Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 27 (5.7.1918)
- Date
- 1918-07-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 .JÜDISCHE ZE1TUNO Seite o Kais. Rat Picker berichtet über die Flüchtlingsiürsorge und rügt es, daß die Bttkowinaer Zentralstelle ohne Hinzuziehung der gewählten Delegierten arbeite. Redner, der die Flüchtlingslager des Westens bereist hat. erzählt, daß Bukowinaer jüdische Flüchtlinge aui Gutswirtschaften als Feldarbeiter gearbeitet und in jedem Beschäftigungszweige sich hervorgetan haben. Dr. Krämer pflichtet den Ausführungen des Dt;. Kaßner bei, verweist in längerer trefflicher Ausführung auf die Verwahrlosung der jüdischen Jugend und regt die Schaffung eines Jugendamtes an. Redner erörtert auch die Notwendigkeit, bei der beruflichen Umschichtung, die Juden der Bukowina für die Landwirtschaft zu interessieren, bespricht Organisationsfragen und den österreichisch-jüdischen Kongreß. Direktor F1 e m i n g e r polemisiert gegen die Ausführungen der Vorredner. Kultusvorsteher Häuslich (Dorna-Watra) regt an, daß die Kultusgemeinden nicht bloß als religiöse Körperschaften für die Organisation der Juden herangezogen und daß diesbezügliche Vorschläge an die Regierung erstattet werden. Nach einer umfassenden Replik des Vorsitzenden wurde beschlossen, die bisherigen Mandatare der Bukowinaer jüdischen Landespartei als Parteileitung anzuerkennen, ihre bisherige Tätigkeit mit Dank zur Kenntnis zu nehmen und den Ausbau der Organisation tatkräftigst zu fördern. Es wurden ferner eine Reihe auf die Flüchtlingsfürsorge, Rechtsschutz und wirtschaftliche Retablierung der Bukowinaer Juden bezughabende Beschlüsse gefaßt und die Herausgabe einer Tageszeitung angeregt. Nach fünfstündiger Beratung wurde die imposante Versammlung geschlossen. Rumänien Der Friede ist ratifiziert — das Gesetz über die Gleichstellung der Juden ist nicht erlassen! Es heißt im Bukarester Vertrag: Die rumänische Regierung verpflichtet sich, noch vor der Ratifikation des Friedensvertrages das Gesetz zu erlassen . . . Wie verlautet, sollte eine Abordnung deutscher und österreichischer jüdischer Korporationen nach Bukarest reisen, um bei der rumänischen Regierung zu intervenieren und auf das Parlament einzuwirken. Die Reise war bereits festgesetzt und die österreichische Regierung kam dem Plane in wohlwollendster Weise entgegen. Leider aber mußte im letzten Augenblick die Reise unterbleiben, weil die ©kkupationsbehörde die Erlaubnis zur Einreise diesen angesehenen, von ihren Regierungen empfohlenen Persönlichkeiten verweigerte! Die unkluge Politik der Zentralmächte in der rumänischen Judenfrage• charakterisiert ein- Artikel der „Neuen Lemberger Zeitung“ in folgenden treffenden und bedeutsamen Ausführungen: In der rumänischen Judenfrage hat sich die Diplomatie der Mittelmächte einen schweren Mißerfolg eingewirtschaftet. Wenige Tage vor seinem Rücktritte hat Graf Czernin in der eindeutigsten Form erklärt, daß der abzuschließende Friedensvertrag die rumänischen Juden endgültig befreit. Dann ist er zurückgetreten, der Friedensvertrag wurde ohne seine Mitwirkung abgeschlossen und enthielt Bestimmungen, welche nicht einmal zwanzig Prozent der rumänischen Juden die Gleichberechtigung in Aussicht stellen. Dabei ist die Erwerbung der Staatsbürgerschaft für diese zwanzig Prozent an Bedingungen geknüpft, die es der rumänischen Regierung leicht ermöglichen, diesen geringen Prozentsatz noch um ein Beträchtliches herabzusetzen. Czernin war die Befreiung der rumänischen Juden eine Herzenssache. Den Verfassern des Friedensvertrages war es lediglich darum zu tun, unter Wahrung des Scheines eine Verpflichtung loszuwerden. Es wurde bereits an dieser Stelle berichtet, mit welchen Gegenstörmungen Graf Czernin zu kämpfen hatte, als er in Bukarest die Emanzipation der Juden forderte. Allen voran hat der frühere rumänische