Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 Wien, Freitag .Jüdisches Volksblatt 2. Oktober 1903 S<Mto 5 überhaupt nicht turnen und auch nicht dazu zu bewegen sind, in einem nichtjüdischcn Turnvereine zu turnen. Das Mißtrauen und das Zusammengehörigkeitsgefühl, das dadurch hervorgerufen ist und den Juden sich fast nur in jüdischen Kreisen Wohl fühlen läßt, betvirken eben, daß er lieber auf die regelmäßige Körperpflege verzichtet, als sie in den deutschen Turnvereinen auszuüben. So haben wir aber eine große Menge zur gesunden Pflege des Körpers bekehrt und unsere Erfolge wachsen tagtäglich. Mit den Zionisten haben wir aber tatsächlich nichts gemein als die Ueberzeugung von Gemeinsamkeit der Abstammung und der Notwendigkeit, die dadurch hervorgerufenen Eigentümlichkeiten zu pflegen. Im übrigen wollen wir gar nichts anderes sein, als eine Schar selbstbewußter Juden, die es müde sind, sich im günstigsten Fall als eine quantite negligeable behandeln zu lassen." Dazu bemerkt die „Köln. Ztg.": „Der rein sportliche Gesichtspunkt, den die Zuschrift geltend macht, wird zwar überall, wo ohne Vorurteil und Haß auf eine gesunde Entwicklung der Beziehungen zwischen Juden und Christen gesehen wird, gerechten Beifall finden. Umso rückhaltloser muß vor den schlimmen Folgen gewarnt werden, tvenn die Juden aller Länder schlechthin ihre Interessen als solidarisch erklären, wen»: ihre Kämpfe um Berechtigung und politische wie gesellschaftliche Anerkennung nicht mehr innerstaatliche, sondern allgemein jüdische Angelegenheiten sein sollen, bei deren Nichtbeachtung ein Jude für den anderen einzustehcn habe. So vorurteilsfrei wir für eine gerechte Gleichberechtigung unserer jüdischen Mitbürger einzutreten bestrebt sind, so rückhaltlos würden >vir es verurteilen, wenn sie ihre Rassenfrage und ihre gemeinsamen Interessen in den Vordergrund rücken würden, wenn sie in erster Linie Semiten, dann erst Deutsche sein wollten. Diese Art jüdischer Nationalitätsbestrebungen müßten wir ebenso bekämpfen tvie die Dänischen und polnischen Bestrebungen. Ja, noch mit weit größerer Berechtigung, denn diese Völker sind mehr oder minder unfreiwillig im unerbittlichen Gang der historischen Ereignisse deutsche Bürger geworden, die Juden haben sich freiwillig der deutschen Staatshoheit unterworfen und bannt den Anspruch auf eine selbständige Nassengemeinschaft aufgegeben." Chronik. Inland. Gedenktage. Oktober. 1. 1697 st. in Mantua Moses Jacut, geb. in Amsterdam, Kabalist und Talnnldist, Kommentator unb Dichter. 1700 st. in Fürth Elieser Heilpron. 1839 st. in Tarnopol Jos. Perl. 2. 1724 st. in Nizza R. Salomo Sasportas. 1882 st. in Jaffa Charles Netter, e. d. Gründer d. Alliance. 3. 1743 st. in Mantua Rabb. Aviad Salomo Basila. 1839 st. in Prehburg Rabb. Moses Sofer. 1898 st. Dr. Maurice Davis. 4. 1839 geb. in Weißkirchen Dr. Bar. Placzek, Rabb. 1864 st. in Pest Jacob Kern, Philanthrop. 1867 st. in Hamburg Ed. (Jsr.) Kley, Prediger (geb. i. Bernstadt), Mitbegr. des „Tempels". 5. 1891 st. in Lemberg Jetti Wohllerner geb. Kehlmann, Hebraistin. 6. 1866 st. I. Heß, Emanzip.-Kämpfer. 7. 1660 st. in Nikolsburg d. Rabb. Mendel Krochnal. 