Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 12 (9.2.1893)
- Date
- 1893-02-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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226 Wehr-Major, der sich durch sein schneidiges Wesen bald den Titel „Kolonnenblücher" erworben hatte, fühlte sich unter der Verantwortlichkeit des erwähnten Befehls ungemein gedrückt. Man konnte es dem alten Soldatengesicht leicht ansehen, daß ihm das Schonen des Feindes nicht behagte, daß er zum Kampfplatz geeilt, um den Degen zu ziehen, Lorbeeren zu ernten, kurz, daß die modern-taktische Aufgabe: den Feind zu täuschen, gar nicht sein Fahrwasser war, und daß er am liebsten mit seinen 4000 Mann die ganze Armee des Gegners angegriffen hätte. Diesen aus alter Schule stammenden Impuls theilte natürlich auch seine, aus Landwehr bestehende Mannschaft. Deßhalb hatten sie nicht Frau und Kind, Haus und Hof verlaffen, um hier „militairischen Ulk" zu treiben, sie wollten etwas zu hauen haben. Die Linien-Offiziere unseres Observations-Korps hatten diese Gefühlsregung längst bemerkt und schienen schon das Kommende zu ahnen. Wenigstens äußerte eines Tages unser Hauptmann v. E. zu dem ihn besuchenden Batteriechef M.: „Es soll mich gar nicht wundern, wenn unser „Kolonnenblücher" nächstens eine Ueberraschung liefert, er reitet täglich zu den Feldwachen und die Mannschaft macht nur widerwillig die befohlene Rückwärtsbewegung." „Aber der Befehl? Unsere Handvoll gegen die Macht des Feindes! nein, Herr Kamerad, ich halt's für unmöglich!" „Und ich sage Ihnen, solche Naturen scheren sich den Teufel um Bedenken; der Alte will die Landwehr zu neuen Ehren führen und, unter uns gesagt, hätte selbst Vergnügen daran." „Na meinetwegen auch, die sämmtliche Korps-Artillerie, sage vier Geschütze, soll bei dem Spatz nicht fehlen." „Der Spaß" ging denn auch eines schönen Morgens richtig los. Unsere Feldwachen wurden angegriffen; man zog sich fechtend auf das Soutien zurück, und mit Hurrah kgm. uns das Gros zu Hülfe. Ein regelrechtes Treffen war im schönsten Gange, kein Mensch wollte zurück — „Kolonnenblücher" schwamm in einem Meer voll Wonne. Infanterie, Kavallerie und Artillerie drangen mit einem so freudigen und muthigen Angriff vor, daß der mächtige Gegner einen Moment stutzte und nun anfing, seine ganze Armee zu entfalten. — Selbst als jede Aussicht auf ein „Posttionhalten" geschwunden, unsere Flügel umfaßt waren, sprengte der Oberkommandirende nach dem bedrohten Punkte: «Kinder! das geht uns alles nichts an, wir haben die Kerle nun endlich am Kragen und dürfen sie nicht los lassen!"- Aber jeder Mann sah mit klaren Augen, daß trotz des heldenmüthigen Festhaltens das Verhältnitz ein umgekehrtes war. Die zahlreichen Tobten und Verwundeten, das schrittweise erzwungene Retiriren gaben das sicherste Zeugniß, wer nicht losgelaffen wurde, wen man am Kragen hatte. Unsere Lage wurde mit jeder Minute ernster, unsere Gefangennahme, unser Untergang schien gewiß. Zwar hielt der einzelne Mann noch krampfhaft an jeder Deckung fest, aber die Bataillone waren völlig auseinander gesprengt, ein einheitliche- Kommando hatte aufgehört, Jeder kommandirte und kämpfte auf eigene Faust. Die Kolonne des Feindes formirte sich zu dem entscheidenden Vernichlungsstotz. Der Hauptheil unserer Armee hatte sich glücklich zurückgezogen, nur unser Bataillon konnte weder zurück noch vorwärts, es saß in der Falle und kämpfte in purer