Ministerpräsident und alte Freund der preußischen Konservativen Carp Stimmung gegen Czernin gemacht. Der Verlaui der letzten Debatte im deutschen Reichstage bestätigt die damals ausgesprochene Vermutung. Graf Westarp, der Führer der Alldeutschen, hat es offen getadelt, daß sich die Mittelmächte überhaupt um die rumänischen Juden bekümmert haben. Er hat von einer unerlaubten Einmischung in interne Verhältnisse eines fremden Staates gesprochen. Es ist bedauerlich, daß die Beratungen in Bukarest dermaßen wirksam beeinflußt wurden. Hunderttausende Juden sind dadurch ins Unglück gestürzt und das Ansehen der Mittelmächte ist geschädigt worden. Auf der einen Seite der Tadel der Antisemiten, aui der anderen Seite der Zorn der enttäuschten Juden schaff der ganzen Welt. Das sind die Resultate einer Politik, die vom geraden Wege abgeirrt ist. Nun kommt dazu, daß sich England beeilt, den von den Mittelmächten verlassenen Posten zu besetzen und die gerechte Sache der rumänischen Juden zur Sache der Entente zu machen. Balfour verspricht den englischen Zionisten, daß England das von den Mittelmächten an den rumänischen Juden verübte Unrecht gut machen will. Er hat es dabei sehr leicht, denn zur Befreiung der Juden muß es kommen. Weder die rumänischen Bojaren, noch auch Westarp werden die Entwicklung aufhalten können und England wird das Resultat dieser Entwicklung als einen fetten Posten auf sein politisches Konto buchen. * Im deutschen Reichstag. Ueber die Verhandlungen . des Hauptausschusses berichtet die „Frki. Ztg.“: Abg. Scheidemann (Soz.) bemängelt die Unklarheit der Bestimmungen über die Einbürgerung der Staatenlosem sie genügen nicht infolge der Beschränkung auf einen Bruchteil der Juden. Grundsätzlich müssen wir staatliche Gleichberechtigung verlangen. Warum hat man nicht mehr erreicht? Ministerialdirektor Dr. Kriege gibt eine längere Darstellung über die historische Entwicklung dieser Frage und die Rechtslage. Da es sich um einen starken Eingriff in die innerrumänischen Verhältnisse handelte, so forderte man Vorschläge Rumäniens. Diese sind in Artikel 28 niedergelegt und treffen den überwiegenden Teil der in Befracht kommenden Landeseinwohner. Die Handhabung der Bestimmungen wird eine loyale sein. Der Berliner Vertrag gelangt dadurch zur Ausführung. Abg. Graf Praschma (Z.): Die Frage ist, ob den Juden in Rumänien erlaubt sein soll, Grundbesitz zu erwerben. Man muß diese Fragen sehr behutsam lösen. — Abg. v. Gräfe (Kons.): Es handelt sich um eineti schweren Eingriff in die innerrumänischen Verhältnisse, und das Entgegenkommen der rumänischöi Regierung war sicherlich kein freiwilliges. Warum müssen wir uns die Finger verbrennen mit diesem Engagement? Die Berufung aut den Berliner Vertrag reicht nicht zur Begründung aus. Ob wir den Juden einen wirklichen Dienst geleistet haben angesichts des Hasses der Bevölkerung erscheint zweifelhaft. — Abg. Gothein (Fortschr. Vp.): Artikel 28 bringt nicht so viel, wie die entsprechenden Bestimmungen 'des Berliner Vertrages, denen sich die Rumänen trotz dem Drucke den Signatarmächte stets entzogen haben. Deshalb 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 I010101CDB0101C31C51CD1C: R. üöhjit Oerlag, (Dien, l.Eleisdimarfitl. Seoben erscheint: Heft III der neuen rasch beliebt gewordenen Zeitschrift „JERUBBAAI*“ Eine Zeitschrift Oer jüdischen Jugend. Serausgegreben und geleitet von Dr. Siegfried Bernfeld. lahresbezugspreis K 13*20 (inkl. Porto). Aus dem Inhalt: Siegfried Lehmann, Notwendigkeit der n uen Gemeinschaft — EUJahu Rappeport, Jung Juda 111 — Dr. Max Grunwald, Zum Jugendtag — Grete Obemik, Was wir Jungen brauchen — Adolf Böhm, Paläslinaarbeit— Rudolf Glanz. Die Wirschaftsideale im Kampfe um das iildische Gemeinwesen — Otto Engländer, Künstler und Volk — -Siegfried Bernfeld, Berufswahl — Erwin Rosolio, Aus: Juda Sassenberg — Vom Leben