Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 26 (27.6.1902)
- Date
- 1902-06-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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r. 26 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. Juni 1902 Seite 5 Goethe über diesen (Stoff in einer Art spricht, bei der man unwillkürlich au die urwüchsige Ausdrucksweise des Berliner Künstlers denken muss. Es ist wunderbar, zu sehen, wie verblüffend modern der dreinndsechzigjährige Goethe de» Gehalt des Simson-Stosfes empfindet, der so ganz menschlich und ohne jede klassizistische Stilisierung vor seinen Alleen erscheint, mit welch realistischer Unbefangenheit er das Naiv-Perverse darstellt, das in der alttestamentarischen Erzähtnng enthalten ist. Freilich, die „Konvenienzen der Zeit" haben sich seit hundert Jahren einigermaßen verändert und was Goethe — allerdings für die Bühne — bedenklich erschien, was Lemaire, der Textdichter der Simson-Oper von Saiut-Saens, tatsächlich hinter die Scene verlegt hat, ivagt der moderne Maler ohne tveiteres auf die Leiulvand zu bringen. Goethe wäre vielleicht über die Keckheit der Lieberlnann'scyen Schilderung entsetzt geivesen, aber sicherlich hätte sie ihn lebhaft interessiert. Denn bis ans die „Niesenyftigkeit" der Delila, bis aus dies heroische Clement der Legende, daö bei Liebcrmann zu kurz gekommeu ist, entspricht das Bild des Präsidenten der Berliner Sezession mit frappanter tlebereiustimmung den Goethe'schen Sätzen. „Organisatwit der jüdischen Gemeinden" ist der Tstel einer Preisarbeit. welche der junge ungarische Rabbiner Herr Dr. Venetianer neulich veröffentlicht hat. Die Arbeit selbst ist von höchst dringendem kvissttischaftlichen Interesse und IvaZ man von der Pester Schule und dein Autor kveist, berechtigt zu den besten Erwartungen. Leider ist sie in ungarischer Sprache geschrieben, was sie der großen Mehrzahl jüdischer Leser unzugänglich macht. Das heißt beim; doch den Nationalismus bis zum Nativismus getrieben. So unsinnig es wäre, beit ungarischen Juden zuzumuteu, sich als Deutsche zu gerieren, so unsinnig ist es, eine Richtung lute die des amerikanischen Knownothingtums zu kultivieren. Selbst skandinavische Aerzte haben neulich den Beschluß gefaßt, ihre Nnssenschaftlichen Arbeiten in einer Weltsprache zu veröffentlichen. Wir Juden haben aber leider die Schwäche, alle lokalen Modetorheiten uutzumacheu. Gleich nach dein Sturze des Bach'schen Regimentes hatte sich unter den ungarischen Juden eine etwas krankhafte Nationalisierungssucht bemerkbar gemacht, deren Führer der Mährer Löw lvar. Diese nativistische Richtung hat ebensowenig in Ungarn das Auftreten Jstoczis verhindert! als sie in Frankreich Drumont und den Drehsns-Prozeß unmöglich gemacht hat. Das sollten sich unsere ungarischen Brüder merken, denn die Zeit wird sicherlich kommen, wenn die jetzt frondierenden Klerikalen sich! m.it der herrschenden: Partei oder mit ihren Nachfolgern aussöhnen werden, und dann kann man sehr Wohl eines zweiten Tisza-Eszlar gewärtig sein. Der „Tcmple" in Cleveland versendet, wie die „Deborah" schreibt, seinen herrlich ausgcstatteten Jahresbericht. Derselbe ist ein typisch amerikanisches Dokument. Er enthält nicht nur die Jahreschronik, sondern auch sehr gut geschriebene Berichte der Beamten! des Tempels und treffliche Illustrationen. Besonders interessant ist für europäische Leser der Bericht! über die mit dem Tempel verbundenen Institute, wozu nicht nur Vereine, Bibliothek, Vortragszyklen weltlicher Natur, sondern sogar eine regelrechte Turnhalle gehört. Das ist eine bemerkenswerte Konzession an die „Jnstitutional Church", aber doch auch wieder in entferntein Maße eine Annäherung an das Chcwralvesen