Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 27 (5.7.1918)
- Date
- 1918-07-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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deite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 27 eigenen Augen schaut. Jede Analogie mit ausländischen Verhältnissen täuscht. Ein „magyarischer" Assimilant ist eine Erscheinung ui generis. wie sie das Ausland gar nicht kennt. Es gibt hier eine Menge von Vereinen, die die schönsten Aushängeschilder haben. Glaubt man aber, daß diese Vereine auch etwas leisten, so erfährt man bei genauerer Beobachtung eine arge Enttäuschung. Es gibt literarische Vereine, die seit Jahren kein Lebenszeichen von sich geben. obgleich diejenigen, die im Frieden die Arbeit leisteten, fast alle zu Hause sind. Uebrigens wenn ich den Ausdruck „die im Frieden die Arbeit leisteten" gebraucht habe, so darf man sich natürlich keine wirkliche, geschweige denn fruchtbringende Arbeit vorstellen. Es handelte sich um jährlich zwei bis drei Fahrten uach der Provinz, \x o man einen Vortrag hielt etwa über den Patriotismus der Juden im Jahre ISIS oder derartige Gedichte „jüdischer" Dichter zum Besten gab, um nachher am Bankette, an dem auch der christliche Bürgermeister oder Stuhlrichter teilnimmt, über „die Eintracht der Konfessionen“ begeisterte Reden halten zu können. Alles was hier geschieht, zielt darauf hin. Fernstehenden die Meinung beizubringen, „wie herrlich weit wir es gebracht haben“. Ut aliquid iieri videatur — ist die Richtschnur des „ungarischen Israel“. Liest man also im Auslände ein amtliches Communique aus Ungarn, so muß man immer an die bekannte Aufschrift denken: „Achtung, getüncht!“ Es gibt hier unter anderem auch einen „Verein Ungarischer Juden“, an dessen Spitze Dr. Elias Adler, Rabbiner des konservativeren Teiles der Budapester Gemeinde und Dr. Alexander Lederer stehen. Dieser Verein hielt nun Sonntag, den 16. d. M. eine Generalversammlung ab, die vielleicht das traurigste Zeichen des Verfalls der ungarischen Judenheit bildet. Daß die inneren jüdischen Verhältnisse unhaltbar sind, das sieht schon jeder ein, obgleich man sich von offizieller Seite die größte Mühe gab,1 die Sache zu vertuschen und zu verschweigen. Es herrscht hier eine solche Taufseuche, wie man sie sich gar nicht vorstellen kann. Und die Bewegung wird von Tag zu Tag stärker. Der „Verein Ungarischer Juden“ veranstaltete nun als Attraktion seiner Generalversammlung einen Vortrag des Reichstagsabgeordneten Dr. Paul Farkas (vor einigen Jahren selbstverständlich noch Wolfn e r) über die Psychologie des Religionswechsels. Den Inhalt des Vortrages wollen wir natürlich hier nicht wiedergeben, da auch Farkas nur das gesagt hat, was die Assimilation zu diesem Problem sagen kann. Er sagte aber einige Sachen, die von jüdischer Seite noch nicht öffentlich gesagt wurden und die von Seiten des präsidierenden Rabbiners Dr. Adler ohne Widerspruch aufgenommen wurden. Farkas sagte, die Einheit der ungarischen Nation , verlange. nicht den Religionswechsel der Juden. Würde sie ihn verlangen — so sagte ausdrücklich der Redner des „Vereines Ungarischer Juden“ — so würde er ohne weiteres sich taufen lassen! Das hörte der präsidierende Rabbiner, das hörte das Publikum und niemand schrie ihm ein Pfui entgegen, ja es wurde auch kein Laut des Widerspruches gehört. Der Redner, der über die verschiedenen Gattungen der Täuflinge sprach, sagte auch, daß die Taufe, deren Grund eine Mischehe ist, kein beunruhigendes Moment bildet, da die Zahl der Mischehen eine geringe ist. Als ihm nach dem Vortrag von Seiten der dort anwesenden Zionisten vorgehalten' wurde, daß doch schon vor zehn Jahren die Mischehen 16,5 Prozent aller jüdischen Ehen bildeten, und seit damals wenigstens 20 Prozent erreicht haben, da antwortete der illustre Redner, daß man gegen die Mischehen keine Agitation betreiben dürfe, da dies eine Rückkehr ins Ghetto bedeuten würde. Dabei waren auch die Leiter des Vereines