Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wiei^ Freitag Jüdisches Volksblatt 2. Oktober 1903 Nr. 40 bedauerlichen Ausschreitungen ist aber auch eine gemeinsame Hand erkennbar, denn vor allem ist in allen diesen drei denn doch nicht so nahe beieinander liegenden Ortschaften eine neue einheitliche Form der Inszenierung deutlich erkennbar. Ein Bauer tritt in die Handlung eines Juden, verlangt eine Ware, eignet sich dieselbe an und versucht das Lokal zu verlassen, ohne den Kaufpreis zu bezahlen. Der Jude läßt sich dies nicht gefallen und verteidigt sein Eigentum; der Bauer erhebt Geschrei, ruft Genossen herbei, der jüdische Händler wird blutig mißhandelt. Dieser Vorgang hat sich in allen drei Orten wiederholt, und daran knüpften sich auch Ausschreitungen gegen ganz unbeteiligte Juden. Alle diese Fälle haben eine höchst gefährliche Gährung gegen die Juden in der Bauernbevölkerung erzeugt. Nach jedem Exzeß «gegen die Juden taucht ein Agitator auf, welcher die Unterweisungen gibt, wie sich die Bauern vor den Behörden verteidigen und wie sie alle Schuld auf die Juden wälzen können. Eine Beruhigung gewährt allerdings die Energie, mit welcher der jetzige Landeschef dieser gefährlichen Bewegung begegnet. Die Ausführung seiner Verfügungen liegt aber in den Händen der Lokalbehörden, und diese haben sich in den alten Kurs um so inniger eingelebt, als er ihren eigenen Neigungen und Anschauungen näher liegt. Ein magyarisches Assimilatiorisfrüchtel. In Budapest amüsiert man sich gegenwärtig über folgende, die dortigen Verhältniffe charakterisierende Geschichte: Ein gewisser Adolf Kave ny, ein ausgeprägt orientalischer Typus, erscheint als Kläger vor einem Strafsenate. Vors. Welcher Religion gehören Sie an? Kl. (selbstbewußt). Welcher sollte ich angehören? Natürlich bin ich römisch-katholisch. Vors. Ich finde darin nichts natürliches. (Maliziös.) Die Religion ist ja niemandem von der Nase qbzulesen. Sie könnten ebenso gut Israelit sein. K l. Sie belieben ZU irken, Herr Präsident! Einen Juden könnte man heute nicht vors Gericht zitieren, da die Juden heute Rosch haschanah haben. Vors. Wahrlich, daran vergaß ich. Aber woher wissen Sie dies so gut? Kl. (verschämt). Ich bin getaufter Jude! (Schallende Heiterkeit.) Jüdische Soldaten in Ungarn. Anläßlich des jetzt herrschenden Armeerummels in Ungarn dürfte folgende Statistik von Interesse sein: In Ungarn (inklusive Kroatien und Slavonien) dienen gegenwärtig insgesamt 132.219 Soldaten. Hievon entfallen auf die Katholiken bei einer Gesamtzahl von 9,919.913 Katholiken 73.380 Soldaten; auf die Griechisch-katholischen (Ges.-Z. 1,854.143) 10.509; aus die Griechisch-Orientalischen Ges.-Z. 2,815.713) 15.867; auf die Evangelischen A. B. (Ges.-Z. 1,288.942) 8872; auf die Evangelisch-Reformierten (Ges.-Z. 2,441.442) 17.324; auf die Unitarier (Ges.-Z. 68.568) 563; Juden (Ges.-Z. 851.378) 5124; der Rest entfällt auf die übrigen kleineren Konfessionen. Lx-Isx-Zuftand der Gerechtigkeit in Ungarn. Aus Szobrancz, einer Stadt Ungarns, in welcher eine bedeutende jüdische Gemeinde existiert, wird uns folgender empörender Vorfall berichtet: Am 23. September, am zweiten Rosch-haschanah-Tage erschien der hiesige Gendarmerieposten- Führer bei sämtlichen jüdischen Kausleuten und forderte dieselben unter Androhung einer empfindlichen Strafe auf, sofort ihre Geschäftsläden, welche anläßlich der Feiertage gesperrt waren, zu öffnen und den Geschäftsbetrieb aufzunehmen. Unter den in' der Synagoge versammelten strenggläubigen Juden verursachte dieses gesetzwidrige Eingreifen des Herrn Postenführers, der sich auf eine angebliche ministerielle Verordnung berief, eine begreifliche Bestürzung. Die Szobranezer Juden haben gegen diese Verletzung ihrer persönlichen Freiheit bei der Regierung Beschwerde erhoben. So weit der