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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Date
1900-06-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. Juni 1900 Seite 5 Protestversammlung gegen die Mahlreform -er Onltusgemeinde. Der „Jüdische Volksverein" veranstaltete am Mittwoch den 20. Juni im XVI. Bezirke eine große Protestversammlnng, welche äußerst zahlreich besucht war und in der die Entrüstung der jüdischen Bürgerschaft über die Wahlreform der Cultusgemeinde zu stürmischem Ausdruck kam. Unter den Anwesenden sah man den Präsidenten der „Chewra Kadischa" Herrn T r n k a, Vorstandsmitglied Herrn S. K o h n, Herrn k. k. Hoflieferanten I. Sittig und viele andere Ottakringer Bürger. Ter Referent Herr Hermann Plaschkes erinnerte daran, dass bei den seinerzeitigen Wahlen in den Cultusvorstand die Candidaten für denselben ohne Ausnahme dem von vereinigten jüdischen Corporationen aufgestellten Wahlprogramme zugestimmt, und wies darauf hin, dass sie nun die in den ersten drei Punkten desselben aufgestellten Forderungen gröblich umgangen hätten. Nicht für das Volk sei das Wahlrecht erweitert worden, sondern für die Höchstbesteuerten. Während die Innere Stadt in der gegenwärtigen Zusammensetzung des Cultusvorstandes 15 Mandate innehabe, hätten die übrigen Bezirke nur einen Vertreter oder überhaupt keinen. Wer solle denn die Interessen der einzelnen Bezirke wahren? Wenn jeder Bezirk seinen eigenen Candidaten aufstellte, dann wäre auch die Wahlbetheilignng, das Interesse an den Vorgängen in der Gemeindestube größer, es würde nicht geschehen, dass, wie bei den letzten Wahlen, von 14.000 Inden bloß 2000 zur Wahl giengen. Schließlich schlägt Herr Plaschkes folgende Resolution zur Annahme vor: Die im XVI. Bezirke in Müllers Gasthaus am 20. Juni d. I. abgehaltene jüdische Versammlung spricht ihre entschiedene Missbilligung aus gegen den vom Cultusvorstande der Israelitischen Gemeinde in Wien gefassten Beschluss des Wahlreform-Entwurfes und erwartet eine Umänderung desselben im Sinne des bei der Wahl vor zwei Jahren vorgelegten Programmes, und zwar: 1. Erweiterung des Wahlrechtes und die obligatorische Herabsetzung des Cultussteuer-Minimums: 2. Abänderung der derzeit geltenden Wahlordnung in der Weise, dass jeder Bezirk eigene Vertreter in den Cultusvorstand entsendet, sowie Schaffung von Cultus-Ausschüssen zur selbständigen Durchführung der Bezirks-Cultusangelcgenheiten durch Wahl. I. Vermehrung der Cultusvorstände von 24 auf 36 und Anftheilung (ad 1), jedoch nicht im r Sinne des Plural- Wahlrechtes. Die Versammlung fordert den Jüdischen Volksverein auf, im Negierungsfalle das Nöthige zu veranlassen, um dem gesammten Wiener Judenthum zu seinem Rechte in dieser Angeli'genhcit zu verhelfen. Nach einer regen Discussion, an der sich die Herren M o r g c n st e r n, T r n k a, Schickler, P i l p e l und K v r u m c h l, sowie der Vorsitzende Herr Richard Rappapor t bctheiligten, wurde diese Resolution unter stürmischem Beifalle nahezu einstimmig angenommen. Ein großer Theil der Versammlung trat dem „Jüdischen Volksverciu" als Mitglieder bei. Dkttms- und DkchmlNZshmlhtk. (Verein zur Unterstühnng jüdischer Kleingewerbetreibender in Wien.) Am Samstag, den 23. d. M., 8 Uhr abends, findet in M. Gut lffs Restauration, II. S t e f anlest r a ß e 6, 1. Stock, die diesjährige General-Versammlung statt. Da in derselben die Wahl eines Ehrenpräsidenten vorgenommen wird, ist die Versammlung eine außerordentliche und werden die geehrten Herren Mitglieder freundlichst ersucht, aus diesem Anlässe zahlreich zu erscheinen. Auch die Wichtigkeit der anderen Punkte der Tagesordnung erfordert es, dass a l l e Mitglieder a n w e s e n d sind. Tagesordnung : 1. Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr IS!)!). 2. Bericht der Revisoren. 3. Wahl eines Ehrenpräsidenten. 4. Wahl der Vereinsleitung. 5. Anträge und Interpellationen. (Der Verein der israelitischen Fleischhauer Wiens) veranstaltete am 20. d. M. in K h u n e r's Restaurant die dritte General-Versammlung, welche von seinen Mitgliedern sehr zahlreich besucht war. Die Tagesordnung, welche von gewerblichen Fragen beherrscht war, bot außerordentlich interessante Debatten. In erster Linie wurde über die bessere Verwertung der Nebenproduete gesprochen, und hofft der Verein durch Einigkeit bedeutende Erfolge zu erzielen. Der rührige Verein, an dessen Spitze die Herren Gottlieb H e r r m a n n und Siegmund ft o r n m e h l stehen, ist der erste in Oesterreich gegründete jüdische fachgewerbliche. Auch die „ftoscherfleisch-Frage" wurde berührt und die verschiedenen Nebelstände beleuchtet. Der Vorstand des Vereines hat diesbezüglich neuerlich eine Eingabe an die Cultnsgemeinde gerichtet und wurde ein Zuwarten bis nach Erledigung dieses Bescheides empfohlen. Bei den vorgenommenen Neuwahlen in den Vorstand wurden gewählt die Herren : Gottlieb H e r r m a n n als Obmann, Josef B. Klein als dessen Stellvertreter, Siegm. ft o r n in e h l alS Schriftführer, Max F r a n k l, Ignaz Beer und Carl F r o m m e r als Vorstandsmitglieder. Als Gäste waren anwesend in Vertretung des „Jüdischen Volksvereines" die Herren Richard Rappaport und Mor. E l t b o g e n. (NnterstiitzunaSverein,,Edelsinn" für bedürftige Wöchnerinnen.) Der aus Anlass des vierzigjährigen Regierungs-Jubiläums des Kaisers Franz Joseph I. im Jahre 1888 gegründete Unterstützuttgsvereiil „Edelsinn" für bedürftige Wöchnerinnen (XV/1, Turnergaffe 22, Tempelgebäude) hat während seines mehr als elfjährigen Bestandes, trotz des so geringen M i tg l ie d erbe i t r a g e s von j ä h r l i ch v i e r 51 r o n e n. über tausend W ö ch n e r i n n e n mit Geldbeträgen unterstützt und so armen Fainilien in Zeiten ärgster Bedrängnis rettende Hilfe zutheil werden lassen. Der Verein „Edelsinn", der gegenwärtig 270 Mitglieder zählt, verdient es ob seines eminent philanthropischen Zweckes, d i e e i fri g st e Fv rd erun g sei te ,i s h um anitarg e s r ,i n t e r G laub ens gen o sse n, sei es durch M i t g l i e d e r rv e r b u n g e n, B e i t r i t t oder Spenden bei ernsten u n d f r e u d i g e n Anlässen. — Der Gebarnngsausweis für die Zeit vom 26. April bis 80. Mai a. c. enthält folgende Ziffern: Cassastand Kr. 2247-54, hierzu Mitglrederbeiträge Kr. 70-40, Spenden (Herr Jgn. Hofsmann, XIV.. Kanergaffe 6, anlässlich des Ablebens des Herrn Leop, H offmann Kr. 50.—, Herr Sam. Silber st ein, VII., Halbgasse 16, im Tempel XV. Kr. 20.—, Präsident-Stellvertreter K h u n e r, XHI., Kr. 4.- Herr Lewinrer Kr. 2.—) Kr. 76.—, gesammelt bei der geselligen Zusammenkunft in der Restauration des Vereinsmitgliedes Ed. H e r l i n g e r, XIV., Schwendergasse 8, am 30. April Kr. 16.50 Kr. 2410-44; hiervon ab für >0 Gesuche Kr. 86.—, dem Vereinsdiener an Gehalt (1. Jänner bis 30. April) und Provision Kr. 67.60 Kr. 153-60, sohin mit 30. Mai 1000 verbleibender Cassastand Kr. 2256-84. xiyji/xriArvvru* ‘Vuvrr vv »yr * * * ■“ Mchereinlanf. DaS Alte Testament, nach der deutschen Uebersetzung Lu t h e r s. Mit 102 Abbildungen nach Michelangelo, R a p h a e l, G h i b e r t i, H o l b e i n, R e m b r a n d t und 43 anderen Meistern. Herausgegeben von Dr. H. Strack und Dr. I. Kurth. Prachtausgabe. Berlin 1800. Heinrich Grund. Flavins I o s e p h u s: Jüdische Alterthümer, übersetzt von Dr. Heinr. Clemcntz. Halle 1000. Otto Hendel. 