Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. März 1902 Nr. 10 an 20 stiftbrieflich geeignete Personen monatliche Unterstützungen im Gesarnmtbetrage von 4200 Kronen zuerkannt. Aus der Dr. Adolf Sack s'schen Stiftung für Techniker werden über Referat und Antrag des Herrn Baurath Stiaßny im Sinne der Anträge des CmniteS für diese Stiftung und des Vertreter-Collegiums 14 Stipendien per je 600 Kronen an Hörer österreichischer technischer Hochschulen für die Dauer des laufenden Studienjahres verliehen. Ferner werden ans der Osias H. Scher r'schen Stiftung für Rsbbinats- und Lehramts-Candidaten 14 Stipendien per je 600 Kronen conform dem Gutachten des Professoren - Collegiums der Wiener israelitisch-theologischen Lehranstalt an Hörer dieser Hochschule für das lausende Studienjahr verliehen. Ferner werden für einen Bethausverein und zwei Bibelschulvereine Subventionen bewilligt. WeiterS wird die Uebernahme der Maria Gerstm a n n'schen Jahrzeit-Widmung für die israelitische Versorgungsanstalt mit dem Capitale von Nominale 400 Kronen beschlossen. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um halb 2 Uhr mittags geschlossen. Unbefugte Untersuchungsrichter. Vergant ist gekränkt; er klagt bitter, dass die „Oe.-Israel. Union" bei strafgeschlichen Untersuchungen interveniere, während dies nach unserer Strafprocessordnung verboten sei; nach der Größe der Lettern zu urtheilen, geht der Schmerz bei Ehren-Vergani ziemlich tief. Er vergisst dabei, dass anlässlich der Polnaer Morde das „D. V." ein eigenes Rechtsburean errichtete, durch seinen „Bluthund" Zeugen vernehmen ließ und mit den trübsten und niedrigsten Mitteln die Geschworenen zu beeinflussen suchte. Aber auch seitdem hört das „D. V." nicht auf, Lügen betreffs Hülsners zu vcrbreiteu; der Schatten dieses Unschuldigen lässt den ehrenwerten Brunnenvergiftern keine Ruhe. Bekannt ist cs, dass nach der letzten Verhandlung im Falle Hülsner der Gerichtspräsident dem! ^^0 Dr. Zdcnko Auredniczck weinend um den Hals fiel und sagte: ' Pnblicationen zu liefern, da sie in dem zur Ausgabe zu gelangende» Uebersicht über die »Leistungen der Deutschen Böhmens auf dem Gebiete der Wissenschaft, Kunst und Literatur" ausgenommen werden sollen. Darauf antwortete der Betreffende, dass er kein „Deutscher" aus Böhmen, sondern ein »Jude" aus Böhmen ist und ihm sein Ehrgefühl ver biete, sich einer fremden Nation, der deutschen, auch nur beizählen — z u lassen. (Interessant wäre es, zu erfahren, ob viele Juden den Stolz, nein, das Ehrgefühl gehabt haben, der Werbung der Gesellschaft der Deutschen in Böhmen diese einzig richtige Antwort zu geben.) Auf den von befreundeter Seite ihm einmal gemachten Vorhalt — der zu Mahlzeiten und zu Zwecken politischer oder wissenschaftlicher Machtentfaltung übrigens landläufig geworden ist und den Assimilanten, Ueber läufer und Feiglinge so gerne als Grund für ihr— »Deutsch thum" anführen — dass, da er deutsche Cultur genossen habe, er ein Deutscher sei, antwortete der Betreffende, dass die Deutschen in cultureller Hinsicht dem Judenthum, dem Bringer des sittlichen Gottheitsbegriffes, unendlich mehr schulden und sie trotzdem nicht nur nicht Juden geworden, sondern — Antisemiten sind. Die Sprache des Schulunterrichtes und die Umgangssprache mache noch niemandes Natio nalität ans, denn