1846 st. in Zolktew Samson Bloch, Verf. einer hebräischen Geographie von Asien und Afrika. 1881 st. in Manchester I. L. Marcus, Rechtsanwalt in Schwerin. 8. 1723 st. in Prag Michel Spira, Kommentator d. jers. Talmud. 1891 st. i. Wien Dr. Jak. Ed. Polak, Lehrer an d. Militärschule zu Teheran. Erster Wiereer jüdischer Turnverein. Der Turnbetrieb wird nunmehr mit Beginn der Saison wieder in vollem Umfange ausgenommen. Die Herren turnen Montag und Donnerstag von '>28 bis 9 Uhr abends unter der bewährten Leitung des ersten Turnwarts, Herrn Rudolf P ol lak. Das Damenturnen beginnt Samstag, den 3. Oktober (Damenturnstunden Mittwoch und Samstag von V,8 bis 9 Uhr abends). Kinderturnen. Fechtsektion (bei genügender Zahl von Aumelouugen). Nähere Auskünfte sowie Anmeldungen zum Beitritte Montag und Donnerstag von V-8 bis 9 Uhr abends am Turnplätze I., Mölkerbastei 5. Repertoire der öffentlichen Veranstaltungen der zionistischen Vereine Wiens. Santstag den 3. Oktober: Sitzung des Distriktskomitees. — Mittwoch den 7. Oktober: Versammlung der vereinigten jüdischen Arbeitervereine beim „goldenen Widder", 2. Bez., Taborstraße 36. Dr. Leopold Kahn: „Der 6. Kongreß mit Berücksichtigung der Ostafrikafrage". — Donnerstag den 8. Oktober: Versammlung des Vereines Mariahilf-Neubau im „Cafe Mariahilf", 6. Bez., Mariahilferstraße 89 a. Referent und Thema wie oben. — Samstag den 17. Oktober: Versammlung des Vereines Nndolfsheim-Fünfhaus. 1. Dr. Schalit: Ter 6. Zionistenkongreß itnb das Ostafrikaprojekt. 2. Dr. S. Krenberger: Die Chelrra Kadischa. — Sonntag den 18. Oktober: Distriktsveesammlnng. — Die P. T. Vereine werden ersucht, ihre Veranstaltungen, rechtzeitig bekanntzugeben, um Kollisionen zu vermeiden. (Adresse: Distriktskomitee, 9. Bez., Türkenstraße 9.) — Donnerstag den 8. Oktober — nicht Mittwoch den 7. — findet eine große Völksversammluiig im „Cafe Mariahilf", 6. Bez., Mariahilferstraße 89 a, statt. Tagesordnung: „Die Ergebnisse des 6. Zionistenkongresses, unter besonderer Berücksichtigung des Ostafrikaprojektes". Referent Dr. Leopold Kahn. Beginn Hab 9 Uhr. Wien. Am Sonntag nach dem Neujahrsfeste wurde hier der in den Kreisen der jüdischen Lehrerschaft und Schriststellerwell wohlbekannt, gewesene Schriftsteller und Dichter Herr Jacob Fischer, welcher im Alter von 82 Jahren am 3. Tischri aus dem Leben abderufen wurde, zu Grabe getragen. Fischer war eine der markantesten Personen, welche vom alten und gediegenen Schlage des vormärzlichen Judentums bis in unsere Zeit hineinragte. In Ungarn geboren, war er an verschiedenen Gemeinden, unter anderen in Szered, Neutra, Galgüez, Preßburg, einer der gewiegtesten Lehrer des hebräischen Faches, welches er ganz und voll beherrschte. Ihm war cs ernstlich zu tun um die Pflege und Verbreitung der heiligen Sprache, die seine ganze Seele ausfüllte. Als Schriftsteller gehörte Jacob Fischer seit 50 Jahren der hebräischen Literatur an, die er mit vielen trefflichen Arbeiten bereicherte. Schon als junger Mensch führte er sich in dieselbe durch sein» poetischen Arbeiten ein, die in den „KochbeJizchak", im „Hamagid", im „Jbri" erschienen waren. Eine größere Sammlung seiner religiösen Dichtungen bilden di» von heiliger Begüsterung