Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-04-11 · Heft 15 (11.4.1877) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 15 (11.4.1877)
Date
1877-04-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447711--13596-2469470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

344 verzweifeln, und wenn Alles noch so trübe sich zu gestalten scheint — das selbst ist ein Mittel in Gottes Hand zur Hilfe, zur Rettung, zur Befreiung. Aehnlich ist es mir ergangen, meine Freunde; die große Noth, alles Leid, aller Kummer, Alles, was Gott mich hat erdulden lassen — eS ist mir zur Hilfe, zur Rettung, zum Segen geworden. Gott hat mich dadurch geführt in diese gottgesegnete, heilige Gemeinde, in der es Knaben' gibt, wie diesen da, in der es Männer gibt, wie Rabbi Bärmann! Wie kann ich dem Allgütigen genug dafür danken? Ja, ich will Euch lehren das Wenige, das ich weiß, ich will Euch ein Freund und Berather sein! Ihr sollt meine Kinder sein. Ich will Euch lieben, wie ein Vater seine Kinder liebt." Der Rabbi mußte aufhören zu reden; Thränen erstickten feine Stimme. Alle Anwesenden weinten in freudig-wehmuthsvoller Rührung. Jetzt trat der Oberbürgermeister Dieterich heran. „Herr Rabbiner," sprach er, die Hand des Rabbi ergreifend, „ich begrüße Euch im Namen der Stadt. Ich habe zwar nicht Alles verstanden, was Ihr sagtet, aber, was ich davon verstanden habe, war gut. Herr Bärmann, seid auch Ihr willkommen. Wie ich höre, seid Ihr zu großen Ehren gelangt, seid ein Königlicher Resident geworden; na, Ihr verdient's wieKeiner! Aber sagt, was sind das für mächtige Dinger, die Ihr da mitgebracht habt?" Er zeigte auf einen Wagen, auf dem, wohlverpackt, zwei große Säulen lagen. „„Es find Marmorsäulen,"" sagte Rabbi Bärmann, „die ich aus Rußland habe kommen lassen; sie sollen die heilige Lade in unsrer neuen Synagoge tragen."" Alles hatte sich herzugedrängt, um die Marmorsäulen zu sehen. Rabbi Bärmann ließ die Hüllen entfernen, und die kostbaren Säulen boten sich den Blicken der erstaunten Halberstädter dar. So etwas hatten sie noch nie gesehen! Daß sie aus so weiter Ferne kamen, das erhöhte ihren Werth noch bedeutend in den Augen der Betrachtenden. Die Bewunderung wollte kein Ende nehmen. Sie sind aber auch wirklich schön, diese Säulen. Wenn Du, lieber Leser, einmal nach Halberstadt kömmst, so versäume nicht, die große Synagoge zu besuchen; dann kannst Du Dich selbst davon überzeugen, wie prächtig diese Säulen die heilige Lade schmücken, noch heute, nach mehr als 170 Jahren. Während nun die Aufmerksamkeit der Halberstädter durch die Marmorsäulen in Anspruch genommen war, führten die Vorsteher den Rabbinen und die Seinen, sowie dessen Begleiter Rabbi Mosche Brisk, in die für sie bereitete Wohnung. Rabbi Bärmann aber suchte sein eigenes Haus auf, wo ihn Frau und Töchter mit nicht enden wollendem Jubel empfingen. Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber und Rabbi Joel, der Schwiegervater, über die geschäftlichen Ereignisse während der langen Abwesenheit des Hausherrn berichtet hatte, schlich sich Röschen, seine jüngste Tochter, an den Vater heran und fragte schüchtern: „Ist Asarjah nicht mitgekommen?" Wohlgefällig betrachtete der Vater das erröthende Mädchen. „„Er wird erst morgen kommen,"" sagte er. „..Er ist über Dresden gefahren, wo er noch etwas für mich zu verrichten hat."" Und als nun am andern Tage Asarjah kam, da war es für Röschen noch ein froheres Fest als der Tag zuvor für die ganze Gemeinde. Und Asarjah? Er benahm sich sehr zurückhaltend gegen die Tochter seines Herrn und Wohlthäters. Durfte er, der mittellose Jüngling, seine Augen erheben zu der Tochter des Königlichen Residenten? Dem klugen Bärmann, der auf Alles achtete, entging die Neigung seiner jüngeren Tochter und das zurückhaltende Benehmen Asarjah's nicht; aber er machte seine Beobachtungen im Stillen und verrieth sie weder durch Wort noch Miene. Wollte er seine Zustimmung versagen und nicht durch vorzeitige Hemmung das glimmende Feuer zur Flamme schüren, oder hatte er nichts dagegen einzuwenden, wenn seine Tochter den treuen und bewährten, im Geschäfte gut zu verwendenden Diener erwählte? * Unterdeß wurde bi? Hochzeit der altern Tochter, die wegen Rabbi Bärmauns Reise und dringender Geschäfte, war aufgeschoben worden, 'mit großem Pompe gefeiert. Aber schon am Tage nach der Hochzeit kam ein Eilbote. derdenKöniglichen Residenten an den Hof nach Dresden berief. Der Strahlenkranz der polnischen Königskrone sollte durch trübe Wolken verfinstert werden. (Fortsetzung folgt. Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Lc Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.