zugegen, ohne auch nur ein Wort des Widersrpuches laut werden zu lassen. Den Gipfel aber oder richtiger den tiefsten und traurigsten Punkt der Ausführungen des Redners des Vereines Ungarischer Juden bildete ein unqualifizierbarer und gehässiger Ausfall gegen unsere galizischen Brüder, wie ihn ein Weiskirchner oder ein Lueger nicht übertreffen könnte. Er sagte, „die ungarische Judenheit hätte die gebieterische Pflicht, gegen den ihr weder an Rasse, noch an Moral oder Weltauffassung verwandten Zuzug aus Galizien die strengsten Maßnahmen durchzuführen, um so die ungarische Nation vor Dingen zu bewahren, an die zu rühren andere nicht wagen oder nicht können“. Eine Viertelstunde sprach er in gehässigster Weise über die galizischen Juden, die uns ins Ghetto zurückführen und die die Assimilation hindern und den Judenhaß heraufbeschwören. Wenn die Christen es nicht wagen sollten die Grenzsperre einzuführen, so müßten die Juden sie fordern! Und dem Redner wurde nach seinem Vortrage von Dr. Alexander Lederer der Dank des „Vereines Ungarischer Juden“ für seinen „schönen und beherzigenswerten Vortrag“ ausgesprochen, ohne auch nur mit einem Laut zu bekunden, daß die Leitung des Vereines anderer Meinung ist. Daß der „Verein Ungarischer Juden“ sich wirklich mit diesen auch vom allgemein menschlichen Standpunkte rohen und gehässigen, vom jüdischen Standpunkt aber ganz unqualifizierbaren Ausfällen Farkas* voll und ganz identifiziert, beweist der Umstand, daß im Communique, das der Verein für die Presse herausgab, der Verein sich nicht schämte die Ausfälle Farkas mitzuteilen und ausdrücklich die Worte wiederzugeben, daß die ungarische Judenheit mit den galizianischen Juden nicht einmal der Rasse nach verwandt ist. Und daß Rabbiner Dr. Adler und Dr. Lederer dem Redner für den Vortrag ihren Dank aussprachen. Angesichts dieser traurigen Erscheinungen kann da nicht im Zuschauer der"Zweifel aufkommen, ob das ungarische Judentum mit dem jüdischen Volke der ganzen Welt vielleicht wirklich nicht einmal der Rasse nach verwandt ist? Budapest. : Salomon Händler. Tagung der Bukowinaer Judenschaft (Originalbericht der „Jüd. Ztg.“.) Sonntag, den 23. Juni fand im großen Sitzungssaale der Bukowinaer Handels- und Gewerbekammer eine von der Bukowinaer jüdischen Landespartei einberufene Versammlung aller ehemaligen Mandatare der Juden in der Bukowina statt. Bei derselben waren sämtliche in Czernowitz weilenden jüdischen Abgeordneten, Gemeinde-, Kultus- und Kammerräte sowie Delegierte jüdischer Körperschaften anwesend. Aus der Provinz waren Abordnungen der Kultusvorstände aus Suczawa, Sereth, Radautz, Storozynetz, Waszkoutz, 1 Wiznitz, Stanestie, Gurahumora, Dorna-Watra und Sadagora erschienen. Der Vorsitzende Reichsratsabgeordneter _ Dr. Straucher erstattete als Präsident der ’ Landespartei einen umfassenden Rechenschaftsbericht. Er skizzierte die aufreibende Tätigkeit im Dienste der Flüchtlingsfürsorge, erwähnte die politischen Aktionen für die Judenschaft Oesterreichs, die im Vereine mit dem Wiener „Jüd. Nationalverein“ und dem zion. Exekutivkomitee bei der Regierung durchgeführt worden sind und die für die Bukowinaer Juden getroffenen Maßnahmen. Redner erwähnte hervorhebend die bedeutsame Aktion für die Erhaltung der staatsrechtlichen Stellung der Bukowina und würdigte die hervorragende Mitarbeit des Verfassers der diesbezüglichen Staatsschrift, des Mitgliedes der Parteileitung Dr. Kaßner, sowie dessen und des Vorsitzenden initiative Mitwirkung für die Einberufung eines österreichisch-jüdischen Kongresses und die richtunggebenden Memoranden an die Regierung, betreffend die Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität in Oesterreich. Mit einem Appell, die hergestellte Einigkeit der Bukowinaer Judenschaft auszuba.uen und die Organisation zu stärken, schloß der Vorsitzende unter starkem Beifall seine wirkungsvolle Ansprache. Der nächste Redner, Stadtrat Dr. Lupul (Suczawa), rügte es in scharfen Worten, daß seitens