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Neue Nationalzeitung · 1909-07-30 · Heft 16 (30.7.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 16 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 16 Seine „Hatoras haraah" hatte er von seinen beiden großen Lehrern, dem „Chavas daas- und Rabbi Akiba Eger. Er hat jedoch das Seelsorgeramt niemals ausüben wollen, sondern vorgezogen, als Lehrer sein Leben zu verdienen. Auf Empfehlung des Präger Rabbiners Rappoport, in dessen Hause er als Erzieher gewirkt hatte, kam er nach Ungarn als Erzieher der Söhne des Prtßburger Rabbiners Rabbi Mosche S o f e r und von da, nach Vollendung seiner Aufgabe, in gleicher Eigenschaft in das Haus F i s c h h o f in Altofen. Der österreichische Politiker Dr. Adolf Fischhof war sechs Jahre lang meines Vaters Schüler und Zögling gewesen und von ihm in Privatunterricht bis zum Obergymnasium gefördert worden. Mein Vater war ein streng frommer Jude der Ueberlieferung und von seinem hebräischen und talnudischen Wissen legen seine Bücher in hebräischer Sprache dauerndes Zeugnis ab. Er selbst erteilte mir den ersten hebräischen Unterricht und ich war noch nicht neun Jahre alt, als ich unter seiner Leitung zum erstenmal den Pentateuch durchgenommen hatte. Mein Vater nannte mich zuhause nur Simcha und der Vorname „Max" wurde bloß vor Fremden angewandt. Aber ich verletze die Ehrfurcht nicht, die ich dem Andenken meines Vaters schulde, wenn ich diesen kleinen Zug als bezeichnend für die ganze Richtung und Stimmung der Generation anführe, der mein Vater angehörte. Er war der typische Jünger der „Haskala". Er war „Maskil" durch und durch; persönlich noch ganz durchtränkt von der Schulchan Aruch- Orthodoxie, aber zugleich auf Emanzipation erpicht, leidenschaftlich patriotischer Preuße zu einer Zeit, wo er in seinem Preußischen Vaterlande noch keinerlei Bürgerrechte hatte und von der berühmten „Mission des Judentums" schwärmend, die im Gemüte seiner Generation den leeren Platz des von den Lehren Mcndelsohns verdrängten jüdischen Volksbewußtseins einnahm. Die Folge war denn auch, daß er seinen Zöglingen wohl hebräische Kenntnisse, aber kein jüdisches Nationalgefühl beibringen konnte, wie denn auch die Fischhofs, um nur diese zu nennen, teils Musterassimilanten wurden, teils sich glatt taufen ließen und ich selbst durch eine Assimilationsphase ging, aus der ich mich nur mit großer geistiger und sittlicher Anstrengung losringen konnte. Ich besuchte in Pest zuerst die jüdische Normalschule in der Pfeiffergasse, wo meine ersten Lehrer, der treffliche Ignaz Reich, der trockene und bei seiner fast unmenschlichen Strenge sehr unbeliebte Krön, der gutmütige Weiß und Engel, ein Christ, waren. Weshalb die Judengemeinde damals den Christen Engel anstellte, ahne ich nicht. Ich weiß nur, daß das Verhältnis dieses einen Christen zu seinen jüdischen Kollegen im Lehrkörper und zu seinen ausschließlich jüdischen Schülern das denkbar Vertrauens- und liebevollste war und daß wir auser unserem Ignaz Reich keinem unserer Lehrer so innig anhingen, wie unserem Engel. Nach der Normalschule frequentierte ich das katholische Staats- und von der fünften Klasse ab das kalvinistische Gymnasium, wo ich auch die Reifeprüfung ablegte. An beiden Gymnasien waren einige meiner Lehrer getaufte Juden und es ist mir im Gedächtnis geblieben, welchen sittlichen Ekel diese Renegaten durch