Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 213 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293034-2293038--07640-2300922- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die jüdische Geschichte usv.r. 213 Für die Entwickelung der deutschen Judenheit war die verhältnismässig kleine Zahl der Ueberläufer — abgesehen von dem warnenden Beispiele, das sie gaben — von geringer Bedeutung. Aber die Auseinandersetzung mit der Neuzeit war durch ihr Ausscheiden in keiner Weise weitergekommen. Und sie war jetzt die brennendste Frage. Die Bedingungen ihrer Losung waren die denkbar ungünstigsten. Nirgends gab es jüdische Massensiedelungen, die nach Aufhören der Ghetti einen natürlichen Halt geboten hätten. Zahlreiche geistig regsame Jünglinge waren einzeln in die nichtjüdische Umwelt hineingesprengt, als Gymnasiasten und Studenten oder auch als Kaufleute. Jeder musste sich selbst seinen Weg suchen. Die unter ganz anderen Verhältnissen aufgewachsenen Väter hatten im besten Falle Verständnis für den Kampf der Sohne; aus ihrer Lebenserfahrung heraus Berater sein konnten sie nicht. Wohl gab es zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hervorragende Rabbinern Man denke nur an jenen durch Ethik und Wissen gleich grossen Gaon R. Akiba Eger und an seinen ihm kongenialen Freund, den aus Frankfurt stammenden R. Mose Soier. Aber sie fühlten sich hauptsächlich als Schützer und Bewahrer der so schwer bedrohten Ueberlieferung; in treuem Festhalten und hingebungsvollem Lernen und Lehren sahen sie die Rettung. Unschätzbar ist es, wTas sie durch die Kraft ihres Geistes und ihrer Persönlichkeit dem mitteleuropäischen Judentum erhalten haben; doch neben diesen Koryphäen des Wissens fehlte es an Männern, die, gestützt auf diese Säulen der Ueberlieferung, mit genialem Blicke und Können der Synthese zwischen dem Judentum und der Kultur der Neuzeit zustrebten. So fanden in den ersten Dezennien des Jahrhunderts für die Wissenschall begeisterte Jünglinge nur ganz selten geeignete jüdische Wegweiser. Die Folgen zeigten sich in der radikalen Reformhewegung. Oft waren die Beweggründe der jungen Stürmer idealer Natur, wenn sich auch unlautere Momente wie Strebertum und Eitelkeit mit einmischten. Man glaubte dui’ch Uebernahme der Formen der christlichen Kulte den jüdischen G t י‘e *dienst zu verschonen und die ihm Entfremdeten zurück-