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Neue Zeitung · 1907-08-23 · Heft 11 (23.8.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 11 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 11 „Keinesfalls, erzählen Sie nur," sagte ich zu ihm, und atmete erleichtert auf. Der junge Mann setzte sich zurecht und fing nun an, mir fein Leid zu klagen, zunächst langsam und gelassen, doch nach und nach immer mehr in Aufregung geratend. „Ich bin, müffen Sie wissen, aus einem kleinen Städtchen, das heißt es ist gar nicht so klein, ein großes Städtchen, sogar eine Stadt, könnte man fast sagen, doch im Vergleich zu Ihrer Stadt ist es nur ein Städtchen. Sie kennen es wahrscheinlich sehr gut, und ich will es Ihnen daher nicht nennen, denn Sie könnten es noch beschreiben und das käme mir aus vielen Gründen ungelegen. =— Womit ich mich befasse, wollen Sie wissen? Hm, ich befasse mich-eigentlich mache ich vorläufig gar nichts; ich bin nur auf „Kost" bei meinen Schwiegereltern, das heißt nicht auf Kost, sondern wir wohnen zusammen. Meine Frau ist nämlich das einzige Kind ihrer Eltern, die uns leicht noch zehn Jahre aushalten könnten, denn es find wohlhabende Leute und bei uns in der Stadt gelten sie gar für die reichsten. Meinen Schwiegervater dürsten Sie kennen — der Name ist Nebensache, — er ist ein Jude, der gerne von sich reden macht und bekannt sein will. So z. B. spendete er nach der . Feuersbrunst in B. sehr viel, und auch für die Kischenewer Waisen schenkte er mehr als alle anderen. Für die Armen in unserer Stadt gibt er allerdings, kaum etwas her, in der Fremde hingegen spielt er gerne den Wohltäter. Ich glaube, er ist gar nicht, dumm. Er weiß, daß er bei uns ohnehin geehrt wird und es nicht mehr nötig hat, um die Gunst der Mitbürger zu werben. Er stellt sich selbst so, als ob er nichts geben könnte und wenn man zu ihm um ein Almosen kommt, sagt er: „Wie, Ihr wollt schon wieder etwas haben? Hier sind die Kassaschlüssel, nehmt Euch allein, wieviel Ihr braucht." Sie werden nun sicherlich glauben, daß er ihnen schon die Schlüssel gibt — aber da täuschen Sie sich gewaltig. Die Kassaschlüssel liegen wohlverwahrt in einer Tischlade und den Schlüssel dieser Lade hält er erst recht gut verborgen. So ist mein Schwiegervater und deshalb wird er bei uns, wie er es verdient, „Schmutzian" genannt — hinter dem Rücken natürlich. Von Angesicht zu Angesicht aber schmeichelt man ihm so sehr, daß es einem zuwider werden kann. -Er jedoch nimmt es für bare Münze, fühlt sich dadurch geehrt und läßt sich's gut gehen. Ueberhaupt führt er ein sehr gemütliches Leben. Denken Sie nur, der Mensch tut rein nichts, als gut essen und trinken und läßt sich auch sein Mittagsschläfchen nicht nehmen. Nach dem Schlafen läßt er den Wagen einspannen, fährt ein wenig spazieren und am Abend finden sich einige Leute bei ihm zum Tee ein, die stets etwas zu erzählen, immer wieder jemanden zu bereden und zu verspotten haben. — Später spielt der Schwiegervater gewöhnlich Domino mit . Schmil-Abe, dem Schächter. Es ist dies ein junger Mann, zwar noch mit „Pejes", doch schon ein Moderner, mit einem weißen Kragen, blankgeputzten Stiefeln und der auch jungen Weibern nicht ausweicht; er hat ein gutes Organ, singt schön und abonniert sogar eine Zeitung. Er spielt sehr gut Schach und Domino, und wenn sie zu spielen beginnen, kann es so die ganze Nacht fortdauern. Und ich soll da sitzen und zuschauen und mich zu Tode langweilen. Es ist mir aber nicht gestattet mich auf mein Zimmer zurückzuziehen, um die Zeitung oder irgend ein Buch zu lesen, denn mein Schwiegervater meint, das schickt sich nicht, wenn ein fremder Mensch zu Gaste da ist. Tue ich es dennoch, so wird mein Schwiegervater böse; er sagt zwar nichts, nimmt aber eine zürnende Miene an, und kaum sieht das die Schwiegermutter, so wird sie auch sofort böse, und sobald die Schwiegerellern mit dem Schwiegersöhne nicht im besten Einvernehmen sind, macht auch sie — die Tochter mein' ich — ein mürrisches Gesicht. Bedeuten doch die Eltern bei ihr die ganze Wett und sie, als das einzige Kind, wird von Ihnen sehr verwöh"t und verzogen. Kaum fühll sie sich nicht ganz wohl, wird gleich der Arzt gerufen und das ganze Haus gerät in Aufregung, so daß es kein Wunder ist, wenn eine solche Person sich dann einbildet, die ganze Wett wäre nur für sie geschaffen. Dabei ist sie, müffen Sie wissen, nicht besonders gescheit, obwohl sie, — hört man sie sprechen, eine ganz kluge Frau zu sein scheint. (Fortsetzung folgt.) Nschkrsg. Vom 8. Ziomstcnkongreß. (Originalkorrespondenz.) Russisch-Landsmannschaftliche Konferenz. 