der Partei für die Judejischaft der Provinz noch wenig getan werde, daß unter den Gerenten der Stadtgemeinden sich keine- Juden befinden, daß ehemalige Regierungsbeamte, die für diese Stellen in Betracht kommen, mit den Bedürfnissen der Bevölkerung nicht immer vertraut sind und daß ein Einvernehmen mit der Landesregierung zur Abstellung dieser Beschwerden gesucht werde. Redner verwies'darauf, daß eine Wiedererlangung der Autonomie auch seitens der jüdischen Bürgerschaft angestrebt werden möge und hege er die Ueberzeugung. daß die Regierung, die die Beamten dringend benötige, damit einverstanden sein werde. Gemeinderat Dr. H u 11 e s (Wiznitz) entwarf ein düsteres Bild von dem Elend der heimkehrenden jüdischen Flüchtlinge und forderte eine großzügige, rasche Hilfsaktion. Hierauf nahm Kultusrat Dr. Kaßner das Wort und rügte in scharfen Worten die Indolenz desjenigen Teiles der jüdischen Bevölkerung, der nur für den Erwerb und für allgemeine Fragen keinerlei Interesse bekunde. Wenn dies auch nur wenige sind und diese nicht zur bodenständigen jüdischen Bevölkerung gehören, die Verantwortung fiir sie müssen alle tragen, was jene Wenige beachten sollten. Die Organisation sei mangelhaft; den geänderten Verhältnissen entsprechend, müsse von neuem begonnen und ein sicheres Fundament für die Stellung der Juden im Lande geschaffen werden. Das traditionelle Einvernehmen der Judenschaft mit den anderen Nationen und der Regierung werde dann nicht getrübt, sondern gefestigt' werden. Eine festgefügte. kraftvolle politische Organisation sei die Voraussetzung für wirtschaftliche Aktionen. Redner sei überzeugt, daß die vorbildliche Eintracht aller Völker in der Bukowina erhalten bleiben und daß die Judenschaft nach ihrer wirtschaftlichen Retablierung auch weiterhin zur kulturellen und wirtschaftlichen Hebung des Landes beitragen werde. Abgeordneter Landesausschuß Dr. W en d e r pflichtet den Ausführungen des Vorredners bei, führt aber sodann in längerer Rede aus, daß die rauhe .Kriegszeit. .den. Menschen das. .Interesse für. allgemeine Fragen benomnien und bewirke, daß sie für allgemeine Fragen keinen Sinn haben. Deshalb werden bloß wirtschaftliche Aktionen für den nächsten Augenblick Verständnis wecken. Kultusvorsteher Schauer (Waszkoutz) bespricht Approvisionierungsfragen und fordert Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Landjuden und diesbezügliche Intervention bei den Behörden. Gemeinderat Dr. ß i 11 i g spricht sich gleichfalls für den Ausbau der politischen Organisation als Voraussetzung für einen gedeihlichen Wiederaufbau aus. Oberrabbiner Dr. Rosenfeld unterstützt in warmen Worten die Ausführungen des Dr. Kaßner. Redner appelliert an die Versammlung, für die jüdischen Seelsorger der Bukowina, die im Kriege sehr gelitten, bei der Regierung vorstellig zu werden. Aus dem Leben R. Schmuei Mohilewers In der „Hazeflra“ teilt J. Nisshaum Züge und Anekdoten aus dem Leben Rabbi Schmuei Mohilevers, des GrUnders der Chowewe Zion, mit, die auch bei uns bekannt zu werden verdienen. H. B. Es war im Sommer 1881. Der Pogromschrecken ging durch Rußland. Auf den Gassen von Brody und Lemberg lagen 10.000 Juden unter freiem Himmel. Angesehene westeuropäische Juden kamen dahin und brachten Geld, unter ihnen Sir Samuel Montague aus London. Aus Polen aber kamen — ohne Geld — zwei Männer, die den Unglücklichen Trost und Zuspruch brachten: Rabbi Mohilewer. damals in Radom tätig, und R. Schau! Rabbinowitz aus Warschau. Die beiden versuchten — allerdings vergeblich —' den Auswandererstrom nach Palästina zu lenken: aber sie wurden bei Montague und Baron Hirsch, der seinen Sekretär entsendet hatte. Fürsprecher der Unglücklichen. Aber auch diese beiden hervorragenden Ostjuden konnten die Vorurteile ihrer westlichen Brüder nicht überwinden, die in jedem Ostjuden einen Schnorrer sehen ließen. Als R. Samuel Mohilever Lemberg verließ, begleitete ihn Montague auf den Bahnhof und zog aus der Tasche einen Fünfzig Rubel-Schein hervor — er wollte dem Rabbi die Reisekosten ersetzen. „Und wer ersetzt Ihnen Ihre Reisekosten?