Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 20 (20.5.1940)
- Date
- 1940-05-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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20. Mai 1940 JODISCHE WELT-RUNDSCHAU Seit« 5 Zu Herzls 80. Geburtstag Von Adolf Pollak (Tel-Aviv). Der Werdegang Herzls zum Politiker und Staatsmann ist ein interessantes Kapitel seines wunderbaren Lebens. Bis zu seinem einunddreissigsten Lebensjahr lag ihm die Politik fern. Sagt er doch selbst, dass er bis zu seiner Übersiedlung nach Paris sie verachtet hat. Aber die vier Jahre in Paris, s,eine Tätigkeit als Berichterstatter der „Neuen Freien Presse* waren eine hohe Schule der Politik für ihn. Was er dort gelernt hatte, wurde für sein spateres Wirken ivon grösster Bedeutung. Herzls vorzionistische politische Anschauungen lassen sich schwer in ein parteipolitisches oder weltanschauliches Schema der damaligen Zeit pressen. Er stand weit über der durchschnitts-liberalen Tendenz des Blattes, dessen Mitarbeiter er war. Am besten lässt sich seine Anschauung als „hoher Freisinn" bezeichnen. Er hat manches Kritische über die Demokratie gesagt, die „in ihrer Gleichmacherei soweit geht, dass sie alles dem Erdboden gleichmacht, so dass es der kommende Cäsar dann sehr leicht hat". So kritisch das für die damalige—und vielleicht auch für unsere — Zeit klingen mag, die Entwicklung .hat ihm in manchem Recht gegeben und seine Voraussicht hat sich erschreckender Weise als nichtig erwiesen. In seiner Betrachtung konstitutioneller und parlamentarischer Einrichtungen steht er immer über den Dingen und betrachtet sie von einem hohen Niveau. Er glaubt, dass die modernen Völker durch Verkehr, Sitten und Kultur für die reine Demokratie nicht geeignet sind und später immer ungeeigneter dafür sein werden. Im politischen Leben gäbe es nur wenige Fragen, die mit einem einfachen „Ja" oder "Nein" beantwortet werden können. Herzls kritische Vorurteilslosigkeit flösstc ihm einen besonders starben Widerwillen gegen Berufspolitiker und Parlamentsdebatten ein. Er wusste jedoch den Wert der gesunden, organisch gewachsenen demokratischen Einrichtungen zu schätzen, und er hat dies bei der Schaffung der zionistischen Bewegung bewie- SeiDer jüdische Renaissancegedanke, der ihn so mächtig ergriff, befruchtete seinen Geist und seine Phantasie. Jene grandiose Konzeption, die er zuerst in der Denkschrift an die Familie Rothschild und später im „Judenstaat" niederlegte, zeigt uns wie aus dem politischen Denker allmählich der konstruktive Staatsmann entsteht. Seine Erkenntnis: „dass die Politik eines Volkes, besonders wenn es in der Welt verstreut ist, mit Imponderabilien gemacht werden muss, die hoch in der Luft schweben" oder: „durch unsere zweitausendjährige Verstreuung sind wir ohne einheitliche Leitung unserer Politik geblieben und das halte ich für unser Hauptunglück, das hat uns mehr geschadet als alle Verfolgungen" — haben nichts von ihrer überzeugenden Stärke eingebüsst. Auch die Konklusionen, zu denen er gelangte, haben -sich als richtig erwiesen, und manche haben auch heute noch ihre Gültigkeit. Die Judennot als treibende Kraft zur Organisierung der Judenheit für ein ideelles und nationales Ziel war Herzls erster politischer Gedanke. Dass die Mächte der Welt, denen das Judenproblem dauernd Schwierigkeiten bereitet, für einen solchen -Gedanken Verständnis hatten, hat Herzl durch seine Verhandlungen mit ihnen bewiesen. So phantastisch der heutigen Generation die Pläne und Verhandlungen Herzls mit der Türkei erscheinen mögen, auch diese hatten damals einen durchaus realpolitischen Kern. Die finanzielle und wirtschaftliche Hilfe an das türkische Reich als Kompensation für den „Charter" lag im Ik -eich der Möglichkeiten — wenn die Jude*- 'i&afür Verständnis gehabt hätten. Dass 1 —gerade durch seine Verhandlungen mit osmanischen Regierung — sich über die ^esamtsituation dieses „sterbenden Reiches v on damals im klaren war, beweisen nicht nur svine Bemerkungen in den Tagebüchern, sondern auch die Änderung