ihre Arroganz, ihren ungarischen Chauvinismus und ihren Antisemitismus, der doch damals noch gar nicht Mode und deshalb für sie nicht obligatorisch, mir und nicht nur mir, sondern auch einigen lieben christlichen Mitschülern und Freunden, die ich nennen könnte, einflößten. Während der Gymnasialzeit empfing ich von einem rührend bescheidenen, milden Gelehrten, Herrn Freudenberg, zusammen mit einem geliebten Jugendfreund, der sich später tapfer taufen ließ, Talmud-, und von Herrn Mannheimer echt assimilatorischen „israeliti-chen" Religionsunterricht, der wesentlich im Auswendiglernen des „vom großherzoglich badischen Konsistorium approbieren Katechismus der mosaischen Religion" bestand und bei allen meinen Kameraden, wie bei mir selbst, der Gegenstand des Hohns und Widerwillens war, unbeschadet unserer Gefühle für den persönlich sehr achtbaren und wohlwollenden Herrn Mannheim cr. Wie ich dann die Universität bezog und dort meine medizinischen Studien vollendete, wie ich früh für mich und die Meinen an Erwerb denken mußte und ihn in den Redaktionen zuerst kleiner Blätter, dann, von meinem achzehnten Jahre ab, des „Pester Lloyd" fand, wie ich im Frühling 1873 Pest verließ, um in der Folge nur noch tinige Winlermonate des Jahres 1875 und 16 Monate zwischen dem Spätherbst 1878 und dem Frühling 1880 in meiner Geburtsstadt zu verbringen, die ich seitdem nie wieder gesehen habe, ist nicht interessant. Lange Jahre hatte ich an meinem gegenwärtigen Wohnorte Paris keinerlei lebendige Berührung mit dem Judentume und das einzige Band, das mich an meinen Stamm knüpfte, war außer der werktätigen Frömmigkeit meiner Mutter ein genealogischer Stolz, der mich in meiner Empfindung den Erben des vornehmsten Blutes gleichstellte. Erst der tobende Antisemitismus weckte mich wieder zum Bewußtsein meiner Pflichten gegen mein Volk und die Initiative meines teueren Freundes H e r z 1, zu dem ich während seines Pariser Aufenthaltes in nahe Beziehungen getreten war, zeigte mir den Weg, den ich zur Erfüllung dieser Pflichten einzuschlagen hatte. Ich hoffe mit ganzer Seele, daß der Zionismus dem jüdischen Volke die Erlösung bringen wird. Mir hat er schon das Bewußtsein gegeben, daß mein Leben einen Zweck und Inhalt hat und das ist in einer Zeit moralischer Anarchie und Haltlosigkeit ein so köstlicher, sittlicher Besitz, daß er schon für sich allein jede Anstrengung wert ist und für alle Niedrigkeiten gänzlich bedenkenfreier Feinde reichlich entschädigt. Paris, 20. Juli 1909. Prof. Dr. M. Grünfeld: „JVIatf Jlordaas zionistische Schriften".*) Zum 00. Geburtstage Nordaus, am 29. Juli dieses Jahres, haben seine Gesinnungsgenossen dessen zionistische Schriften herausgegeben und an der Pforte des stattlichen Bandes grüßt uns das wohlgetroffene Bild des Verfassers, seine energischen Züge, den geistreichen Denk^rkopf vortrefflich wiedergebend. Mit Recht kann man diese Reden, Aufsätze, diese polemischen und apologetischen Worte in Sachen des Zionismus als ein Quellenwerk für die neueste Geschichte des Judentums bezeichnen. Ein Porträt bietet es uns dar d'^r Gegner und Freunde der zionistischen Bewegung, einen Spiegel, in dem wir die mannigfaltigsten Gestalten erschauen, die Zweifler und Nörgler, die Egoisten und die Mutigen, die Satten und die Hungrigen. *) Jüdischer Verlag, G. m. b. H., Köln-Leipzig, S. 402.

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