Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 24-25 (22.3.1894)
- Date
- 1894-03-22
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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450 lieferte den Beweis, daß der Redner nicht nur die einschlägige Literatur vollkommen beherrsche, sondern daß er auch durch neue Gedanken dieses philosopische Thema zu bereichern wußte. Er wies nach, daß in der Bibel die pessimistische (?) Lebensanschauung vorherrsche, jedoch werde durch die Anleitung zur reinen GotteSerkenntniß und zur Lugend der schädliche Einfluß desselben auf das Leben des Menschen beseitigt. Die Zuhörer folgten mit gespannter Aufmerksamkeit den intereffanten Ausführungen des Vortragenden und zeichneten ihn durch Beifallsrufe aus. Die Pariser medizinische Fakultät hat einem österreich. Gelehrten, Dr. Emil Berger, der als „Protesssur librs" der Augenheilkunde in Paris wirkt, für feine Vorlesungen über die Beziehungen der Augenkrankheiten zur allgemeinen Medizin die „Lleution houorable“ des Prix Chatauvillard zuerkannt. Es ist dies bereits die dritte Auszeichnung, die dem jugendlichen Forscher von Seiten der wissenschaftlichen Korporationen Frankreichs zu Theil wurde; im Jahre 1882 erhielt derselbe einen Prix Montyon des Institut de France, im Jahre 1892 den Prix Amussat der Französischen Akademie der Medizin. 3 e « i l ( e t o n. JHe Mrjudung des Antisemitismus. Ein Frage- und Antwortspiel. I. Ist Herr Dr. Böckel Antisemit? — Nein.' Denn anläßlich der letzten Reichstagswahl in Siegen, bei, welcher Dr. Böckel gegen Stöcker auftrat, schrieb das „Volk": „Wenn die Juden und Judengenosien ihn dafür bezahlt hätten, hätte er es nicht besser machen können." Und als der „Reichsherold" Böckel'S letzthin den „Bund der Landwirthe" und die Conservativeu heftig angriff, da schrieb daS „Volk" Stöckers am 17. Februar: „Wäre das nicht echt Böckelsch, so würden wir eS echt jüdisch nennen." II. Ist Theooor Fritsch Antisemit? — Nein! Denn die seiner Zeit Eugen Dühring nahestehende antisemitische „Wests. Reform" schrieb: „Die kluge Geschäftlichkeit gewisser Leipziger Zektungsmacher und Broschürenhändler ist allgemein bekannt: wir selbst haben noch kürzlich eine entscheidende Probe aus dem pseudo-antisemitischen Geschäfte der Firma „Jtzig Frech, Frey *) u Co." unter die Lupe genommen und dem Publikum mit den zugehörigen Erläuterungen vorgezeigt. . . Jeder auch nur einigermaßen mit händlerischen Praktiken Vertraute merkt ohnehin sofort heraus, daß er es mit nichts weiter als mit einem judenhaften, auf den Kundenfang berechneten und nicht einmal mehr alS originellen Geschäftskniff zu thun hat." Der Antisemit H. Lucko schrieb: „Ein ganzes Conglomerat von sogenannten „jüdischen" Eigenschaften vereinigt sich in dem Techniker Theodor Fritsch." „Er bezahlt seine Leute noch schlechter alS die Juden." Der Antisemit Wilhelm Marr urtheilt über diesen: „Ich habe lange Jahre in dem antisemitischen Circusdirector Fritsch einen idealen Antisemiten zu sehen geglaubt, — heute rechne ich ihn in die Kategorie der „hosenverkausenden Jünglinge aus Polen." . . . „Leute wie Fritsch erscheinen in meinen Augen immer mehr als schlaue „Trödelkram"-Antisemiten, die in der Praxis den Juden noch 10 Doubles vorgeben könnten!" III. Ist Herr Ahlwardt Antisemit? — Nein' Denn die conservativ-antisemitische „Schles. Morgenztg." behauptet, „Ahlwardt