Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIV (1912)
- Issue
- Heft 14 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Gemeindemitglieder resp. ihrer Angehörigen in die Austrittsliste der Kultusgemeinde gar nicht aufgenommen werden. Wir sehen ab von den Fällen, daß sich in Wien ansässige Personen ins Ausland begeben, um sich dort taufen zu lassen, wie dies beispielsweise jüngst ein Herr Sigmund Kassowitz, Kleiderfabrikant, I,. Gonzagagasse Nr. 9, getan hat, der sogar bis nach Frankfurt a. M. fuhr, um dort vom Judentum „auszutreten". Wir meinen vielmehr diejenigen Fälle, wo die betreffenden Täuflinge im Inlande, ja zumeist in Wien selbst sich taufen lassen, ohne daß sie in die Austrittsliste hineinkommen. Unsere Leser dürften sich erinnern, daß dies vor einigen Jahren mit einem Ministerialrat, einem Universitätsdozenten und einem Regimentsarzt der Fall war. Nun wiederholen sich diese Fälle in Wien immer mehr. Vor einigen Wochen ist die Tochter eines verstorbenen jüdischen Gemeinderates mit ihrem konfessionslosen Gatten zum Christentum übertreten, weil derselbe eine Anstellung bei der Wiener Kommune erhielt; vorige Woche hat sich die Tochter eines jüdischen Regierungsrates, der in der Liste der Kultussteuerzahler figuriert, in einer katholischen Kirche trauen lassen. Trotzdem sind diese beiden Damen in der Austrittsliste nicht zu finden. Am letzten Sonntag war in einem Tagblatt zu lesen, daß sich, wie unser Blatt vor mehreren Wochen angekündigt hat, die Enkelin des verstorbenen David v. Gutmann mit einem christlichen Offizier (Oberleutnant der Artillerie Otto Krause) vermählt hat. Allein die Brautmutter, Frau Mathilde v. Gütmann, die Schwester jenes Baron Günzburg aus Petersburg, dessen Tod die gesamte russische Judenschaft so tief beklagt hat und der sich durch seine Töchter Kadisch sagen ließ, diese Frau v. Gutmann hat bezeichnender Weise vergessen, anzugeben, w o ihre Tochter getraut wurde. Und dadurch erscheint trotz aller Entrüstung des Gutmann'schen Hofmeisters und des Pauschalorganes der Kultusgemeinde unsere Behauptung nur bekräftigt, daß das Fräulein v. Gutmann, die Enkelin des Präsidenten der Israel. Allianz, aus dem Judentum ausgetreten ist, und daß dieser Austritt ebenso wie in den zwei vorhergenannten Fällen in der Austrittsliste verschwiegen wurde. Wenn nun dem Präsidenten Dr. Stern um den moralischen Effekt der Austrittshste zu tun ist, dann ist es seine Pflicht, dafür zu sorgen, daß gewisse Machinationen nicht vorkommen. Es muß die Protektionswirtschaft aufhören, die darin besteht, daß gewisse Kultusvorsteher, darunter auch ein Mitglied des Präsidiums, in einzelnen Fallen das Matrikelamt anweisen, Ausgetretene aus der Liste wegzulassen. Viele Täuflinge entgehen auch dadurch der Publikation, daß sie dem betreffenden Kultusvorsteher plausibel machen, ihre Taufe sei nur ein Scheinakt, den sie zur Erlangung eines Passes nach Rußland vornehmen lassen. Und diese angeblichen Scheintaufen werden von der Kultusgemeinde dadurch gefördert, daß man diesen Renegaten Stillschweigen zusichert . . . Ist dieser Zustand einer Großgemeinde würdig? Wir erwarten, daß Herr Dr. Stern nunmehr den Manipulationen mit der Austrittsliste die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden wird. Der Stiftungspreis des Dr. Max