9. August. Nachdem Rechtsanwalt Rosenbaum die 1. Sitzung eröffnet und dem verunglückten Moses Zeitlin*) einen warmen Nachruf gehalten hat, erfolgt die Wahl des Bureaus. Sodann erstattet Dr. D. Pasmanik ein Referat: Ueber die allgemeine Lage des Zionismus in Rußland." Unter anderem sagt er: „Die Revolution gab uns nicht nur die Progrome, sondern auch die Duma, und damit wurde die „Gegenwartsarbeit" in den Mittelpunkt gestellt." — Die 43.000 Schekel, die man gesammelt hat, seien zwar nicht viel, doch müsse man die Umstände berücksichtigen. — Im allgemeinen solle der Zionismus den Charakter einer nationalen Bewegung wahren. Zuletzt fordert Dr. Pasmanik zur Arbeit und Einigkeit auf. (Lebhafter Beifall.) Im Namen des Zentralkomitees erstattet dann Dr. L. Jaffe den Rechenschaftsbericht, der beifällig ausgenommen wurde. 10. August. .Ing. Ussischkin eröffnet die 2. Sitzung, die mit der Debatte über den Rechenschaftsbericht ausgefüllt ist. Die-Redner bezeichnen Pasmaniks Bericht als zu optimistisch. 11. August. 3. Sitzung. Ing. Ussischkin referiert über die „reale Arbeit" in Palästina. Vor zehn Jahren sei das Problem der realen Arbeit noch unbekannt gewesen. Seit den Kongressen hätten sich die „Alten" an das neue Programm angeschlossen. Aber bald habe man sich überzeugt, daß dieser Weg zu keinem baldigen Resultate führe und nur reale Arbeit in Palästina zu unfern Zielen führen könne. Die Juden seien für die Kolonisation ein sehr schlechtes Material. Bodeneriverb muß angestrebt werden, vorzüglich mit den Mitteln des Nationalfondes. In zehn oder zwanzig Jahren werden die Juden vielleicht überhaupt für Kolonisationsarbeit schon unfähig und die Umstände vielleicht noch ungünstiger sein. Es muß eine Agrarbank und ein Ägrarfonds gegründet werden. Ussischkins Referat rief große Bewegung hervor. Zahlreiche Redner traten seinen Ausftihrungen entgegen. Dr. Nossig verlangt, man solle nicht nach einen: europäischen Charter, sondern nach einem türkischen Kad-el-2cherif als Resultat eines vorhergegangenen Jrade des Sultans streben. Dr. Nossig stützt sich dabei auf einzelne Punkte der jüdischen Verfassung, die die autonome Verwaltung von Provinzen erlauben. Vorsitzender Dr. Tschlenssow gedentt des 25jährigen Jnbiläums der Kolonie Rischon le-Zion und sendet den Kolonisten die Grüße der russischen Zionisten. Viel Widerspruch rief die Rede H. Rosenbaums gegen Ussischkins Vorschlag, hervor. Mehrere Delegierte proteftierteu heftig gegen die von H. Rosenbaum gebrauchten schroffen Aus- Mtt großem Ernst und sicherer Ruhe erwidert Dr. Katzenelsohn, Vorsitzender des Bankdirektoriums, den Vorwürfen Ussischkins. Es sprechen noch Scheinkin, Klimker und Aronowitsch. 12 Uhr nachts gehen die Delegierten auseinander. 12. August. Dr. W e i tz m a n n eröffnet die dritte Sitzung. Dann erfolgt das interessante Referat S ch abotinskys: „Ueber die Beteiligung an der inneren Politik in Rußland", in dem er zu beweisen versucht, daß man sich an der inneren Politik unter der zionistischen Fahne beteiligen solle. Nachmittags beginnt die Debatte. Es sprechen: Dr. Sch. L e w i n, Dr. D a v i d s o h n, S ch abotinsky, Scheinkin, Iakobsohn, Dr. Pasmanik, Galinski, Klausner, Syrkin, Brutzkus, Gründerg, Motzkin, Ussischkin, B. Goldberg. Dr. Braude erklärt auf Ersuchen der Versammlung das Vorgehen der österr. Zionisten. * Herr Moses Zeitlin kam auf der Fahü zum Kongresse, bei dem Eisenbahnunglücke in Posen, um's Der Kongreß. Schon um 9 Uhr früh hatten sich viele Delegierte und Gäste um das Kongreßgebäude versaminelt. Alle haben ein festliches Aussehen. — Um */911 Uhr wird der Kongreß