Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 24. Jänner 1902 Nr. 4 I Elend, bas man Da zn sehen bekam, zu schildern, dars füglich unterlassen werden ans dem einfachen GrunDE weil dies den: Leser ans Vorträgen und Schriften zur Genüge bekannt ist. Nach der Rückkehr ergieng die AnffarDerling an den Industriellen, einen Organisationsplan auszu-- arbeiten, was auch geschah. Zur Charakteristik Der ganzen Angelegenheit sei folgendes erwähnt: In dem Zeiträume von der ersten Zusammenkunft mit besagtem Herrn bis zur Uebergabe des Organisations-Planes hatte Dieser seine Ansicht wesentlich geändert, indem er mm cinlvandte. Dass man „iin Galopp keinen Berg ersteige", damit wollte er wahrscheinlich zu verstehen geben, Dass Der früher in Aussicht gestellt Fonds incht mehr 3111* Verfügung stehe. Schließlich sagte dieser Herr, dass er selbst nach Paris gehe, um den erwähnten Organisationsplan, an maßgebender Stelle zu unterbreiten. Die Sache aber schlief snreessive ganz ein. — Nach wieder anderthalb Fahren intervenierte eine andere Capacität des galizischen Hilfsvereins und fragte, ob man alles, was in Dein bezogenen Organisationsplane angeführt erscheint, ansznführen bereit wäre, wenn er 60 000 Gulden zur Verfügung stellte, wovon 25 000 Gulden als Fonds perdu zu betrachten waren, was aber refüsiert wurde, well man mit solch reDuciertem Fonds keine Unternehmungen gründen könne, Die zum erwünschten• Ziele zu führen geeignet sein könnten. Daraufhin schlief ■ die Sache ahermals ein itnb erwachte euft vor circa vier _ Wochen wieder. Nun wurden neuerdings Propositionen! gestellt, diese durchberathen und an den Vertreter des wiederholt citierten Anonymus gewiesen. Dessen Auseinandersetzungen gierigen aber dahin, dass man gerne in Galizien etwas schaffen wolle, aber nur dann, wenn ein — andere r die eigentlichen Opfer bringen möchte. Blutthat. Ans Total wird geschrieben: In einem etiva 2 km. von hier gelegenen Dorfe wurde in der Nacht vom 24. auf den 25. Deeember der Gastwirt Moses Deuts ch e r, dessen Frau und deren 13jähriges Töchterchen in barbarischer Weise gelobtet. Mutter und Tochter waren mit Beilen und Messern zer-1 hackt und zerstochen. Der Vater, der bei Ankunft der gerichtlicheil! Commission kaum noch athinete, hatte etiva 8—10 Messerstiche! am Leibe, und der Kopf ivar mit einer Llrt zerhackt. Der Verdacht '■ fiel auf drei Bauern, die in jener dlacht als legte iin Wirtsharlse! weilten und von denen einer Blntspuren au feinen Kleidern hatte. | Sie ivurden sofort verhaftet. — Besondere Anerkennung verdienen der Untersuchungsrichter Herr k. k. Gerichtsseeretar T h e 0 d 0j r 0 w i e z, Gendartnerie-Wachtiiteister B r a ii d e l uiid Postensichrer Leivieki, die alle Kräfte amvenden, die Sache Nils Licht ) zu bringen. j Jüdischer Gesangs- und Mufikvercin. Llus Prag wird geschrieben: Am 31. Deeember v. I. saiid im Saale das Grand Restaurant Heine die IV. Monatsversnmmlung mit Nnterhaltungsabend des Jüdischen Gesmtgs- und Milsitvereines statt. Dem Publicum, welches den Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, wurde Gelegenheit geboten, sich von der künstlerischen Begabung unserer Mitglieder zu