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Jüdisches Volksblatt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Date
1900-06-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 22. Juni 1900 Nr. 25 Jakob Tirado. Geschichtlicher Roman von Ludwig Philippsohu. (Fortsetzung.) Vor allem fesselte auch diesmal die Erscheinung des Grafen die Aufmerksamkeit der Menschen am meisten. Er stand aufrecht auf dem erhöhten Verdeck der königlichen Dacht mit seiner hohen und doch so wohlgebauten Gestatt, welche, obwohl er bereits die Vierzig lange überschritten hatte, weder durch Fülle noch durch Magerkeit gelitten, sondern in fast jugendlicher Frische in der edelsten und gefälligsten Haltung sich auszeichnete. Ganz so zeigte sich sein schönes Antlitz mit den lebhaften und feurigen Augen, mit den ebenmäßigen Zügen uud den braunen Locken um die hohe, weiße Stirn. Stolz und Grazie schienen sich um den Vorrang zu streiten, aber es nicht zum Siege zu bringen. Dies wusste der Graf nun durch eine glänzende und doch geschmackvolle Kleidung zu erhöhen. Er war völlig in weiße Seioe gekleidet, mit violetten Puffen und Schleifen besetzt, und der kurze spanische Mantel hieng ihm so majestätisch von der linken Schulter, die Menge der Edelsteine, insbesondere als Agraffe an dem mit einer Reiherfeder geschmückten Barett und an dem Griffe seines Degens blitzten so weithin, dass der Eindruck einer fast königlichen Würde nicht ausblieb. Dabei war es ein herrlicher Sonnentag, der, ein nicht häufiger Gast am Strande der Themse, Himmel und Erde, den breiten Strom, die zahllosen Schiffe, die schon damals unübersehbare Masse von Häusern und stattlichen Gebäuden verklärte. Alles war voll Jubels, voll hoher Erwartung, voll glücklicher Stimmung. Wie Graf Leicester auf dem Flusse hinunterfuhr, flaggten alle Schiffe, die Matrosen bedeckten die Raaen und ließen ihr Hurrah! erschallen, und die Kanonen salutierten. Es war ein Getöse und Lärmen, dass selbst das Schmettern der Trompeten und Posaunen kaum dann und wann sich Bahn brechen und hörbar machen konnte. In dem Augenblicke aber, wo die Flotille neben der „Velocitas" anlangte, trat ein ehrfurchtsvolles Schweigen ein; es schien, als ob mit dem Blicke nach dem Schiffe und was auf demselben geschehe, alle Seelen gefesselt wären. Auch die „Velocitas" hatte all ihren Schmuck angelegt. Die Matrosen und Marinesoldaten standen in Galauniformen aufgepflanzt, und der Herzog von Devonshire mit seinen Officieren stand an der Falltreppe zum Empfange des königlichen Gesandten. Sobald Graf Leicester die Höhe des Schiffes erreicht hatte, öffneten sich die Thüren der Kajüten und Dom Arrtonio, gefolgt von Marie Nunes und Manuel, trat auf das Verdeck. Der erstere war der Veranlassung gemäß in die reiche portugiesische Hoftracht gekleidet, die, obgleich er von den königlichen Insignien nichts angelegt, doch durch ihre Fremdartigkeit und ihren außerordentlichen Reichthum sehr imponierte. Die Vorstellung geschah durch den Herzog von Devonshire, und wusste Graf Leicester sofort einen so verbindlichen Ton anzuschlagen, dass der unglückliche König sich sehr angenehm davon berührt fühlte. Jetzt wandte sich Leicester zu Marie Nunes, die bis dahin sein Auge kaum gestreift. Wie aber jetzt sein voller Blick auf die herrliche Gestalt und das leuchtende Antlitz der Jungfrau fiel, wirkte diese Erscheinung auf sein noch immer sehr empfängliches Herz dermaßen, dass