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Neue Nationalzeitung · 1913-08-22 · Heft 17 (22.8.1913) · p. Seite 133

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XV (1913)
Issue
Heft 17 (22.8.1913)
Date
1913-08-22
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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Hr. 17 rungen zu besichtigen, welche das Feuer im jüdischen Ghetto angerichtet, und zu erfahren, in welchem Maße die Mildtätigkeit edler, menschlichfühlender Herzen der durch den ungeheuren Feuerbrand verursachten entsetzlichen Not gesteuert hat. In Preß'burg angelangt, suchte ich die orthodoxe Restauration des Herrn Fischer auf, wo ich so glücklich war, daß ein Stammesbruder, den ich nicht kenne, auf mich zueilte, Zeichen der Freude und der Befriedigung über seine Begegnung mit mir bekundete, lächelnd mir die Hand reichte, wobei er mich herzlich mit den Worten „Scholem alechem" begrüßte, um gleidh darauf meinem Gesichtskreis zu entschwinden. Wäre ich noch heute ein Jünger des Beizer Rabbi, hätte ich gewiß den freundlichen Juden, der mich so herzlich begrüßte, für den Propheten Elia angesehen. Kaum hatte ich meinen Hunger gestillt und nach langer Zeit endlich meinem Magen einen orthodox-koscheren Bissen gegönnt, als schon in mir der brennende Wunsch laut wurde, nach der Brandstätte zu eilen, um mir das Elend des jüdischen Ghetto, für das auch ich einen Betrag aufgebracht habe, anzusehen. Und in der Tat, es war herzzerreißend zu sehen, wie Häuser, in denen bei aller Dürftigkeit und Armut bei aller Anspruchslosigkeit und materieller Entbehrung wahres jüdisches Glück oder richtiger gesagt jüdische Glückseligkeit wohnte, als zerstörte Ruinen dastehen. Trotzalledem fand ich die Armut und das Elend der Betroffenen bei weitem nicht so ungeheuer und entsetzlich, wie das der armen galizischen Juden ohne Brandschaden und ohne Feuerverheerung. Ist es doch eine feststehende Tatsache, daß der arme ungarische Jude mit weniger Intelligenz den wirtschaftlichen Daseinskampf erfolgreicher führt, als der arme galizische Jude mit mehr Intelligenz. Liest man nun die Ghettogeschichten verschiedener jüdischer Dichter des XIX. Jahrhunderts, so wäre man geneigt, zu glauben, daß des betreffenden Dichters schöpferische Phantasie Gestalten geschaffen habe, die wohl schöne Phantasiegebilde seien, aber keineswegs Realität besitzen. In Preßburg, am Fuße und Abhänge des historisch so berühmten Schloßfcerges dagegen hatte ich Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß die erwähnten Ghettoschriftsteller nichts übertrieben, sondern ihre Helden dem tatsächlichen Leben entnommen hatten. Als ich so von Ruine zu Ruine wandernd, das vom Feuerbrande zerstörte Jeschivahgebäude suchte, ohne es auffinden zu können, sah ich am Geschäftseingansre eines alten, vom Feuer verschont gebliebenen Hauses einige fromme Juden stehen, auf die ich zueilte, sie bittend, sie möchten mir die Ruine der vom Chsam-Sofer gegründeten und heute noch so berühmten Talmudhochschule zeigen, die nicht nur von lernbegierigen Talmudiüngern ihrer engeren Heimat, sondern auch von solchen aus Oesterreich und Deutschland stark freauentiert wird. Ein junger Mann im Alter von etwa 18 Jahren bot sich mir in der uneigennützigsten Weise als Cicerone an. den ich in der Folge als ehrenhaften Charakter von festen Grundsätzen auch kennen lernte. Er führte mich zu der Jeschiwah-Ruine und erklärte mir