zeugenden „Zilzele Kodesch" über die Feste des Jahres. Seine hebräische Uebertragung des epischen Gedichtes „Primator" von L. A. Frankl unter dem Namen „Nosch Ha-edah" hatte den ungeteilten Beifall der Kenner gefunden. Fischer war, ohne fanatisch zu sein, von streng orthodoxer Richtung; er schrieb ein schönes, allgemeinIverständliches, glattes Hebräisch, welches selbst in seinen poetischen Arbeiten niemals die Grenze des Zulässigen im Stile überschritt. In früheren Jahren hatte er die hebräische Wochenschrift „Hajehudi" herausgegeben, von der sechs Jahrgänge erschienen sind. Hier in Wien wurde er auch zum beeideten Gerichtsdolmetsch für die bebräische Sprache ernannt. Er besaß eine gutmütige, leicht empfängliche, kinderfromme Seele, in welcher nur Raum für die hebräische Sprache und für den Kreis gleichgesinnter Freunde war, an die er sich innig anschlost. Bei seinem Leichenbegängnis hatte sich außer den Leidtragenden eine zahlreiche Trauergesellschaft eingefunden, worunter die Vertreter der Kultusbezirke Weißgärber-Landstraße, Seminardirektor Dr. Schwarz, kaiserl. Rat Lieben, kaiserl. Rat Lichteustadt, die beiden Hofräte Schaffer und H a h n alS persönliche Freunde des ältesten Sohnes des Verstorbenen, des. Chefredakteurs der „Politischen Eorrespondenz", Herrn Benedikt Fischer, zu bemerken waren. Krise im galizischen Hilfsvereine. Der Präsident des „Vereines für die Juden in Galizien", Herr Maximilian P a u l - S ch i f f hat auf seine Präfidentenstelle resigniert. Meinungsverschiedenheiten zwischen Herrn Paul-Schiff und einigen einflußreiche« Vorstandsmitgliedern des Vereines anläßlich der Frageiner Beschickung des jüdischen Delegiertentages gegen den Mädchenhandel seitens deS Vereines haben zu Auseinandersetzungen geführt, welche Herrn Paul-Schiff veranlaßten, seine Demission zu geben. In Kreisen der Freunde des Herrn Paul-Schiff ist eine Bewegung im Züge, ihn zur Zurücknahme seiner Demmission zu bewegen. Falls dies nicht gelingen sollte, so dürfte der derzeitige Vizepräsident des Vereines, Herr Sigmund Mayer, voraussichtlich zum Präsidenten gewählt werden. Wir werden auf diesen Gegenstand noch zurückkommen. Allgemeiner jüdische« Arbeiterverein, II. Etephaniestraße 8. Samstag, den 3. Oktober findet im Bereinslokale ein Vortrag des Herrn Salomon Rubinstein statt. Thema: Ostafrika. Beginn präzise 8 Uhr abends. Gäste willkommen. Der Redaktion der „Drohobyezer Zeitung" wurde aus Anlaß des zum 18. August l. I. veröffentlichten Leitartikels, der allerhöchste Dank des Kaisers im schriftlichen Wege zuteil. Der Einzelverein „Mariahilf—Neubau * veranstaltet Donnerstag den 8. Oktober l. I. im reservierten Saale des Cafe Mariahilf, VI., Mariahilferstraße 89, eine öffentliche Versammlung mit der Tagesordnung: D i e E rgebnisfs des VI. Zi0nisten-K0ngresses in Basel, insbesondere das Angebot der englischen Regierung: Gründung einer unabhängigen jüdischen Kolonie in O st«A f r i k a. Referent: Dr. Leopold Kahn, Hof- und Gerichts-Advokat. Nach Erstattung des Referates Diskussion. Beginn Va9 Uhr abends. Damen herzlichst willkommen. Mähr.