Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 312 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Jllustr. Monatsh. für die gef. Constitution ganz ungebührlich langes auf sich warten! Auf diese Weise war nun die Agitation für Emancipation der Juden lediglich noch Sache des deutschen Liberalismus (der sich aber selbst zu Anfang der 1830er Jahre in der Person des gefeierten Rotteck noch nicht zu der Höhe humanitärer Objectivität aufschwingen konnte, um sich über das alte christliche Vorurtheil gegen die Juden zu erheben). Von dem Doktrinarismus der Altliberalen war somit wenig oder gar nichts zu erwarten, und wenn nicht die Radikalen oder Demokraten, d. h. die damals sogenannte Demagogenpartei, in ihren vorzüglichsten freisinnigen Organen, Flugblättern und Zeitschriften, wie z. B. in des berühmten frankfurter vr. Jassoy's „Welt und Geist" 1813 — 15, sich, die-Freiheit und Gleichberechtigung aller postulirend, auch der Judenemancipation annahmen, so würde trotz der Bestimmung der Bundesacte die Angelegenheit so gut wie begraben gewesen sein. Nichtsdestoweniger hatte Preußen durch das Edikt vom 11. März 1812 den Juden ein Vaterland und das Waffenrecht als Landwehrmänner zuerkannt, und wenigstens waren für die deutschen Rheinprovinzen mit der ihnen garantirten Beibehaltung . der französischen Gesetzgebung zugleich auch die von Napoleon 1. sanctionirten freiheitlichen Bestimmungen über die bürgerlichen Rechte der Juden, politische, Handels- und Gewerbefreiheit und sonstige Gleichberechtigung gemäß der pariser Synodalbeschlüsse des großen Sanhedrin von 1808 gerettet. Der erste Schritt zur Verbesserung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Deutschland auf dem Wege der Gesetzgebung geschah in Würtemberg durch das Edikt vom Jahre 1828, welches übrigens auf dem Landtage zahlreiche Gegner, auch in der Presse starke Opposition gefunden hatte. Im übrigen wurde in Deutschland an den durch Eisenmenger'» „Entdecktes Judenthum" angeregten und von den Muckern des christlich-germanischen (Polizei-) Staats sorgfältig genährten Interessen des Judenthums. Vorurtheilen festgehalten solange als möglich, und in den landständischen Versammlungen in den preußischen Provinzen wie in den übrigen deutschen Staaten die völlige Judenemancipation von Jahr zu Jahr hinausgeschoben; doch konnten die retrograden Bestrebungen der konstitutionellen Kammern Deutschlands den allmählichen Durchbruch der Emancipationsidee höchstens aufschieben, aber keineswegs verhindern. Ehe wir weiter von den legislatorischen Maßregeln bezüglich der Juden abhandeln, ist es nöthig, einen Blick auf die seit mehrern Jahrhunderten sich in der Stille vorbereitende und entfaltende Reformation des Judenthums von innen heraus, sowie auf die jüdische Reformationsgeschichte zu werfen. IV. Auch das Judenthum hat seine innere Mission auf allmähliche Umformung und Neugestaltung seines specifisch jüdischen inneren Lebens; diese seine Aufgabe hängt aufs engste zusammen mit dem welthistorischen Beruf des jüdischen Volks, nämlich nicht mehr der alleinige Träger, sondern der allgemeine Verbreiter des geläuterten wahren Gottesbegriffs zu sein. Sobald einmal eine Religion ihre prätendirten göttlichen Offenbarungen, ewigen Glaubenswahrheiten und kirchlichen Satzungen zu einer Dogmatik und Liturgik ausgebildet und in ein wissenschaftliches System gebracht hat, so kann sie dem allgemeinen Schicksal nicht entgehen, daß der menschliche Forschungs- und Vervollkommnungstrieb sich des Systems bemächtigt, dessen Grundlage und Prämissen genau untersucht, ihre symbolischen Schriften der Kritik unterwirft. Es darf also niemand befremden, wenn der Mann der Wissenschaft, freie Kritik übend, sich über ein theologisches Lehrgebäude hermacht, seinen Fundamentalsätzen und Grundpfeilern das Winkelmaß anlegt, vielleicht dessen ganze Anlage tadelt, Autoritäten anzweifelt, dessen Principien, Axiome und Substrate wohl prüft, ob sie seinen