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Jüdisches Volksblatt · 1903-10-02 · 40 (2.10.1903) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Z. Oktober 1903 Nr. 40 2. An trag Dr. Nathan: Die Versammlung ist der Ansicht, daß von der jüdischen Vereinigung zum Schutze von Frauen und Mädchen in Lemberg sogleich eine Anzahl Agenten angestellt werden soll, um die Ausbreitung des Vereins über ganz Galizien herbeizuführen und um in allen Orten zuverlässige Personen zu gewinnen, die geeignet sind, dem Mädchenhandel entgegenzuwirken. Der Verein soll überdies ein Auskunfrsbureau etnrichtcn, das ohne Entgelt sachliche Auskünfte über Auswanderung erteilt und bei dieser Gelegenheit auf die Gefahren der Auswanderung hinweist. 3. Antrag Dr. Rosenack: Das moralische Niveau unserer Glaubensgenossen soll gehoben werden: 1. Durch Gründung einer Jargonzeitturg und Einwirkung der Rabbiner in Wort und Schrift. 2. Durch Beaufsichtigung der Chedarim, Talmud, Thoraschulen und sonstigen Schulen durch die hierzu Berufenen. 4. Antrag Rabbiner S ch m e l k e s in Kolom e a: An sämtliche Rabbinen in Galizien ist die Bitte zu richten, gemeinsam zu erklären, dag das Denunzieren der Mädchenhändler bei der Polizei kein Aweiroh, sondern eine Mizwoh ist. 6. Antrag R c v. Singer und Dr. Rosenack: In Erledigung der Vorschläge des Rev. Singer befürwortet die Versammlung, die Rabbiner zu ersuchen, das; sie nach wie vor das Volk belehren, nur legale Ehen einzugehcn. 6. Antrag Dr. Nathan: Alle weiteren Anträge in erziehlicher und kultureller Richtung werden der neuen Vereinigung zur Prüfung und Erledigung vorgcführt, insofern sie jedoch auf eine wirtschaftliche Tätigkeit sich beziehen, sind sie an die Hilfsvereine für die notleidende jüdische Bevölkerung in Wien zu leiten. Zum Schluß forderte Dr. Byk die Versammlung zu dem üblichen Kaiserhoch auf und dankte ftaim mit herzlichen Worten den Erschienenen. Er hob hervor, daß seit 2Ü Jahren keine Delegiertenversauunlung in Lemberg so zahlreichen Besuch von orthodoxen Rabbinen aufzuweisen gehabt habe. Herr Dr. Caro rief dem Präsidium, Herr Rabbiner Schur der Versammlung den Wunsch „Auf WiedesehenI" zu, und Herr Dr. Rosenack betonte, daß alle Teile der Versanrmlung sich näher gerückt seien. Herr Dr. Nathan gab seiner Freude Ausdruck, in Galizien so viele intelligente Männer aller religiösen Richtungen gefunden zu haben, die zur Mitarbeit bereit sind und hofft davon das Beste für das Gelingen des Werkes. Er spricht nochmals den Dank der auswärtigen Delegierten für die freundliche Aufnahme aus. Damit schließt dieser erste Delcgiertentag zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Z«r Ostasrila-Frage. (Nach dem Kongretz.) Von Rabb. Dr. Roth (Diakovar). Der sechste Zionistenkongreß zu Basel ist vorüber. Den größten und bedeutendsten nannten ihn die verschiedensten Journale, die nationalen sowohl wie die zionistischen und nicht minder die Presse der assimilatorischen Gegner. Das Urteil der letzteren hat mich verstimmt. Ich liebe es nicht, wenn mich meine Feinde loben. Die Zeitungen der trägen, denkfaulen jüdischen Gemeindevorstände waren aber bisher Feinde des nationalen Gedankens. Sie waren es, die den feigen Protest der deutschen Rabbiner nachgedruckt, sie haben über alles mögliche und unmögliche geschrieben; wochenlange konnte die reich ^deutsche jüdische Presse wimmern, wenn Harnack den Lehrbegriff des Judentumeiner Kritik unterzog, oder wenn ein unbekannter Professor der Theologie in irgend einer Schrift über Dogmatik sein eigenes Bekenntnis zu sehr gelobt. Für die nationale