der alteir Gemeinde, lieber die Erfolge wird die Zukunft uns belehren müssen. „Ueüer die Religion der Semiten" findet sich folgende Stelle in Friedrich Delitzsch' Vortrag „Babel und Bibel": „Seltsam t .Niemand weiß mit Bestimmtheit zu sagen, was unser deutsches Wort „Gott" ursprünglich bedeutet. Die Sprachforscher schwanken zwischen „Scheu-Erregung" und „Besprechung". Dagegen ist das Wort, tvelch es die semitischen Lananäerstämme, denen die Babylonier nächstvertvandt sind, und aus denen späterhin die Israeliten hervargiugeu, für Gott ausgeprägt Haben, nicht allein klar, sondern! es erfaßt den Begriff Gottheit in einer Hoheit und Tiefe, daß au diesem «einzigen Wort schon nicht nur das Märchen von „den an religiösem Instinkt van jeher erstaunlich armen Semiten" zerschellt, sondern ebenso auch die beliebte moderne Ansicht, daß die Jahve-Religion und damit unser christlicher Gottesglaube sich aus einer Art Fetischismus und Animismus elnporgearbeitet habe, wie solcher den Stidseekanibalen (und) oder Feuerländern eigentümlich ist." -— Die Bemerkung spielt auf Ehamberlains „Grundlagen" an, welche die semitische Armut an religiösem Empfinden entdeckt haben. Archäologische Forschungen in Palästina. Aus London lvird berichtet: Bei der Jabresversammlung des „Paststiiie Erploration Fund", die soeben stattgefunden hat, sprach Sir Charles Wilson über die jüngsten Forschungen im Lande Inda, in welches Gebiet, wie der Redner ausführt, das alte Gath verlegt lvird. An einem Orte, der eine iiberraschende Ansicht des Schlachtfeldes gelvährte, auf dem David den Goliath schlug, sind Ueberblelbsel von Töpferwaren gefunden worden; imitier den Entdeckungen in diesem Gebiete befand sich ferner ei!n! Monolith, der augenscheinlich eine der nir alten Testament so oft erwähnten „Anhöhen" zum Opfern bildete. Merkwürdige Höhlen, die zn einer Zeit zwischen l 600 und 1200 v. Ehr. bewohnt lvaven, wurden: auch gefunden, desgleichen archäologische Anzeichen, daß von den Höhlenbewohnern die Leichenverbrennnng geübt lonrde. Die Töpferwaren, die deutlich präisraelitischen Ursprungs sind, sind den von Professor Flinders Petrie in Aegypten: ansgegrabeiuen: ähnlich, die nach seiner Meinung bei einer Einlvandernng vor der ersten Dynastie eingeführt lvorden sind. Sie zeigen starke Merkmale mykenischen und phöniziseben Einflusses und erinnern an die Töpferwaren, die man in Kleinasien fit der Hauptstadt! der Hethiter gefunden hat. Die in der Nähe des Toten Meeres gemachton/ Beobachtungen zeigen, daß in seinchn Nivemt ein Fallen stattgefunden hat. Man hofft, durch lveitere Forschungen die Schicht verbrannter Kohle und Asche ans Licht zn bringen, die die Zerstörung der Stadt Gezer durch. Pharao, den Schwiegervater König Salomos, bezeichnete, der später seiner Tochter den Platz schenkte. Aehnliche sehr gut markierte Schichten sind bereits in Palästina gefunden lvorden und von größtem Nutzen bei der Datierung von Funden von Töpferwaren und anderen Ueberbleibseln gewesen. Si. Aus Augsburg. (WZ e gepetzt wird.) In der Unteryattnngsbljitage eines Augsbuger katholischen Blattes ist eine Erzählung abgedrnckt, in der ein jüdischer Wucherer die bekannte historische Nolle spielt. Natürlich ist der'Mann ein Schuft im großen, ein Erzlump, dabei bon gemeiner Roheit uftv. Wenn der Schreiber den Inden hätte berbrcnnen können, so hätte er cS getan. So legt er ihm eine andere Buße auf. Er muß gestohlenes Geld wieder heransgeben und zusehen, wie die bon ihm geplagten Leute glücklich werden. Und dann fügt der gemütvolle Schreiber hinzu: „Das letztere aber tat ihm weniger, denn das ist eben die Strafe dieser Leute (der Juden!), daß sie tiefes Glück nicht empfindet! können." Der gute Manu ist also noch im