Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1907-08-23 · Heft 11 (23.8.1907) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 11 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2430890-2430908-2430919--248-2431235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 11 Neu e Zeitung junge Mensch der dem Talmudstudium sonst ergeben war, hatte das Bedürfnis hebräisch zu schreiben, so schlecht oder so recht er es vermochte. Es gab damals keine größere Auszeichnung, als im „Haschachar'" -„Hasman" oder im „Haar" sich gedruckt zu sehen. Und weil eben die genannten Sterne durch ihre größeren und kleineren Erzählungen ihren wohlverdienten Ruhm erworben haben, suchten es ihnen alle nachzumachen. Es datieren seit jener Zeit die meisten Skizzen, unter Venen die uns vorliegende .Sammlung nicht den letzten Platz einnimmt. Der Verfasser hat allerdings in seinem jugendlichen Eifer, nur der Sprache seine ganze Aufmerksamkeit zugewendet und man sucht daher vergebens nach irgend einem psychologischen Halt in den einzelnen Erzählungen. Sie sind aber auch derart kurz gefaßt, -daß sie sich nicht einmal natürlich entwickeln können. Und doch merkt man-es fast allen Skizzen an. daß der Verfasser mit großer Sorgfalt und mit Aufbietung einer ganz großen Belesenheit gearbeitet hat. Er sucht sogar durch rein sprachliche Fertigkeiten — die an vielen Orten sich sehr merklich hervortun — den Mangel an Tiefe und Beobachtungsgabe zu ersetzen. Wenn man selbst gegen die Sprache ihre etwas veraltete Form einwenden wollte, namentlich die Anhänger der neuhebräischen Moderne — so muß man doch dem vorliegenden Bändchen das Verdienst zukennen, daß es ein genaues Bild der früheren hebräischen Literatur in Altgalizien darstellt. G. Beruria. Gebet- und Andachtsbuch für jüdische grauen und Mädchen von Rabbiner Dr. Max Grunwald. Wien 1907. Josef Schlesingers Verlagsbuchhandlung. Im Zeitalter des ungeheuren Fortschrittes wird uns selbst Religiosität modern zubereitet serviert. Da der Berg nicht zu Mohammed gehen muß, wer wollte -verlangen, daß wir unsere herrlichen Gebete .und Gesänge in der Ursprache aufsuchen: das Mussaphgebet, Kol-Nidre, Maskir, all die wunderbaren Gebete erscheinen in schön gereimter Kleidung, sind in leichter angenehmer Form zu lesen und werden hoffentlich ebensoviel Interesse Hervorrufen, als die Bekenntnisse irgend einer Verlorenen. . Herr Dr. Max Grunwald, reichlich -bekannt durch schriftstellerische und soziale Tätigkeit — hat mit außerordentlichem Geschick und großem Fleiß ein modernes und — man denke! — dennoch wirklich ernstes und andachtsvolles Gebetbuch zusaminengestellt. Darin ist den Frauen viel Schmeichelhaftes und Angenehmes gesagt. Das allein sichert gewissermaßen den Erfolg, denn das Buch gehört der Frau. Das ganze ist eine liebenswürdige Verneigung vor der jüdischen Frau, etwa in demselben Sinne wie die Verbeugung des weltmännischen Abbätypus aus dem l8. Jahrhundert vor seinem inächtigen Beichtkind. Es spricht von einer großen Menschenkenntnis und einem besonders bei einem Rabbiner angenehm berührenden tout compcendre c’est tout pardonner, daß der Verfasser es vermieden hat, in diesem Werk, das der religiösen Unterhaltung gewidmet ist, die Geißel zu schwingen