Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 20 (20.5.1940)
- Date
- 1940-05-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JODISCHE WELT-RUNDSCHAU 20. Mai 1940 Die Woche Rückt der Krieg naher? Die Ereignisse in Holland und Belgien werden in Palästina mit grösster Erregung ver- - folgt. Zugleich fragt man sich, ob die Stunde für^eine Erweiterung des Kriegsschauplatzes und Einbeziehung des Mittelmeeres geschlagen hat. Alle Aufmerksamkeit ist auf. Italien gerückt. In den letzten Monaten haben italienische Schiffe und Pluglinien den Verkehr Palästinas mit der Aussenwelt zu einem grossen Teil bestritten. Die Konsequenzen eines Eintritts Italiens in den Krieg wären für Palästina sehr weitreichend. Allerhand .Gerüchte wie z. B. über die Vorauszahlung von Gehältern in italienischen Banken, durchlaufen das Land. Die Juden sind aber entschlossen, in jedem Fall ruhiges Blut und starke Nerven zu behalten. In einer Situation wie sie heute entstanden ist, gibt es keine Sicherheit. Luftschutzvorkehrungen In Haifa gab der Distrikts-Kommissär den Vertretern der jüdischen und sodann der -arabischen Gemeinschaft 'Anweislungen über Luftschütz-Vorkehrungen. Er setzte auseinander, dass in der letzten Zeit eine Anzahl von Unterständen errichtet worden sind, ferner Verstärkung der Wasserpumpen im Fall von Bränden, Verstärkung der medizinischen Vorkehrungen und Hilfsposten. Eine zwangsweise Evakuierung von Haifa sei derzeit nicht beabsichtigt, doch wird die Regierung für Zivilpersonen, die die Stadt zu verlassen wünschen, Transportmittel zur Verfügung stellen. Der Distrikjskommissar erklärte, in ökonomischer Hinsicht bestehe keine Gefahr, denn im Falle einer Schliessung des Mittelmeeres könne das Land von Osten , her versorgt werden. Das Notzeit-Komitee der jüdischen Gemeinde Haifa hat sodann beschlossen, der Regierung verschiedene Vorschläge zu unterbreiten, z. B. die Errichtung von Luftschutzkellern in verschiedenen Häusern in Hadar Hakarmel. Auch in Tel-Aviv hielt der Sicherheits- Ausschuss der Stadtverwaltung eine Sitzung ab, wobei Versorgungsfragen sowie die Organisation der Bürgerwehr besprochen wurde, rungen für Evakuierung « der Städte etc. Die hebräische. Presse befasst sich eingehend mit der militärischen Lage Palästinas und stellt Fragen an die Regierung. Welche Vorkehrtingen, so schreibt „Davar", sind gegen Luftangriffe getroffen? Gibt es Gräben, Schutzwälle, Gasmasken? Warum wird die Bevölkerung nicht informiert und instruiert? Andere Fragen der Presse betreffen eventuell Vorkeh- Rabbiner Dr. Max Dienemann zum Gedenken Eine kleine Gemeinde von nächsten Angehörigen und Freunden des am 7. Tag Pessach vorigen Jahres in TekAviv verstorbenen Rabbiners Dr. . Max Dienemann fand sich dieser Tage in Nachlat Jizchak zu einer schlichten Gedenkfeier ein. Ein einfacher Stein bedeckt das Grab, in dem einer der besten religiösen Führer des deutschen Judentums seine Ruhe gefunden hat und nennt ausser dem Namen nur seine bei- . den Gemeinden Ratibor und Offenbach. Rabbiner Dr. Paul Lazarus (früher Wiesbaden) fand herzliche Worte des Gedenkens. Die ganze Tragik dieses so plötzlich abgeschnittenen Lebens stand aufs Neue vor den Augen der Freunde Max Dienemanns. Wenige Wochen nur war es ihm vergönnt gewesen, in Erez Israel zu leben. Die Haft im Konzentrationslager hatte seine Gesundheit untergraben. Im Lande war er ein fast Unbekannter geblieben. Nur die Freunde und die hier ansässigen Mitglieder seiner früheren Gemeinden wissen von der Bescheidenheit, Rechtlichkeit und Selbstlosigkeit dieser