Bewegung im Judentum, für den ganzen großen Umfang der Wiedergeburt des jüdischen Stammes hatte diese Preffe kein Wort. Für sie gab es mehr keine Judenheit, keine Judennot, keine Judenmasse. Sie dachte die Bewegung, todschweigen zu können. Wenn Hottentotten oder Zulukaffern in i Basel zusammengekommen wären, da hätten diese Journalisten es gewiß der Mühe wert erachtet, hinzukommen, um „Kullurftudien" zu machen. Wie schmerzlich hatte es mich und einige Freunde berührt, als im Jahre 1899 ein tonangebender jüdischer Zeitungsredakteur von St. Moritz nach Berlin fuhr, ohne es der Mühe wert zu finden, in Basel — wo eben der Kongreß tagte — auszusteigen. Die Zeitung dieses Herrn vertritt angeblich die sämtlichen Interessen des Judentums. Wir hätten an all dies nicht erinnert, trotzdem es nicht unintereffant ist, einmal zu wissen, wo unsere Interessen vertreten werden. Nur die Art, mit welcher diese Blätter den letzten Kongreß besprechen, fordert zum Nachdenken auf. „Wie wir vorausgesagt, hat sich der Zionismus gehäutet." — Das Ostasrika-Projekt wird hier besprochen, daran eine Säutung des nationalen Gedankens konstatiert. Mit scheinheiliger nade wird der bisher als destruktiv erklärte Zionismus in die Reihe der lebenden und bereits gestorbenen Wohltätigkeits- Institutionen zur Linderung der Not in den östliche« Ländern— eingereiht. — Wir danken schönstens für die Eintrittskarte in den Ballsaal der verlebten und verbrauchten Einrichtungen der Wohltätigkeitskonzerts. Das jüdische Volk weist mit Entschiadenheit jedes Ansinnen von sich, das geeignet erscheint, die nationale Idee zu verflüchtigen undineine zahme Wohlf a h r t s e i n ri ch t u n g für Vaterland-lose und Schiffbrüchige — zu verwässern. Die assimilatorische Presse will für sich ein Brücklein schlagen, um zu dem verlorenen Vertrauen des jüdischen Volkes wieder gelangen zu können. DaS zionistische Judentum dankt entschieden für dieses geheuchelte Wohlwollen, welches geeignet ist, das Wesen und die Bedeutung der nationalen Idee zu entstellen und unsere nationale Arbeit zu hindern. — — Es lag nicht im Thema des letzten Kongresses die Grundgedanken der nationalen Idee aufs neue zu entwickeln. Dies ist natürlich, wenn man bedenkt, daß die Grundgedanken in den ersten Kongressen ausgeführt bis zu einer programmatischen Feststellung gediehen sind. Seit Jahren wird der Gedanke erwogen, in zahlreichen Schriften fixiert, in zahllosen Versammlungen das Thema diskutiert und zur Abklärung gebracht. Die Aufgabe des diesjährigen Kongreffes lag in der Besprechung eines praktischen Resultates, welches nach außen allerdings eine neue Wendung für die Verwirklichung eines Teiles des zionistischen Programmes bedeutet. Aber den Zionismus als solchen berührt diese Wendung nicht. Man mag für daS Ostafrika-Projekt begeistert sein, in ihm eine Teilzahlung unserer Hoffnungen erblicken, oder es bedauern, daß wir nicht sofort unser Palästina haben können. Das ist eine Meinungsverschiedenheit die innerhalb der Zionisten bestehen mag; an dem Zionismus selbst rührt diese Frage nicht. Der Gedanke der nationalen Widergeburt unseres Stammes hat den Zionisinus gezeugt. Der Zionismus sucht dielen Gedanken politisch zu verwirklichen. Für mich ist es gleichgiltig wo — der Name ist auch hier nur Schall und Rauch. Der nationale Gedanke ist seinem Wesen nach viel mehr als ein Kolonisationsplan, er ist die Offenbarung der jüdischen Volksseele, die zu Selbstbewußtsein erwacht, ihre volkliche Selbständigkeit betont und dem entsprechend ein eigenes Ausleben ihrer volklichen Anlagen