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Neue Nationalzeitung · 1912-07-26 · Heft 15 (26.7.1912) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 15 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung0 Nr. 15 ringen, dies zu sagen verbietet die Keuschheit des Herzens. Recht hätten Sie, wenn Sie sagten, die Rabbiner werden zu niedrig eingeschätzt und müßten, wenn von der Kultusgemeinde die Rede ist, allenthalben an erster Stelle stehen. Wie eine Gemeinde ihre Rabbiner ehrt, so ist sie. Der Ruf der alten Gemeinde ging immer und überall von den Rabbinern aus. Auch hierzulande. Und auch heute noch fragt man zunächst, wenn von einer Gemeinde die Rede ist: „Wer ist dort Rabbiner?" Und man macht es hier heute nicht anders. Und wenn man nach Wien in diesem Betracht fragen wird, dürfte die Antwort wohl nicht allzuschlecht ausfallen. Denn wir können uns mit allen messen — natürlich mutatis mutandis, nach Verhältnissen und Bedürfnissen. Wozu also in die eigene Suppe spucken: Das besorgen schon andere. Anmerkung der Redaktion: Treu unserem Prinzip, Jedermann, der der Oeffentlichkeit etwas zu sagen hat, die Spalten unserer Zeitung zur Verfügimg zu stellen, haben wir auch diesem Artikel Aufnahme gewährt. Freilich nicht ohne Erstaunen, daß der ehrwürdige Verfasser sich jetzt plötzlich veranlaßt fühlt, seine Kollegen in Schutz zu nehmen, da wir nur eine gelegentliche Bemerkung anläßlich der Rabbiner-Konferenz in Frankreich gemacht haben. Immerhin aber verkennt Herr Dr. Feuchtwang die Stellung unseres Blattes. Wir haben unsere Polemik nie gegen die Wiener Rabbiner, sondern stets gegen das Wiener Rabbinat gerichtet. Die Tätigkeit des ersten Repräsentanten des Wiener Rabbinats oder eigentlich dessen Untätigkeit war es immer, die uns mit schwerer Sorge erfüllte. Das Haupt ist krank. Warum ist dem Herrn Dr. Güdemann noch nie eingefallen, die Wiener Rabbiner zu einer Konferenz einzuberufen? Gibt es denn da wenig zu besprechen und zu beraten? Hat denn der erste Rabbiner von Wien nur bloß größere Rechte, aber keine größeren Pflichten? Und dann vermissen wir noch eines: Das Herz, das Gemüt! Pectus est, quod theologum facit. Daran krankt ja auch die ganze Gemeinde. Aber von den Köpfen geht die Krankheit aus. Was Herr Dr. Feuchtwang von sich zu erzählen weiß, ist ja recht interessant, aber es ändert an dem allgemeinen Urteil nichts. Es fehlt bei uns jede Bewegung; nur eine Bewegung gibt sich unter den Rabbinern kund: die Konkurrenz. „Der Stiftungspreis des Dr. Max Grunwald."*) Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie haben sich mit der Aufrollung der Frage der Rappaport'schen Preisausschreibungen vielleicht mehr als sie ahnen, ein großes Verdienst um die Förderung der jüdischen Geschichtswissenschaft erworben; denn *) Der Artikel „Hinter den Kulissen der Wiener Kultusgemeinde" in unserer letzten Nummer, insbesondere das Kapitel „Der Stiftungspreis des Dr. Max Grunwald" hat begreiflicherweise in den Kreisen jüd;scher Gelehrter und Rabbiner großes Interesse erregt. Das beweist die Zahl der Zuschriften, die uns aus diesen Kreisen zukommt. Wir behalten uns vor, einzelne, das Thema eingehend behandelnde zu veröffentlichen und beginnen mit der obigen Zuschrift, die einer der hervorragendsten jüdischen Gelehrten Oesterreichs an uns richtet. Die Redaktion. ich zweifle nicht, daß das Kuratorium dieser Stiftung, nachdem Sie den Finger auf den wunden Punkt gelegt haben, nunmehr die Augen öffnet und bestrebt sein wird, sich besser als bisher unterrichten zu lassen. In der Tat, die Nebeneinanderstellung der Themen: „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" und „Samuel Oppenheim und sein Kreis", wie sehr gleichen sie dem: du sublime au ridicule"! Zeigt das letztere Thema von wenig wissenschaftlichem Ernst und geringer Vorstellung von der Mission und Würde des Judentums; so verrät die Aufstellung des ersteren Themas, wie blind dieses Kuratorium an wissenschaftliche Fragen von Bedeutung herantritt, dem Nachtwandler vergleichbar, der ahnungslos über die steilsten Wände und Dächer hinweggleitet. Ich will nicht mehr von den großen Fehlern sprechen, die bei den früheren Preisfragen gemacht wurden und nur bei dem letzten, nun zum zweiten Mal ausgeschriebenen Thema: „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" ein wenig verweilen. Waren sich die Fragesteller hier der unübersteiglichen Schwierigkeiten bewußt, die die Lösung dieses Themas dem Forscher, er mag noch so gelehrt und geschickt sein, wofern er kein Universalgenie, in den Weg legt? Sicher nicht; denn sie haben in einem Atem die Lösung der „Preisfrage": „Samuel Oppenheim" verlangt. Wie wenig sie übrigens die Bedeutung des ersteren, historischen Themas zu würdigen verstanden, will ich Ihnen dadurch veranschaulichen, daß ich zeige, welche schwerwiegende Fragen vorerst erledigt werden müßten, bevor die Preisfrage: „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" gelöst werden könnte. Es wären das etwa folgende: 1. „Wie entwickelte sich das Judentum innerhalb und außerhalb Judäas während der langen bedeutungsvollen und umwälzungsreichen Epoche, die sich von Esra bis zu der Makkabäererhebung hindehnt?" 2. „Unter welchen Einflüssen ist die kanonische und nichtkanonische Weisheitsliteratur entstanden und welche Bewegung hat sie im gesamten Judentum hervorgebracht?" 3. „Wann und unter welchen treibenden Einflüssen entstand der Pharisäismus und was verschaffte ihm die religiöse und zeitweilig auch die politische Herrschaft über das nationalgesinnte Judentum?" 4. „Die Spruchweisheit Sirachs in Judäa und jene des jüdischen Hellenismus, vertreten durch die Sapientia Salomonis." 5. „Die Apokalyptik in Judäa, inbegriffen der ueuentdeckten „Oden Salomos" und die Sibyllistik in der griechischen Diaspora." 6. „Die Sektenbewegungen im Judentum. Ursachen ihrer Entstehung. Ihre erstaunliche Entwicklung; ihr Verhalten zum Pharisäismus. Ihre religiöse Propaganda im Heidentum." 7. „Politische Strömungen seit Hyrkan I." 8. „Herodes der Große: Judäa und die griechische Diaspora unter seiner Regierung." 9. „Galiläa und das transjordanische Judentum, insbesondere jenes von Peräa in Beziehung zum Judentum von Syrien und zur Sektenbewegung seit den Ptolomäern." 10. „Entstehung und Wirkung der Septuaginta auf Judentum und Heidentum." 11. „Pompejus, Cäsar, Augustus und das Judentum." 12. „Religiöse und politische Stellung des Judentums in der griechischen Diaspora und den Ptolomäern und Römern bis in die Zeit des C. Caligula."

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