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Der Israelit · 1878-12-25 · Heft 52 (25.12.1878) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 52 (25.12.1878)
Date
1878-12-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1277 traurigen Zustände der Gegenwart hier seine Stelle „wnu, xcto. Geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer Ihrer Zeitung heißt es u. A., daß ich den Genuß einer Bouillon in christlichem Restaurant für erlaubt erklärt habe. Diese Thatsache ist falsch, ich habe allerdings, gestützt auf Gutachten von sieben meist alten Rabbinen in Deutschland und auf Schriften von DDr. Geiger, Stein, Holdheim, Samuel Hirsch, Nascher rc. und den Talmud selbst*), den Genuß einer solchen Bouillon als riabbinisches, nicht mosaisches Verbot hingestellt, also nicht für erlaubt erklärt. Freilich fügte ich hinzu, daß zu den rabbinischeu Verboten z. B. auch das Tragen eines Schirmes, Taschentuches rc. am Sabbat, der Genuß von Wein, Schweizerkäse u. a, m. bei Christe n, das Essen, Trinken ohne Segensspruch und Kopfbedeckung gehören, Dinge, über welche sich sehr viele im Amte stehende Rabbinen — fast alle aus dem konservativen Bresl auer Seminar —hinwegsetzen. Daß ich aber vor Gericht alle erlaubten Vertheidigungsmittel**) anwandte, war doch, wie jeder Billigdenkende zugeben wird, nicht nur mein Recht, sondern meine — Pflicht. Bonn, 22.***) Dec. 1878. Dr. Schreiber, Rabbiner." Synagogen und Synagogen-Kesang in London. ’) London, am 27. Novbr. 1878. Wenn man eine Nation nach ihrer innersten Natur beurtheilen will, so ist es wohl die Art und Weise, in welcher sie ihren Gottesdienst verrichtet, wonach man sie am besten erkennen kann. Diese Ueberzeugung leitete mich auf meinen vielen Wanderungen, und ich machte es mir an allen Orten zur Aufgabe, Synagogen, Kirchen und der An¬ *) Anm. der Red.: Zu was Allem der Talmud herhalten muß.' **) Anm. der Red.: Unsere geehrten Leser sehen, day Herr Dr. S., trotzdem er Kläger war, sich als Verklagten zu betrachten ***) Anm. der Red.: Man beachte das Datum am Anfänge und am Schlüsse des Briefes. Wir empfingen den Brief soeben, Sonntag 22. Dec., früh, mjt der ersten Briefausgabe. Das Datum am Schlüsse desselben tft also falsch; wir wollen jedoch anfügen, daß es möglich ist, daß der Brief nach Ausgang des Sabbats ist geschrieben worden. *) Don einem Nichtjuden. dacht gewidmete Bethäuser aller Religionen zu besuchen, damit ich den Character der Nation an jedem Orte beobachten könne, wo sie sich sozusagen en n6glig6e und von Angesicht zu Angesicht mit ihrem Schöpfer befand. An solchen Orten gab es kein Feilschen, kein Jnteressenspiel, und ein Jeder fühlte sogleich beim Eintritte in das Gotteshaus, daß er vor seinem Richter stand; so daß es Wenige gab, die Zeit fanden, sich nNt etwas Anderem als init ihrem Gotte zu beschäftigen. Was die Jndegredienzien betrifft, aus welchen die Gemeinden bestanden, so fand ich, daß diese in allen Religionen dieselben waren. Ueberall gibt es tugendhafte, aufrichtige, andächtige, begeisterte, fanatische, gleichgültige, gleißnerische, scheinheilige, gottlose, beschränkte oder aufgeklärte Mitglieder. Das muß wohl so sein, sonst hätten Predigten ja keine raison d’ßtre. Dieser, sozusagen moralische Unterschied besteht zwischen den Mitgliedern jeder Gemeinde. Jeder andere Unterschied jedoch, von welchem ich zu sprechen wünsche, ist der auf nationaler Verschiedenheit beruhende und werden außerdem noch die lokalen, klimatischen, politischen und socialen Verhältnisse ihren Einfluß ausüben; und zum öftersten ist auch der Einfluß jener guten Geister, denen die Leitung derselben anvertraut, an ihnen erkennbar. Dieser Unterschied characterisirt die einen und derselben Religion angehörigen Gemeinden verschiedener Nationalitäten, trotzdem die Glaubensbrüder dieselben Glaubenslehren befolgen und denselben Ritus beobachten. Was mich in dieser Beziehung srappirt hat, will ich heute Ihren Lesern nach eigenen Eindrücken mittheilen, und Ihnen einen Einblick in die englischen Synagogen verschaffen, weil ich glaube, daß es Sie interessiren wird, was wohl bei dem im Judenthume bestehenden Gefühl der Zusammengehörigkeit ganz natürlich ist. Noch gibt es eine Art Verschiedenheit zwischen Gemeinde und Gemeinde; und diese ist da bemerkbar, wo einzelne Lehrer eine individuelle Anziehungskraft ausüben Glücklich jene Gemeinden, die die Gunst genießen, tüchtige ernste, begeisterte und glaubenseisrige Lehrer und Führer zu besitzen, Führer, die zu führen wissen und Lehrer, die zu lehren verstehen; denn diese sind es, die den Gottesdienst, den Dienst des allmächtigen Gottes, zur freudigen Pflicht zu machen verstehen. Tritt man nun in eine englische Synagoge, so sieht man sofort, daß die Juden hier Engländer sind. Die Juden im allgemeinen, besonders aber die hiesigen Juden, haben eine Sucht die Art und Weise ihrer christlichen Landesgenossen nachzuahmen. Wir bemerken demnach bei ihnen ganz daffelbe äußerliche Benehmen, als bei den andern Engländern. Der Engländer ist von Natur aus kalt, ruhig, stille, ohne sichtbaren Eifer oder äußerliche Hast. In seinen

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