Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1877)
- Date
- 1877-04-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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343 lerinnen. Als der Wagen, in dem sich der Rabbiner und der Königliche Resident befanden, durch den Triumphbogen fuhr, ertönte ein tausendstimmiges Hoch, da auch die anwesenden Christen mit einstimmten. Der Rabbiner und der Resident stiegen aus dem Wagen, und nun trat ein Knabe vor, um die Anrede zu halten. Dieser Knabe, Akiba Eger hieß er, sollte später ein großer, berühmter Mann werden. Er war der Sohn des Vorstehers Rabbi Bunnam Eger; er wurde später ein weiser und geistvoller Lehrer des Talmud; von seinem Wissen und seinem Scharfsinn legt das rühmlichst bekannte Werk, Mischnath Rabbi Akiba, glänzendes Zeugniß ab; er starb als Rabbiner in Preßburg, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts; sein gleichnamiger Enkel*), der Rabbiner von Posen, wurde noch berühmter und ist unfern Zeitgenossen noch besser im Angedenken. Der junge Akiba, schon als Knabe durch Geist und Scharfsinn hervorragend, war dazu ausersehen worden, die verehrten Gäste zu begrüßen. Er sprach ein hebräisches Gedicht, das er selbst verfaßt hatte. Er pries Rabbi Bärmann als einen zweiten Menascheh ben Jisroöl, als einen Beschützer und Wohlthäter seines Volkes. Er zählte alle die vielen guten Thaten auf, die Rabbi Bärmann schon vollbracht, den Wiederaufbau der Synagoge, die Drucklegung des Talmuds und viele andere Dinge; das Größte aber sei, daß er seiner Vaterstadt nunmehr einen Rabbinen gebracht habe, der geeignet sei, den Ruhm Halberstadts zu begründen für ewige Zeiten, der hier dem Thorastudium und dadurch der Gottesfurcht, der Frömmigkeit eine Heimstätte verschaffen werde, die stets fortwirkend, noch nach Jahrhunderten nicht aufhören würde, Früchte zu tragen. „So sei uns denn gegrüßt," schloß der Knabe mit einer Anrede an den Rabbinen, „Du großer Lehrer in Israel, Du mächtiger Adler , der Du aus weiter Ferne herbeigeflogen, um hier zu horsten! Wir begrüßen Dich als unsern Vater, begierig, aus den Quellen zu schöpfen, die Deiner Weisheit entströmen werden; mögest Du recht lange bei uns verweilen, recht segensreich wirken, bis zu der Zeit, da es Gott gefallen wird, die zerstreute Lämmerheerde Israels zu sammeln von allen Enden der Erde!" Ein donnerndes „ Amen" erscholl. Wiewohl die ganze Anrede in hebräischer Sprache gehalten wurde und nur Wenige den Sinn verstanden, so hatte der Knabe sie doch mit solchem Verständniß *) Derselbe war der Sohn einer Tochter des älteren R. Akiba Eger; er hieß eigentlich Gin; und war aus Eisenstadt; er Unterzeichnete sich stets: Akiba Ginz aus Eisenstadt, aus der Familie Eger. und solcher Erregung vorgetrazen, daß Alles tief ergriffen war. Nun nahm der Rabbiner das Wort; er sprach deutsch und zwar jüdiscd-deutsch, wie es damals — mit geringen Nüancen — von den Juden allgemein gesprochen und verstanden wurde. „Rabaußai, meine Herren," sagte er, „ich danke Euch für den herzlichen Empfang, den Ihr mir bereitet habt. Ihr konntet mich nicht mehr erfreuen als Ihr es gethan, dadurch, daß Ihr mir durch. den Mund eines Kindes so Schönes habt aussprecken lassen. Eine Gemeinde, die solche Knaben heranwachsen läßt, die ist es werth, einen Namen zu erhalten in Israel. Was ich dazu beitragen kann mit meiner schwachen Kraft, ich will es gerne thun, und ich fühle es, Gott wird mein geringes Wirken segnen; Er wird mir Schüler geben, die das Thorastudium verbreiten in diesem ganzen Lande. Meine Freunde, ich bin Eurem großen und berühmten Manne, dem Rabbi Bärmann hier, aus weiter Ferne gefolgt. Ihr habt wohl schon gehört.. daß ich ihm Freiheit und Leben verdanke; ich wäre ihm gefolgt, wohin immer er mich geführt hätte und wäre es gewesen in ein wüstes, unbesäetes Land, wo die heilige Saat der Thora nicht aufgegangen ist und nicht aufgehen könnte. Jetzt aber .... Laßt mich den Gedanken, der mich beseelt, anlehnen an einen Ausspruch der Weisen im Midrasch. Ihr wißt, das Siegeslied Moscheh's am Schilfmeer beginnt mit dem Wörtchen „Os" dann. Dazu bemerken die Weisen, weil Moscheh mit dem Wörtchen „Os" sich vergangen, deßhalb wollte er mit demselben Wörtchen Gottes Ruhm verkünden. Meine Brüder, welches ist wohl der Sinn dieses eigenthümlichen Ausspruches der Weisen? Ich will es Euch erklären. Gott hatte den Moscheh nach Mizrajim geschickt zum König Pharao, um die geknechteten Israeliten zu befreien. Statt der erhofften Freiheit wird nur noch schlimmer der Druck. Da beklagt sich Moscheh darüber; aber Gott sagt: „Habe nur ein wenig Geduld, Du wirst schön sehen meine Hilfe." Und Moscheh hat sich das gemerkt, da ja dann auch sofort die Hilfe Gottes und die Befreiung des Volkes eintrat. Aber am Schilfmeere war Israel in einer schrecklichen Lage: hinter ihm die Verfolger, zu beiden Seiten unersteigliche Felsen, vor ibm da« Meer. Jetzt aber beklagte sich Moscheh nicht; er wartete zuversichtlich die Hilfe Gottes ab, und als diese nun gekommen war, als die Israeliten trockenen Fußes durch daS Meer gezogen, die Verfolger aber umgekommen waren» „£)§," dann sang Moscheh daS SiegeSlied. gleichsam damit aussprechend: Niemals mehr, o Gott, werde ich an Deiner Hilfe