Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 26 (27.6.1902)
- Date
- 1902-06-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. Juni 1902 Nr. 26 hervorragenden Israeliten von Bukarest cinznkoinmen, damit Gelder gesammelt werden, um die Auswanderung zu erleichtern. Auch sollte cm die Juden des Auslandes ein Aufrurf ergehen. Inzwischen ist ein Comitee beauftragt-worden, die Liste der jüdischen Handwerker der Hauptstadt anfznftellcn, die. durch die Verfügungen des neuen Gesetzes getroffen worden sind. Aehnliche Versammlungen finden statt zu Botosani,-Jassy, Galatz, Braila, Focsani, Psousti, Roman uslv. Die überall gefassten Beschlüsse lassen sich znsmnmenfassen in die Worte: cs muss ansgelvandert werden, koste es, was es wolle. Auch hat die beunruhigte.Polizei den Tempelvcrwaltcrn zn wissen gethan, dass sie keine VcrsanunlnNgen in den Gebethäusern mehr dulden werde. Herr Cantaeuzene, conservativer Erpremier-Milrister lässt einen Palast errichten, der drei Millionen kosten wird. Die erste dem Unternehmer von ihm auferlegte und in die Lieferungsbedingung eingetragene Verpflichtung ist, dass kein Jude bei den Arbeiten beschäftigt werden darf. In Galatz war ich Zeuge folgender Thatsache: Die Stadtverwaltung hat die Errichtung eines Cirrus unter der ausdrücklichen Bedingung gestattet, dass nur rurmänische Arbeiter angenommen werden. Nun sind die Dachdecker der cstadt nur Juden. Der Circus wird somit ohne Bedachung bleiben, bis man von anderswo christliche Dachdecker kommen lassen wird. Bücher-Einlaus. Wiederum haben wir einige neu erschienene Bücher zu registrieren, unter denen unbedingt die „Mitteilungen der Gcscllsellschaft für jüdische Volkskunde", unter Mitwirkung hervorragender Gelehrten herausgegeben von M-. Grunwald, hervorgehobcn zu werden verdienen. Die „Gesellschaft für jüdische Volkskunde" ist erst im November 1896 in Hamburg angeregt worden und hat den Zweck, „die Erkenntnis des inneren Lebens der Juden zu fördern". Daß ein derart edles Unternehmen unterstützt und von jedem Heger gepflegt zu werden verdient, bedarf hier kaum der Erwähnung. Rabbiner Dr. Grunwald in Hamburg (Grindelallee 128), der gegenwärtig Beitrittserklärungen entgcgennimmt, leitet dieses humane Unternehmen ausgezeichnet. Ein glänzendes Zeugnis dafür-sind die von ihm redigierten „Mitteilnngcn", deren Jahrgang 10.01 uns komplett (Heft 7 und 8, Grosz-Oktav, 101 Seiten) vorliegt. ^ie bringen ausgezeichnete Aufsätze und sind wertvoll und wichtig. Mit großer Fachkenntnis redigiert und besonders dem Forscher wichtig ist auch die im Verlage von I. Kauffmann, Frankfurt. a., M. erscheinende „Zeitschrift für. hebräische, Bibliographie", Welche Dr. A. Freimann und Dr. H. Brody herausgeben. -, Die Zeitschrift bietet dem Forscher viel Nützliches und ist völlig geeignet, das zu fein, was sie auch ist. Das erste Heft des 0. Jahrganges (Groß-Oktav, 81 -Seiten) orientiert den Leser über die nettesten Hcbraica und Judica, von denen einige hier eingehend und, wieder aitdere sehr oberflächlich besprochen sind. Salfeld veröffentlicht sS. 15) „Mainzer Grabsteine", Brody liefert eine wissenschaftliche Arbeit über „Ahron Al'amaiti und seine Söhne" (ä. 18), und Eppe »stein veröffentlicht „Verbesserungen und Ergänzungen zu Jcseph Kinkhis Mischke-Kommentar" (3. 