sonst müssten die Czechenführer Dr. R a n d a, Dr. D o st a l rc. Deutsche sein. E. F. Hilfsverein für galizische Juden. Aus Brody wird geschrieben: Gestern abend fand hierselbst eine zahlreich besuchte Versammlung statt, deren Zweck die Begründung einer Ortsgruppe des „Hilfsvereins für di'e galizischen Juden" war. Dieselbe ist auf Veranlassung des Hern: Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Sig. Halberstam-Wien Volk dem Präsidenten unserer Cultusgemeinde einberufen In einer längeren Rede besprach Dr. Halberstam „Hier ist ein Justizmord begangen worden." Auch nach "der! in Und die Verschiedenen Hilfs- Verhandlung im Cassationshof sagte der Beisitzer Doctor! NZa MMN dle zur Llnderung des Nothstandes ms Steinbach zum Dr. Ellbogen: „Wir sind alle überzeugt, dass > ~^e.n gerufen wurden Auf die ^hatlgkert dev „Hllsv- Hulsner u n s ch u l d i g ist. Aber wir wagen nicht, das einmüthige vereine»^ übergehend, legte Redner dar, dass derselbe von Verdict der Geschworenen zu cassieren." Sapienti satis. Mit dem | s Bltei ^Bl ulsi^ogen gegründet worden ist, um der^Hails Vorangehenden das Vorgehen ob der schaftsbericht wert ist, dass durch diesen die ganze Judenschaft beunruhigt wird. Es gibt auch andere Institute und politische Vereine, die für das Judcnthum eintreten, und oft mit Erfolg. Aber sie hängen diese Erfolge nicht an die große Glocke, weil es Interessen des ganzen Volkes gibt, die höher stehen mit s s e n, als das Neclamebedürfnis einiger Personen. Wir glauben, dass; ha st em Bist fall begleitete Rede knüpfte sich eine angeregte diese Zeilen genügen werden, die „Union" von einem Vorgehen ab- - Discusston, woraus die Begründung der Ortsgruppe bczubringen,> das große Gefahren für das jüdische Volk in seinem! schlossen wurde. Die Meisten der Anwesenden meldeten Schoße birgt, wenn es auch billige Momenterfolge bringt. Sie i sofort ihren Beitritt all und erklärten sich ZU kräftiger Proinögen sich an anderen ein Beispiel nehmen. Was er weise/ pagnnda bereit. Es wurde . beschlossen, das Centralllicht Almosen bieten wolle. Schon jetzt seien die Erfolge in den einzelnen Städten Galiziens sehr erfreuliche, mehrere Tausende unserer Glaubensgenossen dem Elende entrissen und in beit Stand gesetzt worden., durch selbstthätigen Erlverb sich und die ihrigen zu ernähren. An die von lebber schweigt, darin zeigt sich der M ei st er! rufen wir wohlmeinend der „Union" zu. Wochen-Programm der „Jüdischen Toynbec-Halle", 20., Karajangasse 20. Sonntag den 9. März: Miksa Simonowits: Ein Vorkämpfer der Judenemancipation. Montag, den 10. März: Dr. I. Sadger: Aus dem Gebiete der Naturwissenschaften. Dienstag den 11. März: Dr. I. Bernstein: Die messianische Bewegung im 17. und 18. Jahrhundert. Mittwoch den 12. März: Dr. Hugo Benedikt: Das Geld. Comitee zu ersuchen, die Haarnetz-Industrie, welche sich in zahlreichen Orten vortrefflich bewährt hat, auch in Brody und Umgebung einzuführen. Behörden und Studenten. Aus Czernowitz lvird uns geschrieben: Die Arbeiterbildungscurse der jnd.