erstrebt. Wenn wir mit diesem Gedanken uns von der Assimilation entfernen, in entschiedenen Gegensatz zu dem bisherigen Verhalten unserer Führer treten, so kann von einer „Häutung" nicht ,dis Rede sein. De» Zionismus märe dann nicht das, wofür ihn das selbstbewußte jüdische Volk hält. Er wäre nicht der bewußte und gewollte Gegensatz zu dem Verhalten der assimilatorischen Judentums. Ein Ausfluß des nationalen Gedankenist jede Kolonisationsbestrebunjj; der Zionismus ist aber mehr als Kolonisation. Er bedeutet eme gründlich neue Wertung unserer VolkSindividualität. Er bedeutet die natwnate Gelbstbeiahung unseres Stammefür heute schon und für alle Zukunft. Wir brechen in in unserem Empfinden »it der Vorstellung, als wäre das Judentum lediglich kirchliches Glaubensbekenntnis und haben nichtgemein mit den assimilatorischen Kultusvorständen und ihrer Seelsorger, die ihr Judentum sorglich auf einige unschuldige Predigtphrasen reduzierten. Die volle Ausgestaltung unseres Volker für den sozialen und kulturellen Kampf der Gegenwart und Zukunft — das ist unser Zionismus. Daß wir, wo enur möglich, schon jetzt als soziale Einheit für die Wahrung unserer volklichen Interessen eintreten — ist die Gegenwartsarbeit unseres Programme-. Wir laffens unS nicht — wie dies in Ungar» augenblicklich geschieht — alS Pioniere natioualer Selbstsucht verbrauchen, um hinterher von den Nationalen der regierenden Stämme ausgestoßsn zu werden. Di« Knotenbildung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat unsere beste Kraft aufgesogen, und wie viel jüdische Arbeit und jüdischer Fleiß hat — den verschiedenen liberalen Parteien in Europa gedient, um später alS minderwertige Raffe abgeschüttelt zu werden. Wir erblicken in der jüdischen Geschichte, die Entwicklung des jüdische« Volkes. Der Sinn der Geschichte kann es nicht sem, aus einige allgemeine Sätze von Mission u. s. w. Israels hinzuarbeite«, um hinterher selbst spurlos feige zu verschwinden. Die jüdische Assimilation tröstet sich mit einigen allgemeinen Sätzen, wie Menschheitsverbrüderung, das ewige Himmelreich u. s. w. Das sind verspätete Nachklänge einer Geschichtskonstruktion, wie sie zu Ende deS 18. Jahrhunderts in einigen Köpfen gelebt hat. Dies« Ideologe Geschichtsauffassung gehört heute zu den überwundenen Stücken einer alten Weltanschauung. Die Affimilation beruht auf dieser. Tie ist eine bequeme Art, «m seine Gleichgiltigkeit hinter Prinzipien zu verstecken. Ts ist eine Utopie, die zu nichts verpflichtet. Das nationale Programm des jüdischen Volkehat diesen Traum aufgegeben. Der Zionismus ist aus der realen Auffassung der Verhältnisse, «us der soziologischen Wertung unseres Lebens und unserer Kräfte herausgewachsen. Mit ihm ist eine große Sehnsucht als fernes Ziel ausgetaucht. Wie denn nicht? Ein großer Gedanke gebärt andere. Aber da- Märchenland unserer Bestrebungen ist nicht territorial begrenzt. DaS wiedergeborene jüdische Volk ist Gegenstand unserer Pflege, die Arbeit an demselben und für dasselbe ist unsere Aufgabe. So haben wir vor dem sechsten Kongreß gedacht. Der Zionismus war für uns ein neues politisch-soziales Bekenntnis. Eine Weltanschauung, die den ganzen jüdischen Menschen mit neuen Idealen, neuen Hoffnungen erfüllt. Die aber ebenso sehr als Weltanschauung Gegenwartsarbeit uns gebietet. Als Weltanschauung empfunden, hat der Zionismus nichts gemein mit irgend einer Wohltätigkeits-Einrichtung, die spezielle Ziele verfolgt. Wir leben den Zionismus als eine große nationale Idee, welche berufen ist, alle unsere Beziehungen im Völkerleben zu gestalten