überzeugen. Der Albend wurde1 mit_ einem Bortrage „Oschiroh" von Karl Freud eingeleitet. j Diesem folgte ein glänzender Liedervortrag des Frl. Ada Hauer.! Hierauf spielte .Herr Wilhelm Ganz aus Karolinenthal einige- Vortragsstücke für Violine in so vorzüglicher Weise, dass er sich ' noch zu einer Zugabe herbeilasseir musste. Herr Ganz, ein Schüler des Prof. Suchp und ehemaliger Eleve des Wiener Eonservatoriums, berechtigt zu den schönsten Hoffnungen, und rvir sehen irr ihm, dass die jüdische Nation auch ihre Kubeliks aufznwetsen hat. Außer zwei Chören, welche unter der Leitung der Herren Richard T a u ß i g vom kgl. Landestheater ttnd MUC. Robert Fleischm a n n lebhaften Beifall fanden, wurde noch ein Riesenqnartett aufgesiihrt, welches lebhafte Heiterkeit erregte. Den Albschluss bildete der unverwüstliche Einaeter „Ein gebildeter Hausknecht" mit Herrn cand. jur. Allfred W e i g l in der Hauptrolle. Es war dies eine Leistung, welche über den Nahmen des Dilettantismus hinansgeht. Die schwierige Clavierbegleitung führte Herr Oscar Zempliner in exaeter Weise aus. Nach' bcu Aufführungen wurde dem Tanze gehuldigt. Kaufmännische Ehre. Santstag den 11. Jänner veranstaltete die „Oesterr.-Israel. Union" im Saale des Gewerbevereines, Eschenbachgasse ll, eilten Bortragsabettd. Redtter war Dr. Max Grunwald, Rabbitter aus Hamburg; das Thema: Kausmänttische Ehre. Der Zudrang der Zuhörer ztt diesein Vortrage war derart groß, dass die beideit Nebensäle dent Publicum zttr Verfüguitg gesrellt lverdeit tnttssten. Dr. Grtntwald tvttrde bei seinein Erscheinen überatls sretutdlich begrüßt, ttnd atich seine Ausführtutgett fandet: reichlicheti, oft attch stürntischen Beifall. Man ntttss aiterketttteit, dass Tr. Mar Grtmtvald tticht bloß ent gewandter Redtter, sottdern attch eitt Mann vott vielseitigen: Wisset: ist, der in Wien schon über die verschiedensten Dittge fesselttd uttd interessattt gesprochen. Wir hörtet: bereits in vergangenen Jahren voi: ihtn Vorträge über Goethe, über jüdische Kunst, speciell Batit'ttttst. Früher einnml behandelte er Spiitoza, dann ein Capitel über jüdische Volkstttnde, uttd diesmal tvühlte er ein Gebiet, das sottst Theologen tittd Philosophen serner liegt, die.Handelsgeschichte und Hattdelspolitik. Ueberdies soll er noch zwei Vorträge über Theinatn atts der tteuerett jüngstdetttschen Literattir halten. Solche Vielseitigkeit pflegt sottst ein Zeichen der Oberflächlichkeit 31t fein. Tr. Mar Grunwald hat iitdesseit dett Gegenstand überaus gründlich vott jtiristischetn, historischem, talmudisch-theologischettt ttttb völkerpsychologischettt Stattdputtlt aus behandelt, ttnd er überraschte tticht bloß dtirch eine Fülle des interessantett Thatsacheutnaterials, sondern attch dttrch eine Alnzahl netter Gesichtspttnkte. Der sliedner hat ttantentlich die ttationalökonomischett ttnd soeialpolitischen Jdeeit des taltttttdischeit Schriftthunrs ztnn Gegettsiattd seitter Erörterungen getttacht, ttnd seiite Art, dett Talmud heranzttziehen, ist ganz attders als die der Talntttdislei: in der ttittttittelbar tms vorattgegangenett Getteration. Er ist mehr kritisch und philosophisch geschult, hat einen Scharfblick