-Qstrau. (Kult u s v 0 r st e h e r kais. Rat Markus S t r a ß m a n n gestorben.) Der Tod, der in unserer Jndengemeinde in den letzten Wochen reiche Ernte ge-! halten, hat uns nun auch unser edles Oberhaupt Herrn kais. Rat Markus Straßmann am zweiten Rosch-haschanah-Tage jäh' entrissen. Wir haben einen großen Philanthropen, ein goldenes Herz, einen von Gott in jeder Hinsicht ausgezeichneten Menschen zur ewigen Ruhe gebettet, dessen Andenken in unseren Herzen nie verlöschen kann. Der allgemeine Schmerz um den Verewigten offenbarte sich bei der Beerdigung, die eine imposante Kundgebung ohne Gleichen war. Alle Konfessionen gaben ihrer Trauer um den verdienten Mann Ausdruck, so daß viele Tausende erschienen, um einem Manne, den alle Schichten des Volkes gleich schätzten, das letzte Geleit zu geben. Der Vorstaitd der hiesigen Knltusgemeinde, die der Verstorbene gegründet und an deren Spitze er fast 30 Jahre wirkte, erwies dem, Dühingeschiedenen besonders Ehren. Eine außerordentliche Sitzung diente einer Tranerkundgebung, in welcher auch die Widmung eines Ehrengvaües beschlossen wurde. _ Auch fand die Hauptfcierlichkeit des Begräbnisses im israelitischen Tempel statt, der tiefen Trauerschmuck angelegt hatte, wo Rabbiner Herr Dr. Spira in formvollendeter Rede den teuren. Toten pries. Die Rede des ersten Vizepräses der Knltusgemeinde Herrn Dr. Hilf ließ kein Auge trocken und unter den erhebenden rituellen Gesängen wurde der Sarg gehoben. Der Trauerzng von imposanter Länge bewegte sich durch die Hauptstraßen Ostraus, wo alle Geschäfte geschlossen, waren und die Straßenlaternen brannten, durch dichte Nkenschenspaliere zürn israelitischen Friedhöfe,, tvo nach nochmaliger Rede des hochw. Herrn Dr. Spira und rituellen Zeremonien der Sarg mit dem nnvergeßlicheir Toten der Erde übergeben wurde. Der Gemeinderat der Stadt Mähr.-Ostran, welchem der Verstorbene seit 1874 angehörte, hielt gleichfalls eine Trauersitzung ab und beteiligte sich korporativ am Begräbnisse. Außerdem beteiligten sich die Feuerwehr, die Veteranenvereine, der Schützenverein (alle mit umflorten Fahnen), der Männergesangverein, die israelitische Schuljugend, die Zöglinge des Rothschild'schen Waisenhauses (dessen Kurator Herr Straßmann war), Abordnungen der hiesigen Geistlichkeit, der Finanzivache, der Nordbahn, der Lokalbahn, des Vcrrvaltnngsrates der hiesigen Brauerei und vieler Brauereien der hiesigen Gegend, viele Staatsbeamte, Großindustrielle, Montan- Industrielle tind Gemeindebeainte, Sicherhcitswache; schließlich waren auch sämtliche Knltnsgemeinden der Umgebung teils korporativ anwesend, teils durch Deputationen vertreten. Kurz, es war eine erhebende Kundgebung allgemeiner Wertschätzung und inniger, aufrichtiger Trauer um einen geachteten Menschen, dcnl das Wohl »ad Wehe des Judentums ans Herz gelvachsen war und der groß war im Wohltim, bescheiden rrnd gütig in seinem Wesen und zugänglich für jeden Rat- oder Hilfesuchenden. Möge der Verblichene in Frieden ruhen, ein ehrendes Andenken ist ihm gesichert! I. Sü. Assimilationsblüten. Ans Ung.-Hradisch wird geschrieben: Die Agitation des Mitchcfs der Firnia „Ung.