Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei · 1934-01-01 · Heft 1 · p. Seite 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
Volume
4 (1934)
Issue
Heft 1
Date
1934-01-01
Page
Seite 27 (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2416673-2416690-2416691--0942-2417663
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

fehlen; diese wurde wohl als notwendiges Lebensbedürfnis allenthalben anerkannt, wie auch durch das Landesgesetz ausdrücklich geboten. Gerade damals, in den ersten zwanziger Jahren, wurde in allen Synagogen das herabgelangte Hof patent publiziert »es sei jedes Kind, sobald es das 5. Lebensjahr überschritten schulpflichtig; müsse also entweder die öffentliche Schule besuchen, oder von einem mit Befähigungszeugnis versehenen Privatlehrer unterrichtet und alsdann semestraliter zur öffentlichen Prüfung gestellt werden.« Mein Vater entschied sich für das Letztere und wollte mich durchaus nicht in die Normalschule schicken, weil diese gerade jene Stunden des Tages beanspruchte, welche eigentlich dem Talmudstudium geweiht sein sollten, und demnach dieses den zweiten Rang nach den in der Volkschule gelehrt«» Gegenständen einnehmen müsste, dadurch also der »Ikkar« die Hauptsache (zum »Tafel« Nebensache) und der »Tafel« zum »Ikkar« würde. Eine solche Verkehrtheit — wie er es nannte — wollte seine väterliche Fürsorge für mich sich nicht zu Schulden kommen lassen; viel lieber entschloss er sich dazu, mir zu gedachtem Zwecke einen Privatlehrer zu halten, obwohl dessen Honorierung ihm wieder ein nicht unibedeutendes Opfer auferlegte. Ob der Schulbesuch für mich vorteilhafter gewesen wäre, diese Frage lässt sich wohl jetzt nicht mehr mit (Entschiedenheit beantworten, doch sowiel ich mich erinnere war die vox populi jedoch damals der Lehranstalt durchaus nicht günstig. Ich genoss sonach in dieser Normalschule den ersten Unterricht in deutschen Lehrgegenständen. Der Religionsunterricht wurde damals von zwei Männern, die bekannt in der israel. Literaturgeschichte sind, geleitet — diese waren Herz Homberg und Peter Beer. — Heute wo das Grab längst über diesen beiden Männern geschlossen, legen wir, nach dem Grundsatze de mortuis nihil nisi bene, unserem Urteile eine gewisse Reserve auf, nur soviel sei bemerkt, dass diese so wohlverdienten Männer überall, nur nicht in der Schule auf dem rechten Platz gewesen wären. Gerade in Prag war für eine freiere Regung der Wissenschaft der geeigneteste Boden, der starre, krasse Obskurantistmus hatte hier nie feste Wurzel gefasst, für Bildung und Kultur fand sich hier immer volle Neigung und richtiges Verständnis vor. Wenn Rabbi Moses Sofer zu Pressburg in seinem im Jahre 1840 hinterlassenen letzten Willen, noch das Verbot: »Mendelsohns Schriften zu lesen«, anordnen konnte2); so sagte hingegen Rabbi Nahum Trebitsch zu Prag bereits im Jahre 1820 zu meinem seligen Vater, er solle mich die Thora nur mit der Verdeutschung von Mosche Dessau lernen lassen, und sah es dieser Rabbi auch gerne, dass sein älterer Sohn — der jetzt in 2) Es war damals ein öffentliches Geheimnis, dass in dem geschriebenem Original folgende Worte gestanden sind: »Assur likroth be Diwre RMD (Abbrev. f. Rabbi Moses Dessauer). Bei der Veröffentlichung des Testamentes wurde jedoch die Abbreviatur »RMD« in -die Abbrev. ChMD umgewandelt als wollte der Rabbi sein Anathema über dias Romane lesen aussprechen, weil »Chamad« inf. »Chamod« soviel wie erotische Gelüste bedendet. (Vielleicht ist die Abbrev. ChMD mit »Chochmath Moses Dessauer« identisch. Anm. d. Red.) 27

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.