er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Sie war in eine einfache portugiesische Gewandung gekleidet — denn man hatte nur wenig Gepäck für sie an Bord der Caravalle zu schaffen vermocht — aber diese stand ihr so hinreißend und war durch die kostbaren Familienkleinodien gehoben, welche Frau Mayor ihrer geliebten Tochter übergeben hatte, dass sie allen, die sie erschauten, das Gefühl süßer Bewunderung einflößte. Der gewandte Hosmann wusste sich schnell zu fassen und in schmeichelhafter Weife, ohne doch die zarte Linie der Ehrfurcht zu überschreiten, seine Aufmerksamkeit der Dame auszudrücken, die ihm als Base des Königs vorgestellt ward, umso mehr überrascht und gefesselt, als er von ihrer Anwesenheit durchaus nichts gewusst hatte. Auch gegen Manuel bezeugte er sich freundlich und lud nun die Fremden ein, die königliche Dacht zu besteigen. Er führte den König, und es fiel dem Herzoge zu, Marie Nunes an die Falltreppe zu geleiten. Sie stiegen hmab; Geschützdonner, Hurrahrufen, betäubender Wiederhall von allen Seiten — die Dachten stießen ab — der Commodore, Herzog von Devonshire, stand lange an der Brüstung des Schiffes und sah den Abfahrenden nach. Dort saß einige Schritte hinter dem Könige unter dem purpurnen Baldachin diejenige, die ihm wie ein leuchtender Stern am Horizonte seines vereinsamten Lebens aufbegangen und die nun sein Auge hinter dunklen Wolken verschwinden sah. Er hatte Marie Nunes seit jener entscheidenden Unterredung mit ihr nicht wieder gesehen bis zu dem Augenblicke, wo sie in ihrer strahlenden Schönheit, beleuchtet vom goldenen Sonnenlichte eines selten schönen Tages, aus der Thüre der Kajüte getreten. Sein Herz hatte sich während der langen Tage'der weiteren Fahrt mit bitterster Wehmuth vollgesogen und sein bleiches, verdüstertes Antlitz zeigte den tiefen Schmerz, der ihm durch die völlige Entsagung auf das gehoffte Glück bereitet worden und auf immer in seinem Herzen eine bleibende Wohnstätte finden sollte. So bewegte es ihn fast kaum, als er die glühenden Blicke bemerkte, die der Graf Leicester auf das schöne Mädchen geworfen hatte, das so unerwartet ihm entgegengetreten war. Voll Trauer sah er den Abfahrenden nach, bis sie hinter den Masten der Schiffe und einer Krümmung des Flusses verschwanden, und rüstete sich dann, an das Land zu fahren und vor der Königin zu erscheinen. XV. Von dem Augenblicke an, dass die Fregatte in die Themse eingelaufen, hatte Marie Nunes nicht unterlassen, nach den Schiffen auszuschauen, an denen sie vorübersegelten. Selbst an dem Landungsplätze war ihr erster Blick dahin gerichtet, die Caravalle zu erspähen, welche sie unfreiwillig mit dem englischen Kriegsschiffe vertauscht hatte. Aber sie entdeckte sie nicht. Auch während der Fahrt auf der königlichen Dacht hoffte sie, dass die Gunst des Geschickes unter den tausenden von Masten sie jene heraussinden lassen werde, von welchen sie das portugiesische Wimpel so lustig hatte flattern sehen. Als alles vergebens war, denn die Caravalle lag an einer ganz anderen Stelle und weiter hinauf vor Anker, sank eine tiefe Traurigkeit in ihr Herz, welche selbst die Scenerie uud der Glanz der Umgebung nicht verscheuchen konnten. Das prächtige Montaguehouse öffnete seine Pforten und ließ sie in seine vielbewunderten Räume ein. Auf einen Wink des Grafen Leicester wurde für Marie Nunes eine Flucht der schönsten Zimmer eingeräumt und eine zahlreiche Dienerschaft bestellt. Kaum aber waren die nöthigen