für national-sociale Vorgänge uttd Ideen, und als Herausgeber der gttr redigierten „Nlittheiltntgen der (Gesellschaft für jüdische Volkskttttde" gehört er zweifellos der nationalen Richtung iin Indettthum an. Das altjildische Schulwesen. Professor Dr. Wilhelln Bacher aus Budapest hielt in der Gesellschaft für Sammlung und Eonserviermtsi von kunst- und historischen Denkmälern des Judethums einen Vortrag über „das altjüdische Schulwesen", ein Thema, das scholl vielfach, lt. a. von Dr. Neustadt (Breslau), Dr. Marcus, Dr. Löb (Emden) bearbeitet worden ist. Der Redner charakterisierte zuerst Den Gegensatz zwischen jüdischer und griechisch-römischer Enltnr und legte svdailn Den Unterschied zwischen Synagoge und Lehrhans Dar. In Diesen beiden Schöpslmgen der jüdischen Enltnr habe Das Volk, als es seiner staatlichen Selbständigkeit beraubt lvar, eine neue Taseinsthätigkeit gefiinDen. Dr. Bacher schilderte sodann deil Zustand, die Lehrziele und Die Ergebnisse Der jüdischen Schulen 3111* Zeit des zweiten Tempels, indem er von Den historischen An schannngen über den Ursprung Des JllgenDnnterrichtes beim jüdischen Volke überhaupt cmsgieng nild ini weitereil Verlaufe seiner Ausführungen bemerkenswerte Details vorbrachte, die iil Das Lehren und Lerneil in Den Schulen, welche Die sittliche Vervollkonuiliinng des jüDischen Volkes znnl Hauptziele hatten, einen klaren Einblick gewährten. Zunl Schlüsse seines höchst interessanteil Vortrages wiowete Professor Dr. Bacher Der verdienstvollen Gesellschaft für Samiutliilg nnD Conservierung von '.Kunst und historischen Denkmälern Des IuDeuthnnls Überalls warnle Worte Der Anerkeimiing. Der Vortragende erntete großen Beifall. Jnriwit-Thentcl'. Seit ciuigeu Tagen gastiert itn großen Liudensaale von Mähr.-Oslran eine Iargvit-Theatergesellscyast Schtvächliuge haben ihre Existcitzberechtignitg in Israel lättgst ver- Ivirkkl S. Lemberg. (V 0 m V e r e i n „S ch 0 m /c r Israe 1".) Noch sind die Wahlen in de» Gemeinderath uttd in die Handelskammer nicht ausgcschriebett, und schon sputet ntau sich und beruft eine Versammlung ein, um diese zwei wichligeu Getneittdcaugelcgcnheilen nicht aus dem Auge zu verlieren. Herr Dr. R. Vierer eröffnelc mit einer längeren Ansprache die Versamtulnug, wies auf die Dringlichkeit der Betheiligung au dicseit beiden Elementen blicinn ciiislellt, um den dcaiiialisiertcu Erzählmtgen und Harlekittadeu — erstere dettt nftcn Testamente, letztere dein modertteit Ghettoleben entnoinnteit - - lauschen. Soitttlag wurde „Ahasver", Montag „Die beiden .Sfnniüemef", beide von Goldfaden verfasst, ansgeführt. Beide Abende >var der Saal total ausvcrkatifl und vermochte die Menge der Fremden atis der Umgebung nicht mehr zu fassen. Herr Schamzi in der Otoffe des „Ahasver" war sowohl in Maske als attch Spiel eine prächtige Erscheinung. Ihm-ebenbürtig stand Frl. Steif, eine Sängerin a la Prager, zur Seile. Sie verfügt über ausgezeichnete Stimmitlel und würde was Spiel anbelangt jeder größeren Bühne zur Ehre gereichen. Die Liebliitge des Publicums sind die .Komiker Gebrüder David tmd Adolf Wellsleiit, letzterer ein prächtiger Bariton, die stets dtirch geschicktes Extcmporicreit