Verzweiflung. Aus der ausgeschwärmten Schützenlinie unserer 3. Kompagnie springt in diesem Moment ein Kamerad auf, und dringt mit lautem Hurrah gegen den Angreifer. Die ganze Kompagnie fällt in diesen Verzweiflungsruf, als letztes Mittel, kräftig ein — der Rest des Bataillons hat sich freudig erhoben, die Tamboure schlagen ohne Kommando an. „Marsch, marsch, Hurrah!" erschallt es brüllend auf dem Kampfplatz — die rückwärts stehenden Bataillone hören den elektristrenden Ruf — sie antworten aus vollem Herzen und im Laufschritt kommen sie ihren tapferen Kameraden noch einmal zu Hülfe. Die Gewehrsalven knattern — einheitliche Kommandos erschallen wieder — der Feind bricht das Gefecht, wahrscheinlich aus einer uns unbekannt gebliebenen anderweitigen Veranlassung, ab, es wäre Unsinn zu glauben, wir hätten ihn geschlagen. Aber was Großes war geleistet — wir wurden nicht vernichtet und behaupteten den Kampfplatz, und dieses Alles war dem beherzten tollkühnen Kameraden G.zu verdanken, denn nur durch seinen Heldenmuth war der sichere Untergang des Bataillons abgewendet. Die Kompagnie war noch im Schnellfeuer begriffen, als „Kolonnenblücher" in furchtbarer Erregung in die Schützenlinie stürzte: „Wer hat hier zuerst Hurrah geschrieen?" Niemand antwortete — auch der bescheidene G. schweigt still. „Himmelschockschwerenoth — ich will wissen, wer hier zuerst Hurrah geschrieen." Die Mannschaft, in der verzeihlichen Meinung, sie habe einen Fehler begangen und damit sei eine kolossale Strafe verknüpft, wird erst recht ängstlich und feuert noch immer in der Richtung nach dem Feinde ruhig weiter. — Als der Chef zum dritten Male mit einem kräftigen Fluch dieselbe Frage wiederholte, antwortete ein Musketier unter ganz anderer Voraussetzung: „Dat het de Jud dahn." Aber im selben Moment bemerkt er seine Täuschung. „Laß dich umarmen, mein braver Sohn!" ruft der erfreute Major, und der sichtlich bewegte Musketier empfängt die ehrensten Lobsprüche aller Offiziere und später bei feierlicher Parade, aus den Händen des Generals, die wohlverdiente Dekoration seines Königs.- geben unb Trelde» der Nreßdorzer Iesihlda von Hermann Löwinger. Was Athen und Rom auf dem Gebiete der antiken Kunst, Bologna für die Rechtswissenschaft und Paris für die christliche Theologie im Mittelalter gegolten, das galt seit Hunderten von Jahren und gilt zum Theil noch heute die alte ungarische Krönungsstadt Preßburg im Reiche der Thora und der rabbinisch talmudischen Wissenschaften. Seit Jahrhunderten bildeten die größten Männer Israels, die hervorragendsten Talmudgelehrten, welche in Preßburg die Rabbinatswürde bekleideten, eine ununterbrochene und festgefügte Kette, und durch die Tausende ihrer Schüler wurde durch ganz Ungarn und Deutschland Thora und Gottesfurcht verbreitet. Wenn der uralte jüdische Friedhof in Prag eine Sehenswürdigkeit ist, weil er die berühmtesten Männer Israels in sich birgt, so ist es der alte Preßburger nicht minder; befinden sich doch in diesem hart am Donaustrome gelegenen „alten Beth-Chajim" eine ganze Reihe von Gräbern, in welchen die Leuchten und Gaonim Israels gebettet sind, wie der Maharam Barbi, Rabbi Mosche Charis, Rabbi Akiba Eger (ein Verwandter des gleichnamigen Rabbi's in Posen), der Kabalist Rabbi Meschulem Tiszmeniez und der große Rabbi Moses Sofer (Chatam Sofer). Der Unterschied zwischen Prag und Preßburg ist der, daß Prag nur auf seinen Friedhof, welcher von e n t s ch w u n-