Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 20 (20.5.1940)
- Date
- 1940-05-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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20. Mai 1940 Jt^S^'WEll-RUNDSCHÄU jSeitft^a Churchills Die Entrüstung über die Rückschläge in Norwegen hat in England schnell zu einer ernsten Regierungskrise geführt, die in einem Moment höchster Spannung, als der deutsche Grossangriff, auf die Westfront begann, schlagartig gelöst wurde. Unter der Führung von Winston Churchill wurde eine nationale Regierung gebildet, die das ganze Volk repräsentiert. In dem fünfgliederigen KriegskabineU sitzen neben drei Konservativen zwei Führer der Arbeiterpartei — eine über den Proporz hinausgehende .Berücksichtigung der bisherigen Opposition. Nunmehr teilt die Arbeiterpartei mit den Konservativen die volle Verantwortung für die Führung des Krieges und das Schicksal des Landes. Nur in Zeiten höchster Gefahr entschliesst sich die englische Demokratie zu einem so weitgehenden Schritt, der mit den überlieferten Gesetzen des Parlamentarismus in Widerspruch steht. Das englische Regierungssystem beruht auf dem Zusammenspiei von Regierung und Opposition im Parlament. Durch die Koalition ist diese Rollenverteilung aufgegeben worden. Nunmehr gibt es nur noch eine einheitliche Nation mit einer gemeinsamen Führung, die alles an das eine Ziel, die Erreichung des Sieges, zu setzen bereit ist. Dieser Regierung steht ein moralisch geeintes Volk und die ganzen ungeheueren Hilfsquellen des Britischen Weltreiches zur Verfügung. Der starke Mann In der Figur von Churchill hat das neue Kabinett den Mann zum Führer, der deutlicher als viele andere in den letzten Jahren das Herandringen der Gefahr erkannt und rechtzeitig Gegenmassregeln gefordert hat. In den letzten 2 Jahren wurde Churchill von Hit- -ler als „Kriegshetzer" hingestellt, von der deutschen Presse im Herbst 1918 als „Jude" oder Judengenosse „angeprangert". Er diente als Vorwandfür die anti-englische Politik Hitlers nach München. Churchill sah inzwischen, wie der Feind „Schritt für Schriit" (dies der Name seines letzten Buches) vordringt, Position um Position besetzt und für England, das die Bedeutung dieses Gegners anscheinend unterschätzt hatte, eine Herausforderung auf Leben;und Tod wird. Dass England sich nicht früher dieser Entwicklung in den Weg stellen konnte, lag teilweise an der unbegreiflichen Sorglosigkeit, mit der man den Hitlerismus betrachtete, teilweise an der Wirkung der pazifistischen Propaganda, die sich in dem kriegsmüden England nach dem Weltkrieg 1914/18 immer mehr ausbreitete, besonders genährt von einzelnen Teilen der Arbeiterpartei, deren ehemaliger Führer Ramsay Macdonald wohl die Hauptschuld daran trägt, dass England im entscheiv denden Moment fast wehrlos dastand. Die Unlust Englands, nach 1918 sich in kriegerische henteuer zu verwickeln, hat auch auf seine örientpolitik eingewirkt, gerade in einem Moment, wo Winston Churchill 1922 Kolonialminister war. Viele Ereignisse sind damals anders gegangen als England gewünscht hatte,! ohne dass die Engländer ernsthaft eingreifen konnten. Noch vor nicht allzu langer Zeit halben die Vertreter der Arbeiterpartei jeden Versuch einer teil weisen Einführung der Wehrpflicht Vereitelt. Es ist also nicht ganz logisch, "Venn die Arbeiterpartei in den letzten Wochen ■ die Rolle des Kritikers wegen nicht genügend energischer Kriegführung übernommen hatte. r Viel angemessener ist der jetzige Zustand, dass die Arbeiterpartei die volle Verantwortung mitträgt für die künftigen Geschicke, wobei eine intensive Fortführung^der Aufrüstung und_ des Flugzeugbaus, die ohne aktive Mithilfe der Arbeiterschaft unmöglich ist, wohl die wichtigste Rolle spielt. Von Palästina aus gesehen Die Aufgabe des neuen Konzentrations-Ka- Jirietts ist die Führung des Krieges. Alles ändere müss weit dahinter zurückstehen. Auch yHr wissen, dass es in diesem Moment nur die eine Sorge gibt. Dennoch ist es natürlich, dass wir die neue Regierung auch unter dem Gesichtspunkt der Probleme Palästinas betrachten. Die Judenheit in allen