24). Das Heft enthält ferner Miszellen von Fr., Berliner, Lewy-und Steinschneider. Gelesen uitd verbreitet zu werden verdient die im Verlage von Prcus; und Jünger in Breslau 1900 erschienene Broschüre „Der Konitzer -llllbrd", 1.—10. Tausend, welche über diesen Gegenstand viel Licht und Wahrheit verschafft. Der Verfasser dieser recht gelungenen Arbeit, Dr. med. H-, hat den „Konitzer Mord" gründlich geprüft und Wahrheiten an den Tag gebracht, welche auch von den, Antisemiten kaum beanstandet werden können.. Die Broschüre schließt mit folgenden Worten: „Hoffen wir, daß es gelingt, ' bei dem Konitzer Mord den Täter recht bald -zu', entdecken, um den Schleier von der geheimnisvollen Tat zu lüften, damit auch die fanatisch erregte und in blindem Hasse. von gewissenlosen Agitatoren bestärkte Menge einsehe, wie lächerlich es ist, an das Märchen vom Ritualmord zu glauben. Und selbst wenn ein Jude der Täter^gewcsen sein sollte, wird die Menge sich durch die Klarheit der Tatsachen überzeugen, daß es nur die rasche Freveltat eines Einzelnen war, die von den Inden genau so verabscheut wird, lvie von den Christen, lind möge man bei der Beurteilung des, Falles immer der eigenen Religionsvorschrift eingedenk sein; möge man der Worte eingedenk sein, die einst Friedrich der Grosze grollend an d'Atcmbert schrieb: „Erlauben Sie mir, Ihnen zu sage«, daß unsere jetzigen Religionen der Religion Christi so wenig gleichen, wie der irokesischen. Jesus war ein Jude, und wir verbrennen Juden. Jesus predigte eine gute Sitrenlcyre und wir üben sie nicht aus." Ein großes Verdienst hat sich der Secrctär der israelitischen Gemeinde zu Nagy-Kanizsa, Herr Ludwig Barta, mir der Edition der ungarischen Arbeit „Hitközsegi ügvkezeles" l Gemeiudeaugelege11beits- Manipulationen) erworben. Das umfangreiche Buch (Groß-Oktav, 022 S., Preis kartonniert K. 8) enthält sämmtliche Gesetze zur Regelung des jüdischen Gemeindewesens, welche der Autor als authentische Quellen benützt und trefflich bearbeitet hat. 33 ist nicht unser Beruf, dieses Werk eingehend zu rezensieren, Fachmänner mögen den Wert dieses Buches anerkennen und Herrn Barta das Lob spenden, welches er verdient; allein, ivelche Zeit die Abfassung einer solch schwierigen Arbeit beansprucht, und endlich die Nützlichkeit, ivelche dieses ungarische Gesetzbuch den jüdischen Gemeinden in Ungarn bietet, dies muß auch von uns in vollem Maße gewürdigt, hervorgehoben und bestätigt werden! Nun irvllen Ivir auf das.ausgezeichnete, von dem bereits bekannten Antor Dr. M. H. Friedländer abgesagte Heftchen „Das Talmudstudium in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in den Jeschiboth zu Ankolsburg, Posen und Preßburg" iGroß-Qktav, 41 S.), rvelches 1001 zu Wien erschienen ist, Hinweisen. Daß Friedländcr seine Arbeiten interessant zu machen versteht, beivctst auch vorliegende Schrift. Sie beschreibt die Entstehung der Jeschiboth zu Nikolsburg, Posen und Preßburg rind bringt zugleich kurze, jedoch inhaltvolle Charakteristiken von R. Markus Benedicr lgeb. 1758,.!, R. Akiba Eger lgeb. 1702) und R.