Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 12 (9.2.1893)
- Date
- 1893-02-09
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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de ner Größe auf dem Gebiete der Thora Zeugniß ablegt, stolz sein kann, während Preßburg nicht nur auf seine Hingeschiedenen Größen, sondern auf das noch jetzt rege pulsirende religiöse Leben und auf die Thora, die noch heute in seinen Mauern gelehrt und gelernt wird, mit gerechtem Stolz Hinweisen kann. Die große und zahlreich besuchte Jeschiwa dieser Stadt, die einzig in der jüdischen Welt dasteht, ist ein ehrwürdiges Denkmal der alten religiösen und gläubigen Zeit. Unter allen den obenerwähnten Geistesfürsten leuchtet aber besonders hervor Rabbi Moses Sofer aus Frankfurt a. M., der Chatam Sofer, welchem Preßburg eigentlich seine Berühmtheit verdankt durch die von ihm geschaffene Jeschiwa (Rabbtnatsschule), die durch ihn nicht nur zur größten Jeschiwa Oesterreichs-Ungarns und Deutschlands, sondern der von Juden bewohnten Welt wurde und die später nach dessen Hinscheiden unter der Leitung seines nicht minder großen Sohnes Rabbi Samuel Wolf Sofer, dem Verfasser des „Ktaw Sofer", zur höchsten Entwickelung gelangte und heute von seinem Enkel, dem jetzigen Preßburger Rabbiner, forterhalten wird. Wenn es von Palästina im Talmud heißt □nn» pxn N-ny, daß seine Luft die dortigen Bewohner klug und geistesscharf mache, so kann man von Preßburg, von diesem „Klein-Jerusalem", wie es die Frommen nennen, mit Recht sagen, daß seine Luft Thora und Frömmigkeit athme, da seit jeher Thora und Aboda *) von seinen jüdischen Bewohnern gepflegt und Gemiluth Chasodim*) in hohem Maße geübt wurde. Was anderswo erst eingelernt werden mußte, das ist jedem jüdischen Kinde in Preßburg wie angeboren. Die Empfänglichkeit für Thora und Frömmigkeit ist demselben sozusagen mit der Muttermilch eingeimpft. In der Judengasse, wo vor 25 Jahren, der Zeit dieser unserer Schilderung, noch die meisten Mitglieder der Judengemetnde wohnten, wurde man mit Macht und immerfort zu Thora und Abodah hingezogen. Jedes zweite oder dritte Haus barg eine Synagoge, jedes vierte eine kleine Schiurstube, wo alle Abend Thora öffentlich gelehrt und gelernt wurde. Daß dies nicht übertrieben und überschwenglich, beweist die Thatsache, daß zu damaliger Zeit in der Judengasse und der angrenzenden Schloßstraße nicht weniger als elf Synagogen, außer der prachtvollen großen Synagoge und der „Schiurstube", wo die Bachurim (Rabbinatsschüler) beteten, existirten und zum Theile noch heute bestehen, und sechs Schturtm^), wo alle Abend öffentlich Thora Chumesch mit Raschi, Mischnajoth, Talmud mit den Commentatoren, letztere vom Rosch-Beth-Din4) und anderen hervorragenden Talmudgelehrten vorgetragen wurde. Besonders hervorheben müssen wir die ,-ron o'v, wo der große und berühmte Talmudgelehrte und Rosch-Beth-Din Rabbi Nathan Wolf Lieber b”i allabendlich seine scharfsinnigen und geistvollen Vorträge hielt, wo besonders beim ro^>n rusoin-Vortrage das Schiur-Zimmer von außerordentl. vielen Zuhörern, nämlich von zahlreichen Bachurim vollgepropft war, ferner die Thorath-Chesed- Chewra, in dessen Schiur Lokale täglich Vormittags elf Uhr arme, zumeist unbemittelte Talmudisten sich einfanden, Talmud nach der Reihenfolge lernten und immer einer von ihnen abwechselnd den Vortrag hatte. Dieser Verein besitzt einen Fond, aus welchem jedes aufgenommene Mitglied 3—6 Gulden wöchentlich als Beisteuer zu .seinem Lebensunterhalte erhält und auch jung verheirathete fähige Rabbinatscandidaten bis zu ihrem Amtsantritte als Rabbiner mit einem Wochenbeitrage von 6 Gulden unterstützt werden. Doch den Glanzpunkt aller Institutionen der Preßburger Gemeinde bildet die Jeschiwa, welche in ihrer Blüthezeit unter Rabbi Moses Sofer bi 600, noch unter der Leitung meines unsterblichen Lehrers, Rabbi Samuel Wolf Sofer ^"t, 500 Bachurim auszuweisen hatte und gegenwärttg unter der Führung des jetzigen Preßburger Rabb., Rabbi Bunim Sofer 3—400 Bachurim zählt. Daß der größte Theil der Rabbinatsschüler aus Armen bestand, ist leicht begreiflich und daß dieser nicht der schlechtere war, dafür zeugt schon das alte Talmudwort ’jm nnn: „Nehmet Euch in Acht vor den Kindern der Armen, denn von ihnen kommt die Thora." Doch stellten auch die reichen Bachurim ein schönes Contingent, denn die vornehmsten Familien Ungarns und zum Theile auch Deutschlands schickten ihre Söhne nach Preßburg auf die Jeschiwa. Was Wunder! Die öffentlichen Bildungsinstitute für profane Wissenschaften waren in früherer Zeit den Juden nicht so leicht zugänglich, auch waren dieselben von unseren Voreltern verpönt. Die einzige Wiffenschaft, die Geist und Gemüth bilden und veredeln sollte, war zu dieser Zeit die Thora und der Talmud. Wer in diesen Fächern nicht bewandert war, der wurde als ein Am-Haorez^), ein in leerer Mensch, ein Ignorant angesehen, und wurde von den Talmudgelehrten, wenn auch nicht verachtet, aber doch nicht ihnen gleichgestellt. Wen sollte es dann Wunder nehmen, wenn der Aermste seine Söhne, wenn diese nur so ziemlich beanlagt, nach Preßburg auf die Jeschiwa sandten, damit sie sich dort am Borne der jüdischtalmudischen Wissenschaften laben, und wenn auch 1) Gottesdienst. 2) Wohlthäügkeit. 3) Bortragslokale. L) Erster Rabbinatsassessor. 5) Unwissender.