Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 16 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Seite nach dieser Richtung mit ungenügend fundierten, allgemein gehaltenen Angriffen vorsichtig sein sollte. Dann aber richtet sich das Schwergewicht des Artikels gegen die wirtschaftlichen Organisationen des polnischen Gewerbe- und Bauernstandes, resp. gegen die denselben zu Grunde liegende antisemitische Tendenz. Das sind ja alte Sachen. Das datiert seit 20 Jahren, seit dem vom Grafen Stanislaus Tarnowski propagierten Asemitismus. Und sollte es heute keine andere Mittel geben, als über die allerdings gehörig ausgebauten asemitischen Organisationen zu jammern und am Ende eine Intervention der Zentral-Regierung — gegen den Polenklub! — anzurufen? Ich denke, darüber sollten wir doch hinaus sein. Nicht der Geistlichkeit und den Kolka rolincze haben unsere Angriffe zu gelten, sondern den „Führern" der galizischen Judenschaft, die nur an ihre Taschen, ihre Knopflöcher und ihre Eitelkeit denken. Sieben Juden sitzen im Polenklub, fünf Juden im galizischen Landtage, die Präsidenten der drei galizischen Handelskammern sind Juden — und was haben alle diese Leute bisher getan, um das Los der jüdischen Bevölkerung zu bessern, um dem jüdischen Massenproletariat zu helfen? Nichts, gar nichts! Und wenn sie etwas getan haben, so war es nur Komödie. Welche Hoffnungen setzte man nicht in Galizien an die im Dezember 1910 vom galizischen Landesausschusse veranstaltete Enquete über die jüdische Notlage? Der Landesausschuß hat sich seitdem nicht gerührt, er hat bisher nicht einmal das Protokoll über die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit veranstalteten Sitzungen veröffentlicht. Die Experten traten wohl zusammen und begründeten einen Verein „Samopomoc" (Selbsthilfe), aber trotz mehrfacher Konferenzen in Wien und jüngst in Frankfurt a. M., ist bisher nicht einmal ein Arbeitsprogramm ausgearbeitet resp. beschlossen worden. Einigkeit herrscht wohl höchstens nach der Richtung, daß man bereit ist, von der Pariser „Ica" Millionen anzunehmen. Selbst Geld herzugeben oder im Lande aufzubringen, welches nicht nur ein jüdisches Massenproletariat, sondern auch zahlreiche jüdische Millionäre hat, dazu fehlt den Herren von der „Samopomoc", mit Herrn Handelskammer-Präsidenten und Millionär Samuel von Horowitz an der Spitze, die richtige Lust. Aus allen diesen Gründen lege ich darauf Gewicht, mit den Ausführungen des „Veritas" nicht identifiziert zu werden. Ich habe daher an die Redaktion des „Sfowo Polskie" folgendes Schreiben gerichtet: „Schuls-Tarasp, den 12. August. Geehrter Herr Redakteur! Im „Sfowo Polskie "vom 8. d. M., das ich soeben unmittelbar vor meiner Abreise zugeschickt erhalte, findet sich ein Artikel, betitelt „Zionistische Angriffe", mit der Mitteilung, daß ich den Artikel der Wiener „Sonn- und Montags-Zeitung", betitelt „Der Kampf gegen die Juden" verfaßt und unter dem Pseudonym „Veritas" veröffentlicht hätte. Indem ich nun an Ihre Loyalität appelliere, ersuche ich um gefl. Richtigstellung obiger Mitteilung nach der Richtung, daß ich diesen Artikel nicht verfaßt habe. Es ist nicht meine Art, mich hinter einem Pseudonym zu verstecken. Hochachtungsvoll« Unterschrift. L. Ein Landrabbiner über den „Stiftungspreis des Dr. Max Grunwald."*) Ich gestehe es offen, das Resultat der letzten Preisausschreibung der Rappaport-Stiftung hat mich aus mehrfachen Gründen in eine gewisse Unruhe versetzt. — Ich bin ja seit Jahrzehnten gewohnt, zu sehen, daß das Kuratorium dieser Stiftung in seiner gänzlichen Unzulänglichkeit für dieses so hochwichtige Ehrenamt, seit Anbeginn nicht einem einzigen nur halbwegs beachtenswerten, die jüdische Wissenschaft mit neuen Ideen bereichernden literarischem Werke zum Dasein verholfen hat, derweil unsere Literatur so großen Mangel an materieller Unterstützung leidet. Schon die Themen, die es zur Lösung stellt, wo noch so viele und weltumspannende Fragen in der jüdischen Geschichte der Lösung harren, lassen von dieser Körperschaft nichts, absolut nichts erwarten. Wie soll auch eine Preisfrage, wie „Samuel Oppenheim und sein Kreis", selbst wenn sie geschicktest gelöst wird, das Judentum, das an ganz anderen und brennenden Lebensfragen seiner Geschichte krankt, fördern können? Doch hierüber will ich kein Wort weiter verlieren; will sogar annehmen, daß mit der Lösung dieser Frage etwas Nützliches geschehen sei; aber die auffälligen Begleiterscheinungen dieser Preisausschreibung und Preisgewinnung sind so eigenartig, daß man sich darüber seine Gedanken machen muß, und ich weiß es, daß viele, insbesondere Rabbiner und Religionslehrer sich ihre Gedanken darüber machen. Schon die Themen also, welche die Rappaport- Stiftung ausschreibt, zeugen von wenig Ernst und Tiefe, von einem gänzlichen Mangel an Sachkenntnis: sie sind einmal kinderleicht, ein andermal wieder unmöglich, da zu ihrer Bewältigung eine Unmasse von die entferntesten Gebiete umfassenden Quellenstudien erforderlich — von denen die Preisfragensteller auch nichtdie leiseste Ahnunghaben — und die überdies einen ganzen Stab gelehrter Spezialisten beanspruchen! Zu der ersten Art gehört das Thema: „Samuel Oppenheim usw.", ein wahres Kinderspiel in unserer tiefernsten, durchaus unmaterialistischen und schwer zu erforschenden Volksgeschichte. Und da fällt zunächst auf, daß zur Beurteilung dieses Bruchstückes von Familiengeschichte ein Schwergeschütz von Experten aufgeführt wurde: Zwei Geschichtsprofessoren und ein österreichischer Historiker! Und war die Wahl auch eine richtige? Die Herren werden sich gewiß nicht beleidigen, wenn ich behaupte, daß sie niemals die Geschichte oder gar die Familiengeschichten des Judentums zu ihren Spezialstudien gemacht haben.**) Sie sind also weit weniger in der Lage zu prüfen, ob die Preisschrift aus primären oder sekundären Quellen geschöpft, ob sie eine Original- oder eine billige Macharbeit, als einfache, jüdische Ge- *) Mit diesem uns von einem in der jüdischen Wissenschalt sehr bekannten Rabbiner zugekommenen Aufsatze schließen wir vorläufig die Diskussion! D i e R e d a k t i o n. **) Was haben diese drei Geschichtsforscher jema)s für die Geschichte oder Literatur des Judentums geleistet? Oder womit haben sie auch nur ihre Vertrautheit mit derselben bewiesen, daß sie als Experten kompetent und autoritativ wären?