nud lustige Possen die Lacher auf ihrer Seite haben. Ausgezeichnet spielen ferner die Tanten Fräulein Horowii; und Frl. Löffler. Der Chor hält sich jederzeit wacker! Herr Viech sie ur Liebgold erivarb sich 11m geschickte Iusceuieruug unbestreitbare . Verdienste. Etz ist ein Fachmann, der auch schon ans deutschen Bühueu mit Erfolg rvirktc. Dem Herrn Dircctor Adolf Zollntauu ist das Publicum für die zielbewusste Leitung Dielen Dank schuldig, und zeigt sich dies in dem lebhaften Beifall, mit dem das Publicum die Darstelluitgen begleitest. —x. | Mattäbiicr-Feier. — Christbnnm- und Ststvester-Feter. Aus Lentbcrg wird geschrieben: Itt drastischeren Gegensätzen, wie! in den! angeführten drei verschiedenen Feiern kanit kaunt ein > anderes als das jüdische Pvlk sich zttrechtfindeu. Zlvei gewaltige Gegensätze platzen da förmlich aufeinanber, gerade als wollte der Tag sich mit der Nacht vermählen. Letzteres — obwohl eine naturhistorische Umnöglichkt'il — dürfte ungefähr ein Gegenstück zu dem Kumpfe des nationalen Iudeuthums gegen das assimilatorische Pseudo-Judeuthum — dem .Kampfe der ahneustolzett Siegeszuversicht aegeu die Verkrachten Vergaugeuheitler — sein. Dieser Kampf, Uelcher bei dem fahlen Scheiite zarter Wachsstäbcheu begonnen, brachlr auf die Massen eine bisnuu noch tmerhörte Wirtuug hervor. Wie in den Tagen der Wcltschöpfung das Licht ein Tohu-wabohu atttraf tmd es verschettchte, so haben tmsere nationalen Makkabäer'etecn die Nebel zerlheill uttd verscheucht, tmd an ihre St-.lle trat national-jüdtschcS Morgeuroth! In chemals sehr dunklen Köpfe" /,er''scht Licht tmd erivärml uttd stärkt die Ohtitnächtigen tmd ncnimmt ihnen den Ztveifel an der naliottalen Zuktmfc unsercs Lrolkcs. Es gibt aber ttoch Protheus-Judeu, welche nicht die „Neschoma jethera" — die Doppelseele am Sabbath — zur Srurtnug, fottbern eher zttr Schwächung ihres jüdischen Cl-arakiers benützen. Es kämpft in einem solchen Protheus- Judeu der ererbte nationale Geist mit dem fälschlich heransbeschworenett Zeitgeiste — richtiger: mit dem Geiste des natioitalen Selbstmordes. An allen Ecken uttd Enden der Welt finden wie — ttttb das alleilt schon ist heilsam und belehrend — zwei kämpfende Parteien. Gerade der Deceiubermouat hat mts diese Sittiatiou in Lemberg crass beleuchtet. Die assimilierten Weiblem fanften Heuer die stacheligen Christbätime reckst wacker uttd schmückten diese verjudeteu, dem Sterben geweihten Bäumchen mit kunstgeübten Händchen — mit den üblichen Lichtleiu und anderem Beilverk, legten die utttmtgänglich uöthigeu „Christkindl"-Geschenke in den Schatten des lvürzigeu Bäumchens, neben die Nieren und Eiugetveide, neben die Brust nud L.cber, neben die Schenkel des lieben Borstenviehes — ganz so, wie es geboten und üblich ist in heiligen römisch-katholischen polnischen Kreisen. Gehören diese Llffcn — pardon! Familien — noch unserm Volke mt'i Regt sich noch etivas Jüdisches in diesen „Polactz mojzyszowego whsnatiia"? Dieses Iudetithttttt ans Widerruf resp. Kündignttg. dieses Pseudo-Marrancitthn»: ivird bald ausgeränchert iverden. Es zeigt sich zunächst, um würdig eines christlichen Freundes zt: sein, tvelcher die betreffende