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Jüdisches Volksblatt · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · p. Seite 7

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Date
1903-01-09
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 9. Jänner HKm Seite 7 Todes. Mit einmmnle Onttc ein Abgrund von Finsternis und Grabesstille den Tag und sein Brausen verschlungen. Ich aber wandelte zwischen den Totenhiigeln umher, von einen, Grabstein zum andern, die in der Dunkelheit alle wie Menschen anssahen. Gespannt horchte ich ans den Klang der Vogelstimmen in den Zweigen, auf das knistern der welkende» Blätter, hoffend, das Geräusch der Gchrittc nahender Bundesgenossen zn vernehmen. Aber die Hälfte der Nacht ging vorüber und niemand kam. „Sollten sic sich inzwischen eines anderen besonnen haben?" dachte ich und ärgerlich beschloß ich, nach Hanse zn gehen. Doch in diesem Moment schlug das Geräusch von'Menschentritten an mein Ohr. Ich gab das verabredete Pfeifensignal nnd gleich darauf näherten sich mir drei Männer ___ lautlos und heimlich wie Diebe. — Im selben Augenblicke öffnete sich das Grab, acht Hände ergriffen den Sarg und zertrümmerten ihn in tausend Stücke. Tann entleerten sie Uyt seines Inhaltes und nachdem sic mir das Geld nnd die Schriftstücke ansgchändigt hatten, bestiegen sic ihre Pferde nnd verschwanden im Dunkel." „Und was berichteten sic dir aus der Provinz?" „Zum müßigen Schmähe,, war die Zeit zu kurz. Mit knappen Worten nur erzählten sic mir, das, ein nnlöschliches Feuer in allen Städten wüte und „„merklich zur Niesenflannne empor zu wachsen verspreche. Und so ist es auch. Tic Alraft unserer Arme ist mit uns, unsere Kriegslasten sind gefüllt — wer könnte da vor uns bestellen?" „Ja, auch der Baron Slawntski und Graf Biesowski, die sich lebhaft „ach deinem Verbleib erkundigt haben, brachten günstige Nachrichten. Die Mitglieder nnseres Bundes sollen grosse Fortschritte mache,,. Was sic nnternehmen, gelingt ihnen. Tie Zaghaften, die sich vorerst ans ihren Waldverstecken nicht herauswagten, nehmen stetig zn an Zahl und Stärke, und freudig, als ginge es zum Tanze, eilt die Jugend dem Rufe „Aufstand!" nach. Schähe von Waffen lagern in natürlichen Verstecken — in Erdgrnben und hohlen Bäumen — und in den Edelhöfen aller Städte bestehen geheime Briesposten. Jeder einzelne steht ans seinem Posten, jeden Augenblick bereit, seine Pflicht zu erfüllen, die Kommarrdanten unserer Armee, wie auch die Beamten der inneren Organisation. Und fällt einer unversehens, so sind Ersatzmänner da, um sofort in jede entstehende Lücke zu springen. Das Netz, das wir gesponnen, ist über daS ganze Land gebreitet, und ohne es zn merken, werden die Nüssen, unsere Feinde, sich in seinen Maschen verfangen. Nicht wahr, mein Karl?" jubelte das Mädchen und umarmte ihn. „Dein Antlitz leuchtet von Hoffnung und froher Siegerfrende, -och in deinem Innern — ist da noch nie der Gedanke an ein mögliches Mißlingen unserer Pläne aufgetancht, noch nie die Angst, das; unsere Luftschlösser eines Tages zusnmmenstürzcn und uns unter ihren Trümmern begraben könnten?" „Nein, ich weis; nichts von derlei verwerflichen Gedanken, die nur unsere Kräfte lähmen, unseren Mut untergraben und so unsere Niederlage hcrbviführen würden. Für uns