-Moses Sofer lgeb. 1708), gleichzeitig die verlotterten chafsidäischeu Verhältnisse in Ungarn trefflich schildernd. Hören wir dem-Autor selbst erzählen: „Ich hatte nämlich," so beginnt Friedländer, „im Jahre 1802 auf meiner Reise nach Ungarn ait einem Sabbat im Monate Elnl in Komlos, einem Dorfe nächst Nagy-Tzöllös, Ugocser Komitat,!vo ebeli der fromme Seeleilhirte, der als Oberhaupt der Chassidim jenes Komitars-sich's ztir Aufgabe geinacht, jährlich vor denc Hoheit Feiertagen feinen Nabbiuatssprengel in Begleitung tanzender Chassidim, „Kacslabnikes" genannt, zu bereifen, anwesend war, Gelegenheit, einem sogenannten „Scholosch Sndos" (dritte Mahlzeit) anzutvohiteit. Bor allem zeichnete sich das Bankett durch vorzügliche Theißfische, die nach.polnischer Art zubereitet Ivaren, aus. Es wurde bei dieser Gelegenheit naefj Herzenslust gevespert und der Landtvein verfehlte nicht, die fromme Schar in hohem Maße zu begeistern. Kant» hatte der „Nebbe" sein Eßbesteck aus den Häitdcn gelegt, uin dadurch gleichsam das Signal zu gebeut, daß es Zeit sei, nach den Schirajim (Speisereste des Rabbi) zu greifen, als schon die Bärte aller auluefeixbeu Chassidim darin hernmwühlteit. Diese „Frommen" leckten teils ans der Hand zum Munde, lvie Gideons Leute, teils mit dein Munde aus dem Teller selbst. Eiti sottderbares Schauspiel! Als ich einen Chassid, jjer neben mir saß, nach der Ursache dieser höchst eigentümlichen Versahrnngsweise fragte, lontbc mir bedeutet, daß nach der kabbalistischen Lehre mir derjenige dereinst das Glück haben tverde, vom „Leviatan" zu genießen, der hienieden öfters „Schirajim" eines „guteit Jndeit" andachtsvoll „bikewonoh gedoloh" gegessen habe. Nun begann der Rabbi allerlei moralisch-kabbalistisch-exegetische Reden zu halten, die trotz der Ignoranz der anwesenden Chassidim sich des größten Beifalls erfreuten. Nach Beendigtlng der Mahlzeit wurden von fämmtlichen Gästen mehrere „Semiroth" nach echt polnischer Weise gesungen und endlich das Maariwgcbet verrichtet. Illach der Havdalah, eS war ungefähr 11 Uhr nachts, begann der fromme Rebbc, da die Geisterstnride herannahte, feierlichst große Wunder von dem Baal Schern, d. h. Gottesmann, Wundertäter, der erst in Hnßti in Polen, nachher in Medziboze in Podolien lebte, und anderer Chassidim zu erzählen. Und als er vom Hoheit Rabbi Löb und dem von ihr fabrizierten Golem sprach, stellte mein Nachbar an inich die Frage: „Seid Ihr schon einmal in Prag gewesen8" „Diese altehrwürdige, an Sagen und Märchen reiche Stadt," entgegncte ich ihm, „habe ich schon zu wicderholtenmalcn gesehen." „Nun, habt Ihr auch," rcpiicierte der Chassid, „den Golem, der auf dem Boden der Altnenschnlc aufbewahrt ist, gesehen ,?" „Dieses Wunderwerk zir sehen," erwiderte ich ihm, „Ivar ntir leider nicht gegönnt, weil, lvie der Schamcs mir sagte, das heilige Gemach des Golem nur demjenigen eröffnet werden darf, der als der Frömmste und Heiligste der Gemeinde anerkannt und verehrt ivird. Jeden Freitag, nachdem er das übliche Tauchbad genommen, erhält er deit Schlüssel zu des Golems Gemach, in welchem sich ein großer Spiegel befindet. Er braucht nur einen Blick in denselben zu werfen und er ficht den Golem in seiner ganzen Größe." „Ach," seufzte der fromme Chassid itnd sagte: „Ich würde mich überaus glücklich fühlen, ivcnn es mir bcschiedcn wäre, dieses Wunderwerk zn sehen, allein es gebricht mir an gründlicher Gelehrsamkeit, als daß ich hoffen könnte, einst dorthin kommen zn dürfet'." „Beruhigen Sie. sich, lieber Freund," rief ich ihm besänftigend zn, „was nicht ist, kaitn noch werden, denn dort wird jetzt nicht mehr, wie