Familie respectibe deren Tochter von der Sorge um einen Heiratsccmdidaten entbindet — ferners so sich der Versucher naht.in Form einer StandeSerhöhnng oder irgend einer Decoration. — All dieses Christetn aber tritt zurück getzen die lveitverbreitete Shlvesterfeier. Was da in diesem Lemberger Israel geleistet wird, ist geradezu verblüffend. Es ist, als ob keine Brotsorge die Stirne von Tausenden runzeln lvürde, als weint alle Eriverbsquellen Lembergs all ihren Nährinhalt gerade über Israel ansgössen. lind doch: welch schreckliches Elend herrscht gerade in Lemberg! Man höre und staune I Der Lemberger israelitische Cnltnsvorstand schrieb einen ConeurS ans betreffs Bewerbung um 40 kleine Peusionsstellen von 5 bis 10 fl. monatlich, und bald liefen nicht lveniger als 1000, sage t a n s e ti d, Gesuche ein. Wer daS Wolilthäligkeitsbureau und dessen ständige Belagerung durch Unterftntzungswecber, fast durchwegs Menschen, ivelche einst bessere Tage gesehen, mmmehr aber dem Fluche des Hungers und der Entbehrung prcisgegeben sind, in Augenschein nimmt, der muss mit Vater Jakob ansrnfen: .ava'EH ijn? nn enb« d« '2 nt ps nn aran xnia no O lute fürchterlich ist dieser Ort in der Bernsteingasse, die Linderungsstätte für so viel jüdisches Elend! Dieser Flecket: da fei ein Gotteshaus und da die Pforte des Himmels! Hier wäre der Hebel einzusetzen und nicht in dett Kaffeehätlsern ttnd Nestaurants, nicht in den (Rselligteitsvereineii und in den Nobel lvhei. Betrachtet matt den Zuivachs, welchen die Lemberger jüdische. Gemeinde lmtd Galizien inSgesammt) an Mässenelend durch die Annahme der Abändernng der 88 00 und 0(> der (stewerbe-O:d»11ng er fahren, so muss man fragen: Haben die Lemberger Inden, uttd selbst die assimilierteste», auch mir die mindeste Verattlassung, sich att fremden, an christlichen Festlichkeiten zu betheitigen'k Den Modegöttern Wein- und Champagner-Traitkovfer darzubringen? Orpheum, Colossenm und Restaurants ztt überfüllen, während so viel Nolh und Kummer und Elend im Volke herrschen? — Lemberger Israel! Fort mit dem unseligen Festestaumel l Höhere Aufgaben warten Deitt: Die Arbeit für Dein so tief gesunkenes materielles mtd geistiges Niveau. Werfe die Maske beiseite und erkenne Dich selbst! Willst Du noch Jude sein, musst Dtt Makkabäer sein! spann sich eine lebhafte Debatte, in tvelcher die Wahtattgelegeithett mit einer anderen Sache vergnickt ivnrde. Der Lemberger Ctlltnsvorstand Ivnrde von mehreren Rednern hart angegriffen, und ein s-ocialist nahm sogar die Gelegenheit tvahr, um die Heilslchren des Socialismns ztt vcrkündett. Der Hinweis auf die Tagcsordttung half nicht -- mit groster Majorität wurde dem Cnltnsvorstande das Misstraneit votiert, worauf dann eilte Siebzehiter-Commissiort zur Berathung der vvrgebrachteit Anträge mtd Berichterstaltttng darüber in einer weiteren Versammlung gewählt wurde. Die Commission tagt unter dem Titel: Comitce unabhängiger Wähler des Vereines „Schomcr Israel". In das Comitec wurden gewählt: Herr Dr. R. Vierer als Präsident, Herr Julius Hochfeld als Vicepräsidcnt und Herr Schmiel Piepes als Schriftführer. —- Möge endlich die Zeit gekommen sein, da die jüdischen Burger ihre vitalsten Intcresscn in eigene Regie übernehmen. Die Arbeit ist gros; —- mögen die Arbeiter nicht fehlen, die Arbeiter mit reinen Händen, lanteren Herzen und erleuchteten Köpfen. S. Gorlice. Am 13. d. M. fand die erste Jahresversammlung des „VerbandeS der j u v i f ch e n Ingen d" in Gorlice unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Maximilian K 0 h n statt. Nach Erstattung des .'