-akad. Verbindung „Zephiräh" wurden am 27. Februar lehrplanmäßig geschlossen. Diese Curse, die die Verbindung im Vorjahre creicrt hatte und die Donnerstag den 13. März: Primarius Dr. > von der jüdischen Arbeiterschaft ebenso freudig begrüßt wurden, wie ' ' ' ' ceitag den 14. März: Bibel/von der öffentlichen Meinung, erfreuten sich auch Heuer einer so Erklärung der Sidra. Samstag den 15. März: Concert: Musik, - Zahlreichen Betheiligung, dass die Verbindung diese Curse fortan Gesang. Anmeldungen zu Vorträgen beliebe man zu richten an! ^lljahrüch abzuhalten inch veranlasst fühlt. Es bestanden drei Curse: Dr. I. Sadger, 9., Liechtensteinstraße 15. j der erste unter der Leitung des Herrn stud. jur. Chaim Kinsbrunner, Jüdische Wohlthätigkeitsanstalten. theilen loir mit, dass der obgenannte Artikel schneider zum Verfasser hat. »Verein für jüdische Geschichte und Literatur". Sonntag den 2. März hielt Herr Wolf Pappenheim im Saale des „Jüdischen Volksvereines" einen Vortrag über: „Rabbi Moses Sofer und seine Zeit." Was er mit seiner Darstellung wollte, hat er in glänzender Weise erreicht: Das Bild eines Mannes, der der Größten einer in den Reihen der jüdischen Gelehrtenschaft ist, jedem einzelnen der überaus zahlreichen Hörer persönlich näherzubringen und Züge zn geben, die die ungeheure Bedeutung dieses großen Weisen ahnen lassen. Dass er diese Aufgabe löste, zeugt von seiner ungewöhnlichen Gabe psychologischer Fassungskraft, dass er einen solchen Beifall erzielte, von einer inneren Verwandtschaft mit dem Gelehrten, dessen Leben er zeichnete. In seinen Schlussworten hatte Herr Max Eisler auch Gelegenheit, zwei liebe Gäste des Vorstandes deS „Jüdischen Volksvereines", Herrn Heinrich K o r n m e h l und Herrn Dr. Paul W e i s e n g r ü n, zu gewerblichen Fortbildungsschulen in seinen Grundlagen nachgebildet. Er setzte bei bcu Besuchern die einfachsten Kenntnisse voraus und tvar auch der bestbcsnchtestc. Der dritte Curs, geleitet vom A. H. der „Zephiräh" Dr. Max Diamant, setzte die durchschnittliche Arbeiterbildung voraus und bezweckte eine erhöhte wirtschaftliche und intellectnellc Bildung des Arbeiters. Der complicierte Lehrplan lvar nach den Erfahrungen ähnlicher englischer und dänischer Arbeitcrschulcu gebildet und fattn daher in kurzem nicht wicdcrgegebeu werden. Daneben bestand ein besonderer Zcicheucurs, den aus Gefälligkeit Herr Banassistent Großmaun leitete, der den Besuchern aller drei Curse gleich zugänglich ivar und die Ausbildung im praktischen Zeichnen zu seinem Zwecke hatte. Den Principicn der modernen Pädagogik nach Individualisierung des Unterrichts entsprechend, lvurdcn immer neben dem Vortragenden Lehrer je nach dem Bedürfnisse eine bestimmte Anzahl von Assistenten in den Cursen beschäftigt. — Eingeschrieben waren in den ersten Cursen 46 Handwerker, in dem zweiten Curse 71, in dem dritten Curse 53. Der Unterricht wurde dreimal wöchentlich in den Abendstunden crtheilt. Die Erfolge, die erzielt wurden, sind so außerordentlich, dass die Curse nicht, »ne beabsichtigt lvar, am 14. März, sondern bereits zwei Wochen früher infolge Absolvierung des Lehrplanes geschlossen . zu; lvurdcn. Die Schließung der Arbeiterbildnugseurse fand unter begrüßen, wie dem genannten Vereine für sein freundliches stürmischen Ovationen aus die Verbindung am 27. Februar statt. — n, hntifcn Am 28. Februar erhielt die Verbindung eine Zuschrift des Stadtmagytratcs, m welcher das Präsidium aufgefordert lvird, diese Curie aiifzulöscii, da ihre Abhaltung statuteulvidrig sei. Der hauptsächlichste Theil dieser Zuschrift lautet wörtlich: „Bei aller