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Der Israelit · 1894-01-11 · Heft 4 (11.1.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 4 (11.1.1894)
Date
1894-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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42 Jemand, der reiche Beute findet. (Psalm 119, V. 162.) Wie der tief forschende Blick der Weisen in diesem Ausspruch gerade Mizwas MNa gefeiert findet, dürfte eine Erklärung veranschaulichen, welche wir einmal im Namen des Würzburger Rabbiners. Seligmann Bär Bamberger gehört haben. Derselbe beanstandet zunächst, daß hier von einer Freude gesprochen wird, wie wenn Jemand Beute findet. Beute erobert und erbeutet man, aber man findet fie so wenig, als man einen Fund erbeuten kann. Was man gefunden hat, hat man nicht erbeutet, und was man erbeutet hat, hat man nicht gefunden. In Wirklichkeit ist in dem Kampf des Lebens, in den wir gestellt sind, jede Mizwa, die wir üben und jede Awera, die wir meiden, eine erbeutete Trophäe, die wir i egreich aus diesem Kampfe davontragen, den wir gegen Leidenschaft und Kleinmuth, gegen die Feinde in der eigenen Brust und gegen diejenigen draußen im Leben kämpfen. Wer gar in einer Zeit, die auf Genuß und Erwerb so hohe Stücke hält, und von dem Versagen und Verzichten zu Gunsten höherer göttlicher Zwecke und Ziele so gering denkt, wer in einer solchen Zeit sich nicht beirren, sich seine Redlichkeit und Lauterkeit nicht weglachen läßt und sich Herz und Hand, Gedanke und That frei und rein erhält, welch' großen, unsäglichen Gewinn hat doch ein solcher aus der heißen Wahlstatt des Lebens sich unverlierbar gerettet und gesichert! Jeder Sabbat, den uns keine Concurrenz zu verkümmern im Stande ist, jeder Verzicht auf jeden verbotenen Genuß, in dem uns keine moderne Genußsucht zu beirren vermag, jeder Pfennig, den wir redlich erringen, jeder Pfennig, den.wir, weil unredlich, von uns gewiesen, alle zu^ sammen sind ebensoviele erbeutete Trophäen, die wir aus dem Kampfe des Lebens als Sieger heim tragen. Jede Mizwa, jede Awera fordert den Einsatz der ganzen Lebensenergie und fällt uns als reiche Beute zu, wenn wir ihren Anforderungen wirklich voll und ganz entsprochen haben. Die einzige Mizwa, welche von dieser Regel eine Ausnahme macht, ist Mtzwas Mila. Sie wird an uns vollzogen ohne unser Wissen und Zuthun. Die Hingebung unseres Lebensblutes für den Gottesbund erfolgt in den ersten Tagen der frühesten Jugend. Erwachsen und mit dem vollen Selbstbewußtsein ausgestattet, erkennen wir uns als Glieder des Abrahambundes, ohne zu wissen, wie wir es geworden. Wir habrn die höchste Opferthat vollzogen, ohne daß es uns Mühe oder Kampf gekostet, wir haben der Selbstsucht und Lebensgemüthlichkeit durch diesen Sieg über uns selbst eine Beute entrissen, nein, nicht entrissen, wir haben sie gefunden, als sie längst, ohne daß wir es wußten, in unserem Besitz war. Wenn daher unser Psalmwort von einer Beute spricht, die man findet, so kann der Gegenstand derfMrn stritt GEs Gesetzesaussprüchen nur Mizwas Mila sein. Diese eigenthümltche Art und Weise, wie Mtzwas Mila unser eigen wird, ist aber füglich dem ganzen jüdischen Leben aufgeprägt, welches durch diese Mizwa eingeleitet wird. Wohl erfordert es manchen Verzicht und vielfache Versagung, aber die Opfer hören auf als solche zu erscheinen, wenn sie von Menschen geübt werden, die ihren Eintritt in die Welt mit einer solchen Opferthat besiegelt und somit das Schwerste bereits hinter sich haben. Was wollen auch alle Ansprüche, alles Herbe und Schmerzliche des täglichen L.bens bedeuten, im Vergleich zu der rückhaltlosen Hingebung, die sich in Mizwas Mila bereits vollzogen hat. Dafür ist die astrologische Pharaonenklugheit blind. Sie sieht nur Blut und Böses und hat keine Ahnung von dem Leben, das aus dem von ihr geschauten Tode sprießt. Wir haben bisher Mtzwas Mila nur nach ihrer äußeren symbolischen Handlung ins Auge gefaßt, ohne Wesen und Bedeutung dessen, was durch dieses Symbol zum Aufdruck gelangen soll, zu erörtern. Diese Bedeutung wird in der Einsetzungsurkunde durch folgende zwei Momente bezeichnet: Tinu njnKi ü'on nvn *jVnn.i. „Führe dich vor meinem Angesichte und werde vollkommen, und: ich will einen Bund errichten zwischen mir und dir." (I. B. M., Cap. 17, V. 1, 2.) Mila an unserem Körper mahnt uns zunächst D'Bn, d. h. sittlich vollendet zu werden, auch die sinnlichste Seite des Menschen dem Willen Gottes unterzuordnen, die Triebe zu meistern, deren Beherrschung sonst das größte Aufgebot sittlicher Energie erfordert. Die Standhaftigkeit und unbeugsame Festigkeit, die dieser gegen unseren inneren Feind unablässig geführte Kampf erfordert, läßt uns auch den Drohungen und Verlockungen unserer äußeren Feinde gegenüber fest und stark bleiben. Der keusche, sittenreine Sinn, zu dem Mila den jüdischen Menschen mahnend erzieht, macht ihn unempfänglich gegen alles noch so imposante Auftreten sinnlicher Mächte. Derjenige, der sein Lebensblut seinem Gotte heilig hält und keinen Splitter seiner Lebenskraft leichtlebiger Wollust hingtbt, gibt sein Blut leichten, freudigen Herzens für die Heiligung Gottes hin. Für diesen Zweck hat er ja darüber mit heiliger Scheu gewacht, dafür hat er ja die Kämpfe gegen Sinnlichkeit und Leidenschaft gekämpft, weil er sich mir jedem Tropfen Bluts, das in seinen Adern pulst, Gott verantwortlich weiß. Wenn es Gott fordert, dann bürgt rb^o cn dafür, daß

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