«echeitschaflsberichtes und Ertheilung des Absolurorimns an den Ausschuss, ivnrde zur Wahl des Ausschusses für das Jahr 1902 geschritten, wobei die Herren Dr. K 0 h n, K 0 x n, Harlig, Schwelte s, Wort heim er tvieder, und die Herren Landau, G r u b n e r, T r y n c z e r, W e i nberger/Blech, Götz ttnd Schell neugetvühlt wurden. Die Ansscheidung des um den Verband hochverdienten stuck, zur. F e n st e r b l a u, welcher — seiner Studien wegen — sein Mandat als Llusschnssmttglied niederlegen musste, wurde mit Bedauern zur Sternums* genommen. Der unter so schwierigen Auspicien ins Ltzben gerufene Verbanv zeigt sich lebensfähtg und verspricht trotz der Prophezeiungen der lichtscheuen Fanatiker ein kräftiges Gedeihen. Es ist eine Helle Freude, zu lehen, wie die jungen Leute sich um den Verband scharen und mit Leib und Seele für ihn wirken. Leute, deren Horizont mit dem Weichbilde der Stadt abfchloss, sitzen jetzt beisammen tmd discatieren über Weltsragen. Wenn jedes Städtchen Galiziens so einen Verein hätte, würden wir bald aufhören, um ein Jahrhundert — gegen andere Länder — culturell rückständig zu sein. Diejenigen in Galiziens Piovinzstätlchen, die wohl den guten Willen, doch den Mulh nicht haben, ein derartiges Unternehmen hervorzurufen, tveil sie an dessen Gelingen zweifeln, sollen sich bei uns das Beispiel holen, wo trotz kolossaler Schwierigkeiten ein Werk zustande kam, welches alle Hoffnung hat, zu blühen und zn gedeihen. D e s: d e r H a r l i g. Das Ideal der natioualistischen Jugend. Aus Budapest wird geschrieben: Nikolaus v. Szcmcre hat seinen eigenen Ansspruch „der Ungar ist nicht glücklich" desavouiert und in einer Nacht anderthalb Millionen Krotten gelvomten. Die „Kuruzenbrigade", die dem schönen Beispiele ihres „edlen" Protectors blindlings folgt, so zwar, dass sie sich und wir glauben nicht ohite starke Berechtigung mit seinen Pferden idetttificiert und ihre Farben trägt, damit diese auch außer der Nennzeit zur Geltung tommeit, dürfte auch darin ihrem „idealen" Beispiele folgen mtd hazardieren. Dass Herr p. Szemere einen Vorgänger, den Fürsten Mecsery hat, der eilte ähnliche Affaire auf ganz andere, viel loyalere Meise ordnete, kümmert weder diesen ritterlicheit Uitgar, der den Profit gleich dem letzten „Pinkeljuden" einstrich, noch die edlen Ktiruzen, die von den ihiten vom Rector und Professor des römischen Rechtes, Thomas. Vecsey. neuestens zugestandenen „Vorrechten der Geburt" — als Rechtslehrer un- Kcnncr der Verhältnisse kaitn der Herr Rector doch nichts anderes gemeint haben, wie Faulheit, Unwissenheit mtd bodenlose Arroganz gegeit Chazaren und anderes lertteitdes „Gesindel" — auch fernerhin ausgiebigen Gebrauch machen werden. Ausland. Sterblichkeit nud Krankheiten bei Inden