6 Mk. Dr.' Waldau: Jugendsünden. Gedichte. Czernowitz 1000. Romouald S ch a l l y. Dr. Kisch: DaS mosaisch-talmudische Eherecht. Von Rabbi Ezechiel Landau. Leipzig 1000. M. W. K a u f m a n n. 75 kr. Für Cultusbeamte bei directem Bezüge vom Autor 50 kr. Hriefkasten. Dr. F., hier. Leider nicht verwendbar, weil zu persönlich. M. E. in Wodnian. Uns interessieren die Parteien in ihren Beziehungen zum Judenthum, Ihre Einsendung daher nicht verwendbar. , „ „ E. Schw. in Friedland. Ihr Artikel behandelt zu oft Gesagtes. Vielleicht gelegentlich. Dr. St. in Brünn. Leider nicht verwendbar. r. Wien. Um den Gang des Protestes nicht ungünstig zu beeinflussen, müßen wir vorläufig, so leid uns das thut, stillschweigen. Wir werden aber nicht ermangeln, nach Beendigung der Strafsache unsere Ansicht über das Gebaren des Herrn Dr. F r i s ch a u e r zu äußern. Der Herr schafft mit seiner eigenartigen Journalistik mehr Antisemiten als Schneider und Gregorig; es wird Zeit werden, ihm das schwungvoll betriebene Handwerk zu legen. Ein jüdisches Dienstmädchen, das bescheidene Ansprüche stellt, kann Stellung finden bei S. B r ö ß l e r in Ung.-Brod, Mähren. MitthrUimgen aus drm Uu-lirum. (Der Triumphschuh) ist die neueste Erfindung auf dem Gebiete der Fußbekleidungs-Industrie, welche die bekannte Wiener Firma S. E. u. H. M i ch e l st ä d t e r in den Handel bringt. Man braucht sich nicht zu bücken, sondern öffnet den Schuh, stellt sich hinein, ein einfacher Druck, und der Schuh ist angezogen. Personen, die mit stattlicher Leibesfülle behaftet sind, wissen die Vortheile des „Triumphschuhes" nicht genug zu schätzen und zu loben. Der „Triumphschuh" ist aber auch ein Muster der Eleganz und für jeden Zweck passend, für Salon, Straße und Reise, ebenso für jede Art von Sport. Eine weitere Specialität des Hauses S. E. u. H. Michelstädter ist die graue Chromsohle, die bestimmt ist, die wenig haltbare Gummisohle, besonders bei Sportschuhen, zu ersetzen, und gegenüber derselben bei gleicher Elasticität eine zehnfache Haltbarkeit besitzt. Die Firma M r ch e l st ä d t e r ist die erste Schuhwaren-Fabrik Oesterreichs, welche Neuheiten aus diesem Gebiete einführt; das große Etablissement, das über 1000 Arbeiter beschäftigt und in allen größeren Städten Filialen hat, ist mehrfach auf Ausstellungen prämiert und erfrent sich allenthalben großen Ansehens. K o u i tz. Eine Skizze. . .. Hinter Schneideniühl mit seiner greulich langweiligen, langgestreckten Kaserne wird die Gegend trostlos. Dürftiger Sandboden tritt hervor, auf dem selbst die Kiefern nicht fortkvmmen wollen. Dürftige Kartoffelfelder mit grauem, müdem Kraut, hie und da ein Roggenacker, auf dem mau die Halme zählen kann, dann wieder öde Steppen, die niemals unter den Pflug genommen werden und mit filzigem Grase, harten Flechtenmoosen und Haidekraut bewachsen sind. In den Niederungen sieht cs etwas grüner aus, um die schilfnmstaudenen Teiche und Tümpel, auf denen weiße Seerosen blühen. Ein paar barfüßige Jungen ans den strohgedeckten Gehöften in der Nähe waten im Wasser herum und blicken dem Zuge nach, der lärmend vorüberschießt, immer weiter nach Osten hin. Könitz liegt in einer grünen Oase. In seiner Umgegend treten Lehm- und Thvnböden auf, deren Bestellung reichen Ertrag liefert. Vom Bahnhof aus gibt sich das Städtchen, das aus dem Thal auf die Hügel geklettert ist, ganz nett. Links von der Stadt erhebt sich auf dem Kamm einer Bodenwelle der funkelnagelneue rothe Wnsserthurm: seit vier Wochen hat es der Ort zu einer Wasserleitung gebracht. Aus dem Gewirre der rothen und schwarzen Dächer tauchen ein paar Kirchthürme ans; der plumpste und massigste ist der Thnrm der katholischen Kirche. Die Katholiken stellen im Landkreise zwei Drittel der Bevölkerung, in der Stadt mit ihren 