und' zu rächen bis in das dritte und vierte Geschlecht! Der richtige Ton wurde hier gefunden , um aus dem Gebetbuch einen treuen Freund und Tröster zu machen, der in einer unschweren, .verständnisvollen Sprache zu uns ' spricht. Vielleicht ist dies auch der richtige Weg, in der jüdischen Frau - Liebe und Verständnis für unser Schönstes zu wecken, indem man ihr den Weg erleichtert und ihr jüdische Kultur gewissermaßen löffelweise beibringt. Aber nicht nur das. Dieses Andachtsbuch ist in seiner Zusammenstellung, mit seinem wunderbaren Inhalt, der durch die Uebertragung nicht gelitten hat, ein kleines Kunstwerk, abgesehen vom literarischen Anhang, dessen Hauptteil sich mit den Aeußerung n der Literatur über Judentum und jüdische Frauen befaßt. Was dieses Buch auch für weniger Strenggläubige äußerst sympathisch macht, das ist sein geschmackvoller literarischer Einschlag — eine schwierige Balance für ein Gebetbuch, von dem mehr Strenge und Glaubensseligkeit als Schönheit verlangt wird. Mich speziell aber freut es, daß ein gesunder Instinkt die moralisierender Litanei fallen ließ und ein lebensfroher Funken Brise weht. Denn gestehen wir es uns — und der Verfasser wird mir diese Ketzerei gewiß verzeihen — von streng moralisierender Frömmigkeit bis zur Langweile in einem Buch, das den Frauen gewidmet ist, bedeutet für deren Kopf' zumindest einen geschmacklosen Hut. Aber schon die gediegenen Beiträge schließen einen derartigen Mangel vollständig au?. Und ist das Gebiet, das Dr. Grunwald betritt, kein dankbares! Denn wer das Hohe Lied singt, sei es in welcher -Sprache immer, der hat eines schönes und mächtiges Lied gesungen. Thekla Blech. ' Morris Rosenfeld. Die Nachricht vom Tode Rosenfelds hat sich glücklicherweise als falsch herausgestellt. Nun bringt das Lemberger Jüdische „Tagblatt" einen Artikel, in welchem es nachweist, daß auch der letzthin bekannt gewordene Brief des Dichters nicht von ihm herrühren kann. Das Blatt beschuldigt ein . übelbeleumundetes Individuum, das sich Pinkowsky nennt, aber auch andere Namen führt und jetzt in Ungarn sein Unwesen treibt. der beiden Fälschungen. Der Mann soll es seit jeher gewöhnt sein, auf unanständigem Wege sich Artikelhonorare zu verschaffen. Für Morris Rosenfeld. Ein Gutes haben die falschen Nachrichten über den berühmten jiddischen Dichter doch gehabt: Sie haben die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf seine unseres Volkes unwürdige Lage gelenkt und allenthalben das Bestreben hervorgerufen, ihm zu helfen. Unter andern hat auch Herr Samuel Teich er in Boryslaw eine Sammlung eingeleitet und uns das Ergebnis, Kr. 73.—, zur Weiterbeförderung an den Dichter übersendet. — Um Nachahmung des guten Beispieles wird gebeten. Liste der Spender und Spenden: Dr. M. Pachtman Kr. 1.—, Samuel Teicher 1.—, Salomo Teicher 1.—, Falik Holpern —.50,1, Süßwein —.50, Salo Taucher 1.—, Siegm. Tauchner 1.—, Josef Ausländer 1.—, Moses Ambach 1.--, Ingenieur «chefer 1.—, Markus Stiel —.40, Leiser Schreier —.60, Jmre Pirnitzer 2.—, Dawid Enker 1.—, Julius Alexandrowicz 1.—, Israel Zwillich —.50, B. Brunnengraben —.50, Max Begleiter 1.—, Moritz Friedman 1.—, Einil Lokspeiser —.50, Ulrich Tischler —.50, Abc. Garfunkel 1.—, Jsr. Ber. Friedländer 1.