Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1871)
- Date
- 1871-08-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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657 etwas mehr übrig als unser berühmter Begräbnißpkatz, auf welchem die Grabmaler vieler großen Männer die Jahrhunderte überdauert haben. Und die alte Synagoge, diese älteste, ehrwürdigste und dabei in ihrem Alter so wunderbar schöne Synagoge? Ach, sie ist entweiht durch unjüdische Einführungen, durch Orgelklänge, die dem jüdischen Gotteshause fernbleiben sollten! Wie in andern großen Gemeinden, so hat sich auch hier eine orthodoxe Religionsgesellschaft gebildet, die freilich nur aus zwölf Mitgliedern besteht. Der Glückliche, dem es Vorbehalten war, „eine Orgel oder etwas Derartiges" in unsere allehrwürdige Synagoge einzuführen, ist der Rabbiner, Herr vr. Alex. Stein; denn ein ehemaliger Zögling des Breslauer Seminars sitzt auf dem Rabbinatssitze Raschi's, des Rokeach und des Chawaß Ja'ir!!! Die Seele des Widerstandes gegen die Orgelei ist Herr Moses Mannheimer, ein Schüler des weitberühmten, vor sieben Jahren p den Vätern Heimgegangenen Wormser Rabbinen R. Koppel Bam berge r y'pW'i. Am 23. Januar a. c. schied ein Mitglied des Vorstandes aus, und fand deßhalb eine Neuwahl statt. Von 190 stimmberechtigten Gemeindegliedern betheiligten sich nur 42 an der Wahl; 19 von diesen gaben Herrn Moses Mannheimer ihre Stimmen, der in Folge dessen durch relative Majorität zum Vorstandsmitgliede erwählt war. Dies Resultat war in der That überraschend; die enragirten Fortschrittler sprühten Feuer und Flamme. Die im Amte verbliebenen vier Vorsteher erließen gegen die Wahl des Herrn Mannheimer einen Protest an das löbliche Kreisamt, in welchem sie sagten, daß Herr Mannheimer ihrem würdigen Rabbiner in der schroffsten Weise gegenüberstehe und dem Fortschritte in der Gemeinde einen Hemmschuh anlegen würde; es sei sehr zu bedauern, berichteten die Herren an das Kreisamt, daß es in Worms noch 19 Juden gebe, die sich dem Fortschritte widersetzen wollten. Als größtes Verbrechen wurde m dieser Eingabe Herrn Mannheimer die Opposition gegen die Orgel in der Synagoge vorgeworfen, welche doch der Rabbiner von Worms und sehr viele Wormser Männer, Frauen, Knaben und Mädchen als die höchste Weihe des Gottesdienstes für Sabbate und Feiertage betrachten. Unglücklicher Mannheimer! Du bist verurtheilt. Du böser, verstockter Mensch wagst gegen die Orgel in der Synagoge zu opponiren, trotzdem so viele Wormser Knaben und Mädchen, Männer und Frauen in Verbindung mit einem ehemaligen Breslauer Seminaristen diese für die höchste Weihe des israel. Gottesdienstes erklären! Was hilft es Dir, verstockter Sünder, daß die größten und bedeutendsten Rabbinen, ein Akiba Eger, ein Moses Schreiber, ein Herz Scheuer und Tausende der größten jüdischen Geistesheroen die Orgel im jüdischen Gotteshause für unzulässig erklärt haben und erklären und die Theilnahme an einem Orgelgottesdienste verboten haben und verbieten — warum beugst Du Dich nicht in Denmth vor der Geschmacksrichtung der vielen Wormser Knaben und Mädchen, vor der Autorität und dem gediegener: Urtheile so vieler Wormser Männer und Frauen, vor der himmelhohen und abgrundtiefen Gelehrsamkeit eines verbreslauten Rabbinen? Gehe in Dich und thue Buße, Du verirrtes Lamm! Außerdem wurde noch manches harte Wort gegen den Privatcharakter des Herrn Mannheimer beigefügt und zum Schlüsse wurde die Behörde gebeten, der Wahl des Herrn Mannheimer die Bestätigung zu versagen; zugleich wurde, wenn die Behörde sich nicht dem Willen der Herren Vorsteher füge, mit Niederlegung der Aemter gedroht. " | Am 14. März langte vom löbl. Kreisamte der z Bescheid herab, daß die Wahl des Herrn Mannheimer | nicht ungiftig erklärt werden könne, worauf der Vorstand Reeurs an das Großh. Ministerium des Innern ergriff. In dieser Eingabe wurde Herr Mannheimer auf jj das Schrecklichste mitgenommen. || Mannheimer, wagten diese Herren zu behaupten, jj gehöre nicht zu den angesehenen Gemeindegliedern j in Folge seinerAgitationen gegen die fortgl schriftliche Bewegung!!! Er widerstrebe den Verf befferungen (?) im Gottesdienste, er sei deßhalb der ks böse Geist (sic!), der Friedensstörer!!! (j Wahrlich, muß man solchen Behauptungen gegenjj über nicht wie Jesaias rufen: Jj „Wehe (diesen Wormsern), die das Böse gut und jj das Gute bös nennen, die Finsterniß als Licht und Licht p als Finsterniß darstellen, die vorgebcn, daß das Bittere jj süß und das Süße bitter sei!" j; Wie bethört sind doch diese Menschen, wie selbstjj gewiß; sie hatten sich für klüger als die großen Weisen p Israels und halten ihren kleinlichen Firlefanz für das jj Heil Israels und der Menschheit, und wer sich ihrem gj Harmonium und anderm modernen Flitter wideyetzt — das ist der böse Geist, wohl gar Satan in höchsteigener Person! Auch das Kreisamt wird in dieser Eingabe an die höchste Behörde angegriffen; es habe es nicht der Mühe werth gefunden, sich zu überzeugen; seine Verfügung sei räthselhaft und beklagenswerth. Allein das Großh. Ministerium hat den löblichen Wormser Vorstand keiner directen Antwort gewürdigt. Unterm 7. Juli zeigt ihm das Kreisamt an, daß das Ministerium seine Beschwerde als unbegründet verwo rfen habe, woraus denn der Vorstand in corpore seine Entlafsuim gab, die das Großh. Kreisamt genehmigte und eine Neuwahl von vier Mitgliedern anordnete. Alle