politischen Pläne, seine Verhandlungen mit England über die Sinaihalbinsel und Uganda. Der Staatsmann Theodor Herzl wuchs mit seinem Werk. Nicht mit Unrecht konnte Max Nordau in seiner Gedenkrede auf dem siebenten Kongress sagen: „Was Werzl in den Jahren seiner Volksführung an Staatsgedanken und diplomatischen Plänen hervorbrachte, würde genügen um zehn Ministern eingerichteter Normalstaaten die Unsterblichkeit zu sichern". Obwohl die zionistische Idee und Politik ihn vollständig ausfüllte, hatte er öfter Gelegenheit, an zuständiger Stelle auch seine Meinung über Weltpolitik überhaupt zu äussern. Schon seine wiederholten Unterhaltungen mit seinem edelsten und uneigennützigen Helfer, dem Grossherzog Friedrich von Baden zeigen, dass dieser Fürst nicht nur riet und half, sondern auch Herzls Ansichten über politische Dinge mit ernstem Interesse aufnahm. Bei einem besonderen Anlass, der ersten Haager Friedenskonferenz, an der Herzl zusammen mit Bertha v. Suttner teilnahm, um vor den Vertretern der Mächte den Zionismus zu lancieren, griff er sozusagen in die grosse Weltpolitik ein. Der Vorschlag zur Einrichtung ständiger Schiedsgerichtshöfe wurde von Deutschland bekämpft. Herzl erkannte, dass sich Deutschland dadurch in eine isolierte Stellung begibt und hat diese Ansicht durch den Grossherzog der deutschen Regierung zur Kenntnis gebracht. Auch in der schwierigen österreichischen Innenpolitik vor dem Weltkrieg hat Herzl einigemal in seine* Unterhaltungen mit dem Ministerpräsidentei Körber Meinungen geäussert und positive Vorschläge unterbreitet. Bei allen Verhandlungen und Besprechungen* die Herzl in der kurzen Zeitspanne seines zionistischen Wirkens mit regierenden Fürsten, Staatsmännern und Politikern hatte, erweckte er Eindruck und Interesse. Zweifellos war es oft der Eindruck seiner bezaubernden Persönlichkeit. Aber nicht weniger wirkte er durch die Originalität, Künheit und Überzeugungskraft seiner Vorschläge und Pläne. Bei solchen Verhandlungen improvisierte er nicht, sondern überlegte sich vorher sehr gründlich seine Pläne und Absichten. In Theodor Herzl hat das jüdische Volk seinen ersten Staatsmann erhalten, der seine Kraft und Begabung vollständig seinem. Volk gewidmet hat. Obwohl die heroischen Bemühungen Herzls zu keinem unmittelbaren Erfolg geführt haben, so hat er — als Staatsmannes erreicht, dass wir nicht mehr allein ein leidendes Objekt des politischen Weltgeschehens, sondern — in der zionistischen Bewegung — ein handelndes Subjekt geworden sind. Danken wir dem Schicksal, selbst in diesen Tagen unserer grössten Bedrängnis, das ein solche« Geschenk der Gnade uns zuteil wurde. Herzl in Jerusalem Von Gerschon Swet (Jerusalem) Der Kalender zeigt den 28. Oktober 1898. Über Palästina hängt ein fürchterlicher Chamsin, einer von jenen Herbst-Chamsinen, die uns, die wir in diesem Lande leben, zur Genüge bekannt sind. 31 Grad Celsius im Schatten, 41 Grad—in der Sonne. Die Ewige Stadt rüstet sich, einen gekrönten Gast unter ihrem Himmel zu empfangen. Kaiser Wilhelm II. mit Kaiserin und zahlreichem Gefolge werden morgen früh für einen Aufenthalt von mehreren Tagen eintreffen. Die Eisenbahn aus Jaffa brachte für den Schabbath aus dem ganzen Lande Gäste zu den Empfangsfeierlichkeiten. Die Wagen verliessen Jaffa überfüllt bis auf den letzten Platz, und eine riesige Menge, die nach Jerusalem wollte, blieb am Bahnhof zurück. Der Stationsvorsteher arrangierte einen Extrazug, der sich ebenfalls restlos füllte. Man fuhr in fürchterlichem Gedränge. In einem engen, dichtbesetzten, gl/ühendheissen Abteil sassen eingezwängt Dr. Herzl, David Wolffsöhn, Ing. Seidener, Dr. Schnirer, Dr. Bodenheimer und der palästinensische Kolonist aus Rosch Pinah David Schub, der die Delegation auf der ganzen Tour durchs Land begleitete. Die unerträgliche Hitze und die drückende Luft ermatteten die Reisenden. In ihren Herkunftsländern, an den Ufern der Donau, des Rheines oder in Litauen kannten sie solche Chamsine nicht. Besonders elend fühlte sich Herzl selbst. Schon einige Tage vorher, in