11.000 Einwohnern bleiben sie um 1000 Köpfe hinter den Evangelischen zurück. Etwa siebzig jüdische Familien mit rund fünfhundert Angehörigen erfreuen sich in Könitz vorläufig noch des Lebens. Ich war der einzige Reisende, der den Berliner Morgenschnettzng verließ, um der Hauptstadt der Kassnvei einen Besuch abzilstatien. Die eoneurrierenden Hoteldiener der drei größeren Gasthöfe, über die die Stadt verfügt, schienen mit der Ausbeute nicht sonderlich zufrieden zu sein. Seit einer Woche bleiben die Herren commis voyageurs fast ganz aus; nur christlich-germanische Reiseconkel, oder genauer nur solche, die über ein unverfälscht christlich-germanisches Aeußere verfügen, trauen sich in die Stadt. Ich begab mich in die Hände eines blanmützigen, viei-schrötigen Hausknechts und wurde von ihm zu einem braun und gelb lackierten niedrigen Wagenkasten geleitet, der mit zwei Pferden bespannt war. Die Bauart des Hotel-Omnibus mahnte zur Bescheidenheit. Jeder Versuch, sich aufzurichten, wird mit einer Beule bestraft. Auch mein Schädel machte Bekanntschaft mit den tückischen, gelben Rippen des Verdecks. Die zehn Minuten, die vergiengen, bevor sich das Gefährte rumpelnd in Bewegung setzte, wurden mir durch ein paar Schulbuben verkürzt, die sich auf dem in hellster Sonne glühendenVorplatze vor dem Stationsgebäude Herumtrieben und auf die Gelegenheit lauerten, eine Freifahrt nach der Stadt zu unternehmen. „Ja, wir haben jetzt Soldaten hier/ erzählten sie vergnügt, „vier Compagnien und vier Hauptleute und einen Major. Und ein General war auch schon hier." Das Militär ist das Tagesereignis für Könitz, das wie alle Landstädtchen nach einer Garnison hungert, nach flirtenden Lieutenants für die Bürgermädchen und kaufenden Officiersfamilien für die Krämer, nach Unterofficieren und Gemeinen, die einige Pfennige ihrer Löhnung in Bier und Schnaps anlegen, nach Militärmusik und buntem Tuch. Die Konitzer haben es ja verstanden, diese Sehnsucht für einige Wochen zu befriedigen, aber die Lösung ist nicht ganz glückich, denn die gegenwärtige Dragonade kostet der Stadt viel Geld. Endlich gieng es die holprige Straße vom Bahnhofe hinab zur Stadt, die etwa zehn Minuten weit abliegt. Das gilt hier schon als eine beträchtliche Entfernung, zu deren Ueberwindung ein Stadtomnibns vorhanden ist. Könitz weiß wirklich, was Cultnr ist. Es gibt zwar noch keine Canalisation, aber die Stadt ist elektrisch beleuchtet. Weiße Bogenlampen hängen herab, oder Glühlampen sind an den Holzinasten befestigt, die die Drähte tragen. Nur das Pflaster wird der größte Lobredner der Stadt nicht preisen wollen: es ist fast so schlecht, wie das Spandauer. Auf dem Wege vom Bahnhof zur Stadt trifft man einige Neubauten, zwei- und dreistöckige Häuser, die sich sehen lassen können. Die Bauten der inneren Stadt aber sind von erschreckender Hässlichkeit: schmale, niedrige Privathäuser, mit rissigem Kalkanwnrf und mit verwaschenen! schmutzigen Gran oder Gelb getüncht, stehen in engen und winkligen Gaffen. Die Hauptverkehrsstraßen, die Dauziger- und die Schlochauerstraße, die in einer Flucht an dem viereckigen Marktplatz mit der evangelischen Kirche in der Mitte, einem Monstrum von Hässlichkeit, vorüberführen, sind kaum besser als die Nebenstraßen. Nur werden sie durch die Läden mit schmalen Schaufenstern etwas belebt, in denen Juden und Christen, die erstercn in der Mehrzahl, ihre Waren feilbieten. In der Danzigerstraße liegen, nur durch eine schmale Gasse, die ein Mann nnt ausgebreiteten Armen sperren kann, und durch ein Haus getrennt, die Läden der beiden Schlächter, des christlichen und des jüdischen, Hoffu.anns und Levys. Herr Hoffmann stand breit hinter seinem Ladentisch und bediente seine Kunden. Levy