Jahre 11)02 der mittelalterlichen Auffassung, die Juden müßten dafür noch jetzt auf jede Weise gestraft werden, und würden bon dem sogenannten „allgütigen Gotte" auch nach moralisch fortwährend bestraft, weil vor fast 2000 Jahren der jüdische Reformator Jesus von der ihm an Einfluß und Macht überlegenen Gegettpartei gekreuzigt wurde! Welche Verbitterung, welche Verrohung muß nicht derartiger Unterhaltungsstoff in detr Vauernseelen Hervorrufen, die solche Geistesnahrung erhalten, ungebildete Leute, die eine so ungeheuerliche Hetzerei vernehmen müssen! Nun, Ivas die Schilderung des famosen Wucherers angeht, so fragt mail sich, ob den Leuten nicht schon genug Fülle von dem Treiben ch r i st l i ch e r Wucherer borgekommen sind. Gerade im Deutschen Reiche war eben der Mordprozeß Tomaschke vor den Geschworenen; es handelt sich da um einen Wucherer Löffler, einen sehr ch r i stl ich e tt Herrn, einen Erzlumpen, der ein alter Zuchthäusler war und schließlich offenbar das Opfer der Rache eines der von ihm auSgeivucherten Menschen geworden ist. Und ivar nicht der Geh. Kommerzienrat E. S a n d e n, der eben wegen ganz unerhörter Betrügereien vor den Berliner Gerichten steht, auch ein sehr christlicher Herr und ein großes protestantisches Kirchenlicht? Ein Mann, der Kirchen grüttdcte und fromme Anstalten stiftete, aber vom Betrüge seinen Millionenaufwand bestritt! Und die Männer, die in Leipzig Ivegcn betrügerischen Bankerottes vor dem Richter steheti, die Leute, die dem „kleinen Manne" das Geld aus der Tasche uahmeu uud viele Hunderte von ehrlichen Kaufleuten in Ruin! und Schande, Elend und Jammer gebracht haben — was sind sie, diese Edlen? Sehr christliche Männer und — wilde A n t is e m i t e u noch dazu. Und der famose Kölner Herr T e r l i n * b c tt, der fromme, katholische Mann, in dessen Wechselstube Bibelsprüche und Haussegen hingen, wie einst bei der ebenfalls so streng katholischen, die Dachauer Schwindelbank betreibenden Adele S p i tz e d e r. Und gar zum Schlüsse die brillante Familie H u mb e r t in Frankreich, in deren Schloß die Kardinale und Monsignori aus- und eingiengen, und die den päpstlichen Segen erhielt. Das sind doch lauter e ch t c C h r i st e n und keine Juden. Aber gehetzt mutz werden um jeden Preis l Jüdische Kolonien. Man schreibt dem „Israelit" aus Buenos- Aircs: Die Kolonie „Mosesville" hat in diesem Jahre eine namhafte Vergrößerung erfahren, indem zu den alten 130 Colonistensamilien weitere 31 Familien aus Russland und 42 Familien aus Rumänien, vornehmlich aus der Moldau, hinzugctreten sind. Moscsville zählt demnach jetzt 204 Familien, welche zusannnen über 10 000 Ha. Land urbar gemacht haben. Außer den Colonisten; wohnen in Mosesville noch zahlreiche andere Juden, die als Handj iverker oder Tagelöhner in der Colonic ein gutes Auskommen finden. > Die Gesainmtbevölkernng von Mosesville dürfte sich jetzt auf 3000! Seelen beziffern., Die Haupteinuahme der Colonisten bildet nicht: mehr der Getreidebau, sondern der Anbau von Luzerne, deren! erste Anpflanzung zwar ziemlich kostspielig ist, die aber, einmal anj gepflanzt, viele Jahre hindurch 5—7 Ernten jährlich liefert. Das! Mähen, Sammeln, Pressen, Packen und Verfrachten der Luzerne bej schäftigt die Colonisten und die in Mosesville arbeitenden jüdischen j Tagelöhner vollauf das ganze Jahr hindurch. Die Verfrachtung \ der Luzerne erfolgt auf einem der fünf Bahnhöfe von Mosesbille, > von denen der von Müsesville-Central der bedeutendste ist. Mosesj ville-Central ist daher schon längst kein Dorf mehr, sondern ein ' emporblühendcr Handelsplatz, auf dem ein stetes Kommen und Gehen bon Lastwagen stattfindct. Der Anbau der Luzerne, durch, welchen die Colonic von der Gunst