-Hradischer Malzfabrik Ein. Fürst und Sohn" bei deit letzten. Wahlen in die Stadtgemeindevertretung, um sich selbst trotz seines hohen Alters, seiner mangelnden Befähigung und seiner sonstigen Mängel, überdies eines Mangels an jüdischem Geineinsinn, lveaen seines Einflusses auf einige von ihm entweder abhängige oder ihn fürchtende Inden in die Gemeindevertretung gegen den. Willen der Mehrheit der Inden und gegen den Willen der gesamten christlichen Intelligenz durchznzwängen, hatte den Erfolg, daß die Jndenschaft in Ung.- Hradisch dermalen in öffentlichen Anaelegenheiten trotz ihrer ganz bedeiltenden Steuerkraft und Wählerzahl völlig 0 h n e j e d c n Einflu s; i st. So kam es, daß eine bisher nicht allein in Ung.- Hradisch, sondern in allen mährischen Städten geübte Praxis, ivonach über Begehren der Kiiltnsgerneindevertretnng an den hohen Feiertagen Wochenmärkte nicht abgchnlten, sondern ans andere Werktage verlegt werden, durchbrochen und daß der Wochenmarkt trotz Einschreitens der .Kllltnsgeineindevertretnng angeblich, weil verlegte Wochemnärkte nichts heißen, am Neujahrsfeste abgehalten ivnrde. Es versteht sich von selbst, daß nur eine Stimme bei den Inden herrschte, daß die — Ung.-Hradisch ist ein Stapelplatz für Getreideverkanf und beteiligen sich am Kaufe die Jaroschauer Brauerei, die Firma Hahn und Beer, die Firma Moriz Reich. Jakob Schön und die Ung.-Hradischer Malzfabrik Ein. Fürst und Sohn — Getreide ankaiifenden Inden sich an dem Markte nicht beteiligen tverden. Ueberdies hatte der Herr Rabbiner sowohl aus religiösen Gründen, als auch in richtiger Erkenntnis der Wahrung der Bedeutniig der hier ansässigen Jndenstvaft, um der Bevölkerung zu zeigen, das; gegen deli Willen der Jude» ein Wvcheninarkt nicht mit Erfolg abgehalten tverden könne, persönlich die größeren Finnen mit Nichtbeteiligung angegangen und hat von allen Firmeninsbesondere auch von der Firnta E m. F ü r st und S 0 h n, durch deren M i t ch e f Herrn Sigmund Fürst die bestimmteste, überdies selbstverständliche Zusicherung erhalten, daß sie an dem Markte nicht teilnehmcn werden. Am Neujahrsfeste kamen Bauern, welche die diesfälligcit Verhältnisse nicht kannten, . zum Markte. Kein Jude, aber auch kein Christ kaufte irgend ein Körnchen Gerste. Die landwirtschaftliche Bevölkerung erhtett von der Stadtgemeindcvcrtretung die Weisung, sie möge ihre Gerste zurückführen, da wegen des Feiertages der Juden eine Verkaufsgelegenheit nicht vorhanden sei. Diesen Moment benützte die Ung.-Hradischer Malzfabrik Em. Fürst und Sohn, deren ältester Chef die Judenschaft in der Stadtgemcindevertretung vertritt und deren Firmainhaber insgesamt bei allen Jndenwahlen, um sich und ihre Mameluken in den Vertretungskörper dnrchzubringen, mit allen möglichen Mitteln beteiligen, im Laufe der Jahre aber 'ich, wo immer es nur gilt, sich als Jude zu bekennen, sich des Judentums nach Kräften schämen, zu folgendem nicht schlecht ansgeführtcn, Antisemitismus erregenden Stückchen: Durch ihre Angestellten ließ sie den Bauern sagen, daß sie bei der Heimfahrt sich in der am Wege befindlichen Ung.- Hradischer Malzfabrik aufhalten und dort die Gerste, welche die Fabrik anstatt am Markte, in der Fabrik kaufen werde, abladen. Wie viel die Ung.