Anerkennung, lvclche dieser gelviss löblichen Aufgabe gezollt werden muss, lvird im Grunde Erlasses der l. f. Landesregierung vom 25. Jänner gleichwohl der Vereiiisvorstand darauf aufmerksam gemacht, dass eine derartige Thätigkeit außerhalb des Rahmens des statutenmäßigen Wirkungskreises des Vereines „Zephiräh" gelegen ist." Die Entgegenkommen zu danken. Der Ritrralmord des Abgeordneten Eisenkolb. Aus Leitmeritz wird uns geschrieben: Eine hier angeschwemmte Fraurnlciche wurde als die der Marie K r e j s a agnosciert, jener A u s s i g e r D i e n st m a g d, die bei einem Herrn P i ck bedienstet gewesen war und von der der Abgeordnete des Aussiger Bezirkes Dr. Eisen kolb in einer Interpellation im Abgeordnetenhanse behauptet hatte, sie fei das Opfer eines Nitualmordes geworden. Die K r e j s a hatte sich in gesegneten Umstünden befunden. Da der Vater des Kindes, das sie unter dem Herzen trug, sie nicht heiraten konnte, weil er, wie die Krejsa unmittelbar vor ihrem Verschwinden erfahren hatte, bereits verheiratet war, scheint das Mädchen den Plan gefasst zu haben, den Tod in der Elbe zu suchen. Die Auffindung der Leiche bestätigt diese bald nach dem Verschwinden der Krejsa aufgetanchte Vermuthung von ihrem Selbstmorde. Vielleicht wird sich nun der alldeutsche Fanatiker beruhigen. Zur Darnachachtung. Aus Prag wird geschrieben: Vor mehreren Monaten hat sich die Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst uni) Literatur in Böhmen an einen in Böhmen gebürtigen juridischen Fachschriftsteller mit dem Ersuchen gewendet, ihr die Daten über seine jüngsten nvindung lvird Ivohl nicht uiitcrlasseu, ihre Statuten iu geeigneter Weise 31t ändern. Trvhobycz. Ter Redacteur der jüdischen „Dröhobyczer Zeitung", A. H. Zlipnil, hat anlässlich der goldenen Hochzeit des Erzherzogs Rainer dein Jubelpaare einen Huldigungs-Artikel iu seinem Blakte gewidmet, lvorauf ihm am 25. d. M. folgendes Telegrannn zugckouuucu ist: Zupuik, Drvhobycz. Ihre k. u. k. Hoheiten, die Durchlauchtigsten Herr Erzherzog und Iran Erzherzogin Rainer, beauftragen mich, höchstihren lvärmsten Dank für freundliche Glückwünsche nnsznsprechen. Obersthofmeistcr Noscnberg. G.-M. Cultuövorsteher Tortur Spitzer itt Esseg, unter dessen Leitung sich die israelitische Cultusgemeinde zn einer Hochburg lverkthätiger Menschenliebe entfaltet hat, hat die Schaffling einer neuen jndischcn Volksküche angeregt, lvclche auch von den israelitischen FrauenvcreinS-Dainen eröffnet lvurde. Das eigentliche Motiv, welches bei Errichtung dieser Volksküche bestimmend mitlvirkle, lvar der Umstand, dass die jüdischen Armen mit besonderer Zähigkeit an dem für die Inden so wichtigen, rituellen Epeisegesetzc festhatten und der darbenden Schuljugend Gelegenheit geboten werden musste, sich ohne Hintansetzung und Verlehimg der specifisch religiösen Vorschriften mit Nahrung zu versehen. Dieselbe war schon am ersten Tage von 30 Armen besucht, die in liebenswürdigster und reichlichster Weise von deu hiezu designierten Damen bedient wurden. KrähwinkligeS and der mährischen Hauptstadt. Es kreißten die Berge und nicht einmal ein Mäuslein kam zum Vorschein. Da ward mit lalltem Schall in die Trompete gestoßen und eine neue Acra kühner Neuerungen seitens des frischgelvählten und berstärkten Gemeiudeausschusses verheißungsvoll