ehedem, Ivo Prag noch eine „Ir meleah chachonüm wcsofrim" war, auf gründliche Gelehrsamkeit, ans Talent nitd vielseitige Bildung gescheit, sondern auf ganz andere Dinge." Noch eine Schrift, ivelche Erwähnnng verdient, ist "q 13 n 3 n5“ia» Ter altbiblische Pricsterscgen. Ein Thema für alle Tage und alle Menschen. Voit Dr. D. Leimdörfer, Prediger ztl Hamburg, welche im Verlage von I. , Kanffmann, Frankfurt a. M. 1001/ gr. 8», 01 E>. Mk. 8, erschienen ist. Durch mehrere in ungarischer und deutscher Sprache verfaßte Bücher hat sich Leimbörfer einen klangvollen Namen erningcn. Auch in vorliegender Arbeit liefert uns der gelehrte Verfasser ein nützliches, sehr interessantes Werk. Der altbiblische Priestersegen ivird hier mit Fachkcnntnis erörtert und wir getvinnen durch dieses Werk eilte umfassende Uebersicht über dieses Thema. Wenn daher gerade dieses Buch nicht kritisch bearbeitet ist, ist cs trotzdem für die Laienwelt ein wichtiges Dokument, ^tanislan, den 8. Mai 1002. H e r in a n K a h a n. Dorys Georges: Abdul-Hamids Privatleben, mit eiitem Vorworte von Pierre Quillard. Einzige berechtigte Uebcrsetzung mit 81 Illustrationen nud einem Faksimile der Handschrift" des Sultans. Albert Langen, Verlag für Literatur und .Kunst, München 1002. Wie viel Geauben der Verfasser als Berichterstatter verdient, können wir nicht bestimmen, als Beurteiler tvill er uns nicht vertrauenswürdig vorkomnieit. Er ist der umgekehrte Hofmann; wenn dieser ben schlimmsten Eigenschaften seines Herrn Gutes abzugcwinnen versucht, so trachtet unser Antor, die unleugbar vorhaudeneit liebenswürdigen (Seiten Abdul-Hamids als ebensoviete Fehler hinzustcllcn. Gewiß muß jeder unbefangene Beobachter, zur llcüerzeugung gelangen, daß den verschiedenen, in jüngster Zeit sich unheimlich häufenden Verurteilungen und Exiliernngen in Konstantinopel so cttvas ivie Verfolgungswahn zugrunde liege, zumal Pcrsönlichketcn voit ihnen getroffen wurden, deneit man nicht ohne weiteres hochverräterische Absichten Zutrauen möchte. Die Umstände jedoch, welche die Psyche des Grotzherrn so ungünstig beeinflussen, werden wir so lange nicht feststellen können, als nufere Mitteilungen von erkauften Freunden oder giftigen-Hassern herrührcn. Wir müssen also den intimen Abdul-Hamid zunächst aus Hern Spiele lassen. Im übrigen aber glauben wir dem Sultan nicht unrecht zu thnn, wenit tvir das Urteil über seine politische Persönlichkeit folgendermaßen fixieren: Er ist klug, aber nicht weise; er ist ein Diplomat, aber kein Staatsmann. Wohl gelingt es ihm, Hindernisse zn entfernen, er kann jedoch nichts Dauerndes schaffen. Er vermag vielleicht Fretiude zn erwerben, sie sestzuhaltcn verstehe er nicht. Er besitzt freilich die Fähigkeit, Momenterfolge zu erzielen, eine Zukunft sichern kann er nicht. Als armenischer Präkendeitk könnte er etwa Großes leisten, als Arzt bei eiitem kranken Organismus ist er nicht, am Platze. Es fehl: seiner Politik die Berücksichtigung der staatsmännischenTraditioii, welcher man bei derRcgierung eines komplizierten Reiches nun einmal nicht entbehren kann. Es soll allerdings nicht - geleugnet werden, daß Europa ihm hierin ein schlechtes Beispiel gibt. Wenn man seit Cavour uitd Bismarck jene Diploinatenschuke überwunden glaubte, die im Intrigieren tuid 9t ä n k e s ch mied e n ihre H a n p t a n f g a