starken religiösen I Persönlichkeit. Und auch die sachlichen Gegner wer- •den bezeugen, dass dieser unerschrockene Vorkäm- pfer eines religiös-fortschrittlichen Jduentums über ein jüdisches Wissen verfügte, das weit über das sonstige Mass des deutschen Rabbiners hervorragte. Vor allem aber war Dienemann eine Klarheit der Gedanken eigen, die alle seine Aufsätze und Schriften (vor allern sei sein „Judentum und Christentum" genannt) auszeichnete, und die die Zeitschrift „Der Morgen" nach Julius Goldsteins Tod unter seiner Redaktion auf ein hohes Niveau hob. Dienemann war kein Zionist. Wollte man ihm in Palästina in den ehemaligen Lagern der innerjüdischen Auseinandersetzung des deutschen Judentums einordnen, so wäre sein Ort — schon lange vor Gründung der erweiterten Jewish Agency — in den Reihen der „Non-Zionists" zu sehen. Es gibt aus dem Jahre 1928 einen noch heute in vielen Teilen aufschlussreichen Aufsatz Dienemanns über seine Stellung zum Nationaljudentum und Zionismus; „Galuth" (im „Morgen"). Er bekennt sich dort „persönlich dem Palästinawerk voll zugewandt" und hält es für eine grosse, heilige und starke Aufgabe der Gesamtjudenheit. Im Sinne dieses Bekenntnisses hat er für Palästina, das er öfters besucht hat, gearbeitet und hat liebevolle Kritik geübt: „Wir sehen in den sozialen Versuchen im heutigen Erez Israel nichts, was palästinensischen und jüdischen Ursprungs ist". Für seinen dauernden Aufenthalt im Lande, dem er mit grosser Freude entgegen sah, hatte er bestimmte Pläne, die nun leider nicht reifen sollten, deren Grundgedanke jedoch Dienemann überdauern wird: „Aus seiner Überzegung handeln und Gott allein als Wirkenden bekennen". K. WILHELM. Der Gedenktag AnlässLich des vom Waad Leumi verkündeten Gedenktages für die 634 Gefallenen der palästinensischen Unruhen 1936—39 fanden im ganzen Lande am 12. Mai Versammlungen und Feiern statt. Um 11 Uhr vormittags wurde ein zweiminutiges Schweigen beobachtet, wobei aller Verkehr in den jüdischen Gegenden unterbrochen wurde. Am eindrucksvollsten war dieser Stillstand in Tel-Aviv, wo die ganze Stadt diese 2 Minuten Ruhe durchführte. Feiern wurden auch auf den Friedhöfen ,an den Gräbern der Gefallenen in den grösseren Städten abgehalten. Überall wurden Ansprachen gehalten, woran sich führende Juden und auch Mitglieder des Rabbinats beteiligten. In Jerusalem sprach auf dem Oelberg an den Gräbern der Gefallenen (nach Verlesung einer Gedenkrede von Berl Kalznelson) Rabbi Usiel und der Leiter des Politischen Departments der Jewish Agency, Mosche Schertok. Schertok betonte, dass trotz allen Prüfungen der Jischuw Ende 1939 stärker dastehe als Anfang 1936. Jetzt, so fuhr - er fort, erleben wir einen viel gewaltigeren Konflikt, der die .Zukunft der ganzen zivilisierten Menschheit betrifft und ebenso die Existenz der Juden als eines Volkes in Europa. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass* unser Kampf in diesem Lande i.uch dannn noch weitergehen' wird, wenn die Freiheit in Europa bereits gesiegt hat. Uns genügt es nicht, weiterzuleben, wenn wir Knechte bleiben sollen; wir fordern unseren A/iteil an der menschlichen Freiheit. Diese Gräber heiligen unser Recht, uns und unsere Zukunft zu verteidigen, — so schloss der Redner. — In einem von der jüdischen „Liga für jüdisch-arabische Zusammenarbeit" veranstalteten Gedenkfeier sprach Dr. Ernst Simon unter der Devise „Von .gegenseitiger Vernichtung zu gemeinsamem Aufbau". Jede Sache, so führte er aus, die den Hass vergrössert, ist eine Niederlage für beide Völker, und wenn