Grunwald. Wir wenden uns nun einem wichtigen Ereignisse im jüdisch-wissenschaftlichem Leben zu: Der Kultusvorstand hat den Stiftungspreis der Dr. Moritz Rappaport'sehen Stiftung von K 3000*— über einhelligen Antrag der Preisrichter dem Wiener Prediger Dr. Max Grunwald für seine Arbeit „Samuel Oppenheimer und sein Kreis" zuerkannt. Die Vergebung dieses Preises ist bei der Sterilität, die auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft in Oesterreich herrscht, ein beachtenswertes Ereignis. Hat doch der verstorbene Bankier Dr. Jakob Rappaport die Absicht gehabt, mit der von ihm im Jahre 1882 auf den Namen seines Vaters Dr. Moritz Rappaport unter Anlegung eines Kapitals von fl. 10.000-— (K 20.000-—) ins Leben gerufenen Stiftung dieser förderungsbedürftigten Wissenschaft neue Impulse zu geben, und angesichts der stiefmütterlichen Behandlung, welche die jüdische Wissenschaft selbst bei den jüdischen Kultusgemeinden findet, Jüngern der jüdischen Wissenschaft Gelegenheit zu geben, eine materielle Anerkennung ihrer Arbeit zu finden. Im Stiftungsbrief werden die dreijährigen Zinsen (K 2400-—) für „Schriften und Abhandlungen, welche die Juden betreffen, insbesondere historischen oder sozialpolitischen Inhaltes" bestimmt. Welche Fülle von Themen eröffnet sich da dem Kenner der jüdischen Geschichte und sozialpolitischen Seite des jüdischen Lebens! Allein die Bestimmung der Themen liegt in der Hand einiger Rabbiner und einiger Advokaten, die den pulsierenden jüdischen Leben fremd gegenüberstehen und die für die Anforderungen der jüdischen Geschichtswissenschaft kein Verständnis besitzen. Und so sehen wir eine Reihe von Themen, die von dem Willen des Stifters ganz abweichen, andrerseits durch ihre ungeheuren Anforderungen an das Wissen und Arbeitskraft der Bewerber eben ohne Bewerber bleiben. Nehmen wir beispielsweise ein Thema, wie „Die Geschichte der jüdischen Apologetik". Dieses Thema wurde das erste Mal im Jahre 1898, zum zweitenmale im Jahre 1901 ausgeschrieben. Wohl meldeten sich einige Bewerber, doch der Preis wurde nicht verliehen. Ebenso fand das Thema „Die Geschichte des jüdischen Volksschulwesens in Oesterreich" vom Jahre 1901 keinen Bewerber. Ein weiteres Thema „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" wurde im Jahre l-*05 vergeblich und im Jahre 1909 neuerlich ausgeschrieben. Die einzelnen Themen mögen wohl historischen Inhaltes sein, ein sozialpolitisch esThema wurde im Laufe der 30 Jahre überhaupt noch n i e ausgeschrieben. Und doch dachte der Stifter daran, er dachte sogar vorwiegend daran. Der Stifter Dr. Jakob Rappaport, der in Galizien geboren war und das jüdische Massenelend aus eigener Wahrnehmung kannte, dachte gewiß daran, daß einmal auch im Rahmen des von ihm gestifteten Preises die soziale Lage der jüdischen Bevölkerung, ihre Lebensweise, ihr Erwerb, ihr Klassenaufstieg, ihre Berufsgliederung geschildert werden. Der selige Dr. Rappaport hat offenbar nicht gewußt, daß die Zusammensetzung des Wiener Kultusvorstandes für die richtige Würdigung seines Stiftungswillens keine Gewähr bietet, daß in dem Kuratorium seiner Stiftung Männer sitzen werden, die wohl Satzschriften verfassen, aber keine wissenschaftlichen Themen ausschreiben können. Bei dem vorhergesagten darf es also nicht Wunder nehmen, wenn dieses Kuratorium