gibt es nur einen Weg und der heißt: „Vorwärts!" Die Brücken hinter uns sind nbge. brachen und wenn wir die Schmach eines Rückzuges auf uns laden wollen, so lauert der steglose Abgrund hinter «ns. Wir haben nur bie Wahl, entweder das Land mit Gewalt den Nüssen zu entreißen oder unrettbar der ewigen Sklaverei zn verfallen." Die letzten Worte sprach sie mit starker Bewegung, während ein unheimliches Feuer in ihren Angen anfloderte. Der Jüngling blickte sie eine Weile bewundernd an, dann sagte er: „(Ls ist mir unfaßbar, daß in einem zarten Mädchengemüt so viel Heldenmut wohnen kann. Gibt es doch genug Männer, die sich kaum an Unerschrockenheit und Seelenstärke dir vergleichen können. Selbst ich, den deine Liebe stark und heldenmütig macht nnd der für dich freudig in den Tod ginge — selbst ich fühle es manchmal in mir wie leise Zweifel aufsteigen und die Frage wird laut in mir, ob uns der Erfolg denn auch wirklich sicher ist. Täusche dich nicht über die zahllosen Hindernisse, die wir zu überwinden haben! Ach, nnd auch meinen greisen Vater habe ich in die Maschen unserer Netze verstrickt, ohne daß er von der Gefahr, in welcher er schwebt, eine Ahnung hätte." „Was willst du damit sagen, Karl? Ich verstehe dich nicht." „Tue doch nicht, als wüßtest du nicht, daß ich die Druckmaschinen in das Betzimmer meines Vaters schaffen ließ, wo ich! nuch meine gefährlichen Arbeiten verrichte." ' Anrelie stieß ein helles Lachen ans. „Gefährliche? Warum nicht gar schauerliche Arbeiten? In der Tat, wo wurde es je gehört, daß revolutionäre Geräte i» das Bethaus eines frommen, königStrenen Juden gebracht wurden — noch dazu von seinem eigenen Sohn, der hilflos in den Netzen eines Christenmädchens zappelnd, dem Glauben seiner Väter abtrünnig zu werden gedenkt."' „Lache nur, Anrelie," antwortete der Jüngling finster. „Mir ist wahrlich nicht heiter zn Mute. Stünde ich allein in der Welt, ich würde mich mit Leib und Seele, ohne irgend ein Bedenken den Aufständischen hingeben, wie ich mich dir ganz und ohne Rest zu eigen gab. Aber der Gedanke an meinen Vater verfolgt mich Tag und Nacht nnd foltert mich mit den grausamsten Gewissensbissen. Diesem Manne, dessen Lebensführung stets eine tadellose war nnd der sich nie gegen König und Mitmenschen vergangen, lege nnn ich, fein Sohn, eine Falle, in welche er arglos hineingeht, um mit Blut und Schande bedeckt ins Grab zn sinken. O, ich schäme mich nicht, rs zn gestehen, daß dieser Gedanke mich oft bis zur Erde niederdrttckt und alle meine Hoffnnngsfrcndigkeit lähmt." „Nun aber ist's genug mit dem dummen Gerede! Ich möchte doch wissen, wer auf die Idee kommen sollte, in dem schmutzigen, von aller Welt gemiedenen Judenviertel verdächtigen Dingen nachzuspüren, zumal in dem Hause deines Vaters, der als rechtschaffeuer und ehrlicher Mann bekannt ist." „Suche mich nicht zn beruhigen, Anrelie. Weiß ich's doch, daß die Polizei, von Verrätern über alles unterrichtet, jeden Winkel, jedes Loch dnrchspäht. Was mich betrifft, muß ich dir es wiederholen? Ich gehöre dem Aufstand und bin bereit, mich ganz auf dem Altar der Nevolntion zu opfern, aber mein Vater . . ." „Ich bitte dich ernstlich, zn schweigen, wenn ich dir nicht zürnen soll. Fast würde ich glauben, daß Feigheit ans dir spricht, wenn ich dich nicht kennte