Einrichtungen getroffen, als Marie, ungeduldig, von Tirado zu hören und ihm ihre Ankunft anzuzeigen, ihren Bruder Manuel nach dem Hause Zoega in die City sandte, denn schon beunruhigte sie es, dass er noch nicht bei ihr erschienen, da sie voraussetzte, dass der Pomp ihres Einzuges wohl die ganze Stadt in Bewegung gesetzt hätte; er müsse also von ihrer Ankunft wissen. Zoega setzte Manuel von dem in Kenntnis, was er selbst wusste: w»e Tirado von einem Ofsicier der Königin abgeholt worden und nicht wieder zurückgekehrt sei. Er trieb seine Offenherzigkeit sogar soffveit, ihm mitzutheilen, dass, da es doch zweifelhaft sein konnte, ob Tirado einen Auftrag von der Königin erhalten habe oder gefangen genommen sei, er mehr als vermuthe. dass das letztere der Fall. Aber er hütete sich, den Namen des Lord Burleigh als Mittelsperson zu nennen, weil er wohl wusste, wie sehr dieser es ihm verargen und Nachträgen würde, und Zoega hatte als Katholik zu sehr die Abneigung eines der Mächtigen des Staates und noch dazu des den Puritanern zugeneigten Lord Burleigh zu fürchten, um sich ihr aussetzen zu wollen. Er bezeugte also Manuel seine Betrübnis, ihm auch nicht die geringste weitere Spur ihres gemeinsamen Freundes Nachweisen zu können. Diese Nachricht traf Marie Nunes wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel. Das Leben hatte sich ihr hier in so freundlichem Lichte und so bunter Mannigfaltigkeit geöffnet, dass sie das Glück mit vollen Zügen einzuathmen entschlossen war. Aus dem einsamen Thale am Ufer des Tajo mitten in oas Gewühl und die Pracht der nordischen Hauptstadt versetzt, war ihre Jugendlaune mit aller Frische erwacht. Wäre jetzt ihr Freund erschienen, so wäre der Gedanke an ihre Eltern der einzige dunkle Fleck auf dem lichtvollen und farbigen Gemälde ihrer Gegenwart gewesen, Aber nun fehlte er nicht allein, sondern sie sah ihn einem unbekannten und ungewissen Geschick verfallen, dessen Umfang und Bitterkeit sie nicht zu überschauen vermochte! Gegenüber den wirren Zuständen ihrer südlichen Heimat, wo Gesetz und Recht nichts als eine biegsame Form in der Hand der Willkür und gemeiner Leidenschaften waren, hatten sie sich die Sicherheit und strenge Gesetzesordnung im Norden so unbeugsam und unerschütterlich gedacht — und nun war der erste Act, der ihr auf diesem neueu Schauplaße eutgegentrat, die unverschuldete Einkerkerung eines fo getreuen Menschen! Marie Nunes fühlte sich wie niedergeschmettert; dann aber brach die Flamme des Unwillens hindurch, und sie begab sich sofort zu Dom Antonio, ihm diese Schreckenskunde mitzutheilen. Anch dieser würdige Mann fühlte sich tief betroffen, Nicht allein schuldete er Tirado eine unbegrenzte Dankbarkeit für die gefahrvolle Rettung, die er ihm allein verdankte; Tirado musste doch als ein Diener des portugiesischen Königs, als ein hervorragender Theilnehmer seiner Flucht angesehen werden. Und so war es ihm ein höchst bedenkliches Anzeichen für seine eigene Stellung am englischen Hofe, diesen seinen tapferen Retter ohne Weiteres eingekerkert zu wissen, ein Vorzeichen, welches selbst den Glanz seiner Empfangnahme schnell verdunkelte. Der schlaue Portugiese musste also auch hier ein Jntriguenspiel, einen Streit entgegengesetzter Strömungen für und wider ihn voraussetzen. Aber gerade dies musste ihn höchst vorsichtig machen; er musste sich versagen, schon jetzt bei seinem ersten Erscheinen für Tirado aufzutreten, bevor er noch das Terrain genau