Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 2 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdische« Votksblatt 9. Jänner 1903 Nr. 2 halten von Herrn Julius Ä i m o n - Mannheim wurde mit großem Beifall anfgeirommen. Das sehr reichhaltige P-rogranun hielt die Anwesenden bis zum frühen Morgen beisammen. Ein gerichtliches Nachspiel zur Konitzcr Affäre. In Breslau verurteilte das Schöffengericht den Herausgeber mW Redakteur des in Breslau erscheinenden „Indischen Volksblatt", Dr. Louis N c u st a d t, wegen Beleidigung des Lehrers W e i ch e l in K o n i tz, dessen Name mit der Ermordung des Gymnasiasten Winter in Verbindung gebracht worden war, zu d r e i Monaten G e - f ä n g n i s. Professor Friedrich Delitzsch, dessen Veröffentlichungen über Babel mrd Bibel seit Jahresfrist eine so lebhafte Diskussion hervorgerufen haben, wird in einem zweiten Vortrag über das gleickze Thema, den der berühmte Gelehrte am 12. Jänner vor den Mitgliedern mw Gästen der Deutschen Orientgesellschaft in der Singakademie zu halten gedenkt, die Fortführung seiner wissenschaftlichen Erlebnisse darbieten.. Die Darstellung, welche wiederum durch Lichtbilder erläutert werden soll, wird an den Gedankenkreisen des Nellen Testamentes den Nachweis führen, das; die von Delitzsch behauptete Abhängigkeit der Bibel von Babel auch auf die Vorstclllmgswelt des Neuen Testamentes ausgedehnt werden mutz. Ein dritter Vortrag soll dann an Jesrrs die auf völlig neuen Argmnent.cn sich aufbauende Anschauung des verdienstvollen Assyriologen zum Abschlutz bringen. Ter Kaiser, der, Uno bekannt, den Gedanken Delitz sch's das größte Interesse entgegenbringt, hat sein Erscheinen. für beide Vorträge zugesagt. lieber seine Erlebnisse während der vor kurzem glücklich beendeten Forschungsreise nach Babylon wird Professor Friedrich Delitzsch gleichfalls vor der Qrientgesellschaft im Jänner des nächsten Jahres Bericht erstatten unter dem Thema: „Unter den Palmen des Paradieses". Eingesendet. Dr. Grrmwalds „Spinoza in Deutschland". Löbliche Redaktion! Berlin, 4. Jänner 1903. Der eigentümliche Kampf um den Wiener Rabbinerposten wird in den jüdischen Gelehrtenkreiscn Deutschlands mit großem Interesse verfolgt, sind wir doch durch die Bewerbung des Dr. G r n n w a l d an dem Kampfe gewissermaßen beteiligt. Sie haben die wissenschaftlichen Leistungen des Dr. Griunwald schon des öfteren gebührend gewürdigt. Es dürfte Sie gewiß auch interessieren, wie seinerzeit die in der „O e st e r r. Wachens chrif t" von Woche zu Woche angepriesene „P r e i s s ch r i f t": „Spinoza in Deutschland" von berufenster Seite beurteilt wurde. Durch die Veröffentlichung dieses Urteils würde sicherlich auch das Interesse Ihrer Leser Befriedigung finden. Hochachtungsvoll Philosophus. Die betreffende Rezension erschien in der „Deutschen Literatur- Zeitung", 19. Jahrg. Nr. 22, und lautet: Max Grunwald. Spinoza in Deutschland. Gekrönte Preisschrift. Calvary Co. Diese Schrift enthält die Lösung einer Preisaufgabe, welche von der Verwaltung der Dr. Moriz Rappaport - Stiftung zu Wien im Jahre '1893 gestellt worden ist. Der Bersaffer nennt den Namen der Stiftung, welche seine Arbeit veranlaßt und gekrönt hat, nicht, führt aber das Urteil der Preisrichter in extenso an. Es tautet sehr günstig. Die Schrift wird „eine vollständige Geschichte des Spinozismus in Deutschland", ihr Verfasser „ein gründlicher Kenner sowohl der Geschichte der Philosophie als auch der modernen Literaturgeschichte" genannt. „Großer Eifer und umfassende