“ fragte Mohilewer den späteren Lord Swaytling. Montague bat den Rabbi um Verzeihung und als er 1887 nach Bialystok kam. wo Mohilewer damals Rabbiner war. ließ er es sich nicht nehmen, im Hause des Rabbi abzusteigen. 1882 beriet Mohilewer. in Warschau mit den berühmten Rabinern Soloweitschik aus Brisk und Meisel aus Lodz die Besiedlung Palästinas. Man dachte erst an einen Aufruf ans Volk, der Brisker Rabbiner schlug jedoch vor. von hundert reichen Juden eine Million aufzubrmgen. Mohilewer stimmte zu. wenn R. Soloweitschik 10 Spender bringen könne. Zwei waren bereits gefunden, als die Rabbiner von der kühnen Tat 'der „B ilu“ hörten: da zogen sich die beiden von dem „Studenten“unternehmen zurück. R. Schmuei Mohilewer blieb allein. Erst später, als Edmund Rotschild sich der Bewegung anschloß, fanden auch die beiden Rabbiner den Weg zu den Chowewe Zion. ■* w * Es ist wenig bekannt, daß Baron Edmund Rothschild durch Mohilewer für den Zionismus gewonnen wurde. In Paris hatte Mohilewer beim Großrabbiner Zadok Kahn und beim Sekretär Rothschilds Michael Erlanger Verständnis für seine Pläne gefunden und die beiden brachten ihn zum Baron. Rothschilds erste Tat war. daß er. um die Probe aufs Exempel zu machen. Mohilewer beauftragte, mit zehn Familien einen Siedlungsversuch zu machen. Die zehn Familien wurden in der Umgebung von Grodno gefunden und gründeten die Kolonie Ekron. * * * 1883 suchte Mohilewer auf einer Fahrt durch Rußland reiche Juden zum Landkauf in Pethach Thikwah zu bestimmen. In Bialystok luden ihn die - Gemeindevorsteher ein. den Sabbath m der Stadt zu verbringen. Mohilewer sagte — es war Donnerstag abends — zu. Da erfuhr er durch einen Freund, man wolle ihn am Sabbath zu einer Predigt einladen und ihm dann den Rabbinersitz in Bialystok antragen. Kaum hatte Mohilewer dies gehört, als er Bialystok verließ. Er wollte nicht den Schein erwecken, daß er die Zionbewegung unterstütze, um . sich einen berühmten Rabbinersitz zu verschaffen. So wurde Mohilewer ohne Predigt Rabbiner von Bilaystok. (Wird forfgese&t.) Bücherschau „Der Patriotismus und sein Gegenteil.“ Dies ist der Titel zweier im Jahre 1807 entstandener Dialoge von J. G. Fichte, die jetzt in kritischer Ausgabe von Hans Schulz (bei Felix Meiner. Leipzig) herausgegeben wurden und in unserer Zeit, deren Sinne Von falschen Begriffen des Patriotismus und Nationalismus verwirrt sind, sehr gehört und beachtet werden sollten. Fichte wendet sich in scharfer Satire gegen den aufdringlichen, vorlauten Patriotismus, der Werke und Reden zur Schau stellt, statt einzusehen, daß Patriotismus nicht ein Gebiet der Tätigkeit, sondern eine Grundform des Lebens ist. Der wahre Patriot wird nicht dem Götzen des scheinbaren Staatsinteresses dienen, sondern er wird die Idee der Menschheit in seiner Nation zuerst erfüllen. Fichtes Nationalismus ist theoretisch Kosmopolitismus, und er erklärt es als Pflicht. Patriot jenes Volkes zu sein, das zur Erreichung des Zweckes des Menschengeschlechtes am vorzüglichsten geeignet ist. Daß dies gerade das deutsche Volk ist, wäre ein glücklicher Zufall, wenn wir nicht einsehen müßten, daß Fichte eben das deutsche Volk hiefür erklären mußte. Sein Nationalismus beruhte ebenso wenig auf freier Wahl wie irgend einer darauf beruhen kann. Aber das Wesen des Nationalismus, der sich höhere Ziele setzt als kriegsberichterstatterische Flunkereien, der nur als sittliche Aufgabe verstanden sein will, hat Fichte mit Scharfblick erkannt und mit Leidenschaft propagiert. Wie sehr ihm Nationalismus eine ethische Angelegenheit war, beweist auch der Umstand, daß er immer wieder als seinen Kern die Charakterbildung, die Erziehung erkennt. In dem zweiten.Dialog steht er völlig unter dem starken Eindruck von Pestalozzi, dessen 'Erziehungsmethode er als das Mittel zur sittlichen Hebung der'Nation erklärt, das auch den Weg zum Verständnis der „Wissenschafts-