Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1871)
- Date
- 1871-08-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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658 die gewechselten Schriftstücke haben dann die abgetretenen Vorstandsmitglieder lithographiren und in der Gemeinde vertheilen lassen. Es war wohl nicht anders zu erwarten, als daß der auch in seinem Privatcharakter hart angegriffene und verdächtigte Herr Moses Mannheimer eine Rechtfertigung an die Gemeindeglieder richtete. Diese ist nun gestern erschienen. Wir bedauern, gestehen zu müsseu, daß Herr M. sich nicht darin auf die Höhe der Situation erhebt. Es ist nicht das Feuer der Begeisterung und der heilige Eifer für die Erhaltung unserer Religion, denen wir in dieser Rechtfertigung begegnen, nicht der wohlberechtigte Zorn über den verkehrten und kleinlichen Sinn der Gegner, die den Kampf für die Religion der Väter als etwas Verderbliches und Schlechtes bezeichnet haben — nein, von allem Dem Nichts; bloß eme persönliche Zurückweisung der persönlichen Beleidigungen, Verdachligringen und Anfeindungen und eine Heimzahlung den Gegnern mit gleicher Münze. „Was," ruft Herr Mannheimer entrüstet, „ihr sagt, ich sei kein angesehener Mann? aber seid ihr denn anaesehene Männer? Des Herrn P. Familienleben ist sprichwörtlich, Herr B. gilt bei seinen Collegen als Mann ohne Verstand, Herr S. ist als „Schuft" bezeichnet worden und hat diesen Schimpf auf sich sitzen lassen, Herr E. ist nichts als der Bruder seines Bruders, Herr M. bedarf eines Schornsheim« Bauern als Schutzredner x. x. Da wir oben die persönlichen Angriffe nicht notirt haben, so brauchen wir uns jetzt auch nicht mit der Zurückweisung derselben aufzuhalten. Nur so viel wollen wir noch bemerken, daß die Zustände in unserer Gemeinde tief, tief bedauerlich sind. rvono :nrro vvana -lrvp empori bj Worms, die einst so heilige, fromme, an talmudischer Gelehrsamkeit unübertroffene, in Deutschland tonangebende jüdische Gemeinde, in der die heiligen Märtyrer, die für die Heiligung des göttlichen Namens gern und freudig ihr Leben Hingaben, nach'Tausenden zählten — was ist aus Worms geworden? Das Feuer der Begeisterung ist erstorben, die Gesetzestreue ist verschwunden, die Kenntniß der Gotteslehre ist dahin, und Diejenegen, welche eS wagen, für die Religion der Väter einzustehen, werden als der leibhaftige Teufel (böse Geist) derart angeschwärzt, daß sie selbst in ihrer Vertheidigung für ihre Prineipien einzustehen Anstand nehmen. Vielleicht ist die Bloßlegung dieser verfaulten und verkommenen Zustände dazu geeignet, eine Erhebung und Besserung zu erwirken. L. Zeitungsnachrichten und Gorrefpoudenzen. Deutschland. Pfungstadt, 22. August. Man schreibt der „Frankfurter Zeitung" aus Berlin: „Hiesige Blätter melden, das Bundesoberhandelsgericht hat jüngst entschieden, daß an einem jüdischen Feiertage, der nicht auf einen Sonntag oder allgemeinen Feiertag fällt, den Juden Erfüllung eines Vertrags angeboten. und Annahme zugemuthet werden darf." In dieser Entscheidung des obersten deutschen Gerichtshofes ist.nicht ausgesprochen, daß auch der Jude verpflichtet, die angeboteue Erfüllung eines Vertrags oder zugemuthete Annahme eines solchen an einem Sanrstage oder jüdischen Feiertage zu acceptiren, und im Weigerungsfälle die hieraus entstehenden Nachtheile zu tragen habe; wäre dies der Fall, so hätten wir abermals einen Beweis, wie es mit der Gleichberechtigung, die uns gewährleistet, bestellt ist. Gleiche Pflichten, jal aber gleiche Rechte, — das ist etwas Anderes! I. Düsseldorf. Der Vorstand der Bildungs-Anstalt für isr. Lehrer in Düsseldorf veröffentlicht seinen zweiten Bericht. In demselben sind die erzielten Resultate von drei Semestern, vom Herbste 1869 bis Ostern 1871 verzeichnet. Die Anstalt ist in eine Präparanden- Clasfe und in eine Seminar-Claffe getheilt. Wir gestehen, daß uns die Lectüre des Berichtes recht Herzlich erfreut hat, denn wir sehen aus dem Schulbericht der Fachcommission, daß dieses Seminar ein echt jüdisches ist; den hcbr. Fächern (Religionswissenschaft) wird eine sorgsame Pflege gewidmet, so daß die Zöglinge nach Absolvirung desselben (so viel wir wissen, besuchen die Zöglinge 3 Jahre lang die Anstalt) vollständig mit den Kenntnissen ausgerüstet fein können, die für den Beruf eines jüdischen Lehrers, die zumeist Religionslehrerstellen bekleiden, unumgänglich nöthig sind. In der Präparandenklasse sind der Religionswissenschaft 13 Stunden wöchentlich und in der Seminarklasse 15 Stunden gewidmet. 7 Zöglinge sind bereits von der Fachcommission in den religionswissenschaftlichen Fächern geprüft und für reif erklärt worden. Aber auch der Unterricht in den profanen Wissenschaften erfreut sich aller Sorgfalt. Die Zöglinge legen vor Austritt aus der Anstalt eine Staatsprüfung ab. An der Anstalt unterrichten die Herren Rabbiner Dr. Feilchenfeld, Director Dr. Plato und M. Schwarzschild; außerdem noch 5 Fachlehrer. Gegenwärtig werden 15 Schüler auf Kosten des Vereins zur Unterhaltung eines jüdischen Lehrer-Seminars im Rheinland unterrichtet und beinahe vollständig aus Vereinsmitteln unter-