Sachkenntnis" werden an ihm gerühmt. Dies Urteil von Preisrichtern, unter denen sich ausgezeichnete Gelehrte befinden, sollte der Unparteilichkeit wegen nicht verschwiegen werden, der Referent aber kann es sich nur in sehr bedingtem Maße aneignen. Rückhaltlos wird man nur dem Lobe zustimmen, das dem außerordentlichen Fleiße des Verfassers gezollt wird. Er hat in der Tat eine sehr große Zahl von Schriften gelesen und für seine Darstellung benützt. Er hat sich ferner nicht darauf beschränkt, den Einfluß Spinozas auf die Philosophie Deutschlands zu schildern, sondern auch Naturforscher, Politiker und Dichter mehr oder weniger ausführlich behandelt. Dieses rühmenswerte Bemühen, der gestellten Ausgabe in ihrem ganzen Umfange gerecht zu werden, darf aber die Kritik gegen die großen Fehler der Arbeit nicht blind machen. Ein ungünstiges Vorurteil erweckt schon die ans Wunsch der Preisrichter der Schrift nachträglich hinzugefügte Skizze des Spinoz- Systems, welche arge Mißverständnisse aufweist. Wer die Geschichte der Philosophie auch nur einigermaßen kennt, der weiß, daß Spinozas Lehre nicht „als unmittelbare Fortsetzung der jüdischen Religionsphilosophie zu betrachten ist." (S. 4.) Das ist ebenso falsch wie die Meinung, es sei eine Streitfrage, ob wir Spinoza oder Leibniz „als den Vater nicht allein der deutschen Philosophie, sondern der neueren Spekulation überhaupt" zu betrachten haben. (S. 32.) — Nicht minder verwunderlich ist es, als Lehre Spinozas folgende Urteile ausgesprochen zu finden: „Der Geist verarbeitet, was die Nerven ihm znfShren." (S. 6.) „Denken und Ausdehnung finden aneinander ihre Grenze." (S. 7.) „Das Naturgesetz ist das absolut Unendliche und Vollkommene." (S. 8.) „Die Außenwelt wirkt in strenger Gesetzmäßigkeit auf daö Element ein, welches wir bald Denken, bald Fühlen» bald Wollen nennen." Nach S. — soll Spinoza einen „übernatürlichen Gott" lehren; nach S. 9 aber ist schaffende und geschaffene Natur in Wahrheit nur eins. — Nach S. 12 tritt Spinoza in der Ethik als Naturforscher ans, was sein Analogon an der grundlosen Behauptung hat, daß durch Spinoza die Vlinsiologie sich verjüngt habe. (S. 201.) Der Verfasser ist dal. > c .tcr schlimmen Selbsttäuschung befangen, wenn er glaubt, daß „bei dieser Auffassung der Lehre Spinozas viele immer wieder gehörte Vorwürfe gegen sei« System als hinfällig erscheinen". (S. S.> Die Bearbeitung der Aufgabe selbst ist im Wesentlichen eine Exzerptensammlung, als solche nützlich und verdienstvoll, aber keine „vollständige Geschichte des Spinoziömus in Deutschland". Der Verfasser hat es nicht verstanden, in die Tiefe der philosophischen Systeme Deutschlands z» dringen, ihre Seele kennen zu lernen nnd ans dieser Kenntnis heraus ihre Verwandtschaft mit der Lehre Spinozas zu begreifen und darznstellen. Anstatt diesen Kern der ihm gestellten Aufgabe zu erfassen und nns zu sagen, welchen Einfluß Spinoza auf die großen Denker Deutschlands wirklich ansgcübt hat, reiht er entweder einzelne AnSspriiche von Philosophen nnd Dichtern aneinander oder er zählt mit bewundernswerter Geduld die verschiedenen Ansichten ans, welche über den Einfluß Spinozas von Groß nnd Klein jemals ausgesprochen worden sind. In beiden Fällen verfehlt er sein Ziel. So werden z. B. im Paragraphen 14 die Beziehungen Lcibniz' zu Spinoza ans acht Seiten erörtert. Fünf von diesen acht aber werden mit den Ansichten von 28 zum Teil sehr unbedeutenden Schriftstellern über diese Beziehungen gefüllt. Auf zwei Seiten folgt sodann eine dürftige