ihren Schat- Regierung tierungen hat den Wunsch, der Sache der Alliierten zu nützen und viele haben es als besonders unglücklich empfunden, dass gerade in dieser Zeit auf einem für die Juden so vitalen Gebiet wie Palästina Meinungsverschiedenheiten zwischen England und den Juden entstanden waren. Die wichtigsten Figuren der gegenwärtigen Regierung gehören zu den Männern, die für diese jüdische Haltung V e r s t ä n d n> i s hatten und im Parlament gelegentlich der letzten Palästina-Debatten darauf hinwiesen. Churchill selbst hat im Mai 1939, nach dem Erscheinen des Weissbuches, häufige Kritik an der Palästina-Politik der Regierung Chamberlain — Macdonald geübt. Bei der letzten Debatte (über das Bodengesetz) hat die Arbeiterpartei offiziell einen Missbilligungsantrag eingebracht, der von dem Arbeiterführer Attlee, jetzt Mitglied des Obersten Kriegskabinetts, vertreten wurde. Unter den anderen neuen Ministern befinden sich einige, die schon früher und auch in der letzten Zeit mit grösster Wärme die jüdische Sache unterstützten und sich voll Bewunderung über die Leistung der Juden in Palästina geäussert haben. Dazu gehört der Arbeiterführer Herbert Morrison, Bürgermeister von London, der selbst in Palästina war und wiederholt auch in jüdischen Veranstaltungen zu Wort gekommen ist. Ein warmer Freund der jüdischen Palästinaarbeit ist auch Sir Archibald Sinclair, der Führer, der bisherigen Oppositions-Liberalen, der in den letzten Palästina-Debatten die Palästinapolitik der Regiegierung angegriffen hat, aber auch bei anderen Anlässen sich mit der ganzen Macht seiner Persönlichkeit für die zionistische Sache eingesetzt hat; er gehört auch zu den Bewunderern von Dr. Weizmann und hat wiederholt dessen Verdienste 1914/18 hervorgehoben. Weiter erwähnen wir A. D u f f C o o p e r, den Biographen von Talleyrand, einen Mann, der politischen Scharfblick*mit hohen geistigen Gaben und literarischem- Talent vereint. Duff; Cöoper, stets ein Gegner Hitlers und ein Fürsprecher der Opfer des Hitlerismus, der nach München die Regierung Chamberlains verliess, hat Anfang dieses Jahres auf der Konferenz in Washington eine höchst bedeutsame Rede gehalten, in der er den jüdischen Standpunkt in der Palästinafrage untei tosendem Beifall der Versammlung verteidigte. Es ist bezeichnend, dass ein Mann Propagandaminister wird, der gerade Gelegenheit hatte, aus eigener Anschauung die Verhältnisse in USA kennen zu lernen. Als Minister für Indien gehört L. S. Amery der Regierung an, der — wie Churchill — schon im vorigen Weltkrieg ein Förderer des Zionismus war und in den letzten Debatten vielleicht am schärfsten von allen mit dem mandatsfeindlichen Kurs Macdonalds ins Gericht gegangen ist. Kolonialminister ist Lord Lloyd, ein Mann, der in der jüngsten Geschichte des Nahen Orients bereits eine Rolle gespielt hat. Er wurde nach der Ermordung des Sirdar in Ägypten 1924 mit der Wiederherstellung der Ordnung betraut und vier Jahre später von dem Aussenminister der Labour-Regierung Arthur Hedersonl da dieser Versöhnungsverhandlungen mit Ägypten einleitete, zurückberufen. Lord Lloyd ist ein genauer Kenner des Orients und ein Imperialist grossen Stils. Er hat auch zumindest für bestimmte Seiten des jüdischen Palästina-Unternehmens Verständnis gezeigt. Jedenfalls ist Lord Lloyd eine Persönlichkeit ganz anderer Art als der bisherige Kolonialmihister Macdonald, Die Tatsache, dass in der neuen Regierung so viele Männer sitzen, die Verständnis für die Juüe-nfrage und für die jüdische Palästina-Sache bewiesen haben, darf freilich nicht zu dem Irrtum verführen, als ob die englische Politik nun mit einem Mal sich ändern werde. Es gibt objektive Tatsachen, die sich stets stärker erwiesen haben als die Neigungen bestimmter Personen. Vom jüdischen Standr punkt wäre jedoch zu sagen, dass das jetzige Kabinett den Juden, die für den Sieg der Alliierten vollen Einsatz zu leisten bereit sind, die Situation psychologisch orleichtern könnte und ferner einen Weg suchen sollte, um jetzt — ohne Druck und Drohungen — einen grosszügigen jüdisch-arabischen Ausgleich zustande zu bringen. Das