eröfftiet. Der Saal, von Maler Pilichowski geschmückt, bietet einen prachtvollen Anblick. Auf der Gallerie sitzen u. A. viele holländische Juden, dann viele russisch-jüdische Kurgäste aus dem benachbarten Scheweningen. Der Präsident des A. K., Herr David Wolffssohn liest die Eröffnungsrede vor. Dieselbe gibt einen Ueberblick über die jetzige Lage des Zionismus und wird mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Darauf begrüßt Dr. A.A. de Pinto, der greise Vizepräsident des Hohen Rates der Niederlande, im Nammen der Haager jüdischen Gemeinde in französischer Sprache den Kongreß. Anhaltender Beifall dankt seiner Rede. Dr. T s ch l e n o w begrüßt den Kongreß namens der jüdischen Kolonien in Palästina. Lebhaft akklamiert, ssprach sodann Dr. Max Nord au: Die Leitsätze des Zionismus werben vielfach mißverstanden. Der Zionismus sei keine Bewegung der Barmherzigkeit. Wir kehren nicht zur Unkultur zurück. Nur Angeber bezweifeln die Vaterlandsliebe der Zionisteu. — Namentlich unsere moralischen Erfoige sind bedeutend. — Wir fordern für ein Volk von 12 Millionen Gerechtigkeit. (Starker Applaus.) Dann wird die Wahl des Bureaus vorgenommen. Präsidenten: David W o l f f s o h n und Dr. Max N o r d a u, 8 Vizepräsidenten, 7 Beisitzer und 5 Schriftführer. Unter den Vizepräsidenten befindet sich Dr. Schalit aus Wien. _ Nachmittag. Der Legitimationsaus- . schuß erstattet über die Prüfung der Wahlen Bericht. Mit einer Ausnahme wurden alle giltig erklärt. Es haben 435 Wahlen stattgefunde-.,. Hierauf erhält Herr N. Sokolow das Wort, um den Bericht des zionistischen Zentralbureaus vvrzulesen. Der Bericht sagt, daß man den Zionsmus nicht einschätzen könne, solange es sich nicht durch Zahlen feststellen lasse. Doch über Empfiudungen könne die Statistik nicht berichten. Die Ziffern beweisen nicht alles. — Die Begriffe, „Zionistische Bewegung" und „zionistische Institutionen" dürfen nicht von einem Gesichts punkt aus beurteilt werden. Der Zionismus schreitet mächtig nach beiden Richtungen vor. — Der Bericht beschäftigt sich nun mit den organisatorischen Arbeiten des Zentralbureaus. Namentlich wird die Errichtung neuer Filialen des palästinensischen Bankinstitutes der Bewegung, der Anglo Palestine Company, hervorgehoben. Delegierter Kleerekoper begrüßt sodanu den Kongreß im Namen der holländischen Zionisten. Der übrigen Teil des Nachmittags füllt die nun folgende Generaldebatte aus. Donnerstag, 15. August 1907. Die Generaldebatte wird fortgesetzt. Mehrere Redner kritisieren den Bericht des Zentralbureaus., Sie vermissen eine Einheitlichkeit der Leitung. Die Bewegung müsse neu organisiert und das Zentralbureau nach einer größer» Stadt verlegt werden. An der Debatte, die stellenweise einen stürmischen Verlauf nimmt, beteiligen sich Dr. Nossig, Dr. Margulies (Teplitz), Supraski (Rußland), Dr. Pasmanik, Dr. Radin (New-Dork), Motzkin, Dr. Magnes, Trietsch, Dr. Niemerower, Dr Glücksohn. Um '/,1 Uhr wird die Sitzung geschlossen. ' Am Nachmittag wird die Debatte über den Bericht des zionistischen Zentralbureaus fortgesetzt. U. a. wurde das unentschlossene Vorgehen der Leitung in Bezug auf die prattische Arbeit in Palästina scharf kritisiert. Die „Poale-Zion" verlangen, daß man mit allen Mitteln für die Seßhaftmachung eines gesunden Arbeiterstandes in Palästtna einttete, die Arbeiterfrage sei der wichtigste Punft für die Entwicklung Palästinas. Zum Schluß der Debatte kam Herr David Wolffsohn auf die an der Leitung geübte Kritik zurück und betonte nachdrücklich, daß die Tätigkeit, des Aktions-Komitees von der Beschaffung größerer Mittel seitens der zionistischen Gesinnungsgenossen abhänge. Die Organisation habe in der letzten Zeit sehr viel geleistet. Lebhafter anhaltender Beifall folgte.der Rede. Schließlich wurde dem Aktionskomitee unter lebhaftem Applaus, das Absoluiorium erteilt. Nachdem noch Dr. Katzenelsohn in warmen Worten des unglücklichen Moses Zeitlin gedacht Halle, wird die Sitzung geschlossen. Eine vielbemerfte Szene vom heutigen Tage: Der kaukasische Delegierte besteigt die Tribüne und

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