augekündigt. Mmr durfte sich ordentlich freuen über den herrlichen Mannesmuth, der da an den Tag gelegt Nmrde, über die ehrlich und offen herausgesprochenen Worte, demgemäß den mannigfachen, dringend gcivordcrren Bedürfnissen endlich Rechnung getragen, namentlich aber die brennerid gewordene Rabbinerfrage einer endgültigen Regelung zugeführt werden sollte. — Seitdem sind über acht Monate ins Land gezogen. Immer stiller und stiller ist es geworden, und heute ist mau glücklich dort lvieder augelaugt, lvo mm aimo dazumal gehalten. Nun freilich, iu einem Hausstande, lvo die Magd das große Wort führt, da wird im besten Falle alles nett und sauber sein, die armen Hausleute hingegen sind dabei tvahrlich nicht zu beneiden. Und in einer Gemeindewirtschaft, lvo ein einfacher Secretär sich auf den Allgewaltigen bei jeder Gelegenheit hinausspielt, da wird im besten Falle die Gcrneindecassc tvohlvcclvahrt nttb behütet sein, aber die arrnen Vorstände — sit venia verbo — dürfen nicht mucksen und müssen hübsch brav folgen. — Was nützte cs also, dass der itengebackene Ausschuss sich anfangs tu die Pose warf und entschieden allen, die es hören lvollten, erklärte, er lasse sich nicht zur bloßen Abstimmungsmaschine herabdrücken, — sie wurden schließlich — nt factum docet — doch uutergckriegt. — Allerdings in der Rabbinerfrage muss zugegeben werden, dass aufäuglich bitterer Ernst gernacht lvurde. Denn schließlich, allen Respect vor den Exhorten eines Rcligionslehrcrs, die braven Gymnasiastenjünglingen i'mponieren können, sie begannen trotz allcdcnr nachgerade gewissen Vorstairdsmitgliedern und anderen wohlbeleibten Fabrikanten zu einer wahren Plage zu werden. Nicht als ob diesen etwa der Inhalt besagter Predigten zu flau und wässerig erschienen wäre, beileibe nicht, aber das etwas schrill klingende Organ genannten Religionslehrers vergällte ihnen jetzt den angenehmsten Theil des sonst so langweiligen Gottesdienstes, angenehm, weil sich bisher bei der Predigt so hübsch hindnseln und hint'rännren ließ, und sie jetzt au§ diesem ihrem Schlummer jeden Augenblick erschreckt auffnhren, wenn ein allzu lauter Discaut ihre Ohrenuerben traf. Braucht sich ciu reicher Tuchfabrikant so etwas bieten zu lassen?! Für sein Geld wird man doch tvcnigstcns einmal im Jahre ein halbes Stündchen seine Ruhe haben dürfen! Und so ward die Rabbinerfrage wiederum acut. — Freilich unserem armen Secretär, der sich mit ihr schon so billig abgefunden geglaubt, wurde hiebei keineswegs gut zu Muthe. Das unselige Gespenst der Rabbinerfrage, es brachte ihn jetzt in tausend Aengsten. Um Gotteswillen, cs wird doch riicht cm das Theuerste, an die Geldcassa, jetzt Hand angelegt werden müssen! — Da kam im letzten Augenblicke, nach langen Tagen und schlaflos berbrachteir Nächten der rettende Gedanke. Wenn schon in den sauren Apfel gebissen werben muss, dann soll er lvenigsteus rrichts kosten, zumindest recht billig zu haben sein. Und so hielt denn eines schönen Tages ciu junger Doctorrabbi vom Lande seinen Einzug in den Tempel, und die Klippe schien glücklich umschifft. Allein, mau weiß nicht, lvic es kam (einige ineinen, Brotneid und Eifersucht hätten hierbei ihre Hände im Spiele), nach kurzer Zeit schon lvard der junge Doctorrabbi, der berufen zu sein schien, die höchste Staffel zn ersteigen, zum