-Hradischer Malzfabrik mangels jeder Konkurrenz auf Kosten der Achtung vor dem Judentum und auf Kosteit ihrer eigenen Konfession bei jedem Meterzentner Gerste unterzahlt hat, kann hier nicht mitgeteilt werden; eines aber ist jedenfalls der Erwähnung wert, daß die Verkürzung der Gemeinde um die Marktgebühr, die 4 H. vom Metzen beträgt, wahrscheinlich über ausdrückliches Begehren (?) der Ung.-Hradischer Malzfabrik Em. Fürst und Sohn nicht platzgegriffen hat, indent unter Assistenz eines Marktkommissärs und zweier Polizcileute an Ort und Stelle in der Malzfabrik unter Errichtung eines außerordentlichen Marktortes die Marktgebühr eingehobcn wurde. Diese tatsachengetreue Mitteilung bedarf wohl keines Kommentars für jeden denkenden Inden; denn sie ist eine Einzelerscheinung der in Kreisen, die den Chefs dieser Malzfabrik ähnlich sehen, sehr häufig wiederkehrenden, das Ansehen der Jndenschaft niederdrückenden Selbstsuchtshandlungen. Nicht ohne Interesse für die Leser dürfte sich dieser Mitteilung folgendes anschließen: In Ung.-Hradisch wird ein Tempel gebaut. Weil die Kultusgemeinde — dieselbe zählt zu den ans Grund des Gesetzes über die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Inden neugegründeten Gemeinden — kein Vermögen besitzt, so muß sie natürlich, wo nur immer tunlich, und insbesondere unter Vorangenhaltung der Nichtbedrückung der Minderbemittelten, sich Einkommensquellen beschaffen. Die Stadtgemeindevcrtretung hatte die Liebenswürdigkeit, der Kultusgemeindevertretung zum Zwecke des Gottesdienstes den Redoutensaal zur Verfügung zu stellen; die Ktiltusgemeinde ihrerseits hat zur Deckung der Auslagen die geradezu minimalen Sitzgebühren von 6 Kronen bis zu 1 Krone ausgeschrieben. Die Chefs der obgenannten Firma, deren von ihnen abhängigen Angestellten und einige bei den letzten Wahlen in die Kultusgemeindevertretung wegen ihres aufdringlichen, zum Zwecke der Wahlen erfundenen, nach den Wahlen wieder beiseite gelegten Judentums ans ihren Siellungen herausgebrachten jüdischen Analphabeten haben es für gut befunden, aus Opposition gegen die Kultusgemeindevertretung mit dem lieben Gott 311 streiten, keine Sitze zu nehmen und mit ihren Frauen grundsätzlich die Betstube zu meiden; allerdings, wenn man die Zeit zum Ankauf von Gerste braucht, dann kann man den Moralpredigten des Rabbiners nicht zuhören. Gorlice. Am 20. Septentber l. I. fand hier eine zionistische Versammlung statt, in welcher Herr Dr. Wahrhaftig aus Krakau Bericht über den 6. Kongreß in Basel erstattete. Der Berichterstatter sagte nichts, was man nicht schon aus bcu Zeitungsberichten wußte. Redner persönlich ist ein Gegner des Zionismus ohne Zion, und hat c-m Kongresse ->gen das Uganda- Projekt gestimmt, nichtsdestoweniger — meint er — soll das Projekt unterstützt werden, indem dasselbe ein Mnicl bietet, vielen Tausenden Juden ein menschliches Dasein zu schaffen. Die Ausführungen des Redners in dieser Beziehung decken sich vollkommen mit der von mir in der vorigen Nummer dieses Blattes geäußerten Meinung. Auch etwas Neues sagte uns Herr Dr. Wahrhaftig, etwas, was die Zionisten bisher nicht zugeben wollten, nämlich daß der Zionismus und der Sozialismus ein großes Stück Weges miteinander gut gehen können, daß sie keine Ursache haben, sich gegenseitig