so manches, was mir schon längst bekannt war. Es ist selbstverständlich, daß ich ihm meinen Namen Nachum Hamaschgiach und meinen Beruf nicht verraten durfte, wollte ich über die Denk- und Anschauungsweise der Juden im Preßburger Ghetto etwas hören, nämlich was wahr und nicht Schein ist. So galt ich denn in den Augen meines frommen, liebenswürdigen und braven Cicerone als reicher Holzhändler aus Südungarn, der mit Vorliebe in Eiohenstämmen Geschäfte abwickelt. Mein Führer erzählte mir daher ganz ungeniert Dinge, die zum Teile mir bereits bekannt waren, zum Teile aber ganz neu sind. Die Ruine, beziehungsweise das vom Feuer zerstörte Haus, in dem der Oberrabbiner Rabbi Akiba Schreiber gewohnt hat. Jas Haus, das auch die Wohnstätte des Rabbi Moses Sofer (Ch'sam- Sofer) war, macht auf den Juden, möge er wie immer denken, möge er selbst dem extremsten Liberalismus in religiöser Hinsicht huldigen, einen geradezu überwältigenden Eindruck, wenn man bedenkt, daß mit Rabbi Moses Sofer, allerdings in eigenartiger Weise, eine Renaissance des Torastudiums in Ungarn beginnt, wenn auch mein Lehrer weiland Lectqr J. H. Weiß von dieser Art des Torastudiums nicht entzückt war.*) Es heißt, daß eine große wertvolle Bibliothek, über die die Jeschiwa verfügte, dem Brande zum Opfer fiel. Meiner Ansicht nach mag die 'Bibliothek sehr viel Bücher enthalten haben. Allein es dürfte sich doch nur um bekannte Talmudexemplare, um Responsen, Bibclausgabcn, die nicht teuer und nicht selten sind, handeln. Daher glaube ich, d:iß sie nicht so wertvoll war, wie ihr Wert in der jüdischen Laien weit geschätzt wird. Denn, soweit ich die Richtung dieser Talmudliochsehule kenne, dürfte deren Bibliothek kaum eine seltene Druckausgabe, ein hervorragendes, wertvolles linguistisches, literarisches oder jüdisch-historisches Werk, geschweige denn irgend eine wertvolle Handschrift haben. Wenn nun einige ungarische Journalisten anläßlich des stattgehabten Brandes in Preßburg behauptet haben, daß der Schaden der Bibliothek unersetzlich und der Wert derselben unschätzbar sei, so ist das auf die Voraussetzung zurückzuführen, daß eine vor mehr denn hundert Jahren angelegte Bibliothek einer Hochschule, die weit über die Grenzen ihrer engeren Heimat eines guten Namens sich erfreut, seltene Bücherexemplare aufweisen müsse, deren Wert ein ungeheurer sei. Diese Voraussetzung entspricht aber im gegebenen Falle nicht den wirklichen Tatsachen. Die schmalen, engen Gäßchcn. die teilweise mit eckigen und spitzigen Steinen gepflastert sind, deren hügelige und krumme Stege eine wahre Plage dem Wanderer sind, machten mich todmüde. Ich verließ daher vorzeitig die Brandstätte und das Ghetto, wiewohl beide dem Beobachter und Schriftsteller noch viel des Interessanten zu bieten hätten. Nun legte ich die Maske des südungarischen Holzhändlers en gros ab, begab mich zu meinem' lieben Freunde Rabbiner Dr. Funk, bei dem ich im Gewände meines ureigensten Wesens erschien, nämlich als der Journalist und Schriftsteller Nachum Hamaschgiasch, der trotz dem Sprichwort Schweigen ist Gold1, Reden Silber. Schreiben Dalles, sein Tin- *) In seinen Memoiren (SichronosaO Warschau 1895, S 55 ff. findet Weiss nicht genug Worte des Tadels Uber die Art und Weise wie das Talmudstudium in den ungarischen Jeschiwoth betrieben wird. Vgl. auch Dr. H. E. Kaufmann, Vorlesungen und Essays 1906. S. 65—68.

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