sondiert und kennen gelernt hätte. In diesem Sinne suchte er das aufgeregte Mädchen zu beschwichtigen, versprach ihr, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln ' für den Freund wirken zu wollen, wenn sie ihm hierzu nur Zeit ließe, und beruhigte sie mit dem Gedanken, dass die Sache wahrscheinlich gar nicht so schlimm wäre, wie sie aussähe, dass es sicher nur eine leichte Haft aus politischen Gründen sei, welche die geschäftige Einbildungskraft bei ihr so leicht mit den furchtbaren Schrecken der Jnquisitionskerker verwechsle. Aeußerlich war diese Haft in der That keine schwere für Tirado, denn er wurde in einem freundlichen Gemache mit aller Höflichkeit behandelt und mit allem Nöthigen reichlich versehen. Aber um desto mehr regte sie ihn innerlich aus. Zweck und Ziel seiner Gefangenschaft waren ihm gänzlich unbekannt, und nicht einmal eine Vermuthung stellte sich bei ihm dafür ein. Die Tage kamen und giengen in ihrer Einförmigkeit, und immer noch war er zu keinem Verhör berufen worden, hatte er außer dem Aufwärter niemanden zu sehen bekommen. Alsdann drückte ihn die völlige Unthätigkeit, zu der er verdammt war, der erzwungene Stillstand in allen von ihm mit so unendlichem Eifer betriebenen Angelegenheiten, die Furcht, mit seinen spanischen Berichten zu spät zu kommen, und dadurch die beste Gelegenheit des Erfolges zu verlieren, die Unkenntnis des Geschickes aller seiner Freunde, und dass die mit ihm ausgewandert, jetzt seiner Führung entbehrten, außerordentlich nieder. So maß er vom Beginne des Tages an bis zu dessen Ende mit seinen Schritten sein Gefängnis, unruhig seine Gedanken bald hierhin, bald dorthin wälzend. Vor allem aber stand das Bild von Marie Nunes ununterbrochen vor seiner Seele; bald erfüllte ihn eine unendliche Sehnsucht nach ihr, bald die peinlichste Sorge um ihr Wohl, um ihr Geschick, da sie so vielen Versuchungen zu widerstehen' hätte, wenn ihm auch nicht der leiseste Zweifel darüber einkam, dass sie in ihrer Reinheit denselben nicht die unerschütterlichste Standhaftigkeit entgegensetzen werde. Nur die kurzen Augenblicke ließen sein Herz höher schlagen und in unermesslicher Seligkeit schwellen, wo seine Phantasie, der Zukunft vorauseilend, ihm die Stunde glücklichen Wiedersehens vormalte und die leise Hoffnung, dass seine geheimen Wünsche dereinst doch noch erfüllt würden, weckte. Kurz waren sie, denn zu viele düstere Schatten hatten sich um sein vergangenes Leben gelegt, als dass sein zagendes Gemüth ihm auf längere Zeit ein Bild des Lichtes gestattet hätte. Wer im Leben viel erfahren, dem erheben sich auch in der fonnigsteu Gegenwart und mitten in der zuversichtlichsten Erwartung aus allen Winkeln die dunklen Geister, welche unerwartet zwischen den Menschen und sein Glück treten und ihm den Kelch mit süßem Labetrunk von der dürstenden Lippe reißen, die sich dem Rande schon genaht. Indes hatte Marie Nunes sich entschlossen, mit den Pfaden vorsichtiger Politik sich nicht zu begnügen, welche mit vollem Rechte Dom Antonio beschreiten zu müssen glaubte, sondern jede Gelegenheit zu benützen, die sich ihr darböte, für den unglücklichen Freund zu wirken. Gerade das Missgeschick desselben hatte ihre Gefühle für ihn umsomehr geweckt und den Schleier abgestreift, der sie bis dahin verhüllt. Es wurde ihrem jungfräulichen Herzen klar, dass nicht bloß die Dankbarkeit, nicht bloß die Theilnahme an dem Manne, den sie hochachten gelernt, in ihrer Seele wach