Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 15 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 „Neue National-Zeitung" Seite 5 Wir wollen es vorläufig mit 60 Arbeitern versuchen. Nachdem die Schlafhäuser eingerichtet und wir mit den Leistungen der Leute zufrieden sein werden, soll die Zahl auf 150 bis 200 Arbeiter erhöht werden Wohnung mit Feuerung und Beleuchtung, Sirohsack, wollene Schlafdecke für monatlich 2-— M. Die jüdischen Arbeiter werden i n ein Qm besonderen Hause, gesondert von den andern Arbeitern untergebracht. S c h u 11 z i k, Fahrsteiger. Laurahüttegrube, den 8. Juli 1912. Die Notlage der jüdischen Arbeiter in Lodz. Wir erhalten von einem Kaufmann aus Lodz, der sich für die Kattowitzer Aktion persönlich einset2t, einen ausführlichen Bericht, dem wir folgendes entnehmen : Sehr geehrter Herr Doktor! Bis heute haben sich willige jüdische Arbeiter für die Kattowitzer Kohlengruben, 776 Mann, gemeldet, darunter 212 unverheiratete. Das Elend unter den hiesigen jüdischen Arbeitern ist unbeschreiblich. Die Leute hungern buchstäblich und sehr viele von ihnen liegen unter freien Himmel. Die obengenannte Ziffer der jüdischen Arbeiter ist ein Minimum der Brotlosen. Betreffs der Annahme der Lozder jüdischen Arbeiter in Kattowitz stoße ich noch auf große Schwierigkeiten. (Die Aufnahme erfolgt nur sehr langsam; erst wenn sich die kleinere Zahl bewährt haben wird, kann an eine Massenaufnahme geschritten werden. Die Red.) Stellen Sie sich, Herr Doktor, meine Verzweiflung vor, das Elend der jüdischen Arbeiter mitanzusehen. Sehr geehrter Herr Doktor! Da Sie seinerzeit in Lodz waren und das Elend kennen, erlaube ich mir, Sie sehr zu bitten, Sie sollen gefl. auf irgend weiche Weise, unverzüglich, vielleicht durch Ihre geschätzte Zeitung, direkt das Arbeitsamt in Kattowitz dazu bewegen, die Lodzer aufzunehmen, weil, wie Sie wissen, Herr Doktor, ist Lodz die Zentrale von Polen für Elend und Leiden. Dabei muß ich bemerken, um keine unsicheren Elemente zu bekommen, habe ich vorgezogen, nur verheiratete, ruhige Arbeiter mit langen Kitteln zu schicken. „Die Pflichten der Rabbiner." Von Rabbiner Dr. D. Feuchtwang. „Wer sich entschuldigt, klagt sich an", sagt ein Sprichwort. Ein zweites aber sagt wieder: „Wer schweigt, scheint zuzustimmen". Ich entspreche dem Inhalt des zweiten und schweige nicht. Sie haben, geehrter Herr Redakteur, in der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes an eine Notiz über eine Versammlung der französischen Rabbiner, die sich insbesondere mit der Get-Frage beschäftigte, die scharfe Bemerkung geknüpft: „Die französischen Rabbiner sind sich offenbar ihrer Amtspflichten mehr bewußt als — anderswo." Zwar weiß ich nicht, ob sie dieses ominöse „anderswo" auf Wien oder aber auf Oesterreich münzen. Ich fühle mich nicht getroffen, erachte es jedoch als meine Pflicht, den Hieb zu parieren und erwarte von Ihnen wohl richtig, daß Sie es gestatten. In Frankreich sind Staat und Kirche vollkommen getrennt. Das bringt eine von unserer völlig verschiedenen Lage der Dinge mit sich. Ich glaube zuversichtlich, daß die Rabbiner Wiens und Oesterreichs im Ganzen sich gut mit den Rabbinern Frankreichs messen können. Ich könnte literarische und historische Beweise dafür erbringen, will jedoch nicht langweilig werden, was ja nicht die Art Ihres Blattes ist, das Pikanterien selbst dann bebt, wenn dadurch Verwundungen entstehen. Wozu aber in einem Lande und in einer Stadt, in der die Rabbiner ausschließlich durch ihre Persönlichkeit Ansehen und Autorität erobern können, weil sie, wenn es gut geht, mit tiefgewurzeltem Indifferentismus, meistens aber mit entschiedener Abneigung gegen Religion und deren Lehren zu kämpfen haben, das bißchen Ansehen noch erschüttern. Sie hätten Recht, wenn Sie sagten, es fehle an solidarischem und darum autoritativen Vorgehen der Rabbiner Oesterreichs, die übrigens in Böhmen, Mähren und Schlesien koaliert sind. Sie hätten Recht, wenn Sie sagten, es fehle in Wien eine stramme Einigung aller Rabbiner. Daran aber sind, glauben Sie es mir, nicht wir schuld, wenn es auch merkwürdigerweise unter uns auch solche gibt, die eine ordnungsgemäße Einigung mißbilligen. Und das sind nicht gerade nur diejenigen, die sich allein stark genug fühlen. Dieser Kraft-Standpunkt wird ja in der Regel gerade von den Schwachen eingenommen, welche immerfort nach „Oben" — nicht zum Himmel — angstvoll blicken und den Mut nicht aufbringen, männlich und fest aufzutreten. Ob es so etwas auch n Frankreich und P: ris gibt, weiß ich nicht, vermute es aber deshalb, weil darin die ganze Welt eine Stadt ist. Feiglinge und Leisetreter gibt es überall. Erfüllen deshalb die Rabbiner Oesterreichs und Wiens ihre Pflicht nicht? Treffen sie ihre religiösen Entscheidungen nicht nach Brauch und Gesetz? Kümmern sie sich nicht intensiv um den Religionsunterricht, dem sie mit lobenswerten Eifer und noch immer gutem Erfolge obliegen? Können sie dafür verantwortlich gemacht werden, wenn auf diesem sehr empfindlichen Gebiete etwas zuviel experimentiert wird, aber nicht von ihnen. Aber selbst diese Experimente, wenn sie uns glücken, sind doch oft ein Beweis von ehrlicher Sorge um die Sache, oder können es wenigstens sein. Sind die Rabbiner Wiens und Oesterreichs nicht hundertfach in Anspruch genommen? Werden an die Rabbiner Wiens nicht die strengsten Maßstäbe angelegt sowohl in Hinsicht ihrer Kanzelberedsamkeit und wissenschaftlichen Betätigung als ihres öffentlichen Lebens und Wirkens? Ich lade Sie ein, drei Tage in meinem Studierzimmer zuzubringen und mitanzusehen und anzuhören, wie da die Türe nicht stille steht und Hilfesuchende in Herzensnot, Familiendrangsal in seelischer und materieller Richtung einander folgen; wie Angehörige selbst der besten Stände und aus vornehmsten Kreisen gerade den Rabbiner um Rat fragen, weil auf Anteilnahme anderswo wohl nicht zu rechnen ist. Unser Amt ist noch immer ein ethisch geachtetes und darf nicht so gering eingeschätzt werden, als es leider häufig genug geschieht. Daß wir durch und mit unserem Amte auch Geld verdienen müssen, mag traurig sein, namentlich dann, wenn es zur Bestreitung eines nur einigermaßen dem Stande und seinen Pflichten entsprechenden Lebens nicht ausreicht, ist aber für einen rechtschaffen Denkenden so selbstverständlich, daß darüber zu reden unrechtschaffen wäre. Welche materiellen und seelischen Opfer wir bringen, täglich