Skizze nnd nnzntreffenbe Kritik des Lcibniz'schen Systems und ans nicht ganz einer Seite wird endlich oberflächlich erledigt, was die eigentliche Aufgabe dieser Darstellung war. Natürlich erfahren wir so von den entscheidenden Berührungspunkten zwischen Leibniz und Spinoza nichts. Und dieses Beispiel ist typisch für das Verfahren des Verfassers (8). In Paragraph 98 soll ans vier Seiten „Spinoza als Politiker", d. h. wohl das Verhältnis seiner Staatslehre zu den politischen Ansichten deutscher Denker bestimmt werden. Auch hier werden lediglich einige Exzerpte ans neueren Schriftstellern gegeben nnd allerlei Urteile Johann Jacobys, nicht etwa über Spinozas Staatslehre, sondern über dessen Panteismns und psychologischen Monismus mitgeteilt. Und das nennt der Verfasser, Spinoza als Politiker darstellen. Nicht minder auffällig ist die ungleichmäßige Behandlung des Stoffes. So wird in Paragraph 4 der bewundernswerten, weitschichtigen Spinoza- Forschung in Deutschland gedacht: auf einer halben Seite ist sie erledigt. Von ihr wird die Spinoza-Kritik getrennt: sie wird in gleich bündiger Kürze in Paragraph 121 abgetan. Trendelenburg werden 13 Zeilen gewidmet, dem Wirrkopf Edelmann und dem Kampfe um ihn aber 14 Seiten. Im Verhältnis zu diesen Fehlgriffen fallen einzelne Jrrtümer nicht schwer ins Gewicht. Darum seien von solchen nur einige noch hervorgehoben: Nach Seite 21 fällt Spinozas Ablehnung der Heidelberger Professur vor das Erscheinen des Traktats „Politicus". In Wirklichkeit ist dieser drei Jahre früher veröffentlicht. Auf Seite 34 wird aus einer ehemals Leibniz beigelegten Schrift „De Vita beata" eine Hinneigung des letzteren zu Cartcsius und Spinoza erschlossen. Doch schon vor 50 Jahren hat Trendclcnbnrg in einer bekannten Abhandlung erwiesen, daß diese Schrift, eine bloße Sammlung hon Auszügen, nicht einen einzigen Satz enthält, der Leibniz angehört. (Gerhardt hat sie daher mit Recht gar nicht in seine Aufgabe genommen. „Bis zur Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte Spinozas Prophetcnstimme, in den Niederungen ungehört, nur an den nächststehcnden Geistesriesen ein Echo geweckt," so ruft der Verfasser auf Seite 34 ans. Von den holländischen und deutschen Niederungen aber, in denen man vor dieser Zeit Spinozas Lehren bewunderte, erläuterte und predigte, haben v. d. Linde, Krakauer nnd Bäck so viel berichtet, daß dies Urteil geradezu unverständlich wird. Nach Schopenhauer läuft, wie der Verfasser ans Seite 250 angibt, Spinozas Optimismus auf Spielereien mit biblischen Begriffen hinaus. Was Schopenhauer wirklich über einen der wichtigsten Unterschiede zwischen seiner und Spinozas Ethik gelehrt hat, ersieht man aus W. a. W. 2. Ans Seite 739 cd. 1856. Seite 253 findet der Verfasser in Schopenhauers Vcrneinnng des Willens zum Leben „eine Achnlichkeit mit Spinozas Resignation, dem Amor dei". Man traut seinen Angen nicht. Die Weltverneinung Schopenhauers soll Spinoza Amor dei ähnlich und dieser bloße Resignation sein? Das ist ein arges Mißverständnis. Zahllose Ungennuigkciten und Jrrtümer enthalten endlich die dem Buche beigegebenen Beiträge zur Spinoza- Bibliographie. Breslau. I. F r e n d e n t h a l. ad Z. 13 033 ex 1902. Wien, 29. Dezember 1902. An die geehrte Redaktion der Zeitschrift „Indisches Volksblatt" Wien. Mit Bezug ans die in der Nummer »2 Ihres Blattes vom 20. Dezember 1902 ans Seite 0 Spalte 2 unter der Rubrik „Eingesendet" erschienene Notiz, betreffend die Aufnahme von ans der israelitischen Religionsgenossciisthaft