waren, dass eine höhere und stärkere Empfindung sie bei dem Gedanken an ihn erzittern, bei der Gefahr, die ihn bedrohe, erbeben machte. Kaum waren einige Stunden seit ihrer Ankunft in Montaguehouse verflossen, als sich Graf Leicester wieder daselbst einfand. Als Bevollmächtigter der Königin wollte er Erkundigung einziehen, ob deren Gäste alle Befriedigung ihrer Bedürfnisse gefunden oder noch Wünsche hegten, die zu erfüllen man sich beeilen werde. Es ist fraglich, ob er dieses Geschäft nicht auch durch einen seiner Hausbeamten höheren Ranges genügend hätte ausführen lassen können. Aber den edlen Dudley musste diesmal ein besonderer Eifer beleben, dass er, seines sonstigen Stolzes vergessend, sich selbst ausgemacht, diese Nachfrage zu halten. Bemerkenswert war dabei, und es wurde auch genugsam bemerkt, denn an hochstehenden Personen wird alles gewahrt, dass die desfallsige Audienz bei dem flüchtigen Könige nur eine sehr kurze war, während der Graf eine viel längere Zeit in den Gemächern der schönen Marie Nunes verweilte, obgleich seine Anfrage daselbst ebenso kurz und unbedingt beantwortet wurde, wie von jenem, vllioiu Lncestcr umfytc die junge Portugiesin gewandt in eilt längeres Gespräch zu verwickeln, und sie schien ihm hierin nicht aüsiveichen zu ivollen. Die damalige Zeit bediente sich in Großbritannien eurer sehr geschmückten, um nickt zu sagen geschminkten Unterhaltungsweise. Bon der Schaubühne, wo die sogenannten „Moralitäten" blühten, war die Ausdrucksweise in sinnreichen Allegorien, in witzigen Personificationert auch in die höhere Gesellschaft, »lamentlich an den Hof verpflanzt worden, uud man ergieng sich mit großem Behagen in weitschweifigen Reden, welche den besonderen Reiz hatten, den Hörer errathen zu lassen, was man eigentlich meine. Die paffende Antwort ans derartige signrenreiche Anreden zu finden, bildete die Anmnth der Unterhaltung und entschied das Urtheil über den Geist der Persönlichkeiten. Für Marie Nunes war dies allerdings etwas ganz Neues, denn der romantische Sinn des Südländers begnügt sich nicht mit formlosen Abstractionen, sondern tvill seiner Einbildungskraft bestimmte und reich gezeichnete Figuren vorführen. Allein mit dem feinen Jnstincte ihres Geschlechtes uttd mit der Voraussetzung, dass, rvas ihr jetzt begegnete, der Sitte des Landes angehöre, erfasste sie schnell den Charakter dieses Geistesspieles und bequemte sich an. Nachdem sie so der seierlichcn Courtoisie des Grafen Leicester nichts schuldig geblieben, ergriff sie schnell die Gelegenheit, »hm das zu eröffnen, was ihr am Herzen lag. „Wenn es so ist, Herr Graf, wie Ihr saget und ich habe nicht das Recht, es zu bezweifeln, dass die Großmuth die Pforten ihres Paradieses der Schönheit und Anmuth eröffnet, »»nd sie einladet, den Duft ihrer Blüten und ihre goldenen Früchte zu genießen : wieso kömmt es, dass sich diese Pforte alsbald zu einem düstern Gewölbe voll Moderduft und verzweiflungsvoller Einsamkeit verwandelt, so dass über dem verheißenen Lustgarten sich nur ein eherner Himmel zu spannen scheint, an welche»»» die goldenen Strahlen des Lichtes sich immer mehr verlieren?" Graf Leicester sah das schöne Mädchen mit gespannten Blicken an. Er verstand nicht, was sie meinte, obgleich sie doch in seiner eigenen Redeweise gesprochen, »»nd er fühlte, dass sie auf eine unangenehme Thatfache Hinspiele. Nach einigem Bedenken erividerte er daher: „Wenn die Grazie ein so trauriges Schauspiel vor ihren