der Witterung und dem Ausfall der Getreideernte unabhängig geworden ist, hat auch eine ansgedehnte Viehzucht ermöglicht, sodass die Colonic Möscsbille jetzt J schon 36 000 Liter Milch wöchentlich nach Buenos-Aircs liefern! fern». Die Colonic zerfällt jetzt in sieben Gruppen, von denen! Mosesbille-Süd, Nord, Südost und Central für die 78 alten Colo-1 nisten bestimmt sind, während die Gruppe Virginia bon zwei und, die Gruppe Wawelberg von 28 jüngeren Colonisten bewohnt tvird. > Die neue Gruppe Zadoc Kahn, 31 kürzlich angeköuuncne russische! Familien, sowie eine für 42 rumänische Familien bestimmte Gruppe z müssen erst noch urbar gemacht werden. Die Gruppe Zadoc Kahn: liegt rechts und links einer 30 Kilometer langen Fahrstraße, wobei j je vier nebeneinander liegende Häuser von der nächsten Häusergruppe | durch einen Zwischenraum von je 220 Acres Land getrennt sind. Die j neuen Colonisten sind gegenwärtig dmuit beschäftigt, unter Leitung, älterer Colonisten mit Hilfe von großen Dampfpflügen den jungfräulichen Boden nmzugrabcn. Dasselbe ist in der für die rninänischeu Juden bestimmten Grilppc der Fall, nur dass die Rumänen den Boden mit kleinen, mit einem einzigen Ochsen bespaunteu Pflügen, liufulacheu. London. Die auf Anregung des Sir Samuel Montag» einbernfene Conferenz der englischen Shnagogengemeinden hat vor einigen Tagen hier stattgefnnden. Anivesend waren 150 Delegiere, welche zusannnen 31 Probinzial-Gemeinden und fast sämmtliche Synagogen Londons vertraten. Sir Samuel Montag» begrüßte die Versammlung und führte ungefähr aus: „Nachdem die „Federation vf Synagogues" in London ihre Aufgabe nahezu erfüllt, in London und seinen Vororten die erforderliche Anzahl bon Synagogen und Schulen errichtet hatte, wollen wir nun auch der Provinz unsere Dienste anbieten. Ans diesem Grunde vornehmlich haben wir Rabbi Chnikin znin Rabbiner gewählt, damit er im Verein mit der» berühmten Maggid Macevbh die sich uns anschließendeil kleinen Gellieinden besucht und diesen je nach Wunsch eine Predigt im Jargoil oder iln Englischen hält. Gleichzeitig könnte unser Secretär Dr. Adler die kkeinen Gemeinden bereisen, ihre Schulen besichtigen und ihre inneren Zlvistigkeiken schlichten. Unsere ursprüngliche Absicht, uns nur an Gemeinden mit hanptsächkich fremden Judeil zn wenden, mussten wir anfgeben, da sich heransgestelli hat, dass fast sämlntliche jüdischen Gemeinden der Provillz mindestens 5 Percent Fremde anfweisen. Neben der Negeknng der inileren Gemeillde- Angelegeiiheiten soll die geplante Vereinigllng sich hauptsächlich mit der Regelung der Fremdenfrage befassen. Gegen bcu immer mächtiger sich regenden Fremdenhass gibt es kein anderes Heilmittel, als das Ghetto von London zu sprengen. Wer aber ist dazu besser berufen, als wir, die ivir nach 15jähriger harter Arbeit endlich das bolle Vertrauen der fremden Inden gewollllen haben? Unsere Federation lnnfasst 36 Synagogen mit 4176 Sitzen und über 25 000 Stellen. Früher zerfielen die Inden Ost-Londons in unzählige Zwerggemeindeii, wobei der holländische Jude sich für ein höheres i Wesen hielt, der deutsche sich mehr als der polnische Jude dünkte, während der englische Jude endlich verächtlich auf beide herabsah. Jetzt sind sie alle bereinigt, und gar mancher aus dem Kreise derer, die wir becinflnssen wollen, sitzt in unserem Vorstande. Daher fühlen wir uns am meisten berufen, ihnen einen Rath zu ertheilen und sie aufzufordern, London zu verlassen und nach kleinerl Provinzialstädten zu gehen. Hat doch selbst unser ärgster Feind, Mr. Arnold White vor der Fremden-Commissiou zugeben müssen, dass es in England öcine Jndenfrage gäbe, wenn die fremden Juden nicht so dicht beisammen wohnen würden. Daher ist die geplante