und uns zunächst unser Gemeinschaftsleben auf nationalen Grundlagen aufbauen zu lassen. Es ist nur selbstverständlich, daß eine Idee von solchem Umfange nicht an einem Tage verwirklicht wird. Natürlich ist eS, daß die volle Ausgestaltung des Grundgedankens mannigfacher Arbeit bedarf. Soll doch dem jüdische« Volke gleichsam eine neue Begriffsbildung geschaffen werden. Begriffsbildungen aber erfordern viele Arbeit, gleichviel auf welchem Gebiete menschlichen Denkens sie vorgehn. Denn st« sollen ja eine Synthese darstellen zwischen bisher geltende» «nd neuen Anschauungen. Ein Ausschalten alter, irriger Ansichten und ein Einfügen neuer— den Tatsachen entsprechender — Beobachtung. Wenn der sechste Kongreß zur Realisierung unserer Pläne ein neues Projekt vorschlug, dasselbe den Beifall der Majorität unserer Volksvertretung gefunden, dann ändert dies an dem Zionismus nichts. Nach wie vor steht daS nationale Programm heute sowohl wie vor dem letzten Kongreß. Das Volk, aus dem die nationale Idee neu geboren, kennt kein Häuten seiner Prinzipien — es weist daher das Liebäugeln mit fremden Bestrebungen von sich. Es zeugt von der innern Kraft unserer Bewegung, vom Reichtum seiner Lebenssäfte, daß der Realisierung unserer Aufgaben neue Wege sich öffnen. Verknöchern und Transigieren ist unsere Sache nicht — sie ist längst die Arbeit geworden, an der rüstig fitzen Protestrabbiner und assimilatorische Kultusvorsteher. Das jüdische Volk aber glaubt an den Sieg seiner nationalen Gerechtsame. D j a k o v a r, Tischri 5664. Zettungsschau. Cin altes jüdisches Gemeindehaus. Die „Deutsche Zeitun g" schreibt: In der nächsten Zeit gelangt ein historisch interessantes Stück Alt-Wien im 2. Bezirk zznr Demolierung: die Häuser mit den Nummern 22 und 24 der Großen Pfarrgasse. Besonderes Interesse für den Kenner erregt das Haus Nr. 22, ein ganz merkwürdiger altertümlicher Bau, mit einem der Straße zugekehrten Giebel, dessen Entstehungszeit zurückreicht in das 17., nach anderer Version sogar in das 16. Jahrhundert. In jener Zeit bildete nämlich die. Gegend „hinter den PP. Karmelitern", also die heutige Tandelmarkt-, Haid- und Große Pfarrgasse, die alte sogenannte „Judenstadt", welche die Wiener Juden durch eine kaiserliche Entschließung vom Jahre 1625 als Wohnort angewiesen erhielten. An der Stelle der heutigen St. Leopoldskirche befand sich die Synagoge und gegenüber das j ü d isch e G em ei nd eh a u s. Dieses soll nach einer sehr glaubwürdigen Ueberlieferung das heutige Haus Nr. 22 gewesen sein. Das Haus ist in seiner inneren Bauart ungemein altertümlich. In dem Parterrelokal, einem „Platzlgewölbe", befindet sich in der Mitte eine einzige starke Säule, welche alle zwei Stockwerke in kühner Wölbung trägt. Besonderes Interesse verdient das alte Stiegenhaus und die Einfahrt. Als vor einigen Jahren der gegenwärtige Besitzer an der Stelle im Hofe, wo einstens ein Garten stand, einen Zubau aufführte, da zeigte sich eine Mauer des alten Traktes hohl. Man untersuchte dieselbe und fand, daß im Inneren der Mauer ein enger Schacht vom Boden bis in die Tiefe des Kellers führte und hier in einen wagrechten Gang mündete. In diesen Schacht führt als Stiege ein Mast, in dem treppenartig Bretter eingefügt sind. Dieser Schacht sowohl als auch der Gang dürften wohl bei gewiffen rituellen My sterien der Juden eine Rolle gespielt haben. Das angrenzende Haus Nr. 24 wurde im Jahre 1801 in seiner gegenwärtigen Form erbaut. (Der Schluß macht der Ritualmordphantasie der „Deutschen Zeitung" alle Ehre. Anm. d. Red.) Fast regelmäßig erscheint in Begleitung