b e s a h, s o kann ein B k i ck ans Statu b n l uns ei n e s Andere n belehre n. Man wird die Politik der Türkei natürlich nicht europäisieren köniicn, ivcnn das diplomatische Europa sich drüben so ganz ben Sitten und Unarten des Orients aiischiniegt. Die einzige Großmacht, die in ihre Staatstiinst am Bosporus einen größeren Zug brachst', ist D e n i s ch l a n d. ' Freilich ist die Person des Padiscbah in viel größerein Maße ihr Angelpunkt. Ob sonach Zuverlässigteit zn erhoffen ist, mag dahingestellt bleiben. Cebi. Geld und Gut, oder Erziehung und Bildung. Jüdisches Familien- und Cnlturbild ans dem 1. Drittel des vorigen Jahrhunderts. . Von F. Bondi, emeritierter Volksfchnldirector. Brünn, 1002. Im Selbstverläge des Verfassers. In Commission bei L. u. A. Brecher in Brünn. (100 S. gr^8T) Preis K!. 1.—. Eine Jugend- und Vollsschrist im besten Sinne des WortesI In liebenswürdig schlichter, höchst anspruchsloser, aber wahrhaft ansprechender Darstellung beschert uns hier einer der ältesten und verdientesten jüdischen Lehrer und Erzieher, dessen hebräische Grammatik den Fachmännern wohl bekannt ist, noch am Spätabende seines an Jahren und Wirken reich begnadeten Lebens eine für Jung und Alt gleich wertvolle, schöngeistige Gabe, deren Inhalt und Gehalt durch den Titel der Erzählung und den Beruf des Verfassers deutlich gekennzeichnet ist. „Geld und Gut haben allerdings ihren Wert, denn Geld regiert die Welt; aber gute Erziehung und wahre Bildung haben dennoch einen viel höheren Wert." Milteilmrgerr aus dem MKLiltttm. Danksagung. Allen, die in den herbsten Tagen meines Lebens in so liebevoller Weise meiner gedacht, sage ich Auf diesem Wege innigen, herzlichen Dank. Wien, am 23. Juni 1002. Friedrich Aufwerber, städt. Lehrer. * Fn Anbetracht der täglich immer größer lverdenden Konkurrenz in HaarlviichS-Mitteln ist es entfallt, ehe man unnötig Geld ansgibi, die Marke „Komogen", Erfinderin: Hermine Winter, 0/1, Grüne Thorgasse 10, zu versuchen. — Dieses Präparat ist eines der anerkennenSlvertesten und erfolgreichsten der Gegenwart. Die Möbelindustrie hat in jüngster Zeit, um dem verfeinerten, geradezu raffinierten Geschnmcke des Publikums Nechmliig tragen zu können, die größten Anstrengungen machen müssen. Tatsächlich überbietcu sich die Möbelfabrikanten in der Herstellung von modernen und modernsten Möbelgegeiiständen. Dass hierbei der wirklich feine Geschmack nicht immer auf seine Rechnnng kommt, ist nicht zn Verlvuiidern. INid so sieht man Kanflnstige oft von einem Etablissement zum andereil wandern, ohne sich in dem großen Chaos von marktschreierischer Sezession und Geschmacklosigkeit zurechtzurr'1, .'ils einen treuen Wegweiser auf dem Gebiete des feinen Geschmackes m Möbeln aller Art müssen wir daher das reich illnstrierte Album des Möbelhauses I a c g n e s Heiß, 0. Bez., Porzellangasse 20, begrüßen. Man findet hier Ivirklich moderne, diskret ansgeführte Gegenstände, bei denen das Moderne nicht auf Kosten der Dauerhaftigkeit hervorgekchrt wird. Ein Besuch in diesem Etablissement, auf dessen Inserat wir hier besonders anfinerkiam machen, ivird sich stets als lohnend erweisen. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Bei dieser Wendung gab es der Dame lviedcr einen Ruck, sie zuckte zusammen, aber der Schames schien dies wieder nicht bemerkt zu Haben, denn er setzte fort: „Dort liegen zwei nicht weit voneinander, die sich, so lang sie gelebt haben, spinncfeiiid getvesen sind. Der da m diesem „Kewer" hat geheißen Reb Sawel Kornmehl ltnd M in früherer Zeit der Lehrer gewesen, später hat er sich ein Geschäftet verricht und hat das Chedcr anfgegcben. Aber tvarum ihn Bark Lederer, der ganz nahe bon ihni begraben ist, nicht hat leiden faiien, das war so: Bärl Lederer war über einen „Chossid" hinaus,, wenn er in Schul gestanden ist, und hat „Krischme" gesagt, hat er em „Echod" gemacht und hat dabei gearbeitet mit die Händ, als lvie wenn er hätt Gott bei die Füß angcpackt. Er hat die Khille mehr „mechlach" gewesen, wie der Rabbiner und hat sich betracht, als wie wenn er war gewesen Golts Polizei. Etliche haben von ihm gesagt, er ist ein „Fanetatiker". Weit aber Rcb Sawel mit dem Doctor gut Freund Ivar, hat sich 9teb Bärl Lederer cingcredt, er wird von dem Doctor verdorben, denn auf den Doctor hat er gar eine große Feindschaft gehabt. Wie er „goißes" (int Sterben) gelegen ist, hat inan ihn gefragt, ob er sich will aussöhnen mit die Leut, das hat er gethan, aber von dem Doctor hat er nichts wissen gewollt. Sein letztes Wort war: „Er ist doch ein „Posche", d. h. ein Sünder, und darauf ist er gestorben." „Und der Doctor?" fragte die Dame mit zitternder Stimme. „Der liegt auf einer andern Seit; der liegt neben seinen Eltern. Wenn es gefällig ist, können wir hingehn!" erwiderte der Schames. Wieder setzte sich der kleine Zug in Bewegung. Der Schames zeigte drei Gräber und sagte: „Da liegt sie, die Mutter, Jentel Frank, paketcl ist das eine feine Frau geivesen, die größte Herrschaft hätt könnt ihr „Chawertorin" fein. Auf ihren Wunsch'hat Lob Frank, der neben ihr liegt, ganz allein auf eigene Kosten die neue Schul mifgebant, nachdem das Unglück geschehen ist, was ich Ihnen früher an Gnmpels Kewer erzählt habe. Und das ist das Grab von dem Doctor Felix Frmik. Was das für ein Mensch gewesen ist, das kann ich Ihnen gar nicht beschreiben. Ja, es ist wahr, fromm ist er nicht gewesen,, so Iveit hat Bärl Lederer recht gehabt; aber das war ihm alles eins, und wenn man ihn uni etwas gebeten hat, hat nian auch sicher sein können, dass er's thut. Es ist schad, dass er kein guter Jüd war, denn sonst hat er gar kein Fehler gehabt. So muss er jetzt nebbisch brennen in Feuer von Gchennem, ein Arzt war er doch auch dazu und cs heißt: „tow scheberofim begehennem", d. h. der beste von den Acrzten kommt doch hinein in Geheimem." „Es ist genug," sagte die Dame, „wir wvllcn's für heute gut sein lassen. Ich fühle mich erschöpft. Geht, guter.Mann, mit meinem Diener voransnmd erwartet mich im Häuschen dort, wo wir zuerst gewesen sind, ich komme gleich nach." Wenn der Schames, der sich mit dem Diener entfernte, nur etwas von der Neugierde, seines Weibes gehabt hätte, so würde ihm dieser Wunsch der fremden Dame sicher ausgefallen sein und er wäre gewiss in das „Hazurtumiin"-Hänschen nicht cingetreten, ohne noch einen Blick ans das Grab, woher er gekommen, zurückzuwerfcn. Hätte er dies aber gethan, was für ein seltsamer Anblick hätte sich seinem?lnge dargeboten. Eine edle Franengcstalt kniete ans dem bczeichncten Grabe und hielt mit ihren Händen den kalten Stein umschlungen, als ob sie daraus ein warmes Leben hätte erwecken wollen. Was wollte sie ans diesem Grabe, und warum presste sie die Lippen an den kalten Stein? Verschlang dies Grab etwa ein Leben, das ihr einst theucr war? Unglücklicher Felix! Dich haben zwei Frauen geliebt, und doch konntest Du keine bon beiden besitzen! 