in den Haaren zu liegen, vielmehr sich unterstützen und ergäitzen sollen. Herr Dr. Wahrhaftig glaubt, daß dem auch so wäre, wenn die sozialistische Presse in Oesterreich nicht in den Händen von getauften oder assimilierten Juden läge, zum Beweis führt er die schweizerische.sozialdemokratische Presse an und verliest einen Artikel des „Baseler Vorwärts", welcher an leitender Stelle den Zionistenkongreß bespricht und dem Zionismus — überhaupt der jüdisch-nationalen Bewegung — verständnisvolle Sympathie entgegenbringt. Von Wichtigkeit rind charakteristisch war die Rede, des Dr. Körner, welcher zwar kein Zionist ist, mit dem Zionismus aber sympathisiert, weil derselbe den Antisemitismus bekämpft und das nationale Bewußtsein bei den. Juden erwecken will. Der Zionismus soll aber nicht gleich mit hochfliegenden Plänen über Staatengründnngen komme>r, der Zionismus hat vorerst eine wichtige Mission zu erfüllen, er soll trachten, das jüdische Volk — und zwar in den östlichen Ländern — aus seiner moralischen Versumpfung heranszuheben. Herr Dr. Körner gedachte der verfehlten Eziehung, welche die jüdische Jugend in den „Cheders" genießt, wie den Juden daZ Selbstbewußtsein, die Selbstachtung fehlt und wieviel die Zionisten noch auf diesem Gebiete hier zu leisten hätten und leisten müssen, wenn sie sich ein Volk erziehen wollten, welches zur Gründung eines eigenen Staates fähig sein sollte, in dieser und nur in dieser Richtung sollen die Zionisten wirken, alles Uebrige stellt Herr Dr. K. auf' den zlveiten Plan. Wir Juden haben leider nicht gern die Wahrheit zu hören und eine Kritik — mag dieselbe noch so gerechtfertigt sein — vertragen wir nicht, und so zeigte auch die Versammlung — durch heftiges Murren — daß ihr das richtige Verständnis für die Ausführungen des Redners fehlte und sie ihm seine männlich offene und gerechtfertigte Kritik übel nahm. Herr Dr. K. nahm nochmals das- Wort, mix seine ersten Ausführungen erläuternd zu entschuldigen. Vom persönlichen Standpunkt des Redners war die nachträgliche Entschuldigung vielleicht am Platze, im allgemeinen sollen jedoch solche Niimutsäußerniigeii nicht abschreckcn, wieder und wieder unseren Brüdern ihre Fehler vorzuwcrfen, sie tverden mit der Zeit die Nichtigkeit dieser Vortvürfe einsehen, und Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Desider Harlig. Antisemitische Bewegung in Ostgalizien. Man, schreibt aus Lemberg: Die intensive antisemitische Bewegung welche sich im benachbarten Rußland geltend macht, hat auch bei uns ihre Reflexströmung hervorgerufen. Ein großer Teil der russischen Presse, mit der „RowojeMremja" an der Spitze, predigt täglich flammenden Judenhaß und die ruthenischen Blätter Ostgaliziens schöpfen aus diesen russischen Quellen. Diese Saat fällt um so mehr auf fruchtbaren Boden, als die ruthenische Propaganda seit langem den galizischen Juden es sehr verübelt, daß sie bei allen Wahlen mit den Polen stimmen. Aus diesem Gesichtspunkte müssen jene Judenexzesse beurteilt werden, welche sich in den letzten Tagen in rascher Folge in Zablotow, Gwozdziee und Kulaczkowce abspielten, also in Orten, die fast aus schließlich von Ruthenen bewohnt sind. Aus der Art de