—, Aron Oberländer 1.—, Emil Turenschein 1.—, Dr. Adolf Kleinberg 1.—, Saul Budracki 1.—, Isidor Lindenbaum 1.—, M. Weingarten 1.—, Gerson Adler —.50, Moritz Juris 1.—, Isidor Zuckerberg 1.—, Dr. I. Friedmann 2.—, W. Waldmann 1.—, Dr. B. Fernhof 1.—, Leopold Wilf 1.—, Jakob Felsen 1.—, Auselm Ellenberg 1.—. Ungerfeld 1.—, Noe Schauder 2.—, Elias Spitzmann 5.—, Leo Liebermann 1.—, Pietruszka 5.—, Moritz Schäffler 1.—, Wilh. Ruhrberg 5.—, Michail Kammermann, 5.—, Jakob Becher 4.—, Joachim Sternbach 1.—, Arnolds Spitzmann 2.—, Leib Diamandstein 2.—, Isidor Seinfeld 1.—, Max Sandig 1.—, Rvthan Löwenzhal 1.—, Osias Rndermann 2.— zusammen Kr. 75.—. Wiener jüdisches Aioslrop. V. Vorhalle des Vorstandsbureau bei der Jsraelüischen Kultusgemeinde; zweiten Stock links. Die beiden Cherubim sitzen blinzelnd im Schatten und erzählen einander ihre Erlebnisse mit Rettichen. Durch die gepolsterte Türe hört man einen Beamten schlafen. Ein junger Mann mit verdächtiger Energie wünscht einen Vorstand zu sprechen. „Geht nicht so rasch, junger Mann. Der amtierende Herr Vorstand ist momentan — " und der gemütliche Cerberus weist mit dem Daumen seiner linken Hand nach einer herzigen Tür, hinter welcher keine Amtsgeschäste erledigt werden. „Also Bitte, so bald es möglich ist — " „Das kann noch e halbe Stund' dauern." Es dauert aber nur 27 Miuuten. Der junge Mann wird vocgelaffen. Es handett sich um russische Emigranten. Sind wieder einige Hundert elend und gehetzt nach Wien gekommen. Sie wohnen wie Tiere in schmutzstarrenden Masienquartieren; viele sind totkrank; nähren sich von Abfällen des Karmeliterplatzes; versuchen Selbstmorde aus unbeschreiblicher Not — Hilfe, dringende Hilfe ist nötig!! Der Herr Vorstand steckt zwei Finger zwischen die beiden Westenknöpfe, tut einen langen Zug an seiner Brttanica und meint: „Die Gemeinde ist leider bei ihrem festlimitierten Budget nicht, in der Lage, Spenden auszuteilen. Man muß sich nur an wohlhabende Glaubensgenossen wenden." „Herr Vorstand, die reichen Juden sind sehr wenig opferwillig." Eine traurige Wolke zieht über das Gesicht des Vorstandes. Er seufzt schwer auf. „Sie haben recht, unsere Glaubensgenossen sind nicht sehr opferwillig. Wenn sie mehr Herz im Leibe hätten — " Der Blick des jungen Mannes hängt an den Lippen des mitleidigen Herrn. „ — wenn sie mehr Herz hätten, brauchte Proßnitz nicht zu tschechisiert werden." VI. Dr. Schwarz-Hiller, der Dauphin der Leopoldstädter freiheitlich - sozial - reformatorischparalytischen Judenschaft, beschloß das Orakel von Helphi zu fragen, wer der Weiseste aller Sterblichen sei. Er fuhr nach Griechenland, gab sich dort, wie gewöhnlich, nicht zu erkennen und legte der Pythiain Form einer „energischen Anfrage" das Räthsel vor. Die Antwort lautete: Der Weiseste unter den Menschen ist, der über alles auf dieser nichttgen Welt lächelt. Seit der Zeit lächett Dr. Schwarz-Hiller über alles. Aber weise ist er nicht geworden. VII. Baden. Garten einer blühweißen Sommeroilla. Im Strohsessel transpiriert der Herr kaiserliche Rat. Auf dem grünen Gartentisch liegen fein gefüllte Bonbons; ringsum sitzen zwei ebensolche Mädchen in Tenniskostümen. Nebenan, bei dem sonnendurchblitzten Glashaus, schimpft die Hausmeisterin unflätig über die Juden. Der kaiserliche Rat Blumental schmunzelt. Die Töchter nicken. Die Nachbarin flüstert der Hausmeisterin zu: „So, passens auf mtt enteren Schimpfen -Dö Hausleut' sau a Juden." Die Vermahnte lächelt überlegen. „Sö san a Urschet! Dös tur' i ja akurat! Wann i recht auf d' Saujuden schimpf', glauben dö, i kenn' Jhna die krumpe Nasen net an und Ham a trumm Freud'!" Und sie schimpft weiter. Der Herr lästerliche Rat lächelt, die Töchter nicken. . 