und ganz gnt wüßte, daß du Mut und Energie besitzest. Was tut cs, daß dein Vater von einer Gefahr bedroht ist? Ist dir das Leben eines einzelnen — wer immer cs sei — wertvoller, als die Zukunft eines Volles? — Wir werden noch ein Meer von Blut durchwaten müssen, ehe der Sieg unser sein rvird. Wir wagen alles, nufere Ehre, unser Leben, unser Vermögen, denn das ist alles nichts im Vergleiche zu nnscrem ruhmvollen Beginnen, zahllosen Menschen das Glück der Freiheit zu bringen, llitjsr Leben, unsere Ehre — was sind sie mir, als die Ringe, die ein ins Wasser geworfener Stein für Sekunden entstehen läßt! Das Wert aber, das wir errichten wollen, wird für alle Ewigkeit kommenden Geschlechtern Zeugnis von uns geben. Weg mit der Weichhcrzigkeit und dem unmännlichen Zagen! Vernimm den Aufschrei des geknechteten Landes- und ersticke darin die Regungen deines Mitgefühls und in den Tränen der Bedrückten lösche ans das Feuer der Liebe zu deinem Vater!" „Dn suchst umsonst, mich anders zu stimmen. So teuer mir mein Vaterland auch ist — mein Vater ist mir unendlich teurer. Wäre nicht die Liebe zn dir, nie hätte ich gewagt, mich mit meinen verbrecherischen Plänen dem Hause ineincs Vaters zu nähern. Nnr die Liebe zu dir, die mich blind nnd rasend macht, hat mich so weit gebracht, wie einen Trunkenen, der keinen eigenen Willen bat. Oft, wenn ich für Minuten zur Besinnung komme und schaudernd den Abgrund zn meinen Füßen gewahr werde, packt mich Entsetzen und ich schrecke zitternd zurück. Wenn du aber dann die Augen ans rnich heftest und ihre heißen Strahlen mir das Hirn versengen, wird alles wieder, wie cs war, und ich bin wieder das Vernunft- und willenlose Werkzeug der Zerstörung in deiner Hand." Bei diesen Worten schloß er sic leidenschaftlich ht die Anne, während sie ihn mit Blicken nnsnli, die auch das Blnt eines älteren Mannes hätten in Wallung bringen können — geschweige denn das eines Jünglings, dessen Blut ohnedies stets wie Lavaglut siedet. | „Für dich tue ich das Unmögliche," fuhr der Jüngling im j Feuer der Erregung fort. „Für dich will ich gerne den Tod erlei- I den, wenn nur dein Besitz mir gewiß ist. O, wenn du Völker bestricken könntest, wie du die Herzen der Männer mit dem Zauber deiner Lippen und der geheimnisvollen Macht deiner Schönheit bezwingst, du wärest die einzige Herrscherin der Welt und alle Völker dir untertan. Wundert cs dich, daß das Verlangen, dir endlich sagen zu dürfen: „Dn bist mein für immer!" Feuerbrände in meinem Innern entfesselt?!" „Karl, ich beschwöre dich, bezwinge deine Leidenschaft, bis der Tag gekommen ist." „Ach, ich fürchte, der Tag ist noch sehr ferne." „Warte, bis sich der Sturm gelegt hat und wir die Herren im Lande such. Dann werde ich mich dir nicht länger versagen. Bis dahin aber denke nicht an Liebe. Stehe auf deinem Posten, treu nnd unerschütterlich — unermüdlich und ohne Ruhepause — und denke, daß ich cs bin, für die dn arbeitest . . . Und nun geh', begib dich zum Pater Franciscus und trage ihm im Namen der „Volksregiernng" auf, daß er sich zum Volke wende und es mit seinem Reden nnfwiegle. Er entfache eine lodernde Flamme in ihnen und überschütte alle mit seinem Zorn, die tatenlos ihre Zeit verbringen und ihre Kräfte der großen gemeinsamen Sache entziehen." „Gerne, aber wird er, ohne