könnte erleichtert werden dadurch, dass die Arbeiterpartei ohnedies bestimmte Vorstellungen über eine Neuorganisation der Welt nach dem Kriege hat, die,eine Zurückdrängung des politischen Nationalismus zu Gunsten grösserer politischer Gebilde vorsieht. Nur das liegt im Interesse der Völker, da sonst auch bei scheinbar glücklichen Lösungen heue Konflikte unausweichlich sind und das Errungene gefährden. Dies haben zwfeü» fellos auch/die Araber schon gelernt. Dajftfnt hoffen wir3, dass die Regierung auch 'n der Pälästinafrage einen für alle annehmbaren "Weg finden wird. Das Echo bei den Arabern Die Ernennung von Lord Lloyd zum Kolonialminister hat in arabischen Kreisen, wie berichtet wird, Genugtuung hervorgerufen, besonders da man befürchtete, dass A m e r y Kolonialminister werden würde (der Minister für Indien geworden ist). Die Zeitung „AI Achfam" hebt hervor, dass Lord Lloyd herzliche Beziehungen zu arabischen Führern hat und die arabische Sache' versteht. Er ist ein guter Kenner des Islam und des Orients. Obwohl die Araber —* so heisst es weiter in dem Ar^ tikel — den Abgang von Macdonald bedauern* sind sie doch überzeugt, dass Lord Lloyd die Palästinapolitik seines Vorgängers fortsetzen wird. ■ Zionismus in Shanghai ( Wie wir einer Darstellung des in Shanghai in deutscher Sprache erscheinenden "Jewish Chroaick'f entnehmen, würde dort im Herbst vorigen Jahres eine „Allgemeine Zionistische Organisation Theodor Herzl" gegründet, deren Statuten im Oktober- 1939 bestätigt wurden. Die Organisation entfaltet eine rege organisatorische und kulturelle Tätigkeit und hält die Verbindung mit Palästina aufrecht. Viefe Mitglieder bereiten sich auf eine -spätere Einwände? rüng nach Palästina vor. Auch eine Frauengrappe und ' eine HecjhälUi^Grüppe, sind angeschlossen. Die Organisation;: hat bereits1 ein Heini, > wo verschiedjphjfc Veranstaltungen stattfinden. Vorsitzender ist Dr Otto Koritschoner, weiter sind im Vorstand die Herren Salömori Guttmann, Bezalel Roth, Dr. Jacob Wachtel.; . ' . Auch sonst haben die etwa 20.000 jüdischen Emigranten, die sich in Shanghai angesammelt nahen, ein reges jüdisches Leben begründet. Die Umgänge spräche unter den Emigranten ist noch immer deutsch, es erscheinen mehrere jüdische Zeitungen in deutscher Sprache, es gibt auch Fortbildungskurse aller Art zwecks Umstellung auf das heue Leben. Wirtschaftlich gelang es bereits zahlreichen Emigranten, sitfh bescheiden einzuordnen. Unwillkürlich, denkt man an die jüdischen Gemeinden, die sich im 16. Jahrhundert nach der Vertreibung aus Spanien am Rande des Mittelmeeres neu bildeten; entsprechend den geänderten VerkehrsyerhäUnisse gelangte ein Ausläufer der Emigration bei der deutschen Judenvertreibung bis nach Shanghai, und , wir wünschen ihm, dass er dort mit der Zeit zu einer; prosperierenden Gemeinde werde und in lebendigen Beziehungen zu Erez Israel steht. -> . ., -j. Als eine Besonderheit sei noch die Teilnahme: jüdisch-deutscher Emigranten an dem Sicherhieitsk o r p s' erwähnt, das in Shanghai unter militärischer ' Leitung besteht. Diese Truppe ist nach Nationen gegliedert, und innerhalb des British Bataillon gibt es eine "Jewish Company" unter dem Kommando eines Captain Jacobs, bestehend aus. izj Mann, meist russische Juden, darunter aber auch 35 Emigranten aus Deutschland. Diese Kompanie, so wird in 4ent Berichte gesagt, „setzt ihren ganzen Ehrgeiz ein, um im Wettstreit mit den anderen Formationen ihren Ruf als eine der besten und strammsten Kompanien des Korps zu wahren". Die Achse Moskoo—Berliit ___ Der Moskauer Rundfunk sandte in russischer und in deutsch er Sprache eine scharfe Auslassung der Zeitung „Iswestia" gegen den Rassismus. Das Blatt schriebt „Wir können nicht eine geistige Richtung dulden, welche darauf ausgeht, Menschen zu unterdrücken und sie der Freiheit zu berauben, nur weil sie zufällig als Juden oder Neger, oder ajs Angehörige einer anderen angeblich inferioren Rasse geboren sind. Jene Nationen, in denen ein solcher barbarischer Geist herrscht, Nationen, die anderen das Menschsein bsprechen, sind selbst „unte r~ m e n 5 c h ü c h".