Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 22 (1916)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1916)
- Article
- Die wirtschaftliche Entwicklung der Juden
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 102 (sequence 5)
- Language
- German
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10? Im Deutschen Reich. duldsamkeit noch von den Städten ausschloß, die in Massen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus auf dem flachen Lande lebten, jenes Geschlechtes Kinder, hatte man an Körper und Geist gesunden lassen müssen, indem man mit ganz andrer Energie wie dek bekannte „Verein für Kultur xmt> und ähnliche Bestrebungen dies taten ja selbst unter Herbeiführung des Zwanges und einem kleinen sscrificium intellectus sie zum Ackerbau überführte. Hätten die Rabbiner, bei dem Ansehen, das sie damals noch genossen, gjeich den großen Talmudgelehrten, die ja selbst meist Handwerker und Ackerbauer waren» mehr Blick für die sozialen Verhältnisse gehabt, es wäre nicht in dem Maße die Aufsaugung des flachen Landes durch die Großstädte erfolgt, wie sie im Laufe des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts eingetreten ist. Gewiß, es wären auch Juden abgewandert, ebenso wie ja in Deutschland beispielsweise die Zahl der zur Land- Wirtschaft gehörigen Bevölkerung des Landes nur noch rund 30 o/o der Gesamtbevölkerung ausmacht — wie wir es jetzt erfahren zum großen Leidwesen Deutschlands — während sie noch 1879 weit über 60 betrug (vergl. Segall: Die beruft, u. sozialen ^Verhältnisse der Juden in Deutschland). Heute aber sind die deutschen, ebenso die französischen, italienischen und englischen Juden, fast ausschließlich Städter. Sie kamen aus ungesunden. -Verhältnissen in solche, die eine Urgesundung nicht zulassen: „Die Städte sind der Abgrund des menschlichen Geschlechts", sagt Rousseau. „Nach Ablauf weniger Geschlechter gehen die Stamme unter oder entarten. Man muß sie wieder verjüngen und stets ist es das Land, von dem diese Verjüngung ausgeht? So hart dies Artel! ist, unsere Erfahrung bestätigt es. Man verfolge die ungefähren Zahlen der italienischen Juden: innerhalb 50 Jahren gingen sie um etwa 60—70O00 zurück, ohne daß große Abwanderungen stattgefunden hatten. Man lese in Philippsons Neuest. Gesch. Bd. II das Kapitel V über Iudentaufen und die dort angegebenen Gründe. Man lese im letzten Heft der Brannschen Monatsschrift den Aufsatz vor: Rotholz: Die Eheziffern der Berliner jüdischen Gemeinde während der Kriegsjahre 1914/15: rein jüdische Ehen 1325, Mischehen 347. „Hinzu kommt noch," heißt es dort, „daß bei den deutschen Juden, als Großstädtern, die Natalität unter dem Durchschnitt liegt." Wer glaubt, daß hier schöne Predigten und ministerielle Maßnahmen auch nur den geringsten Erfolg haben, der möge sich in die Schule unserer Statistiker begeben. vielleicht wird seine Glaubensseligkeit sich in Tatkraft verwandeln. Ja, es muß etwas geschehen und dieses „Etwas" liegt in dem Lande, aus dem uns schon seit Jahrzehnten viel Gutes kommt, viel mehr als wir mit allen, selbst den größten materiellen Mitteln danken könnten, dies Arbeitsgebiet liegt