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Neue Nationalzeitung · 1912-07-26 · Heft 15 (26.7.1912) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIV (1912)
Issue
Heft 15 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 „Neue National-Zeitung' Erst wenn diese und ähnliche Hauptfragen, deren jede für sich einen tüchtigen, wohlorientierten Quellenforscher und Talmudkundigen beansprucht, erschöpfend unter Berücksichtigung der neuesten Forschungen beantwortet sind; erst dann ist auch die Preisfrage: „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" gelöst. Es bedarf dann nur noch eines begabten Darstellers, der das zutagegeförderte Geschichtsmaterial zu einem Gesamtbilde vereinigt: dann aber würde man staunen über das grandiose Bild geistiger Bewegung und geistiger Höhe, welches das Judentum selbst beim Zusammenbruche seiner politischen Selbständigkeit darbot. Ich frage nun noch einmal, ob das Kuratorium der Rappaport-Stiftung, als es das hier in Rede stehende Thema ausschrieb, sich des Inhaltes und Umfanges desselben auch nur traumhaft bewußt war? Das Merkwürdige dabei aber ist, daß die ungezählten Rabbiner und Dozenten der Rabbinerseminare, die doch in der Sache stark interessiert sein müssen, es bis auf den heutigen Tag unterlassen haben, diesem im Dunkeln umhertastenden Kuratorium die Augen zu öffnen. Oder teilen auch sie die Ahnungslosigkeit des Kuratoriums der Rappaport-Stiftung? Nun die gänzliche Resultatlosigkeit der Preisausschreibungen müßte sie endlich eines besseren belehren. Ein Liebhaber der Wissenschaft. Ein Besuch bei Alfred Dreyfus. Der bekannte Herausgeber eines der verbreitesten jiddischen Tagesblätter in New-York, „Vorwärts", Herr Abraham Ka h an, befindet sich jetzt auf einer Studienreise durch Europa und sendet von hier sehr fleißig Berichte über seine Beachtungen und Interviews an sein Blatt. Im Laufe dieser Reise hat Herr Kahan auch den Kapitän Alfred Dreyfus in Paris besucht und über die aus diesem Anlaß stattgehabte Unterredung einen sehr interessanten Bericht seinem Blatte zugeschickt. Dieser Bericht ist nicht nur deswegen interessant, weil er über die gegenwärtige Lebensweise des berühmten Märtyrers Aufschluß gibt, sondern auch deswegen, weil er dessen Stellung zum Judentum, über die während seiner schrecklichen Prüfungszeit sehr ungünstige Urteile im Umlaufe waren, Wärt und die Persönlichkeit Dreyfus' nach dieser Richtung in besserem Lichte darstellt. Man schrieb ja so viel, daß sich Dreyfus als Offizier der christlichen Umgebung aufdrängte! . . . Wir wollen nun den interessantesten Teil des Artikels in deutscher Uebertragung hier wiedergeben. Herr Kahan schreibt: Beim ersten Anblick des Kapitän Dreyfus wurde ich überrascht. Seit seiner schrecklichen Märtyrerzeit sind über 18 Jahre verstrichen und er sieht jetzt ganz anders aus, als auf den damals so verbreiteten Photographien. Er dürfte jetzt kaum 50 Jahre alt sein, aber er ist schon ganz grau. Er ist von schlanker Figur, das Kinn rasiert und ein kleiner, silbergrauer Schnurbart ziert seine Oberlippe. Er trägt nur Zivilkleider. Ich habe immer davon gelesen, daß Dreyfus ein nüchterner und wortkarger Mensch sei. Das ist nicht richtig. Dreyfus sprach mit mir zwanglos, sehr lebhaft und ohne erst welche Fragen abzuwarten. Auf meine erste Frage nach seiner Gesundheit erwiderte Dreyfus: „Sehr gut! Ich habe mich von den Folgen jener schrecklichen Jahre bereits erholt." Seite 7 Wir sprachen dann lange von jenen schrecklichen Jahren. — Ich schilderte ihm die Sympathien, welche viele Millionen Menschen für ihn hegten, mit welcher Angst wir den Nachrichten über sein Schicksal entgegensahen. Dreyfus erwiderte: „Es ist mir natürlich angenehm, dies zu hören. Allein das war ja nicht meine persönliche Sache. Es war ein allgemein gesellschaftliches Drama und unser Sieg war von allgemeinem Nutzen". „Wie steht es denn heute mit dem französischen Antisemitismus?" fragte ich. „Er ist in anderen Ländern jedenfalls viel größer", antwortete Dreyfu.s „So lange Frankreich eine Republik ist, wird der Antisemitismus nichts ausrichten. Wen kümmert es denn, daß die Aristokratie die Juden boykottiert. Ich habe nie den Verkehr mit diesen hohen Sphären gesucht. Es gibt in Frankreich genug anständige Elemente, die bereit sind, für die Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen — und sie haben auch gesiegt." Bei dieser Gelegenheit erlaubte ich mir auf jene Unannehmlichkeiten hinzudeuten, welche Dreyfus von dem Straßenmob zu erdulden hatte. Dreyfus erwiderte: „Auch das ist längst vorbei. Niemand stört meine Wege. Ich zeige mich überall, ohne welche Unannehmlichkeiten zu erfahren." Sehr charakteristisch waren die Aeusserungen Dreyfus' über Henry Bernstein, denn darin zeigt sich sehr prägnant, welche innere Wandlung der einstmalige Kapitän Dreyfus in bezug auf seine Stellung zur Judenfrage durchgemacht hat. Er sagte: „Was ist denn natürlicher. Bernstein hat Talent und er ist ein Jude; er findet also Feinde und Neider. Doch es sind nur die allerärgsten Elemente im französischen Volke, die gegen ihn aufgetreten sind." Im weiteren Verlaufe des Gespräches gab Dreyfus zu, daß er an einem großen Memoirenwerke arbeite, doch werde dasselbe erst nach seinem Tode erscheinen. Mit großer Sachkenntnis und großem Interesse sprach Dreyfuß von der Revolution in Rußland. Er zeigte sich genau eingeweiht in die Organisation und Tätigkeit des russisch-jüdischen Bundes. Zwei Stunden war ich bei Dreyfus geblieben und ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß er mit sämtlichen Ereignissen im Judentum vertraut ist und für dieselben Interesse hat. SSP^SPONDeNZCN Oesterreich-Ungarn. Wien. Am letzten Sonntag wurde Max Frank begraben. Mitten aus der Karriere hat ihn der Tod gerissen, bevor er noch den Fünfziger erreicht hat. Und sie beweinten ihn alle, die Führer der Korporationen, denen der Verstorbene angehörte, des Kultusvorstandes und des Gemeinderates; sie rühmten seinen Fleiß, seinen Wohltätigkeitssinn, seine Bescheidenheit und das Ansehen, das er auch bei Gegnern genoß. Gewiß waren es diese Eigenschaften, die dem Verstorbenen, nachdem er sich in jungen Jahren von seinen Geschäften zurückzog, um sich ganz dem öffentlichen

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