ausgetretenen bezw. getauften Personen in das Verzeichnis der Wühler für die Wahlen in den Kultusvorstand und der Vertrauensmänner im Fahre 1902, beehre ich mich amtlich zu berichtigen, das; die in dieser Notiz genannten Herren kais. Rat Bernhard Pollack und Hofnnd Gcrichtsadvokat Dr. Maximilian Peters ans der israelitischen NcNgionsgcnosscnschast nie ausgetreten sind, derselben bielmehr auch gegenwärtig angehorcn. Die Arlfn>»:ne der genannten Personen in das Wählerverzeichnis, welche als langjährige Knlrnsstcnerzahler ihren Verpflichtungen gegenüber der Knlnisgemeinde stets nachgekonnnen sind, erscheint sonach als in der Tatsache begründet. Hochachtungsvoll Ter Sekretär: Kais. Rat. Dr. Lieben. (Es freut nns sehr, die Behauptung tiitscres Einsenders, den wir sonst als wohlinformiert kennen, amtlich widerlegt zu setzen. Wir sind natürlich nicht in der Lage, jede uns eingesendete Mitteilung ans ihre Richtigkeit zu prüfen, weshalb wir auch die Verantwortlichkeit für alle in dieser Rubrik crscheincndcit Mitreilnngen und deren Nichtigkeit dcit bctrcffendeit Einsendern überlassen müsseit. Red.) Eingctlaufene Spenden für das Brandcs-Dcnkmal: A. Süub e tzky als Ablösung einer Graiblationsdepesche an Herrn Dr. Jakob Kohn K. 1.—; D o m inopartie K. 1.20. Krkflmsten. Statistiker: Die jüdische Gemeinde Berlin unterhält vier Synagogen. Dazu kommen die Adast-Iisroel-Stznagoge, sieben Privatsynagogcn und die in der Johmmisstrahe gelegene Synagoge der jüdischen Reformgemeinde. An jüdischen Schulen gibt es eine Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, eine Knabenschule nnd eilte Mädchenschule, sieben von der jüdischeit Gemeinde untcvhaltene Religionsschulen und sechs Rcligionsschuleir der Prival- Synagogcil-Gcmcinde. Kaufmännischer Geselligkeitsklnb Seletin. Ehelt unter Geschwistern waren bei den Griechen sehr häufig nnd gestattet. Cornelius Ncpos erzählt einige Geschichten, in welchen ein Bruder seine Schwester heiratet. Erzählung ans der Zeit des zweiten polnischen Aufstandes im Jahre 1801« Bon PerezS molen Ski. Einzig autorisierte Ucversctzung aus dem Hebräischen. Von Otto W c r n e ck. 1. Kapitel. Es war im Frühlingsmonate des Jahres 1861. In den Herzen aller Geschöpfe hatte die erwachende Natur und der Gesang der Vögel, die sie begrüßten, Gefühle einer reinen Wonne hervorgernfen — nur die Stadt Warschau schien von dem Schöpfungsfeste, welches Mutter Erde wie alljährlich beging, nicht berührt zu werden nnd der Geist der Freude hatte sich nicht über sie ergossen. Totenstille herrschte in ihren Mauern. Die Lnstbarkeiten aller Art hatten nnfgehört, niemand ging Vergnügungen nach und die große Menschenmenge, die sich nuablässig in den Straßen der Stadt bewegte, vermochte nicht, ihr das dumpfe Gepräge des Friedhof- Aehnlichen zu benehmen. Wie unter der Last einer heimlichen Trauer schlichen die Männer dahin — düstere Gluten in den Augen, die sonst in stolzer Lebensfreude strahlten. Tiefschwarzc Gewänder bedeckten ihre Gliedcr nnd an ihren Hälsen sah man den seltsamen Schmuck eiserner Kettlcin — als ob der Teufel selbst ihnen das Siegel seiner Herrschaft ausgeprägt hätte. Wohin das Auge blickte, war die schwarze Farbe vorherrschend. Die Frauen trugen Tranerkleidcr, als ob sie einen teuren Toten beklagten. Es schien, als hätte ein furchtbares Totengespcnst alles, was das Auge zu erfreuen vermag, verschlungen, um nun allein über das Land zu herrschen . . . Alle Belustigungshäuser waren geschlossen, denn die sonst Heiteren nnd Wohlgcnmtcn verlangte es