Bericht. Wahrscheinlich handelt es sich hier um die Ausführung der berüchtigten Luka cs'schen Berordnung gegen die jüdischen Trafikanten in Lemberg. Doch auch in diesem Falle wäre de« Uebereifer des Herrn Postenführers gesetzwidrig, weil Herr v. Luka es selbst die drei hohen Feiertage in seiner Verordnung respektierte und von einem Gesetze, welches den Juden verbieten würde, ihre sonstigen Geschäfrslokalitäten an ihren Feiertagen geschlossen zu halten, ist uns vorläufig nichts bekannt. Ausland. Jüdische Einwanderung in New-Aork im Monate August. Im Monate August landeten im New- Iorker Hafen insgesamt 7562 jüdische Seelen, also bedeutend mehr als im August des vorigen Jahres, zu welcher Zeit bloß 5263 Juden in New-Iork ans Land stiegen. Der Umstand, daß in diesem Jahre die Einwanderer viel früher solch große Dimensionen angenommen hat, wird den hohen Feiertagen zugeschrieben. Im vorjährigen September erreichte die Zahl der jüdischen Einwanderer in New-Iork allein 8260. Von den 7562 Juden, welche im letzten August in New-Iork ankamen, waren 3025 Männer, 2261 Frauen und 2276 Kinder. Aus Rußland kamen 4796, aus Oesterreich 1295, aus Ungarn 701 und aus Rumänien 561 Einwanderer. Aus andereu Ländern waren Deutschland mit der höchsten Ziffer 149, vertreten. Unter den Einwanderern befanden sich auch 33 Türken, 3 aus Italien und je einer aus Spanien und Griechenland. Von den eingewanderten Juden setzten 2226 ihre Reise nach kurzem Aufenthalte in das innere des Landes fort, während 4336 in New-Aork verblieben. Regelung der Eiuwanderungsfrage. Eine Meldung, die für die Einwanderung unserer östlichen Stammesgenossen nach Amerika wichtig ist. bringt das Kabel ans New-)York: „Präsident Rooscvelt besichtigte eingehend die Einwandererstation ans Ellis-Jsland, lim selbst die über die dortigen Behörden laut gewordenen Beschwerden zu untersuchen. Der Besichtigung folgte eine .Konferenz über die Frage der Beschränkung unerwünschter Eimvandernng ans dem fernen Osten sowie Süden Europas. Hervorragende Vertreter der Ncw-Uorker City wohnten der Besichtigung sotvie der Konferenz bei." lieber die Ergebnisse der Konferenz ist bisher iloch nichts in die Oesfentlichkcit gedrungen. Doch fürchten Iwc sehr, nach alledem, was darüber bekannt geworden, das; das Resultat für unsere unglücklichen jüdischen Auswanderer ans den Ländern des Ostens kein sehr günstiges sein dürfte. Synagoge ans einem Schiffe. Aus London meldet man: Die Schiffahrtsgesellschaft „Union Castle-Line" hat auj ihren zwischen London und Südafrika,'verkehrenden Schiffen je eine Kabine zum jüdischen Gottesdienste eingerichtet, der auf allen Schiffen abgehalten wird, die sich während der hohe« Festtage auf hoher See befinden. Der vor einigen Tagen abgegangene Dampfer „Berwick Castle" war der erste, der mit einer Synagoge eingerichtet war. Geschichtliches über die Mainzer jüdische Gemeinde. Unter dem Titel „Bilder aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde ill Mainz" hat Herr Rabbiner Dc. Salfcld zur Erinnerung an die fünfzigjährige Wiederkehr des Einweihnngstagcs (11. März 1858) der .Hauptsynagoge eine recht lehrreiche Festgabe erscheinen lassen, die als Vorläufer einer größeren ivisscilschaftlichen Arbeit „Beiträge zur Geschichte der Inden im Erzbistum Mainz" zu betrachten ltnb welche wegen der Reichhaltigkeit ihres Inhaltes weitere Beachtung verdient, weshalb wir einiges hier anszüglich folgen lasseil. Voran geht Sagenhaftes über R. Amrail ans Mainz, dessen Gestalt in unserer Erinnennig am Nclljahrsfestc auftauclst, wenn das ergreifende Gebet „Unesanne Tokef" erklingt, uttd über Elchmran, deil die Sage zum Papst erhoben hat. Auch eine bayerische Sage meldet ähnlich wie in der Sage über R. Amran, daß der heilige Emmercil als Leiche auf eillem Karr eil ohne Führer nach Aschheirn