mich zu kennen, meinen Auftrag annehmcn?" „Geh' nur, er kennt dich dem Namen nach und weiß auch, was du uns schon geleistet hast." „Dann will ich ihn: deine Botschaft übermitteln. Wann werde ich dich wieder sehen?" „Morgen bin ich in Anspruch genommen, aber übermorgen erwarte ich dich, um dich an mein Herz zu drücken." „Ach, in Zeiten solcher Verwirrung ist mir ein Augenblick wie ein Tag und ein Tag wie eine Ewigkeit, doch wenn dn eS wünschest, will ich dir nicht widersprechen. Lebe wohl, Einziggeliebte!" (Fortsetzung folgt.) Mitteilungen lies Vereines kür unentgeltlich. Arbeitsnachweis. Oer Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, II., Taborstrasse 59 (Telephon Nr. 13.920) Vor gemerkt sind: I. Klasse : Manuelle Arbeiter. 4 Anstreicher, 9 Anfpapper, 4 Bäcker, 9 Buchbinder, 2 Kartonagearbeiter, 4 Drechsler, 5 Elektronwnteure, 9 Fleischhauer, 2 Friseure, 5 Glaser, 8 Goldarbeiter, 31 Hausknechte, Geschäfts- und Bureaudiener, 40 Hilfsarbeiter, 1 Hutmacher, 2 Kellermeister, 5 Kellner, 2 Kutscher, 7 Laufburschen, 4 Lehrlinge, 3 Magazineure, 1 Maschinist und Heizer, 3 Metallarbeiter, 10 Monteure, 36 Schlosser, 26 Schneider, 13 Schuhmacher, 11 Spengler, 12 Tapezierer, 1 Taschner, 24 Tischler, 11 Uhrmacher, 2 Zeichner, 4 Zimmermaler, 4 Zuckerbäcker, tüchtige und verläßliche Hausbesorger. II. Klasse: Kaufmännische Angestellte. 4 Brannkiveinverschleister, 19 Buchhalter und Korrespondenten, 85 Kommis diverser Branchen, 49 Kontoristen und Strazzisten, 3 Inkassanten, 7 Kanzlisten und Schreiber, 9 NLanipulanten und Eppedienten, 12 Platzagenten und -Vertreter, 25 Praktikanten, 8 Reisende. Weibliebe Abtheilung. 3 Bonnen und Kindergärtnerinnen, 75 Kontoristinnen und Kanzlist! nnen, 10 Expedientinnen und Manipnlantinnen, 6 Hilfsarbeiterinnen, 1 Kassafräulein, 1 Kravartenzuschneiderin, 4 Modistinnen, 3 Näherinnen und Schneiderinnen, 10 Praktikanten, 51 Verkäuferinnen, 1 Verschleißerin, 12 Wirtschafterinnen und Stützen der Hausfrau. III. Klasse: Geistige Arbeit. 45 Hauslehrer und Hofmeister (meistens Hochschüler, welche Gymnasiasten und Realschüler unterrichten), 3 Leherinnen und Erzieherinnen. K 32 k 40 Winter r o ck 0} r l \ i fi C C 0 bei I a e o b R v t h b e r g S r e f a n s p l a tz S t a b tpcl z m i t S h a w t k v a g e t». e v, i. u. k. H o s l i e f e v a n t, W i e n, Verkauf b t s 12 U b r nachts. ose^j Kunstgewerbe-Vereins-Lose ä 1 Krone Haupttreffer 40.000 Kronen empfiehlt Wechselstube^-^.diea- Gesellschaft ,,jM€PxCcT^“ Wien. 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Gemütliches Vergnügungslokal. — Die ganze Nacht geöffnet. O „Jüdisches Volksblatt“ Wien, II/3, Leopoldsgasse 49. Abonnement-Schein. Gefertigter bestellt hiermit das Jüdische Volksblatt1 für die Zeit vom. hi: .190. Bittet um Zusendung per Post. Name und Adresse (Stampiglie) Offene Stellen. Von männlichem Personal: Kontoristen (von der Textilbranche), Kontoristen (mit französisch), Spezereikommis, Lager- und Kontorpraktikanten. Von weiblichem Personal: Mehrere Bonnen und Kindergärtnerinnen, mehrere Branntweinberschleißerinnen. Dieser Schein ist auszuschneiden und ausgefüllt in offenem Couvert unfrankiert an obige Adresse einzusenden. Deutliche Adresse und Name dringend erbeten.

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