Vereinigung jüdischer Gemeinden überaus wichtig. Von den 110 Gemeinden haben sehr viele kleine keinen Delegierten hierhergeschickt, weil sie kein Geld hatten, die Reisekosten zu bestreiten. Das ist umso bedauerlicher, als gerade die kleinen Gemeinden dazu benrfen sind, bei der geplanten Sprengung des Londoner Ghettos eine hervorragende Rolle zu spiekell. Iticht als ob wir jemand zwingen, die Fremden gegen ihren eigenen Wunsch aus London zu entfernen oder den kleineri Gemeinden gegen ihren Willen arme fremde Juden aufzuhalscn gedenken. Wir werden uns vorher über die aufzunehmenden fremden Familien ins Einvernehmen setzen, den Immigranten selber aber überzeugend Nachweisen, dass sic anderswo mehr verdienen werden als irn übervölkerten London. Die jüdischen Einwanderer sind cs wahrlich wert, dass wir uns ihrer annchmen. (Tosender minutenlanger Beifall.) Wahrhaft religiös, hart arbeitend, sparsam, nüchtern, seiner Familie treu ergeben und eifrig bcnu'lht, seinen Kindern die beste Erziehung zu geben, wird der fremde Jude uns dereinst mit reichlichen Zinsen alles vergelten, was wir an ihm Gutes gethan." Auf Llntrag der Vertreter bon Birmingham, Liverpool und Dublin wurde hierauf beschlossen, einen Bund der jüdischen Gemeinden Englands zu gründen, welcher periodische Sitziulgen abhalten und alle Interessen der jüdischen Gemeinden gemeinsam vertreten soll. Darauf schlug Herr Hermann Landau folgende Resolution vor: Die Conferenz ist der Ansicht, dass die infolge der Ueberbevölkerung in den großen Städten entstandenen Nachtheile nur durch die Vertheilnng der Immigranten über das ganze Land beseitigt werden könnte, und beschließt daher, eine Organisation zn schaffen, welche die Lösung der Frage in die Hand nehmen soll." In seiner Begründung bestritt Redner die Annahme, dass alle fremden Juden arm seien. Nicht Geld, sondern Kenntnis der englischen Sprache fehle ihnen, und dieser Mangel zwinge sic, beisammen in Whitechapel zu tvohnen, wo sie im Nothfalle sich auch mit ihrem „Jüdisch-Deutsch" behelfen können. Die Resolution wurde angenommen. Desgleichen ein Antrag des Sir Samuel Montgu, welcher die Einsetzung eines Vertheilungs-Comitees fordert und die Modalitäten seiner Wirksamkeit feststellt. Dmlach soll dasselbe 1. Privatpersonen, welche in Provinzialstädten Werkstätten errichten und zu deil ortsüblichen Löhnen fremde Juden beschäftigen wollen; 2. jüdischen Handwerkern, welche sich im Einverständnis mit Provinzialgem'cinden daselbst nicderlassen, und 3. kleinen Gemeinden, welche Fremde allfzunehmen bereit sind, zinslose Darlehen oder Subventionen gewähren. Das Komitee wird seine Arbeiten begimlen, sowie ihm die ersten 1000 Lstr. zur Verfügung stehen. Sukarester Srief. (Orig.-Corr. des „Jüd. Vollsbl.") Die Lage ist eine sehr ernste. Eine Answanderungsepidemie hat das Land ergriffen. Ileberall auf dem Lande werden die Juden entweder direkt mlsgewiesen oder so ^malträtiert, daß sie „freiwillig" auswandern. Dabei zeigt cs sich wieder, daß per lvirkliche Rumäne nicht judcnfeindlich ist, er beschäftigt gerne Juden als Handwerker, Beamten und Buchhalter, dann erhält er aber eines schönen Tages von dem Präfekten, der oft ein naturalisierter Grieche oder Bulgare ist, ein geheimes Schreiben, in dem er ausgefordert wird, die Juden zu entlassen. Der Rumäne wagt es nicht, dem Beamten zu ividersprechen und einige Juden werden durch die Schergen Stourdzas wieder brotlos. Ein wunder Punkt im Innern der rumänischen Judenheit ist das Verhalten der reichen S t a m m e s g e n o s s e n. Bis ans wenige löbliche Ausnahmen sehen sie der Not der Armen mit verschränkten Armen zu und überlassen es großmütig dem Auslande, Hilfe zu leisten. Soll man da nicht auf den Gedanken verfallen, daß sie verblendet genug sind, die Auswnderung herbeizuwünschen, um das Proletariat los zu werden. Herr N. H. Wechsler in Wusi Iveigerte sich, zur Wiedererrichtung eincrVolksküche beizusteuern. Was hat ein A.S. I u st e r in P i a t r a, ein S.