wir von dem Trauertag um die Opfer zu einer allgemeinen Amnestie gegenüber Todesurteilen kommen könnten, wäre das ein grosser Sieg. Aus der Chronik Elieser Kaplan, Schatzmeister der Pälsatina-Exekutive, hat sich von England nach Amerika begeben, um die Verhandlungen wegen einer Anleihe für die Jewish Agency weiterzuführen- Dr. Weizmann, der gleichfalls nach Amerika zu reisen beabsichtigte, hat wie berichett wird, seine Abreise wegen der neuen politischen Lage in England verschoben. Anlässlich Churchills Berufung zum Premierminister zitieren jüdische Zeitungen Palästinas einen Brief, den er 1906 an einen Juden in Manchester geschrieben hat. Darin spricht Churchill sein volles Verständnis für den Zionismus aus, der für das zerstreute Volk eine gesicherte Heimstätte,, unter der Flagge der Toleranz und der Freiheit postuliert. Dies, so sagt er, muss für die Juden viel attractiver sein als Kolonisation in irgendwelchen fernen Kontinenten. „Ich werde, so schrieb Churchill damals, alles tun was ich kann, damit diese Vision erhalten und erfüllt wird". Die Stadtverwaltung von Haifa wurde neu zusammengesetzt und besteht jetzt aus 4 Juden, 4 (arabischen) Christen und 2 Moslems. Zwei Araber wurden dem jüdischen Bürgermeister als Stellvertreter beigegeben. Infolge der nervösen Stimmung der letzten Tage haben Waren wie zu Kiregsbeginn ungerechtfertigte Preiserhöhungen verschiedener Lebensmittel zu verzeichnen, und die hebräische Presse verlangt Einschreiten der Regierung gegen Preistreiber. Es wird versichert, dass zu Angstkäufen kein Grund ist, da die Versorgung des Landes durch grosse Vorräte sichergesteellt ist. Zu Ehren des früheren High Commissioners Sir Arthur Wauchope wurde in der (grösstenteils von Juden aus Deutschland bewohnten) Rassco-Siedlung Kfar Shmaryahu der Hügel, auf dem mitten in dem von Wauchope gestifteten Park das dem Andenken Shmarya Levins geweihte Volkshaus (Beth Levin) steht, „Tel Wauchope" genannt. Wauchope war ein persönlicher Freund von Shmarya Levin gewesen. In einem Brief an die Gemeindeverwaltung hat er seinen herzlichen Dank für die Verbindung seines Namens mit dem Levins ausgesprochen. Einige jüdische Soldaten aus Rhodesien, die mit der Expeditionstruppe von dort in Palästina eingetroffen sind, haben mehrere Keren Kajemet-Bäume auf den Namen des anglikanischen Geistlichen Rev. Hanbrock gepflanzt zum Dank dafür, dass er für die Veranstaltung eines Sederabends an Bord des Transportschiffes Sorge getragen hat. Die holländischen Juden in Palästina haebn kurz vor dem EintjU der Deutschen in Holland ein Komitee unier dem Vorsitz von Bankdirektor S. Hoofien gegründet, das die Einwanderung von holländischen Juden nach Palästina fördern sollte. Unter der Führung von Mri. Rose J a c o b.s, die diese Woche von Palästina nach New York zurückkehrt, besichtigte die Gattin des High Commissioners Lady Mac Michael das Hadassa-Hospital auf dem. Scopus und die Henrietta Szold- Schwesternschule. Anlässlich des 50. Jahrestages der Legalisierung des Chowewe-Zion - Verbandes (Odessaer Komitee) im zaristischen Russland fand in Tel Aviv eine Feier statt, an der einige Überlebende jenes Ereignisses als Redner teilnahmen, darunter Ussischkin und Prof. Josef Klausner. In einer Sitzung in Haifa wurden Massnahmen für die Berufsausbildung jüdischer Matrosen besprochen. Die Arbeit wird von der maritimen Abteilung der Jewish Agency zusammen mit den jüdi-. szchen Schiffsgesellschaften durchgeführt. Zunächst werden 400 Eleven eingestellt. Eine Expedition der Botanischen Abteilung der Universität Jerusalem begab sich nach Ägypten, um die Vegetation der Sinai-Wüste zu studieren. Die Histadruth (Jüdische Arbeiterorganisation Palästinas) sandte ein Glückwunschtelegramm an die Britische Labour-Party, anläss.