gefahren kam und danil ohne jede menschliche Hilfe auf einem Sehisfe die Doilau hinauffuhr gegen Regensburg, und siild wohl beide Sagerl auf die Schiffsbegräbniffe der Teutoirell zurückzuführen. Wann Juden das erstemal in Mainz sich angesiedelt haben, läßt sich geschichtlich nicht feststcllen, denn Berichte, daß Juden scholl mehrere Jahrhunderte vor Christi als Kolonisten in die Rheingegeild karneii, siild sagenhaft. Im vierten Jahrzehirt nach Christi soll bereits die Wormser Gemeinde geblüht haben. Ucber die Kölner jüdische. Gemeinde besitzen wir Urkundliches ans dem Jahre 321, da sie schon damals zu den Lasten der städtischell Verwaltuirg herangezogen wurde. Im Jahre 017 wandertc Moses der Alte, Sohn des Kalonymos mit den Seinen aus Lucca ill Oberitalien nach Mainz ein. Im zehnten Jahrhundert tvlirdcil die berühmten Kölner Messeil von Mainzer jüdischen Kausleuten besucht. Erzbischof Friedrich von Mainz (937—954) bemühte sich ernstlich, den Einfluß der Juden in Mainz zu brechen. Bischof Rüdiger Huozman in Speyer, der das Dorf Altspcyer zlic Stadt erhob, nahm Mainzer Flüchtlinge 1084 in seine Stadt auf und gab den Juden Privilegien und Gesetze „wie sie das jüdische Volk in keiner Stadt des Deutschen Reiches besser besitze." 1090 lvurde dieses bischöfliche Privileg durch Heinrich den Vierten bestätigt und erweitert. Was die jüdische Gemeinde Mainz in der Geschichte Ivar, sagt am besten Salomo ben Simon, der in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts die. Kreuzzugsgreuel schildert. Sie ist ihm „der Schild und Panzer aller Gemcindeil", und klagend'' ruft er aus: „Wie ist gebrochen die mächtige Stütze, der prächtige Stab, die heilige, wie Gold geschätzte Gemeinde Mainz." Mainz war schon früh der Sitz jüdischen Geisteslebens, welches besonders durch die Familie des Kalonymos aus Lncca gepflegt wurde. Das städtische Museum in Maiilz ist noch im Besitze eines Leichensteiiles des Dichters Mcschnllam ben Kalonymos aus dem ältesten Mainzer Friedhöfe, lind war cs am 27. Mai 1096, als der Mainzer Vorsteher Kalonymos für den Glauben in den Tod ging. In Mainz wirkte auch als Leiter der Hochschule R. Gerschon ben Inda (gcb. 960, gest. 1028), der „die Leuchte des Exils" genannt wurde. Er ist aber nicht nur durch seine Gelehrsamkeit berühmt, sondern durch von ihm getroffene „Anordnungen", die den Worten der Lehre gleich geschätzt waren. Er verbot unter anderem die Polygamie. Ein Sohn des R. Gerschon war 1012 unter den zum Glaubens- Wechsel Gezwungenen, und als derselbe nicht, wie es die anderen taten, als ruhigere Zeiten eintraten, zum Glauben der Väter zurücktrat, trauerte der Vater um ihn, „wie man um einen Toten trauert". Durch seine Dichtungen hat Rabbi Simon der Vorbcter das Jndcntnm verklärt und ist cs dessen Sohn Elchanan, den die Sage zum Papste machte und den die Gedcnkbücher deutscher Gemeinden mit den Worten rühmen: „Gedenke, o Gott, der Seele R. Simons, der Lieder und Lobgcsänge verfaßt hat". Hervorznhcben sind von den vielen Gelehrten noch besonders Inda Hakohcn, Verfasser des Rcchtsbuchcs, sowie Elieser ben Jsak, der berühmte Sirtenlchrcr. Die Juden in Mainz haben durch ihre Leiden sich einen Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte errungen. Heinrich der Zweite (1012) gibt bei einem Besuche in Mainz Befehl, die Inden, mit Ausnahme derjenigen, die sich taufen lassen, zu vertreiben. Ursache zu dieser vorübergehenden Bestimmung war wohl der Uebertritt des geachteten christlichen Geistlichen . Wezelinns 311111 jüdischen Glauben, der diese seine Tat ans der Bibel heraus begründete. Biicher-Einlaus. S. L 11611115 I i, „Die Entstehung des Judentums". Indischer Verlag Berlin, 1903. Bei Lektüre dieses Buches atmet man mit vollen Zügen die richtige Berliner Luft; nämlich die schnoddrige Art, über die