einer jeden Judenhetze zugleich gewissermaßen als Dämpfer die Nachricht von neuen Judengesetzen in Rußland. Russische Blätter erhalten darüber folgende Nachricht: Der russische Minister des Innern hat sich in einem Zirkularschreiben an die Gouverneure des Weichselgebietes und den Oberpolizeimeister von Warschau gewendet und sie aufgefordert, ihm in kürzester Zeit ihre Erwägungen über die Unzulänglichkeit der bestehenden Gesetze über die Juden zugehen zu lassen, da die Regierung eine Verbesserung, keine vollständige Umarbeitung der Gesetze über die Juden plane. Im Ministerium des Innern ist bereits im Laufe des Sommers eine Kommission in dieser Frage tätig gewesen, die festgestellt hat, daß eine große Anzahl der das Wohn- und Handelsrecht der Inden betreffenden Gesetze teilweise entweder vollständig veraltet sind oder trotz der vielen Senatsinterpretationen miteinander im Widerspruch stehen. Diese Mängel sollen durch eine Umarbeitung in liberalem Sinne beseitigt werden. Im Interesse der russischen Juden, die gegenwärtig in wahrhaft menschenunwürdiger Lage sich befinden, und auch im eigenen Interesse Rußlands wäre zu hoffen, daß die Nachricht sich bewahrheiten möchte. Herrn b. Plehwes bisherige Halttmg war aber leider durchaus nicht darnach angetan, solche Hoffnungen zu wecken oder zu stärken. Maßregelungen von Zionisten durch die russisch* Regierung. Der „Woschob" Nr. 37 meldet: Die Zeitungen bringen immer mehr neue Nachrichten über Aufforderungen von Seiten der Regierungsorgane, sich vom Zionismus loszusagen. W j e st n i k Inga teilt mit, daß ein Lehrer namens Schner dieser Tage seine Ernennung als Lehrer an der Freischule in Pavlograd bekam. Vor seinem Antritte verlangte man von ihm eine schriftliche Erklärung, daß er nicht Mitglied eines zionistischen Vereines sei und keine Gemeinschaft mit dem Zionismus habe. — Das Schicksal des Nikolajever Lehrers Fialkov, der wegen seiner Beteiligung am Baseler Kongreffe von der Unterrichtsbehörde entlasien wurde (Nr. 33), hat noch einen anderen getroffen. Wie man uns mitteilt, wurde dieser Tage in Golda (Gouv. Cherson) der Lehrer der jüdischen Sprache in dor Pcivatschule I. Oserowski, weil er Delegierter am Baseler Kongreffe war, entlassen. Besonders werden die Lehrer im Odeffaer Rayon beaufsichtigt. So wurden in Nikolajev von den jüdischen Lehrern Unterschriften abgenommen, daß sie dem Zionismus fernstehen. In Odessa werden bei Anstellung neuer Lehrer Informationen eingeholt, bezüglich ihrer Stellung zum Zionismus. In Elisabethgrad wurde Dr. Stein mit Resolution vom 31. Juli wegen Veranstaltung einer zionistischen Wählerversammlung bestraft. * Das Ostafrika-Projekt der Zionisten wirst bereits seine Schatten. Folgende Notiz entnehmen wir den rumänischen Tagesblüttern: „Eine Gruppe junger jüdischer Handwerker in Jassy hat die Absicht, nach Ostafrika auszuwandern. Vorgestern hielt die Gruppe in der Synagoge eine Versammlung ab, in welcher beschlossen wurde, Fonds für die Ausführung dieses Planes zu sammeln. Es wurde ferner beschlossen, sich au Dr. Herzt zu wenden und ihn zu bitten, daß er zugunsten der Emigranten bei den englischen Behörden interbeniere." Es wäre angebracht, schon jetzt die jüdischen Massen in Rumänien mrd Rußland vor derartigen ü bereil t e n Schritten zu ivarnen, die geeignet sind, die schlimmsten Folgen nach sich zu ziehen. Zu dieser Nachricht bemerkt die „Welt": Dazu haben wir zu bemerken, daß von Seite der Zionisten alles getan werden muß, um jede übereilte Auswanderung hintanzuhalten. Noch hat der Kongreß sich nicht für Ostafrika