7 . . Beda. Aer Htat. Eine Erzählung von Schulem-Aleichem. — Aus vem Jüdischen übersetzt von L. 2. Als ich jüngst von einer längeren Reise heimkehrte, erfuhr ich, daß mich seit drei Tagen ein junger Mann jeden Morgen sucht und mich zu sprechen wünscht. — „Wahrscheinlich wieder einmal ein Schriftsteller mit seinem Werke", dachte ich, setzte mich zum Tisch und begann zu arbeiten. Gleich darauf klingelte es draußen, die Tür öffnete sich, jemandräusperte sich, zog die Galoschen aus, hustete, schneuzte die Nase. — und gespannt erwartete ich nun auch die Ursache des Lärmes. Endlich trat diese ein, bot mir einen guten Dag, machte eine Verbeugung indem sie die Hände aneinander rieb, und nannte mir ihren Namen — einen von jenen Namen, die man, kaum gehört, sofort wieder vergißt. „Setzen Sie sich, womit kann ich dienen?" „Ich komme in einer dringenden Angelegenheit zu Ihnen, das heißt, für mich ist die Sache dringend, sehr dringend, ja sie betrifft so zu sagen mein Leben, und nur Sie allein werden das begreifen können. Sie schreiben ja so viel, daß Sie alles wissen und alles verstehen müssen. So glaube ich, das heißt, nicht ich glaube es, sondern ich bin davon überzeugt." Ick, betrachtete die Person. Der Typus eines kleinstädtischen Intelligenzlers, eines Schriftstellers; ein junger Mann mit einem blassen Gesicht, mit großen, schwarzen, mitleidflehenden Augen, solchen Augen, die immer bitten: „Habet Erbarmen mit einer elenden, einer verirrten Seele". — Ich liebe solche Augen nicht. Sie sind mir unheimlich; niemals lächeln sie und find stets ins Leere gerichtet. „Also, zeigen Sie, was Sie dort haben," sagte ich zu ihm, legte die Feder weg, lehnte mich in den Sessel zurück und erwartete, daß er jetzt in die Brusttasche greift und ein großes Bündel Schriften herauszieht. Gewiß einen Roman in drei Teilen, lang wie das jüdische Exil oder ein Drama in vier Men, mit Personennamen, wie Märdecsohn, Ehrlichmann, Frommherz, Bitterzweig, und dgl., aus welchen allein man ersehen kann, mit wem man es zu tun hat, oder vielleicht find es gar neue Zionslieder. Diesmal hatte ich mich jedoch zu meinem größten Erstaunen getäuscht. Der junge Mann griff nicht in die Busentasche, nahm kein Bündel heraus, hatte gar nicht die Absicht, mir einen Roman, ein Drama oder neue Zionslieder vorzulesen. Er legte nur den Hemdkragen zurecht, räusperte sich und begann: „Ich komme, um Ihnen mein bitteres Leid zu klagen, und mich mit Ihnen zu beraten. Ein Mann wie Sie, dürste mich verstehen. Sie schreiben soviel, daß Sie alles wissen müssen und nur Sie können mir den richttgen Rat geben. Ich verspreche Ihnen, das, was Sie mir sagen werden, strikte zu befolgen. — Doch entschuldigen Sie, störe ich Sie?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.