nicht nach Wein oder Gesang. Nur die Gotteshäuser blieben den ganzen Tag geöffnet nnd derer, die an ihren Schwellen lagen, war kein Ende. Priester, mit ihren schwarzen Tnlaren angetan und den Zustand ihres empörten Gemütes in ihren Gesichtszügen verratend, durchstreiften die Stadt, die sie mit ihren Reden in einen siedenden Fenerberg verwandelten, und träufelten den Samen des aufrühre- ■ rischen Geistes in die Herzen des leicht entzündlichen Volkes. Dnrch die Lüfte, wie ans unsichtbaren Flügeln, flattern Flugblätter. Der Spaziergänger, dem ein Blatt in die Händefällt, beeilt sich, cs in die Tasche zn stecken, ohne es zu lesen, oder nach der Hand zu forschen, die es ausgcteilt hat. Das sind die Vorschriften nnd Instruktionen des geheimen Revolntions-Komitees. Tic Schriften fliegen durch die geöffneten Fenster in jedes Haus, der Händler drückt sie in die Hand seines Kunden und im GotteShause kniend findet sic der Beter zu seinen Füßen. Mit beispielloser Geschicklichkeit verteilt, gelangen sie alle an ihren Bestimnnmgsort. Wer aber sind ihre Urheber? Wer sind ihre Verfasser? Wer sind die, die sie verbreiten? Niemand weiß es — kein feindliches Späherauge bekommt sie zu sehen . . . In einem großen, palastähnlichcn Hause des vornehmen Viertels sitzt in ihrem Mädchenzimmer, in einem kostbaren, mit elfenbeinernen Armlehnen verzierten Fauteuil ein junges Edclfräulein von seltener nnd auffallender Schönheit, eine Zeitschrift in der Hand haltend und die Augen gespannt nach der Türe gerichtet. Ihre schöne weiße Stirn ist gerunzelt und ihr kleiner Fuß stampft unmutig den Teppich, der den Boden bedeckt. Offenbar erwartet sie jemanden, der sich verspätet zn haben scheint. Wer wohl der (Glückliche sein mag, dem die verzehrende Sehnsucht des schönen Mädchens gilt! Fast unerklärlich scheint es, daß ex nicht ans Windcsflügeln eilt, die Anmutreiche in die Arme zu schließen! Plötzlich wurde die Türe heftig anfgerissen und herein stürzte gleich einem Rasenden ein junger, mit gewählter Eleganz gekleideter Mann von hübschen, angenehmen Gesichtszügeii. „Rasch, öffne mir das Bricfversteck!" sprach er hastig, noch bevor er sich Zeit genommen, die Dame zu begrüßen. Die Angesprochene eilte in das anstoßende Zimmer nnd drückte kräftig gegen einen Knopf, der durch eine Statuette maskiert war. Alsbald zeigte sich in der Wand eine Oeffnnng, in welche der junge Mann, der dev Dame auf dem Fuße gefolgt war, ein Bündel Briefe flink verschwinden ließ. Dann kehrten beide wieder in das erste Zimmer zurück und setzten sich auf daö Ruhebett. Der Jüngling saß zur rechten Seite des Mädchens und sein Antlitz verriet, daß seinem Glücke kein anderes zu vergleichen sei. „Nun erzähle, Karl," begann das junge Mädchen. „Wcks hast du neues getan? Du weißt, ich brenne darnach, es zu erfahren." „Gerne, Aurelic," erwiderte der Jüngling. „Oiestern zogen wir wieder den Totensarg heraus nnd trugen ihn in gewohnter Weise nach dem Friedhofe. Die Priester murmelten ihre Gebete nnd die Menge stimmte ein. Auch eine Olrnppe von Polizisten hatte sich nns nngeschlosicn nnd begleitete nns bis an den Friedhof. Tort senkten wir den Sarg ins Grab, worauf sich alle entfernten. Nur ich allein blieb zurück nnd wartete hinter einem Grabstein verborgen eine Zeit . - ." „Allein?" „Allein. Niemand war bei mir, nur vor dem Tore stand dev Friedhofswttchter, um mich von dem Nahen einer unerwarteten Gefahr rechtzeitig unterrichten zu können . . . Der Tag schwand dahin und die Nacht kam nnd hüllte alles in den Schatten des