- lich deren Eintritt in die englische Regierung. ZuLagbe'Omer werden in diesem Jahre wieder die Feierlichkeiten am Grabe Simon ben Jochais in Meron und Meir baal Ness in Tiberias stattfinden, die in den letzten 4 Jahren wegen der Unruhen unterblieben sind. Aus der Wirtschaft Die Ellern Bilanz. Im Einklang mit der allgemeinen Entwicklung zeigt die Bilanz der Ellern's Bank Ltd. eine Verkleinerung der meisten Ziffern. Trotzdem machen die flüssigen Mittel jetzt ungefähr 55% der täglichen Fäligikeiten aus gegen 45% im letzten Jahr. Wie im Bericht der Direktoren ausgeführt, hat sich die Bank schnell den durch den Krieg geschaffenen .Bedingungen angepasst. Obwohl der Gewinn höher war als im letzten Jahr, wurde die Dividende nicht erhöht, sondern statt dessen ein Betrag von LP. 500.— zur offenen Reserve hinzugefügt. Ausserdem wurden in der üblichen Weise reichliche stille Rückstelllungen vorgenommen. Das Aktienkapital ist im Laufe des Jahres um 20.000 shares ä LP. 1.— erhöht worden. Ausgegeben sind 50.000 Aktien, auf welche LP. 31.000.— eingezahlt sind. Das Geschäft hat sich im Jaulenden Jahr zufriedenstellend entwickelt, insbesondere auf kommerziellem Gebiet. Naturgemäss hat die infolge des Krieges erlassene Devisengesetzgebung das Effekten- und Devisengeschäft sehr beeinträchtigt. Die Bank hat jedoch einen Ausgleich in Ausweitung des kommerziellen Geschäftes gefunden. ..^ Im Februar 1940 wurde im Geschäftszentrum des Mount Carmel eine Agentur eröffnet, wo bisher keinerlei Bankdienst zur Verfügung stand. Der Jahresbericht der Bank erwähnt weiter, dass die Tochtergesellschaft NECIT LTD. zufriedenstellend gearbeitet hat. 60 % Liquidität bei der JAPHET BANK. Diese grösste Privatbank Palästinas legt soeben ihren Jahresabschluss per 31. Dezember 1939 vor, dem wir folgende interessanten Ziffern entnehmen: /Bei einem voll eingezahlten Aktienkapital aind Reserven in Höhe von zusammen LP. 57.200 verfügt die Bank über Depositen von LP. 373.000, während die Kassenbestände und Bankguthalben, also liquide Mittel erster Ordnung, LP. 213.000 betragen. Ausleihungen .beziffern sich auf LP. 143.000, während der geringe Bestand in Diskontwechscln in Höhe von ca. LP. 27.800, die zum grösseren Teil aus Akzepten des Keren Kajemeth und sonstiger nationaler jüdischer Institutionen be- . stehen, darauf hinweist, dass sich die Bank von den Risiken, die in der heutigen Zeit mit der Diskontierung gewöhnlicher Handelswechsel zwangsläufig verbunden sind, zurückgehalten hat. Im Zusamenhang mit dem generellen Rückgang der Depositen aller palästinensischen Banken, hat sich diese Zifter auch bei Japhet gegenüber dem Vorjahr entsprechend verringert. Auf der anderen Seite wurden Guthaben dieser Art von den Anlagekunden der Bank in erster Linie in hochverzinsliche Effektenanlagen umgewandelt. Als bemerkenswertes Ergebnis der Bilanz springt die erhebliche Liquidität von 60% ins Auge, das Ergebnis einer von diesem Unternehmen schon seit Jahren verfolgten Politik grosser Kassehaltung, die es ermöglichte, dass die Bank die für das gesamte palästinensische Bankwesen schwierigen Kriegsausbruchstage mit Leichtigkeit überstehen konnte. Wie im Vorjahr verteilt die Bank 6% Dividende. Zur Zeit werden bei den einzelnen Zweigstellen des Unternehmens in. Jerusalem, Tel-Aviv und Haifa insgesamt 87 Personen beschäftigt.