Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1871)
- Date
- 1871-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447534--09663-2465369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
656 Ausspruch eines weisen Mannes gehört oder gelesen, ohne daß dieser einen besondern Eindruck auf uns gemacht hätte. Da ereignet, es sich aber, daß wir oder einer unserer Freunde in eine Lage gekommen, in welcher jener Vers oder jener Ausspruch sich ganz besonders bewahrheitet — und nun hören oder lesen wir mit ganz anderer Empfänglichkeit; ein neues Licht scheint uns aufzuaehen, und wir sind von der Wahrheit durchdrungen, begeistert. O, dann benutze die Gelegenheit, mein Bruder, meine Schwester, dann präge Dir die erkannte und an Dir oder an Andern erfahrene Wahrheit ein, tief ein, und vergiß sie nimmer. Wiederhole sie Dir oftmals, leise und laut, in der Einsamkett wie in der Gesellschaft, sprich darüber und suche auch Andere zu belchren; denn das Letztere ist ein bewährtes Mittel, sich sell>st zu bessern. Du würdest Dich ja schämen, vor Dir selber schämen, wolltest Du eine Sünde begehen, einem Laster Dich hingeben, vor dem Du Andere so eindringlich gewarnt hast! In Seiner Barmherzigkeit hat unser Vater im Himmel uns besondere Zeiten gegeben, in denen unsere Empfänglichkeit für das Gute und. Wahre größer ist. Schon mahnt uns täglich des Widderhorns eindringlicher Ton. Bald naht die Zeit, in der wir uns vor Anbruch des Tages von unferm Lager erheben, um die sonst dem erquickenden, aber auch oft entnervenden Schlafe geweihten Stunden im Gebete zu verbringen. Früh, ehe die Sonne im Osten zu leuchten beginnt, versammeln wir uns im Gotteshause, halten Einkehr bei uns selbst, halten Abrechnung mit unserer Seele, verkünden mit lauter Stimme des Allvaters erhabene Größe, Seine Allmacht, Seine Barmherzigkeit, Seine Gnade. Seine Langmuth, Seine große Liebe, Seine Verzeihung den Sündern, Verbrechern und Lasterhaften gegenüber, und wir sprechen es aus in denselben Worten, in welchen einst Moscheh Verzeihung erflehte für das fündige Volk, da Gottes Herrlichkeit an ihm vorüberzog. Wahrlich, welches Herz wäre wohl so verstockt, in solchen Stunden nicht empfänglich zu sein für das Gute und Wahre, bei solchen Worten nicht Gottes Nähe zu empfinden, sich nicht aufzuraffen, um abzuschüt- , teilt der Sünden Last und die üblen Gewohnheiten affe? Aber die Erfahrung lehrt es leider täglich, daß auch diese erhabenen Momente spurlos an so Vielen vorübergehen, daß die Worte unverstanden und unbeherzigt von den Lippen fließen. Ha, werden da Viele rufen, das ist's ja eben, was die neuere Zeit zu ändern bemüht ist! Warum, fragen sie, soll man in einer unverstandenen Sprache, warum nicht in der Muttersprache betend Du irrst, der Du also sprichst. Die heilige Sprache, in der Gott sich uns offenbart hat, in der die Provheten das Wort des Herrn verkündet haben , läßt sich durch keine andere ersetzen, und Gebete, die in den modernen Sprachen abgefaßt, würden nicht wie jene erhabene Laute unser Herz ergreifen, unfern Geist erleuchten; sie würden bei jeder Wiederholung matter und schaler werden. Und daß der Unwissende sie nicht versteht, das soll uns veranlassen, uns unserer kostbarsten Kleinodien zu entäußern, das Band zu zerreißen, das uns mit allen Glaubensgenossen der Erde und mit den großen Geistern der Vorzeit verbindet? Laßt uns vielmehr dahin streben, daß die Kinder der hebräischen Sprache mächtig werden, und die in Unwissenheit Erwachsenen mögen das nachzuholen sich beeisern, was sie in der Jugend versäumt haben. Wie, Du meinst, mein Bruder, Du seiest zu alt dazu? £), glaube das nicht. Gestern ist mir ein Mann begegnet, der wohl 40 bis 50 Jahre zählt; er war bis vor kurzer Zeit Baumwollenweber; aber sein Geschäft vermochte ihn nicht zn ernähren; da hat ihm ein Freund eine Anstellung in seinem ganzanders gearteten Geschäfte gegeben, und der bejahtte Mann hat die neue Handtierung mit schwerer Mühe erlernt, um für sich und die Seinen Nahrung und Kleidung und Wohnung zu beschaffen. Und Du meinst, Du wärest zu alt zum Lernen da, wo es sich um Dein ewiges Heil, um das ewige Leben handelt % Aber auch das Verständniß allein übt nicht immer die so nothwendige Wirkung. Deßhalb muß der Mensch sich selbst stets ermuntern und erwecken, muß gedenken der Zeit, da er am Ende seiner Tage angelangt, da sein Fleisch dahin schwinden und er in's Grab gelegt werden wird, da sein unsterblicher Geist erscheinen muß vor dem ewigen Richter , um den Lohn seiner Thaten zu empfangen, nach dem Aussprache des Psalmisten wann bx, n:n, „erzittert, und ihr werdet nicht sündigen". Nicht weiß der Mensch, wann sein Ende naht, ob schon bald, ob erst in späterer Zeit; deßhalb soll er in den Tagen der Ruhe, der Kraft und Gesundheit des Endes gedenken, seine Sünde bekennen und bereuen und sich frei von ihr machen, bis es chm gelungen, die Krancheit seiner Seele zu heilen. (Fortsetzung folgt. Die israelitische Kernewde zu ZSorms. Worms, 21. August. Es ist eine der ältesten und berühmtesten israel. Gemeinden Deutschlands, über deren traurige Verkommenheit zu berichten mir heute die schmerzliche Pflicht obliegt. Einst tonangebend in der ganzen m Welt, ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit und FrönMgkeit, der Sitz der größten Männer der Judenheit, Mrger Märtyrer und Glaubenshelden, ist von allem Dem kaum