Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Article
- Die wirtschaftliche Entwicklung der Juden
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 101 (sequence 4)
- Language
- German
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Die wirtschaftliche Entwicklung der Juden usw. 101 bei den spanischen Juden nicht der Fall war, vollzog sich dort eine Assimilation, die Zeitgenossen zu vielen Klagen Veranlassung gab. — Das einzige Bind^l-ed zwischen Jude und Christ war das Geld, das der Christ benötigte, der Jude beschaffen mußte und auf dessen Lrwerb er also all sein Sinnen und Trachten einzustellen gezwungen war. Dieser Zwang hat dem Charakter des Juden furchtbare Wunden geschlagen, er hätte ihn vernichtet, hatte nicht seine im Leid gewonnene und durch das Leid verinnerlichte religiöse Lehre ein Gegengewicht geboten gegen den unmenschlichen Druck von außen. So entstand jenes Zwitterwesen, das bei wahrer Herzensfrömmigkeit, bei tiefem inneren Verständnis für alles wahrhaft Menschliche, alles Edle und Schöne, eine übermäßige Schätzung für das Geld an den Tag legte, weil ja beides sein Lebenselernenh ausmach'e. Wie mußte auf ein Wesen solcher Struktur der überhelle Schein der Neuzeit einwirken, die für die Juden erst vom Beginn des 19. Jahrhunderts an gerechnet werden kann? . Wie mußte auf eine Menschengruppe, die seit Jahrhunderten zu keinem andern als dem Gelderwerb zugelassen wurde, die dabei eine vielleicht zu stark ausgebildete intellektuelle .Veranlagung ihr eigen nannte, eine Zeit einwirken, die, theoretisch wenigstens, Freiheit verhieß, die sich die Zeit der Aufklärung nannte, die als höchste Parole ausgab: „Leben für das Schöne, Wahre und Gute?" Verbittert schreibt Grätz über diese Zeit, mit hartem vernichtenden Urteil bricht er den Stab über das Geschlecht der „Massentaufen". Erschreckt und verwirrt wünschen Akiba Eger und Mose Sofer (vergl. Samter Indentaufen im 19. Iahrh. S. 16), daß die Zeit des Golus wiederkehren resp. nie aufhören möge. Weder Grätz noch die letzteren urteilen mit psychologischem Verständnis gerade über diese Zeit, trotz ihrer hervorragenden Geistesschärfe. Wer die äußere Struktur des damaligen Judentums kennt, wird vielesverstehen und vieles verzeihen und noch .weniger glauben, daß das bleibende Golus das Judentum erhalten hätte. So wohltuend Leiden wie Krankheiten oft sind, so wenig ist ihre ständige Dauer wünschenswert. Aber wer krank war, braucht als Uebergang zur vollen Genesung die Erholung. Auch die Iudenheit hätte einer solchen allmählichen lieber« leitung zur vollen Gesundung bedurft. Gerade der Ueberfluß an Intellektualismus aber mehrte bei den bereits in der Großstadt lebenden Juden den Durst nach Licht und Freiheit, nach den Gütern und Genüssen des Lebens. Als sie in dieser Zeit der typischen Scheinkultur, die ihnen als das Licht der Aufklärung galt, in die Salons der Romantik zugelassen wurden, gerieten sie von einem Extrem ins andere. Vom Scheinlicht geblendet. mußten sie in die Irre gehen. Aber jene Juden, die die Uw,