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Der Israelit · 1863-07-29 · Heft 30 (29.7.1863) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
4 (1863)
Issue
Heft 30 (29.7.1863)
Date
1863-07-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zn Nr. 3V des Israelit. Zeitungsnachrichten n. Correspondeiyen. Preußen. Aus Oberschlesien, den 22. Juli. Was vermag der Zufall? Wenn Sie, geehrter Herr Redacteur, antworten: Sehr viel, *) dann tritt zwischen uns beiden eine Gedankenharmonie ein, die der Lateiner mit zwei Superlativen näher bestimmen würde. Ja, der Zufall führte mich innerhalb dreier Wochen zwei Mal in Schlesiens sichöne Hauptstadt. Es war dies zu einer Zeit, die ein eifriger Katholik roth angestrichen hätte. Beide Mal kam ich Donnerstag — das erste Mal den 2. Juli — nach Breslau, und auf die Frage: Was gibt's es Neues in B? hörte ich den ersten Donnerstag: „Sonnabend den 4. wird Rabb. vr. Abraham Geiger seine Abschiedsrede halten" und 14 Tage darauf: „vn. M. Joel, Lehrer vom jüdischen theologischen Seminar wird als Probeprediger auftreten. Da mir die Nachricht vom zweiten Donnerstag wichtiger erscheint, als die erste — denn wen könnt's verdrießen, daß Geiger geht, außer seinen unjüdischen Anhängern? —so will ich zuerst von Or. Joel's Probepredigt sprechen. Am verflossenen Sabbath — nach unserm Ritus pvm rnllv — nach dem Reformritus-ich weiß nicht, was man da vorlas, mein Nachbar störte mich durch seine Bemerkungen zu sehr-strömte eine große Menge Neugieriger — und ich war unter ihnen — in die Geiger'sche „vom Unkraut gereinigte" Synagoge. Herr vr. Joel sprach mit der ihm angeborenen Geistesschärfe gediegen und sinnreich über das Thema: .-iw-vv riwri. Unsere Aufgabe, schloß er, sei es, den Geist der Thora zu fassen. Unser Heil beruhe in der methodischen Verbindung zwischen Lehre und den Anforderungen der gebildeten Welt. Der Beifall war ein ungetheilter, und die Aussicht für ihn, an Geiger's Stelle gewählt zu werden, ist sehr groß. In Bezug auf Rednergabe und profane Gelehrsamkeit — obgleich dem gediege- *) Nach unserer Anschauung existirt gar kein Zufall. D. Red. nen Manne auch talmudische Kenntnisse nicht fehlen — würde Breslau keine üble Aquisition an Joel machen. Seine Gelehrsamkeit hat sich zwar bis jetzt nach keiner Seite hin in compendiöscn Producten documentirt, doch zeigen oie einzelnen Aufsätze, die er geliefert, die Programme, die er geschrieben, die Vorträge, die ergehalten, seine Befähigung, Größeres zu leisten — vollkommen. Vr. Jo«l ist endlich ein liebenswürdiger, anspruchsloser und berufstreuer Mann. Doch nun zum Ernsteren. Wie wird es mit der Richtung der sogenannten Geigerianer stehen, falls Or. Joel Seelenhirt wird? Ertravagiren wird sie nicht, aber auch nicht retrovertiren. Das erftere verbürgt vr. Joel's Character, dem letzteren hat der Vorstand durch den Beschluß vorgebeugt, daß die Orgel und Geigers Gebetbuch wesentliche unabänderliche Bedürfnisse beim Gottesdienste sein sollen und müssen. Aber gerade diese beiden Punkte sind ja für uns die anstößigsten! Geiger's Gebetbuch declarirt ein nach arbiträrem Ermessen zugespitztes Judenthum.— Muß es nicht daher große Sensation in orthodoxen Kreisen erregen, daß ein Lehrer einer Anstalt, die wenn auch nicht streng orthodoxen *), keineswegs jedoch reformalen Principien L 1a Geiger zu huldigen vorgibt, schon bei der Probepredigt auf jene Bedingungen eingiug, daß er nach dem Spiele der Orgel die Kanzel betritt? Orgel! Spaß! znp, Andachlserweckungsinstrument, Gebeteinladungskarte. Rabbi Akiba Eger, Rabbi Moses Schreiber u. A scheinen auch für Herrn vr Joel umsonst lue« elarius nachgewiesen zu haben, daß eine Orgel durchaus unstatthaft ist. Ist es nicht frappant, daß er, der bis jetzt, wenn auch nicht am einflußreichsten, so doch immer einflußreich auf die Zöglinge jener Anstalt gewirkt, denn er war Lehrer für Homilstik und Neligionsphilosophie, außerdem daß er profane Wissenschaft docirte — urplötzlich Geiger's Gebetbuch zur Hand nimmt und die darin vorgeschriebenen, vom Kirchenäther durchwehte Liturgie abhält? Was wirft das für ein Licht oder vielmehr einen Schatten auf jene Anstalt, in der *) Nicht dock, die Anstalt zählt sich zu den streng orthodoxen und ihre Leiter sind beleidigt, wenn man sie nicht dazu zählt. D. Red.

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