0. Zwei Freundinnen. Der Gräbcrbesnch ans dem jüdischen Friedhöfe machte in der Bevölkernng des Städtchens viel von sich reden. Wieder saßen Bürger und Banern im Wirtshaus und besprachen das sonderbare Ereignis. Der Drab meinte, er habe tvohl zn früh gejnbelt über das Unglück des Drande, denn es scheine ihm sehr, sie seien doch nur aus dem biegen in die Traufe gekommen. „Das Sprichwort hat halt recht," predigte er in seinem Feuereifer, „es kommt selten was Besseres nach. Es ist doch unerhört, dass eine ehrliche Christenperson ans einen jüdischen Friedhof geht, ans dem sie nun einmal nichts zil suchen hat. Warum hat sie sich de» christlichen Friedhof nicht angesehen? Ist der vielleicht tveniger schön als der jüdische? Ein einziges, vergoldetes Kreuz ist ja mehr wert, ivie alle die Sandsteine mit den unleserlichen Buchstaben von der rechten zur linken Hand. Und ich bleibe dabei, es kann nicht anders sei», sie ist eine heimliche Jüdin, die sich hat taufen lassen, aber doch eigentlich den Christenglanbcn nicht im Herzen nnd aufrichtig aiigeiionimen hat. Da lass ich mir den Kaps dafür hernnlerschneiden, mag der Herr Pfarrer sagen, was er Ivill." „Was sagt denn der Herr Pfarrer?" fragte ein neilgieriges Bänerlein. „Lass inir'S nicht einrcden," setzte der Drab fort, ohne den Frager anznblicken, womit er andeutcii Ivollte, dass er's nicht gerade nur deswegen erzähle, Iveil der gefragt hatte. „Lass mir's nicht eiiireden, dass die Herrschaften hentzntag solche Lnnnen haben. Bin nicht ans den Kopf gefallen, dass man mir ein X für ein U porniacheit könnt. Eine Christenseel' hat nichts ans dein Jndenfriedhof zn suchen, außer sie lvünscht dort begraben zn werden, um aiif die grüne Wiese zn koininen. Was das aber dann für eine Christin ist, kann man sich denken." Nicht minder überrascht Ivar man von dem Ereignis in der (tzasse. Die Verinnthnngen wurden nur in anderer Weise ansgesprochen. aber sie hatten nahezu denselben Inhalt. „Ich möcht gern wissen, ivas eine „Goite" (Nichtjüdin) ans dem „Bess-Hativores" (Begräbnisort) zn thnn hat," Ivnederte sich der Kritiker in der Gasse, der uns wohlbekannte Schloime .SKTatfdVfapf. „Mein klein Fingert ließ ich mir dafür hernnterschneiden, dass die Meierhöferin eine „Judenne" ist; „efscher" hat sie sich „geschmadt" (getauft) nnd hat jetzt „Charoteh" (Rene), nnd Ivill hier in unserer Khille still nnd unbemerkt leben. Jetzt geht mir ein Licht ans. So ist es und nicht anders. Für ivas möcht sich so eine, Herrschaft, die doch könnt in der schönsten Stadt, „chvdsche" (zmn Beispiel) in Wien alle Freud haben, sonst da heraus setze»? Wer weiß,, bon wem sie herkoinnien mag, was für „KicheS" (Abstainmniig) sie hat? Das heißt, Sachen, was hentzntag in der Welt alles borgehen! Merkwürdig, soll ich leben und gesund sei». Bärl Lederer hat das wissen solle»,' dass eine „geschmadte Judenne" (getaufte Jüdin in unsere „Khille kedoische" (fron'nne Gemeinde) kommen nnd sich daher setzen wird. Im „Kewer" (Grab) macht er sich herumdrehen und möcht liegen ans'» Bauch, wenn er das wissen könnt!" (Fortsetzung folgt.)