Konstantinopol, hatte er eine Herzattacke erlitten. Nun meldeten sich die ersten Symptome eines intermittierenden Herzschlages. Die Erregungen der letzten Tage, die Begegnung mit dem Kaiser an diesem Morgen am Tor von Mikweh Jisrael, die Strapazen der Eisenbahnfahrt und der Chamsin taten das ihrige. Herzl begann zu fiebern und fühlte sich immer schwächer. Der Zug erreichte bald nach Sonnenuntergang sein Ziel. Als Herzl mit seinem Gefolge den Jerusalemer Boden betrat, lag bereits die Ruhe des Schabaths über der Stadt. Zum Hotel Kamenetz, wo David Schub für die ganze Delegation Zimmer hatte reservieren lassen, war es reichlich weit. Das zweistöckige Haus, in dem dieses Hotel damals untergebracht war, steht noch heute auf der rechten Seite der Jaffastrasse, in der Richtung nach Machneh Jehudah, gegenüber dem sephardischen Waisenhause. Trotz des Fiebers und der Mattigkeit beschloss man, wegen des Schabath den Weg zu Fuss zurückzulegen. Herzl wankte an seinem Stock, stützte sich abwechselnd auf Wolffsohns oder auf Schubs Arm, und so erreichte man das Hotel. Die frühzeitige Bestellung hatte nicht viel genutzt. Sämtliche 12 Zimmer des Hotels waren durch türkische Offiziere besetzt, die zu den Feierlichkeiten gekommen waren. Mit Not und Mühe gelang es ein Zimmer für Herzl allein herauszuschlagen. Die Übrigen mussten sich mit einem Schlafplatz begnügen. Ein Jerusalemer Hotel vor 42 Jahren war nicht gerade dernier cri an Comfort und Reinlichkeit. David Wolffsohn erzählt in seinem Erinnerungen, dass man die einzige Nacht, die man dort verbrachte, unter Mücken — um nicht zu sagen Wanzen — zu leiden hatte. Man verzehrte ein traditionelles Schabath-Abendessen, das, wie Dr. Bodenheimer noch heute bekundet, den Gästen sehr gut mundete, und begab sich zur Ruhe. Doch Herzl fieberte. Schnirer — ein erfahrener Arzt — behandelte ihn und blieb die ganze Nacht bei ihm.. Am Morgen fühlte sich Herzl bedeutend wohler, aber doch noch sehr geschwächt. Dur eh die Hotelfenster betrachtete er Jerusalem ung fand, dass ihre Lage prächtig und die Stadt selbst in ihrem Verfall schön sei. — Wenn wir herkommen, notiert er, wird es wieder eine der schönsten Städte der Welt werden. Schon bei seiner Ankunft am Vorabend machte Jerusalem im Mondlicht in seinen grossartigen Umrissen auf Herzl einen mächtigen Eindruck. Den ganzen Schabath verlässt er nicht das Haus. Von seinem Zimmer aus beobachtet er am Nachmittag den Einzug des mächtigen Potentaten, auf dessen Einladung hin er in das Land seiner Väter gekommen ist. Er schaut der bunten feierlichen Prozession zu und träumt seinen Traum von der Zukunft des Volkes und dieser Heiligen Stadt... * Am 16. September 1896, zwei Jahre vorher, notiert Herzl: „Aus Jerusalem ist eine begeisterte und rührende Resolution gekommen" - Diese Resolution War unterschrieben vom Direktor der Lämel-Schule Ephraim Cohn-Reis, David Jellin, J. M. Pines, dem Schriftsteller Jawetz, dem Philologen Elieser Ben Jehuda, Dr. Grünhut und Wilhell Gross. Gross, ein angesehener Jerusalemer Kaufmann und später Präsident der Handelskammer Tel-Aviv, ist vor 50 Jahren nach Palästina gekommen. Er verschied vor etwa 12 Jahren in Tel Aviv. Gross war einer der beiden Delegierten Palästinas zum ersten Zionistenkongress. Der zweite war Dr. Heinrich Loewe, jetzt Leiter der Bibliothek „Schaare Zion" in Tel Aviv. Als es Wilhelm Gross bekannt wurde, dass Herzl sich in Jerusalem befinde und in einem engen Zimmer im Hotel Kamenetz darniederläge, erwirkte er bei seinem Freunde, dem Kaufmann Jona Marx, einem frommen Juden aus Frankfurt am Main, der hier mit seinen beiden Brüdern in einem eigenen Haus an der Mammilastrasse wohntef dass er Herzl mit seinem Gefolge bei sich auf» nähme. Gleich nach Schabathausgang, 24 Stunden nach ihrer Ankunft, übersiedelten sie /in das Marx-Stern Haus, das sich noch heute an der Mamillahstrasse befindet. Einer der Brüder Stern, der das 80. Lebensjahr längst überschritten hat, erzählt Besuchern gern von dem hohen Gast, den er vor 42 Jahren bei sich beherbergt hat.