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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-01-01 · Heft 4 (Januar 1866) · p. Seite 313

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 4 (Januar 1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 313 (sequence 73)
Language
German
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Die Humanitären Bestreb, sowie die so geläuterten Vernunftbegriffen, und der nach Zeit und Umstünden wechselnden und veränderlichen Ansicht der gebildeten Welt, oder dem von der Wissenschaft aufgestellten philosophischen Postulat an objective Wahrheit von Glaubenssätzen entspricht. Keine der europäischen Religionen ist jemals stagnirend auf dem ursprünglichen Standpunkt stehen geblieben, wie sie anfänglich begründet wurde; wie in der Politik, so auch in der Philosophie und Religion, gibt es eigentlich keinen wahren Conservatismus, da keine Autorität von noch so hohem Ansehen unanfechtbare Jnfallibilität für ewige Zeiten beanspruchen kann und selbst die eigensinnigste eiserne menschliche Willenskraft zu schwach ist, um deren vollgültige Unfehlbarkeit gegenüber der nach Zeit und Umstünden sich anders gestaltenden allgemeinen Weltanschauung aufrecht zu erhalten. Es ist dies der alte Satz von dem Kreislauf der Natur, die nur im ewigen Wechsel Bestand hat, angewendet auf die Wissenschaft. Abgesehen davon, daß selbst die Gründer neuer Religionen bei deren Einführung nur als Reformatoren auftraten und das Christenthum ursprünglich als Reformation des Judenthums, der Protestantismus als Reformation des Christenthums, gleichwie der Islam als orientalische Reform des talmudischen Judenthums und patristischen Christenthums sich ankündigte, ganz zu geschweige» der im Heidenthum von den Griechen und Römern beliebten Veränderungen, ist bis dato noch keine der bestehenden Confefsionen oder Religionen in fortwährend unverändertem Bestände firirt geblieben. Es wäre in der That unbegreiflich, wie der neueste jüdische Kircheuhistoriker, I)r. Immanuel Heinrich Ritter, seine „Geschichte der jüdischen Reformation" (Berlin, Verlag von W.J.Peiser, 1865) erst von Gotthold Ephraim Lessing's „Nathan der Weise", sowie von Moses Mendelssohn, David Friedländer und Samuel Holdheim datiren mochte, während doch offenbar die aus den ältern Perioden der jüdischen Literaturgeschichte stammenden Soferim, Tanaim, c. u. relig. Beweg, des 19. Jahrh. 313 Emoraim, Geonim, die Masoretiker und Talmudisten, Commentatoren, Kabbalisten und Hagadisten, Exegeten und Philosophen, Theologen, Apologeten, Uebersetzer und Grammatiker, Dialektiker, Polemiker, Historiker und Textkritiker wesentlich Antheil daran haben und vor den Reformatoren des neunzehnten Jahrhunderts die Priorität verdienen, — wenn man nicht annehmen müßte, daß Ritter blos die Geschichte des modernen Reformjudenthums schreiben wollte. Auch schrumpfen nach den Arbeiten und Beschlüssen der pariser Synode die jetzt noch gültigen und allgemein verbindlichen geoffenbarten Religionswahrheiten und Kirchengesetze der heutigen Juden in Frankreich aus ein solches Minimum zusammen, daß man wol klar daraus entnimmt, welche mächtige Umgestaltung des mosaischen Lehrbegriffs im Lauf der Zeiten vor sich ging. Sogar schon aus der Mitte des 11. Jahrhunderts datirt eine entschieden radicale Reformmaßregel, welche in der That epochemachend in der jüschen Culturgeschichte ist. Es hatte nämlich bereits ums Jahr 1030 n. Ehr. der Jude Gerschom (Gerson) dreihundert französische Rabbiner zu einer Synode versammelt, welche die Aufhebung der im Judaismus begründeten Polygamie deeretirte und damit die durch das Christenthum dem Weibe in der Familie angewiesene achtbare Stellung und deren entscheidenden Einfluß auf die Kindererziehung, als bedeutungsvolle Reform ins Judenthum einführte, welches sich dadurch von einem ihm anhüngenden orientalischen Element reinigte. Wir können die religiöse Reformbewegung im alten Judenthum nicht in allen ihren Entwickelungsstadien durch die Sturm- und Drangperiode der ältern speciellen jüdischen Kirchengeschichte hindurch bis auf den heutigen Tag verfolgen, sondern wollen von diesem obenerwähnten Hauptmomente der die sociale Stellung der Juden im christlichen Europa bedeutend verbessernden Reformmaßregel der Einführung der Monogamie, nach kur-

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