Augen hat, so ist sie vollkommen berechtigt, ihre Befehle klar auszusprechen, und niemand »vird es »vagen, anznstehen, ihre Befehle zu erfüllen, ihre Wünsche zu befriedigen." Marie zögerte nicht, den» Grafen von der geheimnisv "llcn Gefangennehmung Tirados zu sprechen, »»nd, ohne den höheren Anthcil zu verrathen. den sie an dessen Geschick nehrne, legte sie ihn» doch »varin die Gründe dar, aus denen sie für das Schicksal Tirados sich in» höchsten Grade interessieren »nässte. Leicester begriff dies u»»d sah zugleich ein, »velchen Vortheil es ihm bei der inngen Schönen verschaffen »vürde, »venn er einen solchen Dienst ihr leistete. Allein zu seiner eigenen Verwunderung »vusste er von den» ganzen Vorgang auch nicht ein Sterbensivörtchen, und hatte den Verdruss, dies der Da»ne selbst sagen zu »nüssen. Mit eu,fachen, aller Allegorie fre»»»den Wörter», drückte er ihr dies a»rs, dass sie an deren Wahrhaftigkeit nicht zrveifelu konnte. „Sicher ist dies," rief er aus, „eine Jntrigue des querköpfigen Lord Burleigh, der, den M»u»d imrner voll von Rechtssprüchen und den Schein der Wahrheit vor sich, die listigsten Ränke treibt. Nun »vir »vollen dem alten Heuchler schon auf die Fährte komrnen, und wenn ein Dudley Erich, holde Donna, verspricht, alles anzurvenden, um zu erfahren, »vo der Gefangene sich befindet i»nd wessen »nan ihn beschuldet, und dann aus seiner Hafk ihn zu befreien: so könnt Ihr auf seine Verheiß»»»»g bauen u»»d Euer Antlitz und Euren rosigen Mund »vieder mit der freundlich lächelnden Anmuth schmücken, welche die gütige Mutter Natur ihnen in vollendeter Weise ausgeprägt hat." Das that denn auch Marie; sie lächelte dem Grafen freundlich zu, in »velchem sie einen »nächtige»» Beistand gefunden, und dieser »viederum »var von der hinreißenden Grazie des jungen Mädchens so entzückt, dass dieses Gefühl ein noch sichereres Pfand für seine Anstrengungen, Tirado zu befreien, »var, als selbst sein Versprechen. Indes drohte doch von einer anderer» Seite her die Sache Tiradas nicht so leicht gelöst zu »vsrder», »vie Graf Leicester verheißen und Marie so gern glaubte. Ka»»m »var die Velocitas angelangt, kaum die erste Trompete zürn Empfange Antonios ertönt, als der Herzog von Offrrna nach Whitehaü eilte und eine Audienz bei der Königin verlangte, die ihn» nicht gut verrveigert »verden konnte. Mit höflichen, aber nachdrücklichen Worten trug ihr der spanische Gesandte die Beschrverden seines Hofes vor. „Wie," rief er aus, „Eure Majestät lassen den Feind meines Königs, der »nit den unbegründetsten Eimvänden das sonnenklare Recht desselben bestreitet und seine Unterthanen zu Aufruhr und blutige»n Widerstande aufreizt, friedlich empfangen, und senden ihm den ersten unkbr Ihren Großen entgegen? Ist dieser Empfang nicht eine solenne Anerkennung, und kommt diese Anerkennung nicht einer Kriegserklärung gleich, da Euer edles, königliches Herz von dieser Anerkennung eines Trugrechtes bis zur Vertheidigung desselben nur einen leichten Schritt haben wird?" Elisabeth hörte diese Vorwürfe gelassen an. Als aber der Herzog zu Ende »var, stellte sie sich in großen Zorn gerathen, u'nd rief »nit lauter Stimme: „Ihr behelligt Uns, Herr Herzog, mit vielen leeren Redensarten, und es bleibt Uns nur die Genugthuung, dass sie eben Redensarten sind. Ist Antonio »»icht ein Prinz von königlichem Geblüte? Muss Ich ihn nicht als solchen ernpfangen? Will Mir jemand in Meinern Königreiche vorschreiben/ wie ich einen