Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1878)
- Date
- 1878-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1080 Das Geschäft in Wiesenbronn ging schlecht; Rabbi Seligmann Bär war nicht zum Geschäftsmanne geboren; seine Hauptbeschäftigung war nob nwnpn urrm Morgens früh, wann er aus der Synagoge kam, Pflegte er zu sagen: „Wenn heute nur keine D'Jip (Kunden, Käufer) kommen, damit ich nicht im Lernen gestört werde " — Schon in Wiesenbronn kamen Schüler zu seinen talmudischeu Vorträgen; wir wollen nur zwei dieser Schüler namhaft machen. Herr Oberrabbiner Stern in Hamburg und Herr Rabbiner Fromm in Frankfurt a. M. Wenn aber auch sein Geschäft in Rückgang kam, so wuchs sein Ruf als jüdischer Gelehrter und als eifriger Verfechter der Wahrheit von Stunde zu Stunde. So wurde er ausersehen, bei der im Jahre 1836 von der bayrischen Regierung einberufenen Notabeln-Versammlung den damals hochbetagten Würzburger Rabbiner, Rabbi Abr. Bing zu vertreten, und seiner Energie namentlich war es u verdanken, daß jene Versammlung , auf welche die Reformer große Hoffnungen gesetzt hatten, — es war der Antrag gestellt worden, das Schreiben am Sabbat zu gestatten!! — einen günstigen Verlauf nahm. Wenige Jahre nachher starb Rabbi Abr. Bing yV'*; die würdige Wiederbesetzung des Würzburger Rabbinats war von der größten Wichtigkeit, nicht allein für die zahlreichen Glaubensgenossen in Unterfranken, sondern für ganz Deutschland, da Würzburg als Universitätsstadt von vielen Studenten der jüdischen Theologie besucht wurde. Damals war in Bayernder Hauptsitz der himmelstürmenden Reform: Löwy in Fürth, Stein in Burgkunftadt (später in Frankfurt a. M-, jetzt Prediger an dem Reformtempel der in Frankfurt wohnenden Americaner West-End-Synagoge), Aub in Bayreuth (jetzt in Berlin), zu denen sich noch andere Süddeutsche wie Geiger in Wiesbaden (starb in Berlin), Einhorn in Birkenfeld (jetzt in Newyork), Mayer in Stuttgart, Kreizenach in Frankfurt, gesellten) — Diese Männer wollten das Iudenthum umgestalten; sie wollten eine ganze Reihe von Geboten und Verboten aufheben, um die politische und bürgerliche Gleichstellung zu ermöglichen; sie wollten den Gottesdienst in der Synagoge nach christlichem Muster einrichten, wollten aus demselben heilige Grundsätze des Judenthums verbannen, wollten Ceremonien in denselben einführen, die dem Judenthume fremd sind. Wäre einer der Obengenannten nach Würzburg auf den vacanten Rabbinersitz berufen worden, so wären dem Judenthum große Gefahren erwachsen. Da bot der rühmlichst bekannte, in diesen Blättern häufig erwähnte Rabbi Mendel Rosenbaum aus Zell bei Würzburg seinen ganzen Einfluß auf, um Rabbi Seligmann Bär Bamberger zu berufen, j und es gelang unter göttlichem Beistände. Mit; ihm begann eine neue Aera für das Iudenthum in Bayern, in Deutschland. Von weit und breit j strömten die talmudbeflissenen Jünglinge nach Würz- : bürg, um zu den Füßen des großen Lehrers zu! sitzen und ihren Wissensdurst zu befriedigen. — j Die Lehrweise des Meisters war dem abgeneigt; ruvz-y ->'Q7b war der Zweck und das Ziel seines Lehrens und Lebens. Dem entsprachen auch seine bedeutenden unsterblichen Werke. Da ist vor allen Dingen sein rojoo, das für die Ausführung der wichtigen, täglich zu übenden Gebote ein unentbehrliches Handbucy geworden, das eine vorher tief empfundene Lücke meisterhaft ausgefüllt hat; sein miD, von ebenso großer Wichtigkeit für das tägliche Leben, sein irpp' rrn1? h-pdn, ein für jüdische Ehe- und Hausfrauen unentbehrliches Buch; der practische Werth stand dem gelehrten Verfasser in erster Linie. Wir haben schon in voriger Nummer der Lehrer-Bildungs-Anstalt erwähnt und des großartigen humanitären Wirkens des edlen Mannes.! Was er für die Armen des heiligen Landes gethan — unsere geehrten Leser wissen es aus den j vielen Extrabeilagen zu diesen Blättern, welche : die von ihm gesammelten Spenden namhaft mach- ’ ten. Mit welcher Sorgfalt er für Alles und Jedes , was das heilige Land betraf, wirkte und strebte, das entzieht sich jeder Beschreibung. — Seine Uneigennützigkeit, seine peinliche Gewissenhaftigkeit in allen Dingen sind sprichwörtlich geworden. Wir wollen nur einige wenige characteristifche Züge hier mittheilen. Wiewohl strenge gegen sich im höchsten Grade, hütete er sich auf das Sorgfältigste, für Andere etwas als verboten zu erklären, was erlaubt wer- , den durfte. Zweimal kam es ihm vor, daß er j etwas für „terepha" erklärt hatte, was ihm hin-! terher „koscher" schien. In beiden Fällen ersetzte! er den Fragestellern den Werth des betreffenden j Gegenstandes. — Als er einst in seinem Hause einen ungestempelten Kalender entdeckte, vernichtete j er soviel Briefmarken wie der Werth des Stempels! betrug, damit die Staatskasse keinen Schaden erj leide. — Nicht minder penibel war er, wenn es sich um große Dinge handelte. Jemand aus seinem Bezirke hatte das große Loos gewonnen , und wollte dem geliebten und verehrten Rabbi, der damals in nicht sehr glänzenden Verhältnissen | lebte , 6000 fl. schenken. Da aber der Gewinner j sehr arme Verwandte hatte, die sich in der drückend-; sten Noth befanden, so bat ihn der Rabbiner, auch! diese zu bedenken. Der Gewinner aber weigerte sich, für seine Blutsverwandten, das Geringste zu