einfachen Rcligionslehrcr für Mädchen degradiert nird die Herren Tuchfabrikanten mussten sich ivohl oder übel ins Unvermeidliche ergeben. Nun freilich, einigermaßen mussten die enttäuschten Gcmüthcr doch beruhigt werden. So schrieb man denn einen Nabbinerconcurs aus und berief auch mehrere Crndidaten zur Abhaltung eiirer Probeprcdigt. Aber da die ganze Sache dem peusiouierten Obercabbi bekanntermaßen gegen bcu Strich gieng. und er den fetten Posten für einen warm halterr lvollte, der in der Ausivahl seiner Eltern so glücklich gcivesen, dass sic ihm die Verwairdtschaft mit dein Oberrabbi in die Wiege gelegt, so wurde sie alsbald von der Tagesordnung abgcsetzt. So darf sich denn der Allgetvältige iir der Gemeindekanzlei vergnügt ins Fäustchen lachen, dass sich für ihn alles zum Guten gewendet, ja dass er sozusagerr bei der „Serefa mejatcr" gelvesen ist. Denn im panischen Schrecken wegen der jetzt zu gewärtigenden Mehrausgaben bei Aufnahme eines nenerr Rabbiners ließen sich die geehrten Herren Vorsteher durch sein stürmisches Drängen beivcgen, schon jetzt die Steuerguote zu erhöhen, so dass bis auf Weiteres begründete Aussicht auf ein tüchtiges Anschwellen des Gemeindesäckels zu gewärtigen ist. Wer fühlte sich aber, vom Standpnnltc des armen Steuerzahlers gesehen, nickst zur Bestätigung des alteir jüdischen Sprichwortes bereit: „Verstunkcne Fische und geschlagen dazu!"? Verite. Ausland. Victor Hugo. Ans Paris lvird gemeldet: Es ist sehr charakteristisch, dass die Antisemiten jeden großen Mann in Beschlag nehmen itnb auf jede mögliche Weise darznthnn sich bemühen, dctss er ein Anhänger ihrer Theorien lvar. Die deutschen Antisemiten haben schon längst bewiesen, dass solvohl ,$inni als auch Goethe waschechte Antisemiten lvaren. Die ganze gebildete Menschheit feiert in diesem Augenblick den hundertjährigen Geburtstag Victor Hugos, der nächst Goethe ohne Zweifel der größte Dichter des 19. Jahrhuuderts ist. Hub bei dieser Gelegenheit lvagen es die französischen Antisemiten, den unsterblichen Dichter zu bcu Ihrigen zn zählen! Jeder, der auch nur oberflächlich das Leben und Wirken Hugos kennt, lvird leicht ermessen können, lvclch eine bodenlose Gemeinheit und Niederträchtigkeit in diesem Vorgehen steckt. Männer, die bei jeder passenden lind unpassenden Gelegenheit ihren Patriotismus, den sie gepachtet zil haben vorgeben, bethenern, lvagen es, iXjrcu Nationaldiclster, auf den das französische Volk mit vollem Recht so stolz ist, in so schmählicher Weise zn beleidigen, denn iu der That — eine schlimmere Beleidigung kann wohl kaum dem Andenken Hugos angethan werden. Der Mann, der „lVhintoire d’un ci-iimo“ lind „Oos chiitiinonLK“ geschrieben hat, soll ein Antisemit gelvesen sein! Der unsterbliche Dichter, der in seinen „MiH(5nil>len“ sinne lebhafte Theilnahme anr Schicksal aller derer, die unter Verfolgungen zu leiden herben, bekundet, lvird jetzt beschuldigt, den niedrigsten Jnstincten, Hass und Neid, gefröhnt zu herben! Der Dichter, der die schönen Verse geschrieben hat: ,To leur raconte aussi l’histoiro.: la rnisöre Du peuplo juif perHöcmtß qu'il fautonfin bonir. diesem Dichter wagt man jetzt, alltisemitische Gesinnung zuzuschreiben l Es gehört eine bodenlose Unwissenheit und eine grenzenlose Unverschämtheit dazu, r»n dies 31t thuu. Srent pueri, pmsi-i, pueri