der Jugend — Menschen, B.cher, Bewegungen. Soeben wurde versandt: _Heft 2 (Maiheft) „DER JUDE“ Eine Monatsschrift. Herausgeber: Br. Martin Buter. Jahresbezugspreis K 21*20 (inkl. Porto). Das wiederum höchst interessante tieft enthält nebst einem sehr aktuellen Artikel zur Lösung der rumänischen Judenfrage „Eine Enttäuschung und ihre Lehre“ sowie der Chronik von Amitai, verschiedene Beiträge der bekannten Mitarbeiter des „Juden“: Hermann Glenn, Karl Marx — Friedrich Thieberger, Ein Wort zu den Erwägungen über Rel gion — Samuel Rappaporr, Aus dem religiösen Leben der Ostiuden — Michael Weicher!, Jakob Gordin und das jüdische Theater. Abonnementsbastellungeu zu rlohten n jade Buchhandlung oder direkt an den Verlag. ■ CD1CDBC31CDBC31OBOBCDBC30C3 0 n o m o ■ 0 ■ 0 ■ 0 m o ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 ■ 0 m 0 ■ 0 0 ■ 0 5 wird auch Artikel 2S den Juden keine Fortschritte bringen. Gewiß stehen die Ostjuden weit tiefer als die Juden anderer Länder, besonders als die Juden in Deutschland. Aber die antisemitische Bewegung in Rumänien geht nicht von den Bauern aus. sondern von den Intellektuellen und Handwerkern. Auch die staatsbürgerlichen Rechte der Juden in Bessarabien müssen gesichert werden. Während hier gesagt wird, wir müßten uns die Finger, verbrennen, so macht man uns im Auslande einen schweren Vorwurf daraus, im Friedensvertrag nicht genug für die Juden getan zu haben. — Abg. Dr. Cohn (Unab. Soz.): Tatsächlich bleibt Artikel 28 hinter dem Berliner Vertrag zurück. — Abg. Noske (Soz.): Gestern wollten die Konservativen den rumänischen König beseitigen, also in die inneren Verhältnisse des Landes eingreiren. Heute machen sie uns das zum Vorwurf, wo es sich um Millionen unglücklicher Menschen und um die Durchführung des Berliner Vertrages handelt. Ministerialdirektor Dr. Kriege: Die Vorschläge der rumänischen Regierung sind auf unser bloßes Ersuchen gemacht worden. Es liegt also ein Beschluß Rumäniens selbst vor. Selbstverständlich werden wir uns das von den Rumänen zu erlassende Gesetz ansehen. Aber zunächst besteht kein Zweifel an der loyalen Ausführung des Vertrages. Der Jüdische . Nationalkalender 5679 XV. Jahrgang redigiert von Otto Abeies und Ludwig Batd ist in Vorbereitung! lehre“ bieten wird. Die Generation muß wieder für unmittelbare Anschauung des Lebens empfänglich werden, von Scheinwelt, Phrase und Intellektualismus sich befreien. Das Büchlein ist unseren Freunden zu empfehlen: denn das geistige und psychologische Problem des Nationalismus ist im Grunde für alle Nationen das gleiche. Der unerschütterliche Glaube an die Auserwähltheit der deutschen Nation hat freilich auch bei Fichte zu einer Form des Machtgedankens geführt, der ihn leider auch für alldeutschen Imperialismus brauchbar macht. Charakteristisch in dieser Hinsicht ist seine Schrift über Machiavell, die gleichfalls von Schulz jetzt neu herausgegeben wurde (Leipzig 1918, Felix Meiner). Diese Schrift war eine versteckte Aufforderung an den preußischen König, seine Herrscherpflichten zu erkennen und kraftvoll das Napoleonische Joch abzuschütteln. Einem Mann wie Fichte mußte die Schmach seines Volkes tief auf der Seele brennen;, er hat kurz darauf in den „Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters“ und den „Reden an die deutsche Nation“ gegen die erbärmliche und niedrige Gesinnung seines Volkes, das es sich in Knechtschaft und Schande wohl gehen ließ, geeifert. Er wurde nicht müde, zur Tat aufzurufen. Und daß die Seelen erwachten, war nicht zum geringsten das Verdienst seiner Feuerseele. Tr. Dr. Achmed Emin: Die Türkei. (Verlag Perthes, Gotha.) Der Verfasser, ein junger türkischer Professor und Journalist, gibt eine gedrängte Uebersicht über die wichtigsten Daten und Faktoren zur Kenntnis der Türkei. Ohne im geringsten die schwachen Punktein der Lage dieses Staates zu verhüllen, ist