erlauchten, »venn auch unglücklichen Flüchtling empfangen soll? Mein Empfang erkennt nichts weiter an, als er ist, königlicher Prinz und Flüchtling. Ich rveiß zu gut, »vie einem solchen z»»»»»uthe ist, um es nicht zu »vürdigen. Wir aber könne»» auf Thatsachen Hinweisen. Trotz dieses feierlichen Empfanges haben Wir den Schiffscapitän, der den unglücklichen Antonio hierhergebracht, in ven Torver »verfen und einer Untersuchung »»nterziehen lassen, Ihr wisst es, er befindet sich noch heute daselbst, obschon Dom Antonio im Montaguehouse wohnt. Habt Ihr etrva dagegen auch Thatsachen anzuführen?" „Wie gern' möchte ich vor Eurer Majestät verst»»mme»»," erwiderte der Herzog. „Aber ist die Zurückbehaltung der portugiesischen Caravalle »»nd die Beschlagnahme der spanischen Corvette »»icht Thatsache gering? Eure Majestät wollen gewiss nicht, dass Spanien und England zum Kriege treiben rnögen, aber solche Thatsachen führen sicherlich dazu." „Gott's Wunder!" rief die Königin aus »»nd stampfte mit dem Fuße auf den Boden, ganz »vie ihr königlicher Vater einst zu thirn gervohnt »var. „Ihr wisst, von diesen Dingen will Ich nichts rvissen. Spanien hat englische Schiffe und englisches Gut in allen seinen Häfen mit Beschlag belegt, und Ich »verde fortfahren, dasselbe den Spaniern, Portugiesen unb Niederländern so lange zi» thun, bis es Unsere»»» Bruder Philipp gefallen »verde, diese Angelegenheit endlich zur Ausgleichung zu bringen. Bon Krieg ist hierbei nicht die Rede. Es sind Streitigkeiten von Nachbar»», die sonst einander ga»»z »vohl gesinnt sein inögen." Der Herzog »vagte nicht zu »vidersprechen; er durste die Dinge nicht auf die Spitze treiben, denn die Jr»tentionen seines Hofes »varen noch nicht bis z»»r Reise gediehen. Er »vusste sehr »vohl, dass die Spanier und Niederländer hierbei den größten Nachtheil zogen und deren Verluste die der englischen Unterthanen wohl um das Zeh»»fache überstiegen. Aber er »nusste schiveigen und froh sein, dass auf diese Weise die Anerkennung Antonios seitens der Königin nur eine beschrä»»kte bleibe, und so der Schein des Friedens noch möglichst erhalten und die Unterhandlungen in die Länge gezogen »vürden. Er begnügte sich daher, die Königin zu ersuche»», dass Lord Burleigh Befehl erhalte, »hm einen Bericht über die Ergebnisse aus der über Tirado verhängte»» Untersuch»n»g z»»ko»n»nen zu lassen. Elisabeth sagte ihn» dies fre»mdlich zu und entlies ihn »n ehrenvoller Weise. Kurze Zeit darauf erschien der Commodore der Velocitas i»n königlichen Palaste, Elisabeth hatte die Eigenthümlichkeit, einen Geda»»ken, den sie sich nach den» ersten Eindrücke gebildet, festzuhalten, »venn sie ihn auch als irrig erkannt, sobald er ihren Neigungen entsprach und von keiner Wichtigkeit für die Staatsangelegenheiten »var. Obgleich sie jetzt »vusste, dass die Velocitas »»»»d ihr Befehlshaber keiner Heldenthaten bedurft hatte»», um die spanische Corvette zu kapern, so blieb sie doch bei der Vorstellung stellen, dass der Herzog von Devonshire ein junger Seeheld sei, und eine Belohnung verdiene. Die Erinnerung an seinen Vater lag ihr in» Hintergr»»nde, und die fast »nütterliche Zärtlichkeit, die sie für dessen Erben als ihren Pagen e»»»pfangen, »var nie»nals bei ihr geschwächt »vorden. Sobald er ihr daher gemeldet »vorden, befahl sie, ihn eintreten zu lassen, und einpsieng ihn mit unverkennbarem Wohlwollen. (Fortsetzung folgt.)

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