entschieden. Dr. Herzl hat auf dem 0. Kongresse ausdrücklich erklärt: „Das Zeichen zum Aufbruch io e r d e u und k ö u u e u w i r unseren Massen daraufhin nicht geben." Es wäre mehr als Leichtsinn, wenn von irgend welchem Zionisten im ausdrücklichen Widerspruch mit den Intentionen unserer Leitung für eine Auswanderung nach Ostafrika Propaganda gemacht loürde. Wir ersuchen sämtliche jüdischen Blätter, von dieser Warnung Notiz zu nehmen. ch Jüdische Bestrebungen in Deutschland. Die „Kölnische Zeitung" hatte kürzlich bemerkt, daß die Bestrebungen eines Teiles des Judentums, sich selbst innerhalb Deutschlands zu engeren Gemeinschaften auf allen Gebieten des Lebens abzuschließen, dem nötigen Ausgleich der Nationalitäten, die denselben Boden bewohnen, nicht förderlich sein können. Der Schriftwart des jüdischen Turnvereins in Köln hat darauf an das rheinische Blatt folgende Zuschrift gesendet: „Nachdem Sie gegen die jüdischen Turnvereine im allgemeinen und gegen den geplanten jüdischen Turnverband im besouderen so schweres Geschütz aufgefahren haben, darf ich wohl von Ihrer rühmlichst bekannten Gerechtigkeitsliebe und Ihrem Streben nach Objektivität Ihrer Darstellungen annehmen, daß Sie auch dem angegriffenen Teile das Wort gewähren. und zu diesem Zwecke nachfolgender Darlegung Raum geben: Vor allen Dingen kmm von einem Konfessionalismns keine Rede sein. Das gerade ist der grundlegende gemeinsame Standpunkt der jüdischeir Turnvereine, daß sie den unhaltbaren Begriff der jüdischen ->.aubensgemeiuschast, die heute in Deutschland oder auch in Westeuropa in keiner Weise mehr existiert, erlveitert haberr zrr dem der jüdischen Stammesgemeinschaft; es können tatsächlich die vielen Merkmale der gemeinsamen Abstamnurng, die den Juderr eberr äußerlich und innerlich zum Inden stempeln, voir einem Unbefangenen nicht gelerrgnet werden. Nun haben lvir aber erlebt, daß eine jahrhundertelange Verleugnung särntlicher jüdischen Rasse-Cigentümlichkeiten, das geradezu knechtische Bestreben, sich in jeder Weise der Umgebung anzupassen und bergesserr zri machen, daß man jernals Jude gewesen ist, daß, lute gesagt, die eifrigsten Annäherungsversuche der Inden nur zu den traurigen Begebenheiten der neuesten Zeit und zu dein heute direkt permanent gewordenen Antisemitismus geführt haben. Und dieser Antisemitismus, d. h. der Haß der einen Rasse gegen die andere, wird nie verschwinden, so lange nicht die eine schwächere Rasse das Feld ganz räumt. Daher haben lvir uns ans uns selbst besonnen und haben mit gutem Erfolg versucht, indem wir uns auf uns znrückziehen, unsere Kräfte zu gemeinsamem Handeln zu vereinigen, Uebrigens ist aber auch die von Jhneir angeführte deutsche Tnrnerschaft durchaus nicht von dein Vorwurf einer mangelnden Festigkeit gegenüber antisemitischen Strömungen, tuie sie heute eben in keiner Gemeinschaft fehlen, freiznsprechen. Es mußte die jüdischen Turner seinerzeit bitter kränken, daß die deutsche Tnrnerschaft, als die sämtliche» österreichischen Gaue ihre jüdischen Mitglieder hinanslvarfen und Inden von der Mitgliedschaft ausschlossen, diese Beschlüsse unter Bruch der Bnndessatznng guthieß und sie sogar durch ein Verlegenheitsgesetz legalisierte. Da kann man es uns gewiß nicht verdenken, wenn lvir von einer Mitgliedschaft in einem Verbände, der uns ruhig mißhandeln läßt, wenn lvir nicht zufällig im Deutschen Reich wohnen, nichts wissen wollen. Und noch eins: Wir Huven die Erfahrung gemacht, daß der größere Teil unserer Mitglieder, ehe sie bei uns eiittreten,

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