er doch von einem starken Optimismus in bezug auf die künftige Entwicklung der Türkei erfüllt. Er ist auch sichtlich bemüht, die vielen unrichtigen Vorstellungen, die über dieses Land' verbreitet sind, zu zerstreuen. Die Hauptschuld an der. ungenügenden Entwicklung der Türkei trägt nach ihm das absolutistische Regime Abdul Hamids. Für die Tätigkeit dieses Herrschers, der jahrzehntelang unumschränkte Gewalt ausübte, hat er nur Worte der Verurteilung. Doch ist nicht zu leugnen, daß Abdul Hamid nicht ein bloßer Verderber der Türkei war, sondern daß er auch viele, Verdienste hat. Wie kein zweiter wußte er die Machte gegeneinander auszuspielen und den Zeitpunkt, in dem früher oder später einmal die orientalische Frage zu furchtbaren Kriegen "führen mußte, hinauszttschieben. So gelang es ihm. die Existenz des Staates zu erhalten. Daß er Bahnbauten nur deshalb nicht gerne bewilligte, weil damit der Einfluß der fremden Konzessionäre gestiegen wäre, erwähnt der Verfasser selbst. Als der Sultan als erster erkannte, daß Deutschlandder wünschenswerte Verbündete der Türkei sei. hat er sofort die Konzessionen für die anatolische und die Bagdadbahn erteilt. Der Verfasser erwähnt auch nicht, welcher Schaden für das Land der ausgedehnte Großgrundbesitz bedeutet. Viele Dinge beurteilt er zu optimistisch, wie z. B. das Verhältnis von Türken und Arabern. Von den Juden sagt er bloß, daß sie nichts von der Anpassungsfähigkeit gezeigt haben, die sie in anderen Ländern bekunden. Auch im wirtschaftlichen Schaffen stehen sie nicht ganz auf der Höhe. Vom Zionismuß und seinen Leistungen finden wir in dem Büchlein nichts. Sehr instruktiv ist der kurze Abriß der türkischen Geschichte, den Emin gibt Namentlich die Ereignisse der letzten 10 Jahre werden sehr ausführlich dargestellt und man lernt manches verstehen, worüber man sich nach den verworrenen Zeitungsberichten kein Bild machen konnte. Er betont sehr lebhaft, daß die Türken keine einheitliche Volksmasse darst'ellen. sondern daß alle möglichen Volkssplitter durch Annahme der türkischen Sprache und mohammedanischen Religion zu „Türken“ geworden sind, ein Prozeß, der nach Emin jetzt besonders rasch vor sich geht. Was das Büchlein vor allem auszeichnet, ist der warme Patriotismus, mit dem der Verfasser von seinem Lande und dessen Entwicklungsmöglichkeiten spricht. Er sieht in vielen Fortschritten, die unter dem jungtürkischen Regime namentlich aut den Gebieten des Militärwesens, der Finanzen, der Justizpflege, des Unterrichts, der Presse und Literatur gemacht wurden. Anzeichen, daß die Türkei nicht so schwer zu modernisieren sei. wie man dies allgemein glaubt. Allerdings berührt er die inneren Fragen nationaler und sozialer Natur nur sehr wenig. Achmed Emin gehört dem Kreise der jungen, wissenschaftlich arbeitenden Türken, die mit Feuereifer für den Fortschritt ihres Landes eintreten. an. er ist von den besten Absichten beseelt. Das leuchtet aus jeder Seite seines Büchleins heraus und berührt den Leser sehr angenehm. Es wäre aber zu wünschen, daß in einer nächsten Auflage mehr als eine kurze Schilderung der Lage gegeben und die nationalen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme der neuen Türkei aufgezeigt werden. Enthält doch das Büchlein beispielsweise kein Wort über die grundlegende Frage der Türkei: Das Agrarproblem! a. b. Neue Bücher des „Jüdischen Verlages“. Im „Jüdischen Verlag“ Berlin W 15 sind soeben in schöner Ausstattung zwei neue Publikationen erschienen: Das „B1 a u - W e i ß Liede r b u c h“, das hebräische, jüdische und deutsche Lieder in musikalischer Bearbeitung von Leo Kopf enthält, wurde in zweiter, völlig umgearbeiteter und stark vermehrter Auflage ausgegeben. Das andere Buch ist die deutsche Uebersetzung des Romanes des begabten hebräischen Dichters S. J. A g n o n „Und das Krumme wird gerade . . .", deutsch von Max Strauß.