aber hat geschlossen. Bei ihm sah es wie aiisgestvrben ans. Im Ladenfenster sind nur einige Scheiben heil geblieben bei den glorreichen antisemitischen Revolten vom vorigen Sonntag. Auch durch ein Fenster im ersten Stock seines Hauses muss nach dem Loch zu urtheilen, das er hinterlaffen hat, ein gehöriger Stein geflogen sein. Aber dort ist schon der Glaser thätig, um den Schaden auszubessern. Das Ladenfenster ist vorläufig noch mit Brettern verrammelt. Aber durch die offene Thür kann man in den finsteren, kleinen Laden blicken, in dem nur das Messing der Standwage und der GewichSe schimmert. Die Straßen sind mit Militär überschwemmt und mein Hotel auch. Vor dem Hoffmann'schen Hause steht ein Doppelposten, die Synagoge am Mönchsee unten wird von drei Posten bewacht, und am Markte ist eine Wache eingerichtet. Abends marschieren Patrouillen durch die Straßen, und die Gewehrläufe blitzen im elektrischen Lichte. Im Hotel sieht es nicht so kriegerisch aus. Dort im Gastzimmer vertreiben sich blutjunge Lieutenants die Zeit durch friedliches Skatspiel, wenn sie nicht draußen zu thun haben bei einer Felddienstübung oder beim Turnen in der städtischen Turnhalle. Im Hof gibt sich die Mannschaft nützlicher Friedensthätigkeit hin. Da wird geputzt und gebürstet, die Hauptmaiinspfcrde werden gestriegelt, der Beschlag des Sattelzeugs blitzblank gerieben, da werden Kartoffel geschält, Gläser gespült und Teller und Schüsseln gewaschen. — Am späten Nachmittag ging ich zur demolierten Synagoge. Vom Markte führt eine schmutzige, dunkle Gasse gerade zum Mönchsee und zu der Stelle hinab, wo der Rumpf des ermordeten Winter gefunden worden ist. Die „Schwemme", ein Floß aus starken Bohlen, an der der Rumpf gelegen hatte, ist jetzt aufs Land gezogen. Entengrün und Algen, ans denen die Frösche heransquaken, bedecken den morastigen See fast bis zur Mitte hin, dessen Ufer von niedrigem Schilfgebüsch umgeben sind. Schntthanfen liegen umher, Erde und zerbrochene Ziegelsteine, die als Wurfgeschosse für die Synagogenfenster zur Hand lagen. Die Synagoge sieht wüst aus. Es ist ein hässlicher, kleiner Bau in Schennenform mit je drei Fenstern nach allen vier Seiten. Bei dem Steinbombardement ist gut gezielt worden. Auf allen Seiten sind die Fenster eingeschlagen. Die zackigen Glasscherben stecken noch in den Fassungen, und der Wind drückt die zerschlissenen, blangestreiften Vorhänge an die Rahmen. Selbst die kleinen Scheiben der Rosette sind zum Theile zerstört. Alan muß Zeit und Muße gehab! haben, um genau zielen zu können. Dann hat der Brand gehaust. Die Synagoge selber ist, da der Wind die Flammen von ihr weglrieb, gerettet worden. Nur die Rahmen einiger Fenster sind angekohlt und das weißgestrichene Badehäuschen ist geschwärzt. Aber alle Gebäude, die die Synagoge umgaben, Schuppen und Buden, sind verbrannt. In der einen Remise hatte ein Droguist sein Lager. Jetzt liegt ein weißer Berg Schlemmkreide an der Stelle. Von dem Zaun, der die Synagoge von dem Wege nach dem See hin trennt, sind nur ein paar Pfosten übrig geblieben. Schwarz und verkohlt stehen sie da. Den tranrigsten Eindruck machen die verbrannten Bäume, die die Synagoge an der einen Seite beschatteten. Zum Theile sind sie gänzlich zerstört und recken ihre uackren tvdten, schwarzen Aeste in die Luft. Znm Theile haben sie ihr Laub noch behalten, aber die Blätter sind von der Hitze ansgedörrt und hängen gelb und trocken wie im Spätherbst herab. — — — Auf dem jenseitigen See-Ufer steht ein kleiner Junge und vergnügt sich damit, Steine ins Wasser zu werfen. In regelmäßigen Intervallen plumpst es und klatscht es, und schwarze Jauche spritzt auf. „Vorwärts".

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