kompliziertesten Dinge mit unfehlbarer Miene die letzten abschließenden Urteile zu fällen. In dieser Lust kann man allerdings als Jude nur ein verkrüppeltes Dasein führen; wir sprechen aber Herrn Lublinski das Recht ab, in dieser großmäuligen Weise über die Vergangenheit des jüdischen Volkes, die ihm ein Buch mit sieben Siegeln ist, und über seine Zukunftsmöglichkeiten, die er in seiner Kurzsichtigkeit nicht sieht, abznurteilen. Man kann manchmal ganz gute Essays schreiben, aber trotzdem von der Judenfrage nichts verstehen, das beweist uns diese Schrift Lublinskis. Auf 71 kleinen, aber großgedruckten Seiten zeigt er uns nicht mehr und nicht weniger als die Entstehung des Judentums. Die Anrufung der famosen Sehnsuchtstheorie Kautskys zum Schluffe als Bekräftigung seiner Kon - bination, fehlte noch, um dem Ganzen den Stempel einer abstrusten Godankenklitterung zu geben. Man kann über den Wert der Phantasien Lublinskis und Kautskys verschiedener Meinung sein, aber jedenfalls passen sie nicht zusammen. Aber das geniert große Geister, die herablaffend auf unsere Prophetengestalren heruntersehen, durchaus nicht. Aber deshalb nicht verzagt; schildern sie nur lustig darauf los, wie die verschiedenen -thümer entstanden sind; vielleicht entdecken sie zum Schluffe sogar, wie die Welt entstanden ist. Das wird uns „höllisch" freuen. Sofer. Rechenschaftsbericht des Mädchen- und Frauenvereines „Bikur Chaulim", Wien. Maxim Gorki, „Greneltaten in Kischenew". Berlin- Charlotte nbnrg 2, Russischer Verlag. M a r t i n Bube r. „Jüdische Künstler". Jüdischer Verlag Berlin, 1903. J Dr. I. M. I n d t, „Die Inden als Raffe", eine Analyse aus dem Gebiete der Anthropologie. Indischer Verlag Berlin. „Bukowinaer Volksblatt", Czernowitz, 1. Jahrgang, Nr. 1. „Das jüdische Schulwesen in Ungarn unter Kaiser Josef dem Zweiten" von Bernhard M a n d l, Budapest, Verlag I. Kanfsinann, Frankfurt a. M. Bericht der Vereinigung jüdischer Hochschüler aus den sudslavischen Ländern „Bar Giora" in Wien, über das Vereinsjahr 5663 (t 902/03). Nebst einem literarischen Teil. Verlag deK „Bar Giora." Buchdruckerei „Jndnstri.e" Dr. Max N 0 r d a u: Cijonizam, PiSöevom dozvolom preves. Jochanan Tha u. Nakladn drustva „Bar Giora" u ß. eil 1903, fisak „Industrie“, Cijena 40 f. (Dr. Max N 0 rdau: Der Zionismus. Autorisierte Ucberfetznng ins Kroatische von Jochanao T h a u. Verlag des „Bar Giora", Wien 1903. Buchdruckerei „Industrie." Preis 40 li.) Eingesendet. Jüdische Volksgenossen! Der Zeitung der zionistischen Bewegung ist von der engloschen Regierung in Britisch-Ostafrika eine autonome Heimstätte für das jüdische Volk angeboten worden. Wir brauchen nicht die Namen Kischenew, Zablotow, Hömel zu nennen, um die Notwendigkeit einer eigenen Heimat zu begründen. Die unheimliche Zahl der Hunderttausenoen Auswanderer aus Rußland, Rumänien und Galizien zeigt zur Genüge, wie groß die Not, wie dringend dessen Abhilfe ist. Wir rufen das jüdische Volk auf, um zum Anbot der englischen Regierung Stellung zu nehmen. Wem die Leiden seines Volkes nicht gleichgiltig sind, wer sich noch als Jude fühlt, der komme zu der am Mittwoch, den 7. Oktober 190 3, um 8Uhr abends stattfindenden, Oeffentlichen Volksversammlung im Saale „Zum goldenen Widder", II., Taborstraße 36. Tagesordnung: Der sechste Zionistenkongreß und das Angebot der englischen Regi erung. Referent : Dr. Leopold Kahn. Juden erscheint in Massen! Wien, den 28. September 1903. Geehrter Herr Redakteur! Mit Recht wurde in der letzten Nummer Ihres gesch- Blattes scharfe Kritik über das Verhalten des Lemberger Kultusvorstehers Dr. Byk während der Begrüßung des Kaisers geübt, aber Dr. Byk ist noch einer von den assimilatorischen Liberalen, die mit aller Kraft das Judentum verleugnen, auch einer derjenigen, die sich nicht wollen zu erkennen