Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1878)
- Date
- 1878-12-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1279 Kirchen ist es mäuschenstille, man wandelt auf weichen lautlosen Matten herum; keiner spricht über ein Lispeln hinaus; alles kömmt zur genauen Stunde an, und Jeder wird von angestellten oder freiwilligen Aufsehern ruhig an feinen Platz geleitet. Alles wartet laMos auf den Anfang des Gottesdienstes. Noch einen letzten Schlag gibt die harmonische Glocke und die Thüren werden geräuschlos, leise wie ein tauch geschlossen. Niemand findet mehr Einlast; einer darf den Gottesdienst stören — bis die nächste Pause, in der Mitte desselben, Gelegenheit gibt — Nachzüglern Einlaß zu gestatten. — Dieser strammen Ordnung unterwirft sich nun Jeder ohne Widerrede — selbst Diejenigen, die ausgeschlossen wurden. — Wir finden nun in den englischen Synagogen dieselbe Stille, dieselbe Ordnung, dieselbe skrupulöse Reinlichkeit, welche jedoch nicht mit Prunk zu verwechseln ist. Selbst das Gebet, welches m den Synagogen anderer Nationen wie männiglich bekannt, vermöge des dem Judenthume innewohnenden heißeren asiatischen Blutes, mit heftigerem Eifer hervorgestoßen wird, wird ganz nach dem ruhigen englischen Muster gemurmelt. Welcher Contrast, zwischen den englischen und jenen Synagogen anderer Länder.' In Venedig z. B. hat mich das südliche lautschreiende Getöse beinahe betäubt; während in Paris das salonartige Geplauder auf mich den Eindruck des peinlich Lächerlichen machte. An den meisten anderen Orten wie z. B. in Wien, Pesth und an vielen sonstigen Plätzen, haben der ungefesselte Lärm und das Gepolter der zu allen Stunden aus- und einschwärmem den Kinder mich, und ohne Zweifel viele Andere, an aller Andacht verhindert! — Die Reinlichkeit — sit venia verho! — je weiter wir uns vom Centrum der Civilisation entfernen — ja, je weniger wir über diesen Punkt sprechen, desto besser! Was nun die Verwaltung der englischen Synagogen betrifft, so sind fast alle unter der Leitung der „United Synagogues“ vereinigt. — Der Ritus und der Gesang sind nach dem „deutschen Muster, mit Ausnahme der portugisischen Synagogen eingerichtet. Die älteste der englischen Synagogen ist die „Duke’s Place“. Diese und die „North London“ sind die einzigen, welche noch Cantoren des wirklichen Gesanges halber engagiren, von denen man erwartet, daß sie singen. In allen übrigen Synagogen ist der Cantor eigentlich nur derjenige, welcher intonirt, weßhalb er auch besser und richtiger „reader“ oder Vorleser genannt wird, weil er fast gar nicht singt, und dieses beweistwieder, was wir oben schon betont, daß die hiesigen Juden ihren christlichen Landesgenossen in ihren Gebräuchen womöglich genau nachahmen. Da der Cantor nun nicht eigentlich singt, so vereinigt er zweierlei Functionen in sich, nämlich die des Predigers und die des Vorlesers. In der „Reform SynagoguG“ wird dieser Gebrauch noch weiter getrieben, indem die drei angestellten Prediger, die den Gottesdienst abwechslungsweffe verrichten, auch ohne die mindeste Jntonirung vorlesen. Es wird leider der Synagogengesang hier nicht in dem Grade cultivirt, wie es die Wichtigkeit des Gegenstandes erheischt und wie er in Deutschland und am Continente überhaupt gepflegt wird. Was kann es wohl Schöneres und Erhebenderes geben, als der jüdische Synagogen-Gesang, wenn er richtig eingeschult und geübt wird! Niemals werde ich die süßen heißen Thränen vergessen, die mir, einem mr Zeit kaum achtzehnjährigen Jüngling von den Wangen herabrollten, als ich eines Freitags Abends in Wien in der Synagoge das „Lecho daudi“ von dem unübertrefflichen Cantor Sulzer singen hörte! Es muß wohl Zauber gewesen sein, denn von derselbigen Stunde fing ich an an die Orpheus Sage zu glauben, und an den wunderbaren Tanz der Steine!! Ich brauche wohl nicht erst über die Schönheit und den mächtigen Eindruck zu schreiben, welchen ein guter Chor ausübt. Leider ist die Musik hier noch' nicht wie bei Ihnen in das Fleisch und Blut der Nation übergegangen. Die Leute sind eben zu sehr mit dem Geldverdienen beschäftigt, und können daher auf derlei Dinge keine Zeit verwenden. Dann sind die Distancen in diesem colossalen London auch so groß, daß selbst der unerhört riesige Eisenbahnverkehr in dieser Hauptstadt dem Uebelstande nicht ganz abzuhelfen im Stande ist. Es vereinigen sich überhaupt mehrere Umstände, welchen wir es verdanken, daß die hiesigen Synagogenchöre so tief in der Mittelmäßigkeit stecken. Einmal ist der Engländer, wie schon erwähnt, ein kalter nicht sehr begeisterungsfähiger Mensch, demnach verlangt er nicht und erwartet er auch nicht, daß der Chor in seinen Gesängen, sich über die einfachsten Weisen und Leistungen erhebe. Aus diesem Grunde ist das dazu nöthige Material nicht leicht zu finden, und da es Engländer, die Musik verstehen und pflegen, nicht in Fülle gibt, was ein merkwürdiges Phenomenon ist, wenn wir betrachten, wie hoch obenan die Juden anderer Länder in dieser Beziehung stehen — so ist man hier auf Fremde aller Länder angewiesen, besonders auf unbemittelte, oft wenig geschätzte Deutsche, Polen, aber meistens auf Holländer, mit welchen wir uns in Ermangelung besseren Stoffes begnügen müssen. In der Synagoge in „Duke’s Place“ wird der Chor von einem Veteranen der Kunst seit nahezu vierzig Jahren mit besonderem Erfolg geleitet und in der „North London“ haben wir den vortrefflichen und ehrwürdigen Herrn H. Wasserzug als Meister