aus ditom Feldpostbriefe.) Mein lieber Ignatz! _ Da es mir leider nicht vergönnt, an Deiner Barmizwo-Feier terlzunehmen, so gratuliere Dir aus diesem Wege aufs herzlichste. Möge Dich der Allmächtige ferner gesund erhalten und Dich, behüten auf allen Deinen Wegen, damit wir alle noch viele Freuden an Dir erleben. Aber auch für Dich, mein geliebtes Kind, beginnt mit diesem Tage ein neuer Lebensabschnitt. Wohl bist Du noch ein Kind, aber schon gilt es für Dich, die Pflichten eines Erwachsenen zu erfüllen. O wl'e habe ich mich auf den Tag ■ gefreut, wo Du, mein geliebtes Kind, zur Thoro gerufen lvirst und wie anders hat es Haschern Jsborach bestimmt. Vom Feinde umringt, müssen wir in einem unterirdischen Gemach unser Dasein fristen. Aber auch Du, mein geliebtes Kino, hast jetzt einen mächtigen Feind zu bekämpfen und vor allen Dingen zu besiegen. Es ist dies der Jezer-Hora. Dieser Feind wird mit vielen Versuchungen mid Berlockun- §en an Dich herantreten, bekänipfe ihn mit allen deinen Kräften, lerne Thora und forsche in der heiligen Lehre, denn dieses ist vor allen Dingen Derne Pflicht und die beste Verteidigungswaffe. Gebe Dir weiter im Lernen Mühe, fei fleißig in der Schule und nochmals erfülle gewissenhaft Deine' Pflichten als Jehudi. Sei gehorsam gegen Deine liebe Mutter und gegen Deine Erzieher. Sei derträglich mit Deinerr Geschwistern und Kameraden und ’ vor allem meide böse und üble Kameraden. Sei ehrerbietig gegen Jedermann, dann wird jeder seine» Freude an Dir haben. Nochmals bitte ich Dich, befolge ja meine Ermahnungen und die guten Ratschläge Deiner Erzieher, dann wird Dir auch der Allgütige stets beistehcn. Nun habe Dir noch zum Geschenk 10 Mk. per Post geschickt. Lasse Dir von der lieben Mama etwas kaufen, wenn Du ettvas nötig hast Ick mutz jetzt Schluß machen. Gebe Dir Mühe und mache Derne Sache recht gut und erfreue mich mit einein aussichrttchcn Brief. Empfange noch die herzlrchsten und innigsten Grüße und Küsse nebst dem Segensspruche» den ernst unser Stammvater Jakvb gegeben: „Jesimcho Elokim K'Efrajim wch'Mnasche.' Dein Dich herzlich liebender Bater. (Was er zu sage« hat.) Wir lesen in der; „Berliner Börsen-Zettung": In unseren Gefangenen-; lagern wird den Insassen oft Gelegenheit gegeben, ihren bürgerlichen Berus auszuüben. Tischler, Maurer, : Buchbinder und viele andere werden nach ihren Fähig- ' ketten und Kenntnissen beschäftigt. So ist eS auch einem; kleinen jüdischen Barbier aus dem tiefsten Russisch-! Polen erlaubt, seine Kunst anSznüben. Mitunter! 'kommen ihm sogar dir Mannschaften und -Offiziere der ' Wachkommandos unter die Hände. Wie aSe Barbiere ' ist er sehr gesprächig und freut sich, wenn «in Kunde; ihn einer «»rede würb.gt. Da fragte neulich einer! der deutschen Herren, den er einfeiste: „Sagen Sie ) mal, der Zar ist doch eigentlich ein guter Mann. Sein { Aufruf an die Juden war doch sicher ehrlich gemeint?" i Der Barbier "hielt mit Einstifen inne, zog die Schultern! in die Höhe und sagte: „Der Zar ist ein sehr guter , Mann, aber, lehen Sie, lieber Herr, er hat nebbich in j. Rußland so viel zu sagen, wie — mt, wie ich hier im l Gefangenenlager." f! :

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