und Nichtjuden. Im „Verein für jüdische Geschichte und Literattir" hielt an einem der letzten Abende in Königsberg Herr Dr. Hoppe vor einem sehr zahlreichen Auditoriun: einen interessanten Vortrag über „Sterblichkeit tmd Krankheiten bei Inden und Nichtjuden". Der Vortrag gründete sich im wesentlichen auf die Erfahrmigen, die Referent in seiner iangjährigen itervenärzrlichen Praxis erworben hat, und deckt sich zum Theil mit einem Llnfsatz, der vor einiger Zeit ans seitter Feder in der „Medicin. Wochenschr." erschienen. Die Thaisache, dass sich das Indettthum durch Jahrtausende fast mtveräiidert erhalten, stehe fast ohne Analogon in der Geschichte da. Die Lebeitskraft des Indenthttms trete denn attch in einer wesentlich geringeren Sterblichkeit und Krankheilsneigtmg in die Erscheinmig. An der Hand eines ganz anstervrdeittlich mnsangreicheit statistischen Materials wies Redtter nach, dass die Mortalität bei Inden oft bis 50 Percent geringer sei als bei Nichtjtiden. Die dncchschnitttiche Lebensdauer ist demgemäst z. B. für Frankfurt a. M. bei dett Nichtjuden ans 37 Jahre, bei den Ittdcn ans 48"/. Jahre berechnet. Die geringere Morbidität der Inden hat sich namentlich auch stets bei Epidemien gezeigt, und die Thatsache, dass sie unter der Pest tmd der Cholera wenig oder gar nicht zti leiden halten, hat im Mittelalter jenes betaitnte und folgenschwere Märchen von den Brutmenvergiftmtgen gezeitigt. Ebenso ist die Disposition der Inden zu Tubercntose schwächer. Dagegen muss die Erscheintmg anffallen, dass die Inden percentnaliier erheblich mehr ztt Nerventtttd Geisteskrtmkheitett inelinieren als die Nichtjttdett, und das gleiche ist gegenüber Blindheit, Kurzsichtigkeit ustv. der Fall. Die. seltene Erscheinnng der mäimlichen Hysterie ist bisher fast ansschliestlich bei Inden, speciell rnssischen Inden, festgestellt, wogegen Epilepsie und Paralyse wieder unter den Jtiden verhältnismäßig seltener Vorkommen als bei Christen. Die geringere Kraitkheitsneignng und Stervlichteit, namettilich attch Kindersterblichkeit, bei den Inden erlllttst der Vortragende tticht etwa, wie vott anderer Seite vielfach behauptet ivnrde, ans der grösterett Wohlhabenheit der Inden (dagegen spricht vor attein, dass die gleichen Erscheinungeitzanch bei den nnter migitnstigen socialen ttnd hygiettschen Verhältnissen lebenden russischen und polnischeit Ittdeit beobachtet wttrden), als vielmehr ans der historischen Thatsache, dass die Inden von heute ei» Product jahrhundertelattger „Auslese" darstellen, die mtsägliche Leiden überstandett habett, mtd ferner ans der notorischen Mästigleit der Inden und ihrem iitnigereu Familienleben, wodurch die großen, in ihrem Wirkungen ttnberecheitbarett Volksseuchen des Alkoholistmis mtd der Syphilis aus ihren Rethen gebannt sind, während aitdererseits eine sorgfältigere Kinderpflege dadurck) getvährleistct wird. Die größere Neigung zu den sogenannten „degenerativem" Störnttgen des Nervemsystems leitet Referent einmal atts den Berfolguitgen, die das Judenthum zu erdulden gehabt. her, dann aus der intensivsteit geistigen Inanspruchnahme, aus dem Stadtleben, ztt dem durch die äußeren Umstände die Juden