Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 24-25 (22.3.1894)
- Date
- 1894-03-22
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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449 Sprache, nicht einmal das Bulgarische, richtig spricht, geschweige denn schreibt, kein Wort des Talmud versteht, ja auch nicht einen Buchstaben des hebräischen Alphabets lesen kann, über Bibel und Talmud schreibt, ist nicht der geringste seiner Fehler. Die jüngste Flug- und Flachschrift führt den bescheidenen Titel: „Bulgaria bez Evrei“ („Bulgarien ohne Hebräer") und ist voll unfläthiger Reden und unsinniger Beschuldigungen gegen die Juden, die natürlich Rohlingscher aufgewärmter Kohl sind und eine Widerlegung nicht verdienen. In Folge dieser Schrift richtete Oberrabb. Dr. Grünewald einen Brief an die Redaction der in Sofia erscheinenden Zeitung „Swoboda" („Die Freiheit"), welche denselben am nächsten Tage veröffentlichte und ihm folgende Zellen vorausschickte: „R. Mitakow hat die zweite Nummer seiner originellen Schrift „Bulgaien für die Bulgaren" herausgegeben, aber diesmal der größeren Deutlichkeit halber den Titel geändert, und zwar in „Bulgarien ohne Hebräer." Wie wir schon früher bemerkt haben, hat die literarische Thättgkeit Mitakow's den Antisemitismus zum Ziele, d. h. er bemüht sich, eine Strömung gegen die Juden einzuleiteu. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein solches Beginnen ganz absurd ist in unserem Lande, in welchem die Gleichheit der Nationalitäten und die Freiheit des Gewissens geheiligt sind durch die bestehenden Fundamentalgesetze. Aber auch abgesehen davon sind die Mittel, deren Mitakow sich bedient, sehr unlauter." Der Brief des Dr. Grünewald hatte folgenden Wortlaut: Hochgeehrter Herr Redacteur! Ein gcwffser N. Mitakow hat wiederum ein antisemitisches Pamphlet mit dem großartigen Titel: „Periodische Zeitschrift, Bulgaren ohne Hebräer" veröffentlicht. Charakter und Werth des Herausgebers dieses Pamphlets sind in jeder Hinsicht zu bekannt, und man weiß ganz wohl, was Herr Mitakow ist, deshalb erachte ich es für überflüssig und unter meiner Würde, in Details mich mit ihm einzulassen. Ich behaupte nur, daß jedes Wort in Mitakow's Pasquill, das in keiner Weise Haß gegen Mitbürger zu stiften imstande sein wird, daß jedes Wort, sage ich, welches nach seiner Behauptung aus dem Talmud geschöpft ist, der Broschüre des des Meineids bezichtigten Antisemiten Rohling entnommen ist, welche Schrift bereits im Jahre 1884 von dem als Christen geborenen und als Forscher rühmltchft bekannten, nunmehr verewigten Profeffor Franz Delitzsch (Leipzig, Döifling und Trensko) gründlich widerlegt wurde. Ich als diplomirter Rabbiner und Oberhaupt der Israeliten des Fürstenthums Bulgarien bin berufen und verpflichtet, dies öffentlich zu erklären, und ich betone es nochmals, daß Herr Mikatow, der unwissend und, wie er selbst eingesteht, ungelehrt ist, nicht ein einziges Wort aus dem Talmud versteht, geschweige, daß er ihn verdolmetschen und erklären könnte. Welche Wichtigkeit und Bedeutung man den Broschüren Mitakow's beilegen darf, erhellt aus der tragi komischen Thatsache, daß ein Mensch, der sich als unwiffend in der Einleitung seiner Schrift bezeichnet, über ein so altehrwürdiges Literaturdenkmal, wie der Talmud in der That ist, zu urtheilen sich erkühnt. Man steht Herr Mitakow lebt in dem lächerlichen Vorurtheil, daß man gegen die Hebräer Alles schreiben dürfe; ober Gott sei Dank, die gebildete Welt und das Christenthum erwarten nicht Aufklärung von Skriblern von dem Caliber des berüchtigten Redakteurs der Broschüren „Politischer Traum", „Bulgarien für Bulgaren" und „Bulgarien ohne Hebräer". Sofia, den 27. Januar (8. Februar) 1894. Mit Hochachtung der Großrabbiner Dr. M. Grünewald." Vermischtes. GoSlar. 18. Februar. Am Sonnabend hielt hier der bekannte Wanderapostel des Antisemitismus. Herr Leuß aus Hannover, eine antisemitische Versammlung ab — natürlich gegen das übliche Entree. Da dies das erste öffentliche Auftreten des Antisemitismus in GoSlar war, hatten sich zahlreiche Personen, etwa 500 zu dem Vortrage eingefunden, von denen indeß die überwiegende Mehrzahl entschiedene Gegner jedes Geschäfts- und Radauantisemitismus sind. Wir bemerken unter ihnen z. B. den h^er in weitesten Kreisen außerordentlich populären Hr. Stadtsyndikus Ouensell. fitrt Leuß hielt, vielfach unterbrochen, seinen mit den gebräuchlichen Phrasen und Mätzchen ausgestatteten und mit den dreisten, natürlich zumeist aus der Luft gegriffenen Beschuldigungen gegen die Juden gespickten Bortraa. Ihm traten in entschiedener Weise 2 sozialdemokratische Redner und der Herr Schöller aus Hannover entgegen, welcher die Entwickelung der Juden in Deutschland, die Entstehung und Ursachen des Antisemitismus und die innere Haltlosigkeit des letzteren unter brausendem Beifall in etwa istündiger Rede darstellte. Sodann kam aus der Mitte der Versammlung der Antrag, den Ueberschuß aus den Eintrittsgeldern den armen Konfirmandenkindern der Stadt Goslar zuzuweisen, wozu sich Herr Leuß und sein ständiger Impresario, Herr Apotheker Oehlmann aus Wülfel wohl oder übel, wenn auch mit süßsaurer Miene, verstehen mußte. (Bravo.) Ein Schlußwort des Herrn Leuß anzuhören, lehnte die Versammlung einmüthig ab, und in dem dabei entstandenen Tumult löste der überwachende Beamte die Versammlung auf, aus der sich Herr Hans Leuß mit etwa 1ji Dtz. seiner zumeist noch im recht jugendlichen Alter stehenden Getreuen, betrübt über das glänzende Fiasko eiligst entfernte. Mannheim. Die Hebräische Schule (Lemle Moses'sche Klausstiftung) wurde im Schuljahr 1893/94 von 253 Schülern (126 Knaben und 127 Mädchen) besucht. Prag, 22. Febr. Im Vereine zur Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums in Prag hielt am 17. d. M. Herr Rabb. Dr. Goitein aus Nachod einen Vortrag über „Optimismus und Pessimismus in der Bibel." Der Vortrag war nach Form und Inhalt gleich ausgezeichnet und