geben und glauben, dadurch das Judentum abgestreift zu haben, aber eine schärfere Kritik verdient noch der hochwürdige Herr Rabbiner der Lemberger K u l t u s g e m e i n d e. der seine Pflicht nicht erfüllt, den vorgeschriebenen Segensspruch zu verrichten, bis er vom Kaiser dazu aufgefordert wurde, seine Pflicht war es, den Vorsteher aufzufordern, den Segensspruch als ersten Punkt in das Programm aufzunehmen, auf seinem Verlangen zu bestehen, und sich nicht durch den Einwand von der Kürze der Zeit abweisen zu lassen. Oder ist der Herr Rabbiner eine solche Seele, die sich, um sich nicht die Ungnade Seiner Gestrengen des Herrn Kultusvorstehers zuzuziehen, auf sein Recht, seine religiöse Pflicht zu erfüllen, verzichtet, um erst dazu von Seiner Majestät aufgefordert zu werden? Etwas mehr Nackensteifheit, Herr Rabbiner! Hochachtungsvoll Heinrich Stern, IX., Sobieskygasse 18. Mitteilungen aus dem Publikum. Meyers Großes Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich neu bearbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148 000 Artikel und Verweisungen ans über 18 240 Seiten Text mit mehr als 11 000- Abbildungen, Karten und Plänen im Text und ans über 1400 Jllnstrationstafeln (darunter etwa 190 Farbendrucktafeln und 300 selbständige Kartenbeilagen), sowie 130 Textbeilagen. 20 Bände in Halbleder gebunden zu je 10 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien). — Der soeben erschienene vierte Band von Meyers Großem Konversations-Lexikon bietet wieder eine derartige Fülle des Wissens, daß es schwer ist, aus dem Reichinm hochinteressanter Artikel für das eine oder andere Wissensgebiet besonders wichtige Aufsätze heransznziehen, ohne dabei die anderen Gebiete vernachlässigen zu müssen. Um in kurzen Worten wenigstens einen Begriff der Reichhaltigkeit geben zu können, sei hier besonders ans die geradezu meisterhaft behandelte Abhandlung über Deutschland Hingeiviesen, die allein fast vier Bogen füllt. Daß in demselben allen Verhältnissen aufs beste ans Grund der neuesten Erfahrungen Rechnung getragen ist, ist bei der Genauigkeit, mit der der „Große Meyer" die ganze Materie bearbeitet, selbstbcrständlich. Nicht weniger als 18 Karten und Tafeln sind zur besseren Erläuterung allein diesem Artikel veigegeben. Besonders sei hier auf die eingehende geographisch-geologische Darstellung inklusive Klima, Fauna und Flora, die Abhandlung über Bevölkerung mit den konfessionellen Scheidungen, der geistigen Kultur, auf die Abschnitte: Landwirtsthaft, Waldlnltnr, Industrie, Bergbau, Handel und Verkehr, Heerlvesen nstv. hingelvicsen. Handel und Schiffahrt finden noch eingehendere Beleuchtung in dem selbständigen Artikel „Dampfschisfahrt" mit der Beilage der Reedereien und der trefflichen Welwertehrskarte. Die deutsche Geschichte wird fesselnd, aber prägnant mit vier Karten vor Angen geführt, auch die deutsche Literatur, das deutsche Volk, das deutsche Reckst finden eingehende Würdigung. Geradezu vortrefflich mit Illustrationen nusgestattet und iin Text ausgezeichnet sind die Artikel über Dampfmaschinen, Dampfschiffe, Dampfkessel; man weiß nicht, soll man den Fleiß und die Aknratesse der ans die zugehörigen Illustrationen verwendeten Arbeit mebr bewundern oder die sachliche und doch gut verständliche textliche Darstellung. Den Architekten lverden die Artikel „Dach", „Dachdecknng", „Tachstiihle" besonders interessieren, auch hier ist das Material an beigegebenen Bildern fast unerschöpflich. Der Länderkunde dienen die Artikel „China", „Chile", „Costarira", „Cnba", „Dänemark", „Dalmatien", „Deiitsth-Ostafrika" und „Deiitsch-Südlvestafritä", die zum großen Teile von ausgezeichneten Karten begleitet sind. Namentlich verdienen die drei Karten von China, von denen zlvei unsere Jnteressenzone in Ostasien und de» Kriegsschauplatz am