^CP. Daniel, Geb. I u r i st i n I a s s y, Zwiebel in F o l t i c e n i getan, um der Not zu steuern? Man beruft 5komitee auf Komitee ein, aber bevor nicht die Neichen ihre Pflicht getan haben, ist nicht an Hilfe zu denken. Wir lvenden uns an die Reichen, die noch im Lande lvohnen, denn einen Appell an die Wiener oder Pariser Juden, die ihr Vermögen in Numänien erwerben, halten lvir für wirkungslos; da ist Hopfen und Atalz verloren. Dazu gehört Charakter, ein Artikel, den sie nicht kennen. Als Chnrakteristikum der Lage teilen wir Folgendes mit: Um Ihnen die wohlwollende Fürsorge der Negierung gegen die Israeliten zu beweisen, erlauben Sie mir, Sie mit folgenden Thatsachen bekannt zu machen: 1. Achtzehn Familien ans Marasasti, bei Panciu, sind eben benachrichtigt worden, binnen zehn Tagen die Gemeinde ßii verlassen (ich sah mit eigenen Augen die Aufforderungen). 2. Ein Minister hat kürzlich folgende Verfügungen erlassen: Die Eröffnung einer Elementarschule oder eines confessiouelleil Asyls kann in ben ländlichen Gemeinden nicht gestattet werden, wenn die Directoren und die fremden Lehrer nicht außer den vorschriftsmäßigen Acten einell Aufenthaltsschein vom Genleinderath besitzen. Die Directoren und Lehrere der Schulen, die schon bevollmächtigt sind, müssen sich denselben Verfügungen llnterwerfen, sonst müssen sie gewärtig sein, dass die Erlaubnis zurückgenommen wird. 3. Berichten die Zeitungen, dass die Regierung folgende Vorschläge der Handelskammer von Jassy, die Auswanderung betreffend, ivohlwollend anfgenomlnen habe: a) jeder Auswanderere muss ein Zeugnis vor einem Gerichlöbollzieher bvrlegen, das darthut, dass er keine Schulden an deil Staat oder Privatlente zlirücklässt. Dieses Zeugnis wird vom Abziehenden ivenigsleus dreißig Tage vor dem Verlassen des Landes gefordert werden; b) die zustehenden Behörden dürfen keinen Pass ohne Vorzeiglmg des obenerwähllten Zeugnisses verabfolgen; c) das verlangte Zeugnis muss durch Beschluss der betreffenden Gerichte gutgeheißen iverden; d) den Grenzbehörden müssen besondere Jnstrnetionen gegeben werden, dass sie beim Wegzug der Juden ans dem Lande den Pass, das Zeugnis und den Gerichtsbeschluss zu verlangen haben. Andererseits folgt hier ein Brief des Herrn Astruc, der von der „Allianee israelite" zur Verivaltung des Unterstützungsfonds beallftragt ist: „Durch die Ereignisse veranlasst, habe ich mich eben ivieder nach Bukarest begeben. Die Annahme des Gewerbegesetzes hat aus die Israeliten einen schmerzlicyell Eindruck geniacht. Die Eiltmuthigung ist groß und die Gemüther sind aufgeregt. In Vereinen, in Cafes, auf den Straßen und in den Häuser,, spricht man nur über die neue Masseilanswanderung. Eine Gruppe von 15 |unaeu Leuteli, bereit den Weg in die Verbannung anzutreten, verlasst soeben meine Wohnung. Der Besuch bezweckte ein lintersiutzungsgesuch um Reisekosten. Nicht allein habe ich dieser Forderung eine kategorische Verweigerung, entgegengesetzt, sondern ich habe be, den jungen Verzweifelten auch dringend darauf bestanden, dass sie nmst daö Signal zur Abreise geben sollten. Ich weiß nicht, welche letzte Eiltscheidnng sie getroffen haben; aber ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass die Hoffmingslosigkeit der jüdischel, Arbeiter rhren Gipfel erreicht hat. Ich hatte die Ehre, Ihnen den letzten Aufruf arr alle Handwerker zn einer Versammlung in der Hirsch-Shnagoge zir berichten. Der Zulauf war groß. Es wurde beschlossen, bei den