nimmt es mit dem geriebensten Juden an GeschäftSkenntniß und Ungenirtheit auf." *) Frey war lange Zeit das Pseudonym für Theodor Frisch. IV. Ist Herr Stöcker Antisemit? — Nein! Denn die antisemitischen „Unverf. dtsch. Worte" des Herrn Schönerer schrieben über ihn, er habe „das wahre Wesen des Christenthums gar nicht erfaßt und setze aus diesem Grunde an dessen Grelle einen christlichen Talmud!" V. Ist der deutsch-soziale Agitator W. Hentfchel Antisemit? — Nein! Denn als dieser die Simultanschule vertheidigte, da schrieb der fromm-antisemitische „Reichsbote": „Ungefähr ebenso wie dieser Antisemit urtheilt auch die Judenpresse!" VI. Ist das Stöcker'sche „Volk" antisemitlsch? — Nein! Denn „Frei-Deutschland", Prof. Förster's Organ, wirft ihm „undeutschen jüdischen Geschäftsgeist" vor. VI l. Ist der „Bund der Landwirthe" antisemitisch? — Nein! Denn die antisemitische „Deutsche Ostwacht" schreibt über ihn: „Wenn der „Bund der Landwirthe" nicht antisemitisch werden will, dann muß er von den Antisemiten bekämpft werden. Ist doch heute schon ein an leitendem Platze angestellter Secretär des Bundes ein Jude!" VIII. Ist die conservattve Partei antisemitisch? — Nein! Denn der antisemitische Berliner „General-Anzeiger" schreibt: „So sind die preußischen Conservativen, als sie nach den Wirren der Jahre 1848 bis 1850 die maßgebende Stellung erlangten, auf den Juden Stahl hineingefallen, welcher in der Partei jede staatsmännische Einsicht zu ersticken verstand und damit der jüdisch-liberalen Sippe von neuem den Weg bahnte." IX. Ist der Reformverein in Leipzig antisemitisch? - Nein! Denn der Antisemit M. Wirth schrieb über diesen: „Diese von dem Vorstande de8 Reformvereins bewiesene Findigkeit in der Auslegung seiner Satzungen dürfte leicht Alles übertreffen, was an sinnwidrigen Formalismus, an mißbräuchlicher Buchstäblichkeit unserem „verjudeten römischen Rechte", „an deutschsozialer Reformerentrüstung bisher zum Vorwurfe gemacht worden ist. Hier dürften selbst die Verfasser des Schulchan-Aruch für die Abschnitte ihres vielgefürchteten Buches, wo es sich um die Vorschriften für jüdische Richter in der Rechtsprechung zwischen Gois und Juden handelt, noch haben in die Lehre ,gehen können. Der Vorstand des Reformvereins als Judenschule, einen Endpunkt der Entwickelung, die sicherlich werth ist, zum Gegenstände eines eingehenden Nachdenkens gemacht zu werden." Füdifrite^ Mllevlsi. Ein Or-entreisender schreibt uns: Das deutsche Wort „Jahrzeit", das zweifelsohne den Juden Deutschlands sein Entstehen verdankt, ist sicherlich das weitverbreitetste der deutschen Sprache, denn dasselbe ist nicht nur bei den Juden Frankreichs, Italiens, Polens, Rußland, der Türkei, Nord- und Südamerikas, sondern auch bei unseren Glaubensbrüdrrn in Nordafrika, der Sahara, Arabiens, Persiens, BokharaS und Afghanistans und selbst bei den sogenannten Bene Israel in Indien im Gebrauche. Wieso kommt es nun, daß dieses deutsche Wort sich soweit verbreitet hat? Wahrscheinlich wird sich dasselbe in dem Werke eines deutschen Rabbi ans dem Mittelalter vorfinden und mit diesem Buche zugleich hat auch das Wort „Jahrzeit" seine weite Fahrt nach Asien und Afrika angetreten. Man hat gar keinen Begriff, wie sehr es einen deutschen Juden anheimelt, wenn er in der arabischen Wüste einen arabischen Juden sprechen Hort: „Andi „Jahrzeit“ el-jom“. (Ich habe heule Jahrzeit.)